FSK. Stark, laut und kämpferisch: Am 14.Juni 2026 füllten rund 60000 Menschen die Zürcher Strassen. Gemeinsam machten wir unbezahlte Care-Arbeit sichtbar. Der Tag war ein Höhepunkt – und zugleich ein Aufbruch: Mit 180 Organisationen mobilisieren wir für einen starken feministischen Care-Streik 2027.
Wir sind wütend. Wir sind erschöpft. Und gerade deshalb haben wir uns auch wieder dieses Jahr am 14.Juni die Strassen Zürichs genommen. Unter dem Motto «Pflege, Sorge, Hausarbeit – das ist unbezahlte Arbeitszeit! Gegen das System, das ausbeutet und profitiert, sind wir feministisch organisiert» haben wir am Sonntag, 8.März, für die Sichtbarmachung und gerechte Entlohnung unbezahlter Care-Arbeit protestiert, denn an Sonntagen wird besonders viel unbezahlte Care-Arbeit geleistet – allen voran von FLINTA-Personen. Schweizweit beteiligten sich Hunderttausende an feministischen Aktionen, Kundgebungen und Demonstrationen. Allein in Zürich und Genf waren es je rund 60 000 Personen. Wir schätzen, dass rund 150 000 bis 200 000 Menschen an Aktivitäten des 14.Juni teilnahmen, in irgendeiner Form!
Bis zu diesem Tag haben über 100 Organisationen, Kollektive, (Basis)-Organisationen, Gewerkschaften und Parteien unseren Aufruf zum schweizweiten Care-Streik 2027 unterzeichnet. Zusammen mit unseren Forderungen sollte das nun ein unmissverständliches Signal an die Politik und die Wirtschaft sein: Wir haben genug. Die Zeiten sind vorbei, in denen Care-Arbeit weiter prekarisiert, unter- und unbezahlt verrichtet wird.
Der Nachmittag
Ab 13 Uhr füllte sich trotz des heissen Wetters langsam das Kasernenareal. Mehrere Tausend Menschen kamen zusammen, um an unserem politischen Bildungsprogramm teilzunehmen. Der Auftakt machte Leila mit einem Konzert auf der Hauptbühne. Gleichzeitig startete im Innenhof die Fight-Back-Selbstverteidigung, auf der Wiese öffneten die verschiedenen Gruppen, Kollektive und Organisatoren ihre Stände und im Kulturraum Walcheturm begann das Kindertheater. Um 13.30 Uhr folgte der politische Kern des Nachmittags: Die Eröffnungsrede vom Feministischen Streikkollektiv Zürichs – und mit der Rede die offizielle Verkündung der drei Hauptforderungen für den Care-Streik 2027.
Um 14 Uhr gab es auf der Bühne einen Input mit Quiz zu unbezahlter Care-Arbeit. Auf der Wiese konnte derweil mit dem Malen von Demoschildern begonnen werden. Natürlich hatten wir auch eine Kinderbetreuung, damit die Eltern den Nachmittag vollumfänglich miterleben konnten. Ab 14.30 Uhr liefen im Innenhof die Workshops des «Arbeitskampf 1×1», welche die Grundlagen des Arbeitskampfes vermittelten – welche Form von Arbeitskampf gibt es? Was ist ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV)? Welche Kriterien braucht es für einen legalen Streik? Was ist ein wilder Streik und was ist der feministische Streik? Wie mobilisiert mensch auf der Arbeit? Wir haben auch in kleinen Gruppen geübt, wie man mit Arbeitskolleg:innen über die Arbeitsbedingungen reden kann, und verschiedene Arten aufgezeigt, wie man für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen kann. Für alle, die sich sportlicher betätigen wollten, gab es ebenfalls einen «Flättere-Workshop» – gekonntes Ohrfeigen als Teil der feministischen Selbstverteidigung. Ebenfalls gab es auf der Wiese die Performance «El Violador en Tu Camino».
Parallel dazu, von 14.45 bis 15.45 Uhr, bot ein Workshop einen tieferen Einblick in die Strategie für den Care-Streik 2027: Was verstehen wir unter «Care-Arbeit» und «feministischem Streik»? Weshalb ist es so zentral, auch die unbezahlte Care-Arbeit zu bestreiken? Spielerisch wurden Wissen und Strategien erarbeitet – für 2026, 2027 und darüber hinaus. Auf der Bühne trat um 14.45 Uhr die proletarische Singgruppe auf. Ab 15 Uhr hielten verschiedene Gruppen Redebeiträge. Auf der Wiese übernahm die DOL & SOL ChorBand: Dancing Old Ladies & Singing Old Ladies, ein Netz alter Feministinnen, das seit 2022 Feminismus, Tanz, Gesang und Aktion vereint. Ab 15.30 Uhr spielte Ikan Hyu auf der Hauptbühne.
Um 16.15 Uhr hielt das Kollektiv noch einmal die Hauptrede des Bildungsprogramms – ein Abschluss und zugleich Aufbruch. Gleichzeitig versammelte sich auf der Kasernenwiese der Kunstblock rund um die riesige Care-Quittung. In weissen Hemden und schwarzen Hosen, mit rot angemalten Haushaltsgegenständen – Besen, Töpfen, Kellen, Schoppenflaschen, Kuscheltieren – zogen die Teilnehmenden gemeinsam zur Demo.
Schlussdemonstration
Um 16.30 Uhr machten wir uns gemeinsam vom Kasernenareal auf den Weg zum Ni-Una-Menos-Platz. Der Platz füllte sich rasch: mit lila Outfits, unzähligen Plakaten, Trommeln, Parolen. «Kein Krieg, kein Staat, kein Patriarchat!» hallte bereits vor dem Start über den Platz. Auch Palästina-Fahnen waren sichtbar.
Um 17.15 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Angeführt vom Fronttranspi und Streikkollektiv-Wagen mit tollen Beats folgte der Care-Block mit Angestellten und Aktivist:innen aus Pflege, Betreuung und sozialer Arbeit, dahinter der Revolutionäre Block. Die Route führte durch Langstrasse und Lagerstrasse, über die Gessnerbrücke, Usteristrasse, Löwenplatz, Löwenstrasse, Bahnhofplatz bis auf die Bahnhofstrasse. Als der Zug an Grossfilialen wie H&M, Zara und Swarovski vorbeizog, brandete Kapitalismuskritik auf, denn Kapital trägt die Hauptschuld an der Ausbeutung der Care-Arbeit. Die überdimensionale Care-Quittung des Kunstblocks war durch den ganzen Zug sichtbar.
Am Löwenplatz, kurz vor 18.30 Uhr, hielt der gesamte Demonstrationszug inne. Eine Schweigeminute für die 13 Frauen, die 2026 in der Schweiz bereits durch Feminizide getötet worden sind. Stille mitten in der Stadt. Dann der kollektive Aufschrei.
Auf der Bahnhofstrasse, auf Höhe Paradeplatz, um 19.30 Uhr: der Erschöpfungsmoment. Alle Teilnehmenden legten sich für fünf Minuten auf den Asphalt. Hunderte von Körpern auf dem Boden einer der teuersten Einkaufsstrassen der Welt. Wir sind erschöpft. Das System macht uns erschöpft. Aber wir stehen wieder auf – und am 14.Juni 2027 streiken wir.
Von der Sihlbrücke und Badenerstrasse führte der Zug über die Stauffacherstrasse zurück zum Helvetiaplatz, auf dem die letzten Teilnehmenden um 20.30 Uhr ankamen. Dreieinhalb Stunden. 60000 Menschen. Auf dem Platz liessen viele Teilnehmende den Abend mit Musik und Tanz ausklingen – und feierten gleich doppelt: Denn zeitgleich war bekannt geworden, dass die Schweiz die rassistische SVP-Initiative mit 55 Prozent bachabgeschickt hatte. Die Afterparty fand ab 22 Uhr in der Zentralwäscherei statt, wo es nach dem Ja zur Verlängerung der Zwischennutzung noch einen dritten Grund zu feiern gab.
Die Care-Krise ist kein Privatproblem
Sowohl Nachmittagsprogramm als auch die Schlussdemonstration wurden von zahlreichen Reden begleitet. Das Streikkollektiv Zürich eröffnete den Tag auf der Bühne des Kasernenareals mit dem Fokus auf unbezahlte Care-Arbeit: In der Rede wurde gesagt, dass rund die Hälfte aller in der Schweiz geleisteten Arbeitsstunden aus unbezahlter Care-Arbeit besteht. Zwei Drittel davon werden auf den Schultern von FLINTAPersonen erbracht – das sind wöchentlich zwölf Stunden mehr Care-Arbeit als cis Männer leisten. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Systems, das diese Arbeit als «natürlich» und «selbstverständlich» abtut, während es gleichzeitig von ihr profitiert. FLINTA-Personen verdienen jährlich 10000 Franken weniger, 30 Prozent der FLINTA-Personen haben keine Pensionskasse und sind aufgrund von finanziellen Abhängigkeiten einem erhöhten Risiko von häuslicher Gewalt ausgesetzt. Und was macht die Politik? Sie kürzt. Sie privatisiert. Sie individualisiert. Die Care-Krise ist kein Privatproblem – sie ist ein strukturelles Problem, das eine politische Antwort braucht. Mit unseren Forderungen wollen wir nicht weniger als das gute Leben für alle: Arbeitszeitverkürzung auf 25 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Kostenlose Gesundheitsversorgung für alle. Vergemeinschaftung von Wohnraum.
Lokaler Streik, globaler Widerstand
Während des Demonstrationszugs hörten wir kraftvolle Reden. Das Kollektiv Ni-una-menos verband Feminizide mit der Ausbeutung von Care-Arbeit: «Dasselbe kapitalistische rassistische Patriarchat, das uns ermordet, erwartet auch, dass wir kostenlos pflegen, erziehen, versorgen und den Alltag am Laufen halten.» Refugee Power Ladies erhoben die Stimmen geflüchteter Frauen und erinnerten an Mädchen in Afghanistan: «Ihr seid nicht vergessen. Wir sehen euch. Wir hören euch. Und wir stehen an eurer Seite.»
Fabienne W. aus Schaffhausen sprach als Überlebende über Victim Blaming und Justizversagen: «Ich spreche für die Frauen, die nicht mehr sprechen können.» Das Bündnis der kurdischen Frauen in der Schweiz brachte Grüsse aus Kurdistan und verband lokalen Streik mit globalem Widerstand: «Wir tragen den Wunsch des freien Lebens in unserer Fackel und teilen mit euch dieses Feuer.» Die LGBTQIA+ Support Gruppe betonte, dass Angriffe auf trans Menschen nie isoliert stehen: «Angriffe auf trans Menschen stehen neben Hetze gegen Migrant:innen, neben Nationalismus und neben faschistischen Vorstellungen eines homogenen Volks». Die Bewegung für Sozialismus schloss mit dem Appell: «Wir halten die Gesellschaft am Laufen – und deshalb können wir sie auch verändern.» Alle Reden zum Nachlesen in verschiedenen Sprachen sind auf unserer Webseite zu finden (siehe Randnotiz.)
Ausblick
2023 haben wir in der Bewegung den Beschluss gefasst, einen Care-Streik zu organisieren. 2025 haben wir zum Care-Streik 2027 aufgerufen. 2026 haben wir mobilisiert, vernetzt, Banden gebildet, uns organisiert und am 14.Juni auf die Strasse gebracht, was in den letzten Jahren gewachsen ist. 2027 bestreiken wir die Care-Arbeit: egal ob bezahlt oder unbezahlt, egal ob in der Reinigung oder in der Pflege, egal ob zuhause oder im Spital, egal ob in der Betreuung mit Kindern oder älteren Menschen, 2027 legen wir die Arbeit nieder!
Über 100 Organisationen aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin stehen hinter dem Aufruf zum Care-Streik 2027: Gewerkschaften, Kollektive, NGOs, Parteien, Berufsverbände. Es ist eine der breitesten feministischen Koalitionen, die dieses Land je gesehen hat. Und sie wächst weiter. Unsere Forderungen wurden der Öffentlichkeit verkündet: Wir fordern eine Arbeitszeitverkürzung auf 25 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Wir fordern eine kostenlose Gesundheitsversorgung für alle. Wir fordern eine Vergemeinschaftung von Wohnraum. Das sind die Grundlagen einer Gesellschaft, die Care ins Zentrum stellt und nicht den Profit. Deshalb streiken wir, denn ohne Care-Arbeit geht gar nichts.
Die kommenden Monate werden wir weiter aufbauen. Mit monatlichen «How to Arbeitskampf»-Workshops, Betriebsbesuchen, Kampagnen, Vernetzung in Quartieren und Betrieben und Basisarbeit in der ganzen Stadt und im Kanton. Wir organisieren, mobilisieren, reden, planen. In den Betrieben, auf der Abteilung, beim Kinderabholen, im Lehrer:innenzimmer, beim Elternabend, in politischen Gruppen, Freund:innenkreisen, bei Familientreffen …
Sei auch du Teil der Bewegung zum feministischen Care-Streik 2027 und kämpfe mit uns für eine Gesellschaft, in der Care im Zentrum steht: We care, we fight – care work unite!