Im Gedenken an Genosse Norberto Crivelli

sit. Am 28.September erreichte uns die traurige Nachricht vom Tod des Genossen Norberto Crivelli. Mit dem ehemaligen Präsidenten der Partei der Arbeit der Schweiz verlässt uns eine Persönlichkeit, die die Geschichte der Kommunist:innen der Schweiz in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt hat. Ein Nachruf.

Es sind gut 200 Personen, die an diesem Freitagmorgen des 2.Oktobers dem Leichenwagen mit dem Sarg des Genossen Norberto Crivelli zur Zeremonienstätte innerhalb des Friedhofs in Lugano folgen. Auf seinem Sarg liegt die Fahne des Partito Operaio e Popolare (POP), der Tessiner Sektion der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS). Als der Wagen vor der Abdankungsstätte hält, erklingen die Töne von «Bella ciao». Seine Ehefrau und Genossin Sonja Crivelli, der Ehemann der Zwillingsschwester von Norberto sowie der aktuelle Parteisekretär des POP, Gianfranco Cavalli, verabschieden sich mit bewegenden Worten vom Genossen. Dazwischen erklingt ein Lied von Edith Piaf, das spanische Kampflied «El pueblo unido jamás será vencido» und zum Schluss die Internationale. Es gab viele emotionale Momente an der Beerdigung des Genossen Norberto, die einem in Erinnerung bleiben werden – ebenso wie Norberto selbst als vorbildlicher Genosse und Mensch.

Keine Aufgabe zu schade
«Ich bin der Chauffeur und der Koch der Partei», erklärte mir mal Norbe, wie ihn seine Tessiner Genos-s:innen nannten. Es war zu jener Zeit, als seine Ehefrau und Genossin Sonja gemeinsam mit Alain Bringolf aus Neuenburg und Anjuska Weil aus Zürich das Präsidium PdAS bildeten. Norberto begleitete Sonja einmal im Monat an die Sitzung nach Zürich. Und während das Parteipräsidium tagte, kochte er für die drei Genoss:innen – und räumte dann alles auf.
Ich erinnere mich aus zwei Gründen sehr gut an den Moment, als er mir das sagte: Erstens, weil die Vorstellung, dass die PdAS einen Koch und Chauffeur hat, sehr lustig ist. Aber vor allem, weil Norberto es ohne Sarkasmus, ja gar mit einem gewissen Stolz in seiner Stimme und in seinem Gesichtsausdruck sagte. Die Geschichte mit dem Koch und Chauffeur steht sinnbildlich für die Person Norberto – und für seine Hinterlassenschaft: Keine Aufgabe war ihm zu viel oder zu schade, wenn sie der Partei diente.

«Die Barbarei haben wir täglich vor den Augen»
So auch an der Sitzung der Parteileitung Mitte 2009. Die damalige Präsidentin der PdAS, Nelly Buntschu, musste aus familiären Gründen zurücktreten. Als es um deren Nachfolge ging, schauten alle Norberto an. Und ich sagte ihm: «Compagno, credo proprio che tocchi a te» (Genosse, ich glaube wirklich, dass du an der Reihe bist).
Norberto übernahm die Verantwortung. «Ich habe das Amt vor allem aus einem Pflichtgefühl übernommen, um in der Partei Schwierigkeiten zu vermeiden, denn es war nie meine Absicht oder mein Ziel, Präsident der PdAS zu werden», erklärte er in einem Interview mit dieser Zeitung im September 2009. Und er fügte hinzu: «Aber damit ich nicht missverstanden werde: Ich freue mich sehr auf die Aufgaben als Präsident der Partei.» Im selben Interview hielt er fest: «Wir müssen den Mut haben, wieder über Sozialismus und Kommunismus zu reden. Und zwar als Ziele, die es zu erreichen gilt. Denn – vielleicht heute mehr denn je – trifft die Aussage ‹Sozialismus oder Barbarei› den Kern der Wahrheit. Die Barbarei haben wir täglich vor den Augen. Daher müssen wir für den Sozialismus kämpfen.»

Seit 1992 im Gemeinderat
Norberto blieb bis 2013 Präsident der PdAS. Bevor er das Amt des Präsidenten übernahm, war er bereits seit gut 20 Jahren Mitglied der Parteileitung. Seine politische Biografie beginnt Ende der 1960er-Jahre in der Studierendenbewegung in Locarno und Genf. In den 1970er-Jahren politisierte Norberto im Partito Socialista Autonomo im Tessin. Von 1987 bis 1994 war er politischer Sekretär der Tessiner Sektion der PdAS und auch bei der Parteizeitung «Il lavoratore» stark engagiert. Und – wie könnte es anders sein? – Norbe war auch eine unermüdliche kritische Stimme auf lokaler Ebene: Er gehörte von 1992 bis zu seinem Tod dem Gemeinderat von Sorengo an. Im Jahr 2024 amtierte er als Präsident des Gemeinderats.
Zu all dem kommt hinzu: Ab 2007 war Norberto Mitglied des Exekutivbüros der Europäischen Linkspartei (ELP). Er vertrat dort die PdAS und engagierte sich auch innerhalb der ELP. «Über Jahrzehnte hinweg war Norberto eine Seele der Partei: immer präsent, und er verstand es, die kommunistische Identität auch in den schwierigsten Momenten unserer Geschichte hochzuhalten», sagte POP-Sekretär Gianfranco Cavalli in seiner Abschiedsrede bei der Abdankung.

Nichts zu bereuen
Norberto war mit Herzblut Politiker und genauso Familienmensch. Gemeinsam mit Sonja hatte er zwei Töchter. Ich erinnere mich an eine Sitzung, an der Norberto es eilig zu haben schien. Das war sonst nie der Fall – eher das Gegenteil. So erzählte Norberto auch während der Sitzungen der Parteileitung gerne Geschichten. Alle sehr spannend, teilweise wurden dadurch die Sitzungen aber doch länger als geplant. So fragte ich Norberto, ob er es heute eilig habe, wieder nach Hause zu kommen. «Ja, habe ich», antwortete er, «ich weiss nicht, wie ich es sagen soll, weil ich es wohl selbst noch nicht so richtig begriffen habe.» Er hielt kurz inne und liess dann die Katze aus dem Sack: «Meine älteste Tochter wird heute 40.» Man merkte, wie er kurz diese 40 Jahre vor seinem inneren Auge Revue passieren liess. Um dann mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu sagen: «Machen wir weiter, Genoss:innen.»
Einige Wochen vor seinem Hinschied sagte Norberto zu Sonja ohne jede Resignation: In diesem Leben voller Kämpfe hätten sie beide vielleicht nur wenige davon gewonnen. Aber ganz sicher gäbe es nichts zu bereuen, weil sie eben so viel gekämpft haben. Norberto tat es bis zum Schluss – und nie aus persönlichem Ehrgeiz. So unterstrich POP-Sekretär Gianfranco Cavalli in seiner Abschiedsrede zu Recht: «Norberto war und bleibt in unserer Geschichte ein grundlegender Pfeiler für die Existenz unserer Partei und für die Geschichte der Kommunist:innen in der Schweiz.»

Grazie compagno
Norberto wird in unserem Herzen und in unseren täglichen Kämpfen gegen die Ungerechtigkeiten jenes monströsen kapitalistischen Systems weiterleben, dem er sich ein ganzes Leben lang widersetzt hat. Denn wie sagte Genosse Norbe: «Die Barbareien haben wir täglich vor Augen. Daher müssen wir für den Sozialismus kämpfen.» Ruhe in Frieden … und grazie di tutto compagno Crivelli!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.