Basisarbeit am «Stammtisch Reinigung»

Der 14. Juni 2026 (Bild) war der Auftakt für den Care-Streik 2027, an dem die Reinigungsarbei-ter:innnen vom «Stammtisch Reinigung» auch wieder auf die Strasse gehen werden.
Bild: zVg

FSK. Reinigungsarbeiter:innen gehören zu denjenigen, die unter prekären und schlecht entlohnten Arbeitsbedingungen arbeiten. Am «Stammtisch Reinigung» tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus, entwickeln gemeinsame Forderungen und organisieren sich.

Auf die Krise der kapitalistischen Akkumulation, in der wir uns zurzeit befinden, wird unter anderem mit Kostensenkungen reagiert, zum Beispiel durch die Begrenzung der Staatsausgaben oder durch Lohnsenkungen, beispielsweise in Form prekärer Arbeitsbedingungen.

Care-Arbeit in Zeiten der kapitalistischen Krise
Prekäre Arbeitsbedingungen sind unter anderem durch unfreiwillige Teilzeitarbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, Scheinselbstständigkeit, Anstellungen auf Aufruf und Leiharbeit gekennzeichnet. Sie gehen häufig mit Niedriglöhnen, fehlenden Tarifverträgen und fehlender Mitbestimmung sowie teilweise auch fehlender sozialer Absicherung einher. Besonders verbreitet ist prekäre Beschäftigung im Care-Arbeit-Sektor, wobei insbesondere Frauen und Migrant:innen betroffen sind. Dies gilt auch für die Schweiz.
Das ist unter anderem deshalb so, weil patriarchale Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus mit der Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit, zu der auch Care-Arbeit gehört, verbunden sind. Dabei wird Care-Arbeit gesellschaftlich überwiegend Frauen beziehungsweise FLINTA-Personen zugewiesen und zugleich abgewertet. Rassistische Herrschaftsverhältnisse tragen wiederum dazu bei, dass insbesondere Migrant:innen in diesen prekären und schlecht entlohnten Bereichen der Care-Arbeit überproportional beschäftigt sind. Care-Arbeit bezeichnet Arbeit, die auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gerichtet ist und eine Versorgungs-, Sorge-, Erhaltungs- oder Unterstützungsfunktion für Menschen erfüllt. Reinigungsarbeit ist ebenfalls Care-Arbeit, wenn sie durch die Reinigung, Pflege und hygienische Instandhaltung von Räumen, Gegenständen oder Umgebungen die materiellen Bedingungen für die Versorgung, Gesundheit, Sicherheit und das alltägliche Wohlergehen von Menschen herstellt und erhält. Etwa Reinigungsarbeiter:innen, die Hotelzimmer reinigen.

Wer putzt unsere Büros, Schulen, Spitäler?
Ein Paradebeispiel für die patriarchale und rassistische Ausbeutung im Kapitalismus ist die Situation von Reinigungsarbeiter:innen. Einige von ihnen tauschen sich am « Stammtisch Reinigung» über ihre Erfahrungen und Probleme aus und diskutieren darüber, was getan werden muss, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dieser ist aus Treffen von Kafi Klick und Zürich Solidarisch entstanden. Im Kafi Klick bietet Zürich Solidarisch unter anderem Unterstützung in den Bereichen Arbeitsrecht und Mietrecht an.
Im Zuge der Vorbereitung auf den Care-Streik 2027 haben Feminist:innen der Basisarbeitsgruppe des Feministischen Streikkollektivs Zürich am Stammtisch Reinigung teilgenommen und gemeinsam mit den Reiniger:innen ein Reiniger:innen-Manifest erarbeitet, das im Informationsbulletin des Kafi Klick im vergangenen Juli veröffentlicht wurde.
Die Basisarbeitsgruppe hat zudem gemeinsam mit Radia, der feministischen Redaktion von Radio LoRa, einen Radiobeitrag produziert. Darin geht es um die Fragen, wer unsere Büros, Schulen und Spitäler putzt und unter welchen Bedingungen, warum Reinigungsarbeit als intersektionale Care-Arbeit verstanden werden muss, welche Bedeutung Basisarbeit für den Austausch und die gemeinsame Entwicklung von Anliegen hat und wie daraus Veränderung entstehen kann. Der Beitrag enthält zudem wertvolle Erfahrungsberichte von Reiniger:innen. Im Folgenden wollen wir diese Beiträge wiedergeben und am Schluss die Bedeutung der Basisarbeit aus Sicht der Beteiligten darstellen.
In fast allen Beiträgen wird der Kampf um die Arbeitszeit erwähnt. Neben der Intensivierung der
Arbeit werden geleistete Arbeitsstunden nicht anerkannt und teilweise sogar durch Betrug unterschlagen. Eine Arbeiterin erzählt beispielsweise: «Die Firma gibt uns eine Liste mit 23 Zimmern, die gereinigt werden müssen. Auf der Leistungsabrechnung stehen aber nur drei bis vier Zimmer, die restlichen 20 Zimmer fehlen. Weil sie nicht schriftlich festgehalten sind, bezahlen sie uns nicht». Hinzu kommt der tiefe Lohn. Eine Arbeiterin erzählt: «Ich habe um 4 Uhr morgens angefangen zu arbeiten und kam um 12 Uhr nachts nach Hause. Trotzdem habe ich nicht mal 3000 Franken verdient. Ich habe in drei Betrieben gleichzeitig gearbeitet».

«Wir alle gehen am 14.Juni auf die Strasse»
Gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen wurden von allen Befragten erwähnt. Dazu gehören das Arbeiten trotz Krankheit, fehlende Pausen, die Arbeit mit gesundheitsgefährdenden Reinigungsmitteln ohne persönliche Schutzausrüstung sowie physische und psychische
Gewalt. Letztere zeigt sich beispielsweise in der Drohung mit dem Verlust der Arbeitsbewilligung. Hinzu kommt der Mangel an institutioneller Unterstützung.
Eine Arbeiterin erzählt dazu: «Meine Arbeitgeber:in hat mir gedroht, dass sie mich beim Migrationsamt verpfeifen. Die beim Migrationsamt sind sehr streng mit uns in der Reinigung. Sie wollten die Gehaltsabrechnungen von mir. Gemäss Abrechnung arbeite ich zu wenig, weil die zusätzlichen Stunden nicht abgerechnet werden. Beim Migrationsamt sagten sie mir ich müsse bei mehreren Firmen arbeiten. Aber ich arbeite schon jetzt mehr als die gesetzliche Stundenzahl. Ich arbeite an Sonntagen und Feiertagen.»
Diese Reinigungsarbeiter:innen sind jedoch nicht allein. Sie erzählen auch von der Bedeutung des Stammtisches für sie: Sie können Erfahrungen austauschen, voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und Mut machen. Sie warnen sich gegenseitig vor Reinigungsunternehmen mit besonders schlechten Arbeitsbedingungen und unternehmen gemeinsam etwas – zum Beispiel gemeinsam laufen oder lesen.
Im Reiniger:innen-Manifest sind zudem ihre Forderungen festgehalten: höhere Löhne, weniger Zeitdruck, bezahlte Pausen, bezahlte Probestunden, längere Einsätze und bezahlte Arbeitswege, Festanstellungen anstelle von Arbeit auf Abruf, eine respektvolle Arbeitsatmosphäre und mehr Wertschätzung, Informationen über Weiterbildungsmöglichkeiten, mehr Kontrollen der Unternehmen sowie bessere gesetzliche Regelungen. Zum Care-Streik 2027 sagten sie: «Wir alle gehen am 14.Juni auf die Strasse, um für unsere Rechte zu kämpfen! Dies unabhängig von unserem Lohn und unserem Geschlecht».

Von individuellen Erfahrungen zum gemeinsamen Kampf
Die Beispiele zeigen, dass der Stammtisch nicht nur einen Raum für den Austausch über individuelle Erfahrungen schafft. Durch den gemeinsamen Austausch werden Probleme als gemeinsame Anliegen sichtbar und Möglichkeiten für gemeinsames Handeln entwickelt. Genau hier setzt die Basisarbeit an.
Auf meine Frage an die Basisarbeitsgruppe, wie wir uns ihre Arbeit in diesem konkreten Fall vorstellen können, antworten sie: «Wir sehen uns in diesem Kampf als Lautsprecher an die Öffentlichkeit. Das FSK hat eine grosse Reichweite, wobei wir die erarbeiteten Materialien, zum Beispiel das Manifest, mitveröffentlichen. Der Beitrag bei Radio Lora war ein Wunsch des Stammtisches, den wir in Kooperation und Absprache mit den Reiniger:innen erarbeitet haben. Radia versteht sich ebenfalls als Teil der Bewegung und mit solchen Beiträgen können wir uns gegenseitig stärken. (Wir, die Arbeitenden und Aktivist:innen). Der Beitrag ist somit ein weiteres Beispiel für die Nutzung unserer Plattform, um Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit für den Kampf zu generieren.» Sie fügte hinzu: «Wir möchten uns nicht nur mit dem Thema Care-Arbeit auseinandersetzen, sondern uns unbedingt auch mit Personen austauschen, die Care-Arbeit machen, ihre Stimmen hören, uns für ihre Anliegen stark machen.»

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