Change the Game
lmt. Die Fussball-Weltmeisterschaft der Männer geht in die nächste Runde. Während Milliarden von US-Dollars in das Turnier fliessen, erinnert die Kampagne «Change the Game» daran, dass Mädchen weltweit noch immer ein anderes Spiel spielen müssen – eines, dessen Regeln nie für sie geschrieben wurden.
Die Stadien sind voll. Milliarden Menschen verfolgen die Fussball-Weltmeisterschaft (WM), diskutieren über Taktik, Schiedsrichterentscheide und Traumtore. Für Transfers werden dreistellige Millionensummen bezahlt, Fernsehrechte wechseln für Milliarden von US-Dollars den Besitzer, und der Fussball wird einmal mehr zum globalen Spektakel.
Jetzt, da das Turnier in die entscheidende Phase geht, lohnt es sich, den Blick für einen Moment vom Spielfeld zu lösen. Denn es gibt ein anderes Spiel, das weit weniger Aufmerksamkeit erhält: ein Spiel, in dem Milliarden Menschen täglich antreten müssen, ohne je Einfluss auf die Regeln gehabt zu haben.
Schneckentempo
Mädchen kommen nicht auf ein neutrales Spielfeld. Sie wachsen in einer Welt auf, deren Regeln lange vor ihrer Geburt geschrieben wurden – von anderen und für andere. Die Spielregeln sind dabei nicht einfach «unglücklich». Sie wurden historisch von patriarchalen Machtverhältnissen geschaffen und werden bis heute politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich reproduziert. Genau deshalb geht es bei Gleichstellung nicht bloss um individuelle Chancen, sondern um Macht, Teilhabe und die Frage, wer überhaupt bestimmen darf, nach welchen Regeln gespielt wird.
Die Kampagne «Change the Game» bringt diese Realität auf den Punkt: Während im Fussball jede Mannschaft nach denselben Regeln antritt, spielen Mädchen weltweit seit Generationen ein Spiel, das gegen sie ausgelegt ist. Laut dem Global Gender Gap Report 2025 wird es beim heutigen Tempo noch 123 Jahre dauern, bis Geschlechtergleichstellung erreicht ist. Anders gesagt: Erst nach 31 weiteren Fussball-Weltmeisterschaften könnten Mädchen und Frauen weltweit über dieselben Chancen und Rechte verfügen wie Männer.
Dabei hat keines der 48 Länder, die an der diesjährigen Fussball-WM teilnehmen, echte Gleichstellung erreicht. Tatsächlich gibt es weltweit keinen einzigen Staat, in dem Frauen und Männer vollständig gleichgestellt sind.
Ein Spiel, das Leben kostet
Wenn andere die Regeln schreiben, bestimmen sie oft auch über die Körper von Frauen und Mädchen. Sie entscheiden darüber, wer zur Schule gehen darf, wer früh verheiratet wird und wer Zugang zu medizinischer Versorgung erhält. Die Folgen sind dramatisch: Weltweit haben rund 840 Millionen Frauen und Mädchen – fast jede Dritte – im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. Allein im Jahr 2024 wurden durchschnittlich 137 Feminizide pro Tag (!) begangen. Für viele Mädchen ist das gefährlichste Spielfeld nicht die Strasse, sondern das eigene Zuhause.
Gewalt ist dabei kein isoliertes Problem. Sie ist eng mit anderen Formen struktureller Unterdrückung verbunden. Alle drei Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jedes Jahr sind es rund zwölf Millionen. Heute leben schätzungsweise 650 Millionen Frauen, die bereits als Kinder verheiratet wurden. Kinder- und Zwangsheirat beendet häufig die Schulzeit, erhöht das Risiko häuslicher Gewalt und nimmt Mädchen die Möglichkeit, selbst über ihr Leben zu entscheiden. Wer keinen Zugang zu Bildung hat, wird dreimal häufiger als Kind verheiratet.
Auch frühe Schwangerschaften sind selten das Resultat freier Entscheidungen. Sie sind Ausdruck eines Systems, das Mädchen Selbstbestimmung verweigert. Jedes Jahr werden in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen rund 21 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren schwanger. Rund eine halbe Million von ihnen ist erst zwischen zehn und 14 Jahre alt. Schwangerschaftskomplikationen und unsichere Schwangerschaftsabbrüche gehören zu den häufigsten Todesursachen von Mädchen dieser Altersgruppe. Rund 90 Prozent der schwangeren Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren leben oder lebten in einer Kinderehe.
Mädchen mit geringer Schulbildung werden fünfmal häufiger früh Mutter als Frauen mit höherem Bildungsabschluss. Und wer früh Mutter wird, verlässt häufig die Schule. Damit beginnt ein Kreislauf aus Armut, wirtschaftlicher Abhängigkeit und fehlenden Zukunftsperspektiven, der sich oft über Generationen fortsetzt.
Milliarden für den Fussball
Die Welt beweist während der Fussball-WM eindrücklich, welche finanziellen Mittel sie mobilisieren kann, wenn sie etwas für wichtig hält. Gleichzeitig fehlt in vielen Ländern das Geld, um Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen, sie vor Gewalt zu schützen oder ihnen Zugang zu Gesundheitsversorgung zu garantieren. Es fehlt an Frauenhäusern, an umfassender Sexualaufklärung, an Verhütungsmitteln, an rechtlichem Schutz und an Bildung – nicht weil die Ressourcen fehlen würden, sondern weil politische Prioritäten anders gesetzt werden.
Es reicht nicht aus, Mädchen zu ermutigen, stärker, mutiger oder selbstbewusster zu sein. Solange das Spielfeld uneben bleibt und andere über die Regeln bestimmen, bleibt auch das Ergebnis vorhersehbar. Genau dort setzt die Kampagne «Change the Game» an. Sie fordert nicht, dass Mädchen lernen, sich einem unfairen Spiel besser anzupassen. Sie fordert, die Regeln selbst zu verändern. Während in den kommenden Wochen Millionen Menschen den Weltmeister bejubeln werden, lohnt es sich deshalb, eine andere Frage zu stellen: Was wäre möglich, wenn dieselbe Entschlossenheit, dieselben finanziellen Mittel und dieselbe gesellschaftliche Aufmerksamkeit nicht nur einem Fussballturnier, sondern der Gleichstellung gewidmet würden?














