Gefahr bei Schlusspfiff

lmt. Internationale Studien zeigen seit Jahren denselben Zusammenhang: Rund um grosse Fussballturniere nimmt häusliche Gewalt deutlich zu.

Seit Wochen blickt die Welt auf die Fussball-Weltmeisterschaft der Männer. Millionen Menschen sitzen vor Bildschirmen, jubeln in Bars oder fiebern bei Public Viewings mit. Tore werden gefeiert, Favoriten diskutiert und Emotionen geteilt. Doch während die Aufmerksamkeit auf den Rasen gerichtet ist, beginnt für viele Frauen ein ganz anderer Ausnahmezustand.

Ein Fest – aber nicht für alle
Internationale Studien zeigen seit Jahren ein erschütterndes Muster: Rund um grosse Fussballturniere nimmt häusliche Gewalt in vielen Ländern deutlich zu. Nicht, weil Fussball Männer zu Tätern macht. Verantwortlich sind ausschliesslich die Täter. Grosse Sportereignisse schaffen jedoch einen gesellschaftlichen Ausnahmezustand, in dem bestehende Gewalt eskalieren und sichtbarer werden kann. Für viele Frauen bedeutet der Anpfiff des Fussballereignisses deshalb nicht Vorfreude, sondern Angst.
Die Zahlen sind deutlich. Eine Studie im «Journal of Research in Crime and Delinquency» zeigte bereits 2014, dass die gemeldete häusliche Gewalt in England an Spieltagen der Nationalmannschaft um 26 Prozent zunahm. Verlor England, stieg sie sogar um 38 Prozent. Auch UN Women und UNICEF weisen darauf hin, dass die Zahl der Anrufe bei Notruf- und Hilfetelefonen während grosser Fussballturniere um bis zu 30 Prozent ansteigen kann. Das Muster zeigt sich über mehrere Welt- und Europameisterschaften hinweg. Für die Schweiz fehlen bisher vergleichbare Untersuchungen. Gerade deshalb wäre es dringend notwendig, genauer hinzusehen, statt den Zusammenhang vorschnell auszublenden.

Der Blick endet am Stadiontor
Städte investieren Millionen in Sicherheitskonzepte, Polizeikorps bereiten sich auf Fanmärsche und Ausschreitungen vor, Medien berichten live über jede kleinste Entwicklung rund um die Stadien. Doch was nach dem Schlusspfiff geschieht, bleibt weitgehend unsichtbar. Als würde unsere Verantwortung am Stadiontor enden.
Darin zeigt sich einer der grössten blinden Flecken unserer Gesellschaft. Gewalt gegen Frauen wird noch immer als privates Problem behandelt, obwohl sie ein politisches ist. Der Täter gilt als Einzelfall, die Tat als Kontrollverlust oder als Folge von Alkohol und Emotionen. Was dabei verschwindet, ist das System dahinter. Deshalb greift es zu kurz, nach einer Niederlage Alkohol, Emotionen oder den Fussball selbst verantwortlich zu machen. Sie erklären nicht, weshalb ein Mann seine Partnerin schlägt. Sie erklären höchstens den Zeitpunkt. Die Gewalt selbst entsteht nicht erst mit dem Anpfiff – sie war bereits vorher vorhanden.

Kein Ausrutscher
Patriarchale Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts. Sie wächst in einer Gesellschaft, die
Männern seit Generationen vermittelt, dass Macht, rolle und Durchsetzungsfähigkeit Teil
ihrer Männlichkeit seien. Sie wächst dort, wo Frauen lernen, Konflikte zu entschärfen, Rücksicht zu nehmen und männliche Wut auszuhalten.
Ein Fussballspiel erschafft diese Strukturen nicht. Es legt sie offen. Vielleicht fällt es uns gerade deshalb so schwer, über diesen Zusammenhang zu sprechen. Die Fussball-Weltmeisterschaft soll ein Fest sein. Sie lebt von Gemeinschaft, Euphorie und nationalen Emotionen. Dass für viele Frauen dieselben Stunden von Angst geprägt sind, passt nicht in dieses Bild. Also schweigen wir lieber. Doch Schweigen schützt keine Betroffenen. Es schützt lediglich jene Verhältnisse, die diese Gewalt immer wieder hervorbringen.
In den kommenden Tagen wird über Traumtore, Überraschungen und den neuen Weltmeister gesprochen werden. Das gehört zu einem Turnier wie diesem dazu. Doch vielleicht sollten wir nicht nur darüber sprechen, wer das bessere Team war. Sondern auch darüber, weshalb internationale Organisationen jedes grosse Turnier mit derselben Warnung begleiten müssen.
Wenn der letzte Schlusspfiff verklungen ist, sollten wir deshalb eine andere Bilanz ziehen: jene der Frauen, für die grosse Fussballturniere nicht nur ein Fest, sondern eine Zeit erhöhter Gefahr bedeuten. Solange wir Gewalt gegen Frauen als Randnotiz behandeln, bleibt das eigentliche Spiel unverändert. Nicht der Fussball hat diese Regeln geschrieben. Das Patriarchat hat es getan – und es hält sie bis heute am Leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.