Schluss mit Gratisarbeit!

sit. Reinigungsarbeiter:innen der Stampfli AG im Courtyard Marriott in Zürich wehren sich gegen unbezahlte Arbeitsstunden, kurzfristige Einsatzpläne und verspätete Löhne. Mit einer Protestaktion fordern sie ihre Rechte ein.

«Unsere Arbeitszeit ist nicht gratis», ist am 4.September kurz vor Mittag auf dem Platz vor dem Courtyard Marriott in Zürich Oerlikon aus den Boxen eines VW-Busses zu hören. Es ist die Stimme von Sina (Name geändert), und sie fügt hinzu: «Wir wollen, dass unsere Würde respektiert wird. Dass uns die Stunden bezahlt werden, die wir gearbeitet haben. Dass man uns mit dem Respekt behandelt, den wir verdient haben.» Sina reinigt die Zimmer im Marriott. Gemeinsam mit weiteren aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter:innen sowie rund 40 solidarischen Menschen protestiert sie gegen die unhaltbaren Arbeitsverhältnisse.

12 Minuten pro Zimmer
Die Wut der Arbeiter:innen richtet sich gegen die Stampfli AG, die ihren Hauptsitz im solothurnischen
Subingen hat und rund 2500 Angestellte beschäftigt. Die Firma ist für die Reinigung der Hotelzimmer zuständig und hat die Reinigungsmitarbeiter:innen unter Vertrag. Sina und ihre Kolleg:innen werden aber nicht etwa im Monats- oder Stundenlohn entlohnt, sondern: «Siewerden pro geplantem, zu reinigendem Zimmer bezahlt», schreibt das Kollektiv Zürich Solidarisch in der Medien-mitteilung zur Aktion. Das Kollektiv unterstützt die Arbeiter:innen seit Längerem.
Konkret heisst dies: «Für ein Zimmer sind zwölf Minuten vorgesehen. Dauert die Reinigung länger, wird diese zusätzliche Zeit nicht vergütet. Auch Wartezeiten, beispielsweise wenn ein Zimmer noch belegt ist, sowie die Arbeitszeit für spontan zusätzlich zugewiesene Zimmer sind nicht bezahlt. Wenn die Reinigung von zwei Zimmern 40 Minuten benötigt, werden nur 24 Minuten bezahlt – ein besonders perfides System der Ausbeutung. So belegt die Stundenerfassung der Arbeitnehmer:innen deutlich, dass sie teilweise mehrere Stunden pro Tag länger putzen, als ihnen vergütet werden. Leonita (Name geändert), eine ehemalige Reinigungskraft im Courtyard Marriott, bringt es so auf den Punkt: «Wir können nicht einfach nach zwölf Minuten aufhören. Das Zimmer muss sauber sein. Wenn ich länger arbeite, dann arbeite ich diese extra Zeit gratis.»

Das systematische Klauen der Stunden stoppen
So verlangen die Mitarbeiter:innen der Stampfli AG nichts anderes als das ihnen zustehende Recht: Sie wollen nach der tatsächlich geleisteten Arbeit bezahlt werden und nicht nach Anzahl der Zimmer. Artikel 13 Absatz 1 der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz hält dazu fest: «Als Arbeitszeit im Sinne des Gesetzes gilt die Zeit, während deren sich der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin zur Verfügung des Arbeitgebers zu halten hat.» Unmissverständlich ist auch die Regelung im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) des Reinigungsgewerbes, für dessen Durchsetzung die Paritätische Kommission (PK) zuständig ist. Diese hält auf Anfrage der Zeitung «work» der Gewerkschaft Unia fest: «Der Chef darf zwar zeitliche Vorgaben machen, wenn diese nicht eingehalten werden können, etwa zufolge hohen Verschmutzungsgrades, muss die effektiv benötigte Zeit bezahlt werden.» Auch Lohnreduktionen wegen angeblich mangelnden Arbeitstempos sind verboten.
Die Probleme der Reinigungsarbeiter:innen beschränken sich aber nicht auf die Bezahlung der Arbeitszeit. Sie kritisieren auch die kurzfristige Einsatzplanung. Sie verlangen, dass ihre Arbeitspläne vorausschauend erstellt und ihnen rechtzeitig mitgeteilt werden. Die geltenden gesetzlichen Vorgaben zur Einsatzplanung (in der Regel zwei Wochen im Voraus) müssten eingehalten werden. Spontane Verlängerungen oder Verkürzungen der Einsätze dürften nur in Ausnahmefällen und in gegenseitiger Absprache möglich sein. Hinzu kommen Beschwerden über verspätete Lohnzahlungen. Die Beschäftigten fordern, dass ihre Löhne zuverlässig und termingerecht bis zum 10. Tag des Folgemonats ausbezahlt werden. «Wir fordern per sofort eine Anpassung des Systems», hält Sandra (Name geändert), Mitarbeiterin der Stampfli AG im Marriott Hotel, fest. Denn mit der Protestaktion haben sie und ihre Kolleg:innen auch aufgezeigt, dass es sich nicht um Einzelfälle oder einzelne Fehler handelt. Sondern dass der Klau von Arbeitsstunden und die miesen Arbeitsbedingungen systematisch sind.

Sie werden die Klappe nicht halten
Zurück zur Aktion vom 4. September: Die Mitarbeiterinnen wollten ihre Forderungen direkt der Leitung vor Ort übergeben. Doch die Übergabe kam nicht zustande. Der diensthabende Teamleiter der Stampfli AG im Hotel weigerte sich, die Forderungen entgegenzunehmen. Der von den betroffenen Mitarbeiter:innen unterzeichnete Brief wurde deshalb im Courtyard Marriott hinterlegt und direkt an die Personalabteilung und die Leitung der Stampfli AG geschickt. Und siehe da: Für einmal erfolgte die Lohnzahlung für den Monat August wie vertraglich geregelt bis zum 10. des folgenden Monats, also bis zum 10. September. Bei einigen Reinigungsarbeiter:innen gab es zudem eine Lohnnachzahlung von bis zu 500 Franken. Wie sich der nachbezahlte Lohn aber zusammensetzt, ist nicht nachvollziehbar. Die Nachzahlung scheint vielmehr mit der Absicht verbunden zu sein: Hier habt ihr ein paar hundert Fränklis – und haltet eure Klappe! Diesen Gefallen werden die Arbeiter:innen dem Käufer ihrer Arbeitskraft, also der Stampfli AG, aber bestimmt nicht tun – zumindest so lange nicht, bis alle ihre Forderungen erfüllt sind. Dies war bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe (Sonntag, 27.September) nicht der Fall. Doch eines steht nach der gelungenen Aktion vom 4.September fest: Der Stampfli AG und dem US-amerikanischen Marriott-Hotel wird es nicht gelingen, weiterhin ihre
Hände in Unschuld zu waschen.

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