Arbeitszeitreduktion – für eine neue feministische Zeitpolitik
FSK. Die 4-in-1-Perspektive fordert eine gerechtere Verteilung von Lohnarbeit, Care-Arbeit, Selbstentwicklung/ Kultur und politischer Teilhabe. Durch eine radikale Arbeitszeitverkürzung, existenzsichernde Löhne und den Ausbau öffentlicher Dienstleistungen soll mehr Zeit zum Leben entstehen. Ziel ist eine solidarische, feministische und sozial-ökologische Gesellschaft, in der ein gutes Leben für alle möglich ist.
Wir alle kennen es: Gerne würden wir unsere Grossmütter öfter besuchen. Keine Zeit. Oder wieder einmal ein Buch lesen. Keine Zeit. Auf Werbung im Tram für das AOZ-Tandemprogramm reagieren und Menschen mit Fluchthintergrund im Alltag unterstützen. Eine tolle Sache – aber wann? Die Erwartungen an die Einteilung unserer Zeit sind immens und unerfüllbar. Wir sollen Karriere machen, ein erfülltes Sozialleben haben, Zeit für Sport und andere Hobbys aufbringen, uns kulturell und/oder intellektuell weiterbilden, den Haushalt schmeissen … Und innerhalb dieses Strudels wollen wir auch noch die Welt retten und für ein gutes Leben für alle kämpfen. Es fragt sich also: Wo geht unsere wertvolle Zeit hin? Der grösste Teil unserer Zeit wird von der Lohnarbeit bestimmt und wird somit fremd verfügt. Und damit stellt sich die Hauptfrage: Wem gehört eigentlich unsere Zeit? Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten? Schafft das, was uns unter der «Work-Life-Balance» versprochen wird, wirklich Freiräume? Wie können wir den Status quo durchbrechen?
Weshalb wir eine neue Zeitpolitik brauchen
«8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit und Erholung, 8 Stunden Schlaf» – nach diesem Modell richtet sich unser heutiger Alltag und gilt seit über 100 Jahren als ein wichtiges Recht zum Schutz unserer Gesundheit. Die 8-8-8-Regel haben sich Arbeiter:innen und Gewerkschafter:innen seit 1880 über den 1. Mai weltweit, lange und hart über Aufstände und Streiks erkämpft, um die brutalen 12-14-Stunden-Arbeitstage zu beenden. Ein historisch sehr bedeutendes Beispiel für eine erfolgreiche Arbeitszeitverkürzung.
Aus feministischer Perspektive geht die 8-8-8-Regel aber nicht auf, insbesondere die unbezahlte Care-Arbeit wurde und wird ausser Acht gelassen. Wir spüren das in unserer jetzigen Zeit sehr deutlich. Denn trotz jahrelanger Kämpfe um Gleichberechtigung aller Geschlechter, bleibt der grösste Teil der bezahlten sowie unbezahlten Care-Arbeit an FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, trans, inter, nonbinäre und agender Personen) hängen. Wir verbringen historisch gesehen mittlerweile mehr Zeit in der Lohnarbeit, müssen dann aber zu Hause in die nächste Schicht der unbezahlten Haus- und Familienarbeit. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeiten Menschen viele Stunden am Tag. Einige von ihnen im Schichtbetrieb, in prekären Arbeitsverhältnissen, am Wochenende und in der Nacht. Insbesondere in migrantisierten und feminisierten Berufen wie der Pflege, der Reinigung und der Kinderbetreuung reicht der Lohn kaum zum Leben. An ihrer Arbeit bereichern sich Unternehmen und Eigentümer:innen. Was bedeutet, dass viele FLINTA-Personen mehr als 12 Stunden pro Tag arbeiten, nur wird diese Arbeit nicht als solche anerkannt oder zusammen gedacht und die Erschöpfung und Mehrfachbelastung bleibt unsichtbar.
Die 4-in-1-Perspektive
Aus diesem Grund entwickelte Frigga Haug, deutsche Soziologin und marxistische Feministin, in den 1980er-Jahren ein neues, feministisches Lebensmodell: die 4-in-1-Perspektive. In ihren Worten: «Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist». Die 4-in-1-Perspektive teilt unseren Alltag beziehungsweise unsere Zeit wie folgt ein: vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden Care-Arbeit, vier Stunden Selbstentwicklung / Kultur, vier Stunden Politikarbeit, acht Stunden Schlaf.
Haug stellt sich vor, wie wir unsere Lebenszeit und damit auch unsere Gesellschaft anders organisieren könnten. Dafür teilt sie unser Leben in vier Bereiche: Lohnarbeit ist die bezahlte Arbeit, mit der wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Sorge- oder Reproduktionsarbeit umfasst alles, was nötig ist, um für uns und andere zu sorgen: kochen, putzen, Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder einfach füreinander da sein. Selbstentwicklung oder Kultur bedeutet Zeit für Lernen, Lesen, kreativ sein oder Neues ausprobieren. Und schliesslich braucht es Zeit für politische und gesellschaftliche Beteiligung: sich informieren, einmischen, organisieren und die Gesellschaft mitgestalten. Haugs Idee dahinter ist erstaunlich einfach: Ziehen wir von 24 Stunden ungefähr acht Stunden Schlaf ab, bleiben 16 Stunden, vier für jeden Bereich. Natürlich sollen wir dabei nicht jeden Tag genau nach diesem «Stundenplan» leben. Entscheidend ist die Idee dahinter: Alle vier Bereiche sollen grundsätzlich gleich viel Platz in unserem Leben haben, anstatt dass einer bestimmt, wie viel für die anderen übrigbleibt. Es soll um eine Teilung der Gesamtarbeit gehen für ein erfülltes Leben, die Auflösung der Herrschaftsverhältnisse und die Abschaffung der Stellvertreter:innen-Politik, um alle politisch partizipieren zu lassen.
Ein gesellschaftliches Problem
Heute sind diese Bereiche alles andere als gleichgestellt: Lohnarbeit bestimmt für viele von uns einen grossen Teil des Tages. Care-Arbeit hingegen wird weniger anerkannt und noch immer überwiegend von FLINTA-Personen geleistet. Das heutige System, welches auf patriarchalen und kapitalistischen Strukturen aufbaut, führt für viele Menschen, insbesondere FLINTA-Personen zu Mehrfachbelastungen, Armut, gesundheitlichen Fol-geschäden und Abhängigkeitsverhältnissen in Partnerschaften. Für Haug reicht es deshalb nicht, FLINTA-Personen einfach besser in die bestehende Arbeitswelt zu integrieren. Auch die Arbeit selbst und ihre Verteilung müssen sich verändern. Wenn wir also sagen «Ich habe keine Zeit», ist das nicht nur ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Haugs Antwort
darauf ist unter anderem eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit. Die gewonnene Zeit soll nicht einfach zu «Freizeit» werden, sondern Platz schaffen für die anderen Bereiche unseres Lebens. 4-in-1 ist deshalb keine Anleitung für eine bessere «Work-Life-Balance». Wir sollen nicht lernen, unseren ohnehin vollen Kalender noch effizienter zu organisieren. Haug will die Bedingungen verändern, unter denen wir unsere Zeit verteilen. Eine ihrer wichtigsten Forderungen ist eine gerechtere Verteilung von Arbeit bei gleichzeitiger Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit.
Konkret würde das bedeuten, dass wir in unserer heutigen 5-Tage-Woche 20 Stunden für Lohn arbeiten. Und den Rest der Zeit für die drei weiteren Bereiche der Care-Arbeit, Politikarbeit und Kultur/Selbstentwicklung zur Verfügung hätten.
Forderungen der Streikkollektive für den Care-Streik
Die feministischen Streikkollektive der Schweiz haben gemeinsam eine Hauptforderung für den Care-Streik 2027 formuliert: Die feministischen Streikkollektive der Schweiz fordern eine radikale Reduktion der Arbeitszeit für die Lohnarbeit bei vollem Lohnausgleich und ohne Intensivierung der Arbeit. Das feministische Streikkollektiv Zürich fordert konkret eine Reduktion der Arbeitszeit auf 25 Stunden in der Woche. Die Streikkollektive wollen damit verdeutlichen, dass es nicht ausreicht, die Arbeitsbedingungen im Erwerbssektor zu verbessern – vielmehr braucht es mehr Zeit zum Leben. Mehr Zeit für Sorgearbeit an anderen und an sich selbst, mehr Zeit, um sich politisch zu organisieren, sowie Zeit für Bildung und Gesundheit.
Die Forderung lautet: Menschen sollen nicht länger für die Profite ihrer Chef:innen arbeiten und sich dabei krank machen müssen. Gefordert wird eine radikale Arbeitszeitverkürzung – für alle. Denn die Care-Arbeit muss fair verteilt, grundlegend neu gedacht und ins Zentrum der Gesellschaft gestellt werden. Die Arbeitszeitverkürzung umfasst die Abschaffung von Niedriglöhnen durch einen Mindestlohn, der für ein gutes Leben reicht, sowie eine umfassende soziale Absicherung. Damit einher geht der Ausbau öffentlicher Dienstleistungen, um die Care-Arbeit zu kollektivieren, statt sie zu individualisieren. Die Arbeitszeitverkürzung ist die Grundlage eines sozial-ökologischen Umbaus der Gesellschaft und die Voraussetzung für ein gutes Leben für alle.
Umsetzung in die Praxis
So einfach die Idee auch klingen mag, die Umsetzung einer solchen Zeitpolitik ist sehr komplex und bringt verschiedene Hürden mit sich. Wie bereits erwähnt, wäre die Grundlage, dass es zu keiner Kürzung des Lohnes kommt, sondern vielmehr, dass der Lohn sicherstellen soll, dass alle grundlegenden Kosten wie Miete, Krankenkasse und Lebenshaltungskosten gedeckt werden können. Eine kürzere Lohnarbeitszeit müsste mit existenzsichernden Löhnen, bezahlbarem Wohnraum und sozialer Absicherung einhergehen.
Und auch bei der Care-Arbeit braucht es eine gründliche Analyse. Denn Sorgearbeit findet nicht nur unbezahlt zu Hause statt. Pflegefachpersonen oder Kita-Mitarbeitende leisten Care-Arbeit als Beruf. Wenn wir Sorgearbeit gerechter untereinander verteilen wollen, macht das ihre Arbeit und ihr Fachwissen nicht überflüssig. Vielmehr müssen wir uns fragen: Welche Care-Arbeit können wir miteinander teilen und uns das Wissen wieder selber aneignen, zum Beispiel Kinderbetreuung nachbarschaftlich organisieren, und welche muss professionell geleistet und ausreichend finanziert werden? Wie lassen sich Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten mehr inkludieren innerhalb dieser neuen Aufteilung unserer Zeit? Wenn mehr Raum und Zeit für die Care-Arbeit vorhanden ist, ist es wichtig, dass diese nicht zu einer Individualisierung der Care-Arbeit führt, sondern vielmehr zu einer Kollektivierung.
Orientierung für politische Veränderungen
Wichtig wäre auch die Frage, was er braucht, damit es nicht wieder zu einer ungleichen Verteilung der Arbeitsinhalte und der Gehälter zwischen den Geschlechtern kommt. Wie schaffen wir es, dass nicht erneut cis Männer mehr finanzielle Mittel haben und FLINTA-Personen in finanzielle Abhängigkeiten geraten? Wie schaffen wir es, dass jede Person tatsächlich ihre Pflichten für die unbezahlte Care-Arbeit wahrnimmt? So viele offene Fragen es für die praktische Umsetzung geben mag, so zentral ist es, dass über eine andere Zeitverteilung diskutiert wird.
Es öffnet sich der Raum, zu überlegen, welche Arbeit denn wirklich relevant ist und welche gar nicht notwendig ist und eher einer Beschäftigungstherapie gleicht. Die patriarchale Rollenaufteilung hinterfragen, Intersektionalität und Inklusion mitdenken, mitentscheiden, was und wie viel produziert wird und wie unsere Güter verteilt werden. Wann ist genug Reichtum «erwirtschaftet» worden? Haug selbst versteht ihre Idee weniger als fertigen Bauplan, denn als Orientierung für politische Veränderung. Es braucht die Unbefangenheit, gesellschaftlich Hochgeschätztes zu demokratisieren, bisher Eliten vorbehaltene Privilegien für alle zu beanspruchen, menschliches Leben für das Höchste zu halten, im
Erwerbsbereich die Verkehrung und Entfremdung neu zu skandalisieren und dies alles als politische Praxis zu verallgemeinern. Sodass Bewegung freigesetzt werden kann, uns eine Alternative vorzustellen. Für uns heute könnte die 4-in-1-Perspektive deshalb vor allem ein Wegweiser für neue Forderungen bei der Arbeitszeitverkürzung sein. Es ist an der Zeit, dass wir uns alle fragen: Was braucht es, damit alle Menschen genug Zeit zum Arbeiten, Sorgen, Lernen, Leben und Mitgestalten haben?
