Ungebrochener Sumud!

sit. Gegen den weiterhin stattfindenden Genozid in Gaza und die Beteiligung
der Schweiz daran, protestierten am vergangenen Wochenende Tausende von Menschen im Land. Der Widerstand wird weitergehen. Free Palestine!

«Während der Genozid in Gaza weitergeht, führen in der besetzten Westbank und Jerusalem die faschistischen Siedler das zionistische Kolonialprojekt mit täglichen ethnischen Säuberungen und Landraub mithilfe der zionistischen Regierung und ihrer Armee aufs brutalste fort», ist im Aufruf des Palästina-Komitees Zürich zur Demo vom 10.Oktober zu lesen. Und weiter: «Die Standhaftigkeit – Sumud – des palästinensischen Volkes bleibt trotz drei Jahren anhaltenden Genozids und 78 Jahren ethnischer Säuberung, Landraubes und Inhaftierungen von Tausenden Palästinenser:innen in den Folterzentren ungebrochen.» Dem Aufruf folgten über 1000 Personen, die lautstark durch die Strassen der Innenstadt Zürichs demonstrierten. An der Bahn-hofstrasse wurde eine Schweigeminute abgehalten.
Weitere Proteste fanden in Lugano, Genf, Lausanne und Bern statt. Das mediale Interesse konzentrierte sich auf die Hauptstadt nach den Vorfällen vor einem Jahr. Doch auch in Bern blieb es friedlich.

Auch im Westjordanland
75000 Tote in Gaza seit Oktober 2023 – das sind 72 pro Tag, drei pro Stunde. Laut Angaben der UNO waren bereits im Oktober 2025 rund 92 Prozent aller Wohneinheiten im Gazastreifen zerstört oder beschädigt. Hunderttausende Menschen haben dadurch ihr Zuhause verloren. Von den 36 Spitälern, die vor dem 7.Oktober 2023 in Betrieb waren, wurden mindestens 34 vollständig oder teilweise zerstört, neun davon vollständig. Kein einziges Spital ist heute mehr vollständig funktionsfähig.
Und: Nach Angaben der UNO wurden seit Oktober 2023 mehr als 1100 Palästinenser:innen im besetzten Westjordanland von israelischen Streitkräften oder Siedler:innen getötet. Von diesen Siedler:innen gibt es mehr als 500 000, die illegal im Westjordanland leben. Sie sind zusammen mit den israelischen Besatzungstruppen für mehr als 14000 Angriffe im besetzten Westjordanland verantwortlich.

Eine Farce
Eine starke und emotionale Rede hielt vor der Demo auf dem Ni-una-Menos-Platz (Helvetiaplatz) im Zürcher Kreis 4 der Genosse der Kommunistischen Jugend (KJ). «Obwohl es zu erwarten war, wurde aus dem Waffenstillstand, der im Oktober 2025 angekündigt wurde, nichts weiter als eine Farce», brachte er die Situation auf den Punkt. Und weiter: «Seit Beginn dieser Farce im Oktober 2025 wurden mehr als 1400 Tote und 5000 Verletzte in Gaza gezählt.»
Diese Zahlen werden durch eine gemeinsame Erklärung von mehr als 100 humanitären Organisationen und Menschenrechtsorganisationen vom 9.Oktober 2026 untermauert. Darin halten unter anderem Amnesty International, Oxfam und Save the Children fest, dass der «Waffenstillstand nur dem Namen nach» existiere. «Ein Waffenstillstand ist bedeutungslos, wenn weiterhin Kinder getötet werden und Familien ihr Leben nicht wieder aufbauen können», erklärt Inger Ashing, Geschäftsführerin von Save the Children. Seit der Ankündigung des Waffenstillstands sei beinahe jeden Tag ein Kind getötet worden. Die Organisationen kritisieren zudem, dass die israelischen Beschränkungen für humanitäre Hilfe sowie für die Einfuhr von Ausrüstung und Baumaterial den Wiederaufbau verhindern.

Die Komplizenschaft der Schweiz
Der Aktivist der KJ ging in seiner Rede auch auf die Rolle der Schweiz ein: «Seit Oktober 2023 bis März 2025 wurden Schweizer Dual-Use-Güter und spezifische Militärgüter im Wert von über 24 Millionen Franken nach Israel exportiert.» Dies ergab eine Recherche des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS vom März 2026, die Exportbewilligungen bis März 2025 untersuchte.
Schweizer Unternehmen unterhalten zudem Geschäftsbeziehungen zu israelischen Firmen wie Israel Chemicals, dem verschiedene Nichtregierungsorganisationen vorwerfen, weissen Phosphor für militärische Zwecke herzustellen. So lieferte der Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer Ventile nach Israel, unter anderem an Israel Chemicals. Laut Human Rights Watch setzte die israelische Armee im Oktober 2023 sowohl im Gazastreifen als auch im Libanon weissen Phosphor ein. Aufgrund seiner Brandwirkung verursacht weisser Phosphor schmerzhafte und tiefe Verbrennungen bis auf die Knochen sowie Schäden an den Atemwegen und kann zu Organversagen führen.
Die schweizerische Komplizenschaft zeigt sich beispielhaft auch in den Investitionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Wie eine Recherche von SRF vom September 2025 aufzeigte, hält die SNB Aktien von Unternehmen, die wegen ihrer Beteiligung an Israels Kriegführung in Gaza international in der Kritik stehen. Dazu zählen der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems und der US-Konzern Caterpillar, dessen Bulldozer von der israelischen Armee zur Zerstörung palästinensischer Häuser und Infrastruktur eingesetzt werden. Im ersten Quartal 2026 erhöhte die SNB ihren Bestand an Elbit-Aktien sogar um rund 23000 Stück. Ende Juni 2026 hielt sie 100227 Aktien im Wert von rund 76 Millionen Dollar. Innerhalb eines Jahres hatte sich der Marktwert ihrer Beteiligung damit verdoppelt. Ein erheblicher Teil dieses Anstiegs ist auf den gestiegenen Aktienkurs zurückzuführen – womit auch die Rolle des kapitalistischen Systems am Genozid in Gaza eindrücklich erklärt wird.

Weiterkämpfen!
Und so kam der Genosse der KJ, der für seine Rede grossen Applaus und viel Zustimmung erhielt, zu einem eindeutigen Schluss: «Es ist eine Schande, dass nach drei Jahren Genozid der genozidale Staat Israel immer noch nicht eingedämmt wurde. Dass dieser Staat immer noch jeden Tag Palästinenser:innen tötet, dass die Schweiz und die westlichen Länder dieses Regime nicht verurteilen, sondern bedingungslos unterstützen.» Er schloss mit den Worten: «Wir kämpfen weiter! Free Palestine!»

Nichts Neues aus Tel Aviv

dom. Auf den Dächern von Tel Aviv erzählen IDF-Soldat:innen, wie sie in Gaza gerechnet und getötet haben: Ziele, von KI markiert, nur wenige Sekunden geprüft, töten, Feierabend um fünf. Neu ist davon wenig – doch genau das macht den Dokumentarfilm «NAZA» so schwer zu ertragen.

Es geht um den Genozid in Gaza – doch abgesehen von den letzten Minuten sehen wir nur schwarze Silhouetten, Strassen, Verkehr, Hochhäuser. Gelegentlich späht die Kamera ins Innere von Wohnungen, zeigt Menschen, die fernsehen, essen, schlafen. Der Sound: Gerede, Grossstadt, Gehupe, ab und zu Sirenen. Das ist die Kulisse, vor der Soldat:innen und Elite-Einheiten der IDF von ihren Taten berichten, den Genozid in Gaza beschreiben. Gespräche mit Massenmördern auf den Dächern des nächtlichen Tel Aviv – das ist «NAZA», der jüngste Film von Yuval Abraham und Rachel Szor.

Wo ist der Skandal?
Netanjahu droht, allen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, welche die IDF diffamieren. Kulturminister Miki Zohar spricht von Verrat und will alle, die im Film reden, vor Gericht bringen. Doch was ist eigentlich das Skandalöse an diesem Film? Das gezielte Töten per Knopfdruck, der weitreichende Einsatz von KI, die kalte Kalkulation, die Entmenschlichung, der Mord an Familien, Kindern, Tausenden, Zehntausenden? Wer die letzten drei Jahre nicht hinter dem Mond gelebt hat, dürfte sich während dieser Dokumentation auch denken: Das weiss ich doch schon alles. Aber vielleicht ist genau das der Skandal? Dass die Welt zur stillen Zuschauerin eines Genozids geworden ist?
Abraham selbst hat das Ganze bereits aufgeschrieben. Im April 2024 veröffentlichte er im «+972 Magazine» und bei «Local Call» die Recherche zu «Lavender». Gestützt auf Aussagen von Geheimdienstoffizieren beschrieb er ein KI-System, das rund 37 000 Palästinenser als mutmassliche Kämpfer markierte – die Fehlerquote lag bei rund zehn Prozent. Zwanzig Sekunden blieben pro Ziel für die «Prüfung», die darin bestand, festzustellen, ob die markierte Person ein Mann war.
Ein zweites System namens «Where‘s Daddy?» verfolgte die Zielperson und schlug Alarm, sobald diese ihr Zuhause betrat. Dann wurde bombardiert, auch bei Anwesenheit von Familie, Angehörigen oder Freunden. Für einen einfachen Kämpfer durften 15 bis 20 Zivi-list:innen mitgetötet werden, für einen Kommandanten über hundert. Daher hat der Film auch seinen Namen – «NAZA», die Abkürzung der IDF für Kollateralschaden.

Was kann die Form?
Das alles ist bekannt, wurde weltweit zitiert – und blieb folgenlos. «NAZA» ist weniger Enthüllung als Zeugnis einer Enthüllung, die nichts bewirkt hat. Abraham erzählt uns den Horror ein zweites Mal, diesmal als Film, in den Worten der Täter:innen. Was der Film dem Text voraus hat, ist die Form – und die trägt unverkennbar die Handschrift von Jonathan Glazer, der als Produzent mitwirkte. Vieles erinnert an «The Zone of Interest», wo Glazer den Alltag des Lagerkommandanten Rudolf Höss porträtierte, der Tür an Tür zur Hölle wohnte, die er selbst entfesselte. Das ist kein Holocaust-Vergleich, sondern eine Frage des künstlerischen Handwerks: Wie zeigt man Täter:innen, ohne die Tat zu zeigen. Beide Male bleibt das Grauen hinter der Mauer, jenseits des Iron Dome, im Kopf, im Off, im Ton.
In Tel Aviv herrscht Alltag. Nur die bedrückende Tonspur, das Rauschen, das gelegentliche Abfangen einer Rakete erinnert an den permanenten Ausnahmezustand. Gaza ist nur 60 Kilometer entfernt, derselbe Strand, dieselbe Küste – doch kaum etwas erinnert an das Andere, an das Leid an der Grenze der eigenen Welt. Mitten in dieser Festung, lässt die Regie ihr anonymisiertes, entstelltes, unnahbares Gegenüber skizzieren, wie sie vorgegangen sind, wie sie gerechnet und getötet haben – also kritzeln sie, Stift auf Papier: Wohnblöcke, Stockwerke, Tabellen, Bedienoberflächen. Nichts davon ist anschaulich, nichts davon ist echt. Besser liesse sich die Abstraktion des Tötens, der Opfer kaum darstellen.

Wie wird ein Mensch zum Monster?
Die IDF beruft sich auf Verteidigung, Pflicht, Technik – und spricht im selben Atemzug von Rausch und Freude. Die einen klicken sich durch Tabellen, die anderen ballern herum wie im Egoshooter. Die Palästinenser:innen sind ihnen Feinde, das Böse, Schuldige, eine Gefahr, was zum Ersticken, sagt der eine, eine Zahl, ein Kollateralschaden, ein Spiel, eine Freude. Das passt alles nicht wirklich zusammen, und es muss auch nicht: Der Widerspruch ist real. Der Genozid zerreisst auch die, die ihn verüben, untereinander und innerlich. Wer seine Opfer entmenschlicht, wird selbst zum Unmenschen.
Es bleibt ein unerträglicher Rest: Hirnwäsche, Rausch und Routine erklären, wie man es aushält, nicht, warum man es tut. Sie alle, die da reden, teils auch hinterfragen, haben geklickt, geschossen – wie konnte es so weit kommen? Hat sich was zwischen Täter:in und Opfer geschoben, zwischen die hochgerüstete Hi-Tech-Festung und Trümmerfeld? In «The Zone of Interest» waren es der Auftrag, die Technik, die kühle Ratio – hier die KI? Töten vom Büro aus, um fünf Uhr Feierabend, dann mit Freunden essen gehen.

Wer profitiert?
Nur: Wer ist «die KI»? Beinah erscheint sie in «NAZA» als eigenständige Akteurin: Sie markiert, sie schlägt vor, sie entscheidet. In Wahrheit hat natürlich nicht die KI entschieden. Dass zehn Prozent Fehlerquote hinnehmbar sind, hat keine Maschine beschlossen. Dass zwanzig Sekunden genügen, damit ein Mann im Kreis seiner Familie zum Ziel wird, dass auf einen Kämpfer zwanzig Tote kommen dürfen – das sind Befehle, nicht Berechnungen. Die Maschine liefert Ziele in dem Tempo, das der politische Wille verlangt.
Die KI ist ein Produktionsmittel – in diesem Fall Vernichtungsmittel – in den Händen jenes Tech-Kapitals, das eng mit dem Sicherheitsstaat verschränkt ist und für das der Krieg Absatzmarkt und Testgelände ist. Google und Amazon stellen dem israelischen Staat seit 2021 für 1,2 Milliarden Dollar die Cloud («Project Nimbus») bereit. Der Chef der nationalen Cyberbehörde schwärmte im Februar 2024, dank Nimbus geschehen «phänomenale Dinge» im Gefecht. Auf Microsoft-Servern lagerte der Geheimdienst Tausende Mitschnitte von Telefonaten aus Palästina. Nach der Enthüllung sperrte Microsoft im September 2025 einen Teil der Dienste. Die Soldat:innen bedienen die Oberfläche, das Betriebssystem liefert das Silicon Valley – und verdient daran.

Und was jetzt?
Die Microsoft-Recherche stammt übrigens von Abraham selbst, gemeinsam mit dem «Guardian», der «NAZA» mitproduziert hat. Die Filmemacher wissen also sehr genau, wer die Werkzeuge liefert. Im Film fehlt dieser Gedanke. Glazer lässt das Grauen im Off und holt die Täter:innen ins Bild. Im Off bleiben aber auch jene, die nie auf einem Dach in Tel Aviv sitzen werden: jene, die an der US-amerikanischen Westküste die Gewinne einfahren. Wer nur die befragt, die den Knopf drücken, bekommt eine Psychologie des Tötens, keine politische Ökonomie. «NAZA» zeigt eindringlich, wie getötet wird. Wem das Töten nützt, zeigt er nicht.
Erst in den letzten Minuten zeigt «NAZA» die Trümmer, die Opfer, verzweifelte Menschen, verschüttete Kinder. Und wir? Wir Zuschauer:innen? Wir haben es alle gesehen, während Monaten, auf unseren Handybildschirmen, und sitzen nun im Kino, betroffen und so ratlos wie seit drei Jahren. Die grösste Schwäche des Films ist sein Publikum. Sein stärkstes Bild gilt auch für uns: der Alltag, der weiterläuft, Tür an Tür mit der Vernichtung, Grauen als Hintergrundgeräusch. Tel Aviv liegt 60 Kilometer von Gaza entfernt, wir ein paar tausend – na und?

Kritik zum Schweigen bringen

Die Antamina-Mine ist eine der grössten Tagebauminen der Welt. Auf 4300 Metern über Meer reisst sie ein riesiges Loch in die Berge. Seit 2001 wird hier Zink und Kupfer, aber auch Molybdän, Silber und Blei abgebaut. Bild: zVg

lmt. Glencore lässt die Verteilung von Flugblättern vorläufig gerichtlich stoppen. Der Fall zeigt, wie leicht sich wirtschaftliche Interessen über Grenzen hinweg organisieren lassen und wie schwierig es bleibt, Verantwortung dafür einzufordern.

600 000 Flugblätter sind gedruckt. Fast 2000 Freiwillige stehen bereit, sie in der Schweiz zu verteilen.

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Die Blase weiter aufpumpen

flo. Ein breiter Schulterschluss im Parlament verlangt, dass für den kommenden «AI Summit» in Genf mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, um Konzernchefs anzulocken. Ob ein grösserer und teurerer Gipfel für mehr Regulierung sorgt, darf man bezweifeln.

Am 21. und 22.Juni 2027 ist Genf Gastgeberin für den fünften grossen internationalen Gipfel zum
Thema «Künstliche Intelligenz» (KI).

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Wer hat Zeit für Care?

lmt. Über 130 Feminist:innen aus der ganzen Schweiz haben am 3.Oktober in Lausanne die Forderungen für den nationalen Care-Streik vom 14.Juni 2027 festgelegt. Im Zentrum stehen eine massive Verkürzung der Lohnarbeitszeit und die kollektive Verantwortung für unbezahlte Care-Arbeit.

Weshalb bleibt ausgerechnet jene Arbeit, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde, so oft unsichtbar? Und weshalb fehlt den Menschen, die sie leisten, häufig die Zeit für das eigene Leben?

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Faire Suche nach geeigneten Fachkräften?

sah. CareFair ist eine Schweizer Jobmesse für Gesundheitsberufe. Sie findet im Oktober 2026 in Zürich statt. Hier präsentieren sich die «vielseitigen» Arbeitgeber der Gesundheitsbranche. Doch was heisst hier «fair» genau?

Bereits zum fünften Mal findet die CareFair während der IFAS (Fachmesse für den Gesundheitsmarkt) statt.

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Die Bilateralen III

dom. Die Linke holt beim Lohnschutz einen Symbolsieg, muss dafür Zuwanderungsabgabe, gelockerte Kaution und eingeschränktes Aufenthaltsrecht hinnehmen. Und am Ende baut der Rat mit dem Ständemehr die konservative Bremse ein. Eine Zwischenbilanz.

Als Mammut-Debatte wurde sie bezeichnet, die dreitägige Auseinandersetzung des Ständerats mit den Bilateralen III. Und tatsächlich: Der Kampf um die neuen EU-Verträge war lang und intensiv, vor allem aber wurde er an mehreren Fronten geführt: Lohnschutz, Aufenthaltsrecht, Zuwanderungsabgabe. Und über alldem stand die Frage nach dem Ständemehr.
Zum Auftakt sah es gut aus für das Paket. Mit 29 zu 15 Stimmen trat der Ständerat auf die Vorlage ein. Geschlossen dafür stimmten SP, Grüne und GLP, dazu die Mehrheit der Mitte und der FDP. Dagegen stimmten geschlossen die SVP-Ständerät:innen, dazu je vier Abweichler:innen aus Mitte und FDP.
Das bildet die beiden Standortstrategien ab, die zurzeit um die Positionierung der Schweiz in der sich neu bildenden Weltordnung konkurrieren: Hier der gesicherte Zugang zum EU-Markt bei institutioneller Anbindung an Brüssel, dort grösstmögliche Souveränität und Flexibilität nach allen Seiten. Letztere Strategie wird von der SVP verfolgt, zur ersten haben vor allem das EU-fokussierte Exportkapital und die zeitengewendete Linke zusammengefunden.

Nur ein symbolischer Sieg?
Gewerkschaften und SP zogen beim Lohnschutz ihre rote Linie. Ohne die ausgehandelten Massnahmen hätten sie das Paket nicht mitgetragen. Umstritten war vor allem Massnahme 14, der verbesserte Kündigungsschutz für Personalvertreter:innen. Die vorberatende Kommission wollte ihn noch streichen, doch der Rat hielt mit 26 zu 19 Stimmen daran fest.
Das Gewerbe tobte, die Massnahme habe mit den EU-Verträgen nichts zu tun. Doch die Aufregung ist übertrieben. Der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) Pierre-Yves Maillard sagt es selbst: Der Kündigungsschutz «kostet nichts, aber er ist ein wichtiges symbolisches Zeichen». Die Massnahme gilt nur in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten und betrifft mit einigen Tausend Personen nur einen winzigen Teil der Arbeiter:innen. Das ist ein Erfolg, aber ein symbolischer.
Handfester ging es bei anderen Fragen zu: In der Schutzklausel, der Notbremse im Freizügigkeitsabkommen, mit der die Schweiz die Zuwanderung einseitig begrenzen kann, verankerte der Ständerat eine Zuwanderungsabgabe. Greift sie, sollen Unternehmen künftig mindestens 4000 Franken pro EU-Arbeitskraft zahlen. Auf dem Papier zahlen die Unternehmen, in Wahrheit die Arbeiter:innen. Zurecht warnt der SGB, die Massnahme führe zu mehr Schwarzarbeit, prekären Jobs und Lohndruck, also genau dem, was der Lohnschutz verhindern soll.

Wovon kaum jemand spricht
Doch das ist nur die eine Front, an der die Linke zurückweicht. Mit den neuen Verträgen wird die Kautionspflicht abgeschwächt, eine zentrale Forderung der EU. EU-Firmen müssen künftig erst nach einem Verstoss eine Kaution hinterlegen. Als Ausgleich hiess der Ständerat verstärkte Kontrollen gut – dennoch verliert der Lohnschutz eines seiner Instrumente gegen Lohndumping.
Weiter schloss der Ständerat mit 22 zu 19 Stimmen Sozialhilfebeziehende vom Daueraufenthaltsrecht aus. Bundesrat Beat Jans warnte vergeblich, ein solcher Ausschluss sei nicht mit der Personenfreizügigkeit vereinbar. Treffen wird das jene, die nach Jobverlust, Krankheit oder in prekären Jobs auf Unterstützung angewiesen sind – Freizügigkeit gilt, wo sie nützlich ist.
Eine weitere, bedeutende Frage stand nicht mal auf der Traktandenliste: Das Stromabkommen soll den Strommarkt liberalisieren, bedeutet also einen Eingriff in die Grundversorgung. Die Frage wurde auf den Winter verschoben und soll von der ersten Abstimmung abgekoppelt werden. Dem SGB kommt das gelegen. Er lehnt das Stromabkommen ab, weil es «den bewährten Service public in der Stromversorgung aufheben» würde.

Das Ständemehr: die konservative Bremse
Aber eigentlich waren ja die ersten Tage sowieso nur Vorgeplänkel. Alle warteten auf den Entscheid am Mittwochabend zum Ständemehr. Das Resultat dürfte den Befürworter:innen der Bilateralen III Sorgen bereiten: Mit 23 zu 17 Stimmen bei drei Enthaltungen verlangt der Ständerat, dass die Verträge Volk und Ständen vorgelegt werden. SP-Ständerat Carlo Sommaruga benannte, worum es geht: «Die Politisierung dieser juristischen Frage ist der direkteste Angriff auf das Paket». Laut SGB zählt eine Stimme in Glarus oder Uri rund 36-mal mehr als eine in Zürich. Für die EU-Verträge dürften laut NZZ-Schätzung rund 55 Prozent Ja-Stimmen nötig sein statt einer einfachen Mehrheit. Wie wirksam das Ständemehr, die konservative Bremse der Schweizer Demokratie, ist, zeigen frühere Abstimmungen: Die Konzernverantwortungsinitiative fand 2020 eine Volksmehrheit und scheiterte an den Ständen. Der Familienartikel scheiterte 2013 trotz 54 Prozent Ja-Stimmen.

Wie es weitergeht
Das Paket geht nun in den Nationalrat, entschieden wird voraussichtlich in der kommenden Wintersession. Die Befürworter:innen machen Druck: Sie wollen die Abstimmung im Juni 2027, damit das heisse Thema vor den Wahlen im Herbst durch ist. Dafür müssten sich die Räte allerdings noch vor Ende des Jahres einigen – ob das gelingt, darf bezweifelt werden. Beharrt der Ständerat auf dem Ständemehr und der Nationalrat auf dem Volksmehr, droht das ganze Paket zu scheitern, noch bevor das Volk etwas zu sagen hat.
Kommt es mit Ständemehr an die Urne, muss die Linke eine Vorlage verteidigen, die an vielen Stellen verwässert wurde, und das unter verschärften Bedingungen. Für die Linke ist das die eigentliche Bilanz der Session. Sie hat sich an eine Standortstrategie des Kapitals gebunden und nimmt dafür Verschärfungen bei Zuwanderung, Aufenthaltsrecht und Durchsetzung des Lohnschutzes in Kauf. Möglicherweise hat sie das umsonst getan.

Im Gedenken an Genosse Norberto Crivelli

sit. Am 28.September erreichte uns die traurige Nachricht vom Tod des Genossen Norberto Crivelli. Mit dem ehemaligen Präsidenten der Partei der Arbeit der Schweiz verlässt uns eine Persönlichkeit, die die Geschichte der Kommunist:innen der Schweiz in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt hat. Ein Nachruf.

Es sind gut 200 Personen, die an diesem Freitagmorgen des 2.Oktobers dem Leichenwagen mit dem Sarg des Genossen Norberto Crivelli zur Zeremonienstätte innerhalb des Friedhofs in Lugano folgen. Auf seinem Sarg liegt die Fahne des Partito Operaio e Popolare (POP), der Tessiner Sektion der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS). Als der Wagen vor der Abdankungsstätte hält, erklingen die Töne von «Bella ciao». Seine Ehefrau und Genossin Sonja Crivelli, der Ehemann der Zwillingsschwester von Norberto sowie der aktuelle Parteisekretär des POP, Gianfranco Cavalli, verabschieden sich mit bewegenden Worten vom Genossen. Dazwischen erklingt ein Lied von Edith Piaf, das spanische Kampflied «El pueblo unido jamás será vencido» und zum Schluss die Internationale. Es gab viele emotionale Momente an der Beerdigung des Genossen Norberto, die einem in Erinnerung bleiben werden – ebenso wie Norberto selbst als vorbildlicher Genosse und Mensch.

Keine Aufgabe zu schade
«Ich bin der Chauffeur und der Koch der Partei», erklärte mir mal Norbe, wie ihn seine Tessiner Genos-s:innen nannten. Es war zu jener Zeit, als seine Ehefrau und Genossin Sonja gemeinsam mit Alain Bringolf aus Neuenburg und Anjuska Weil aus Zürich das Präsidium PdAS bildeten. Norberto begleitete Sonja einmal im Monat an die Sitzung nach Zürich. Und während das Parteipräsidium tagte, kochte er für die drei Genoss:innen – und räumte dann alles auf.
Ich erinnere mich aus zwei Gründen sehr gut an den Moment, als er mir das sagte: Erstens, weil die Vorstellung, dass die PdAS einen Koch und Chauffeur hat, sehr lustig ist. Aber vor allem, weil Norberto es ohne Sarkasmus, ja gar mit einem gewissen Stolz in seiner Stimme und in seinem Gesichtsausdruck sagte. Die Geschichte mit dem Koch und Chauffeur steht sinnbildlich für die Person Norberto – und für seine Hinterlassenschaft: Keine Aufgabe war ihm zu viel oder zu schade, wenn sie der Partei diente.

«Die Barbarei haben wir täglich vor den Augen»
So auch an der Sitzung der Parteileitung Mitte 2009. Die damalige Präsidentin der PdAS, Nelly Buntschu, musste aus familiären Gründen zurücktreten. Als es um deren Nachfolge ging, schauten alle Norberto an. Und ich sagte ihm: «Compagno, credo proprio che tocchi a te» (Genosse, ich glaube wirklich, dass du an der Reihe bist).
Norberto übernahm die Verantwortung. «Ich habe das Amt vor allem aus einem Pflichtgefühl übernommen, um in der Partei Schwierigkeiten zu vermeiden, denn es war nie meine Absicht oder mein Ziel, Präsident der PdAS zu werden», erklärte er in einem Interview mit dieser Zeitung im September 2009. Und er fügte hinzu: «Aber damit ich nicht missverstanden werde: Ich freue mich sehr auf die Aufgaben als Präsident der Partei.» Im selben Interview hielt er fest: «Wir müssen den Mut haben, wieder über Sozialismus und Kommunismus zu reden. Und zwar als Ziele, die es zu erreichen gilt. Denn – vielleicht heute mehr denn je – trifft die Aussage ‹Sozialismus oder Barbarei› den Kern der Wahrheit. Die Barbarei haben wir täglich vor den Augen. Daher müssen wir für den Sozialismus kämpfen.»

Seit 1992 im Gemeinderat
Norberto blieb bis 2013 Präsident der PdAS. Bevor er das Amt des Präsidenten übernahm, war er bereits seit gut 20 Jahren Mitglied der Parteileitung. Seine politische Biografie beginnt Ende der 1960er-Jahre in der Studierendenbewegung in Locarno und Genf. In den 1970er-Jahren politisierte Norberto im Partito Socialista Autonomo im Tessin. Von 1987 bis 1994 war er politischer Sekretär der Tessiner Sektion der PdAS und auch bei der Parteizeitung «Il lavoratore» stark engagiert. Und – wie könnte es anders sein? – Norbe war auch eine unermüdliche kritische Stimme auf lokaler Ebene: Er gehörte von 1992 bis zu seinem Tod dem Gemeinderat von Sorengo an. Im Jahr 2024 amtierte er als Präsident des Gemeinderats.
Zu all dem kommt hinzu: Ab 2007 war Norberto Mitglied des Exekutivbüros der Europäischen Linkspartei (ELP). Er vertrat dort die PdAS und engagierte sich auch innerhalb der ELP. «Über Jahrzehnte hinweg war Norberto eine Seele der Partei: immer präsent, und er verstand es, die kommunistische Identität auch in den schwierigsten Momenten unserer Geschichte hochzuhalten», sagte POP-Sekretär Gianfranco Cavalli in seiner Abschiedsrede bei der Abdankung.

Nichts zu bereuen
Norberto war mit Herzblut Politiker und genauso Familienmensch. Gemeinsam mit Sonja hatte er zwei Töchter. Ich erinnere mich an eine Sitzung, an der Norberto es eilig zu haben schien. Das war sonst nie der Fall – eher das Gegenteil. So erzählte Norberto auch während der Sitzungen der Parteileitung gerne Geschichten. Alle sehr spannend, teilweise wurden dadurch die Sitzungen aber doch länger als geplant. So fragte ich Norberto, ob er es heute eilig habe, wieder nach Hause zu kommen. «Ja, habe ich», antwortete er, «ich weiss nicht, wie ich es sagen soll, weil ich es wohl selbst noch nicht so richtig begriffen habe.» Er hielt kurz inne und liess dann die Katze aus dem Sack: «Meine älteste Tochter wird heute 40.» Man merkte, wie er kurz diese 40 Jahre vor seinem inneren Auge Revue passieren liess. Um dann mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu sagen: «Machen wir weiter, Genoss:innen.»
Einige Wochen vor seinem Hinschied sagte Norberto zu Sonja ohne jede Resignation: In diesem Leben voller Kämpfe hätten sie beide vielleicht nur wenige davon gewonnen. Aber ganz sicher gäbe es nichts zu bereuen, weil sie eben so viel gekämpft haben. Norberto tat es bis zum Schluss – und nie aus persönlichem Ehrgeiz. So unterstrich POP-Sekretär Gianfranco Cavalli in seiner Abschiedsrede zu Recht: «Norberto war und bleibt in unserer Geschichte ein grundlegender Pfeiler für die Existenz unserer Partei und für die Geschichte der Kommunist:innen in der Schweiz.»

Grazie compagno
Norberto wird in unserem Herzen und in unseren täglichen Kämpfen gegen die Ungerechtigkeiten jenes monströsen kapitalistischen Systems weiterleben, dem er sich ein ganzes Leben lang widersetzt hat. Denn wie sagte Genosse Norbe: «Die Barbareien haben wir täglich vor Augen. Daher müssen wir für den Sozialismus kämpfen.» Ruhe in Frieden … und grazie di tutto compagno Crivelli!

«Free pussy» – oder: Wessen Zukunft zählt?

lmt. Wenn sexualisierte Gewalt öffentlich wird, richtet sich der Blick erstaunlich schnell auf die Zukunft der Männer. Der Fall Jane Doe zeigt, wie Rape Culture Täter schützt, lange bevor ein Gericht über Schuld entscheidet.

«Free pussy.» Zwei Worte, geschrieben in einen Snapchat-Chat der Studentenverbindung Chi Phi an der Cornell University in New York.

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Mama 13-23

sah. Bis zur 23.Schwangerschaftswoche gibt es in der Schweiz eine rechtliche Lücke beim Mutterschutz. Diese gilt es zu schliessen. Eine Petition fordert deshalb, die Mutterschaft nach einer Fehl- oder Totgeburt rechtlich anzuerkennen und die betroffenen Frauen entsprechend zu schützen.

Eine Unterzeichnerin der Petition «Mama 13-23» schreibt als Kommentar: «Ich habe im März 2024 in der 13.Schwangerschaftswoche mein Kind verloren.»

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Die F-35-Saga geht weiter

flo. Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) kommt nicht zur Ruhe. Nun machen Geschäfte mit einer Zürcher Anwaltskanzlei Schlagzeilen. Der Fall macht die Verschmelzung von Bürokratie, Bundesexekutive, Spitzenkanzleien und Industrie sichtbar.

Jetzt sollten langsam alle Ebenen des Scheiterns in Sachen F-35 abgehakt sein:

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Der Historische Kompromiss und die Ermordung

Gerhard Feldbauer / sit. Vor 110 Jahren wurde der spätere christdemokratische Parteiführer Italiens Aldo Moro geboren. Gegen die Gefahr einer faschistischen Machtergreifung schloss er Ende der 1970er-Jahre ein Bündnis mit den Kommunist:innen. Er bezahlte mit seinem Tod.

Am 16.September 1916 wurde der spätere Führer der Christdemokratischen Partei Italiens (Democrazia Cristiana, DC) Aldo Moro geboren.

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