Nichts Neues aus Tel Aviv
dom. Auf den Dächern von Tel Aviv erzählen IDF-Soldat:innen, wie sie in Gaza gerechnet und getötet haben: Ziele, von KI markiert, nur wenige Sekunden geprüft, töten, Feierabend um fünf. Neu ist davon wenig – doch genau das macht den Dokumentarfilm «NAZA» so schwer zu ertragen.
Es geht um den Genozid in Gaza – doch abgesehen von den letzten Minuten sehen wir nur schwarze Silhouetten, Strassen, Verkehr, Hochhäuser. Gelegentlich späht die Kamera ins Innere von Wohnungen, zeigt Menschen, die fernsehen, essen, schlafen. Der Sound: Gerede, Grossstadt, Gehupe, ab und zu Sirenen. Das ist die Kulisse, vor der Soldat:innen und Elite-Einheiten der IDF von ihren Taten berichten, den Genozid in Gaza beschreiben. Gespräche mit Massenmördern auf den Dächern des nächtlichen Tel Aviv – das ist «NAZA», der jüngste Film von Yuval Abraham und Rachel Szor.
Wo ist der Skandal?
Netanjahu droht, allen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, welche die IDF diffamieren. Kulturminister Miki Zohar spricht von Verrat und will alle, die im Film reden, vor Gericht bringen. Doch was ist eigentlich das Skandalöse an diesem Film? Das gezielte Töten per Knopfdruck, der weitreichende Einsatz von KI, die kalte Kalkulation, die Entmenschlichung, der Mord an Familien, Kindern, Tausenden, Zehntausenden? Wer die letzten drei Jahre nicht hinter dem Mond gelebt hat, dürfte sich während dieser Dokumentation auch denken: Das weiss ich doch schon alles. Aber vielleicht ist genau das der Skandal? Dass die Welt zur stillen Zuschauerin eines Genozids geworden ist?
Abraham selbst hat das Ganze bereits aufgeschrieben. Im April 2024 veröffentlichte er im «+972 Magazine» und bei «Local Call» die Recherche zu «Lavender». Gestützt auf Aussagen von Geheimdienstoffizieren beschrieb er ein KI-System, das rund 37 000 Palästinenser als mutmassliche Kämpfer markierte – die Fehlerquote lag bei rund zehn Prozent. Zwanzig Sekunden blieben pro Ziel für die «Prüfung», die darin bestand, festzustellen, ob die markierte Person ein Mann war.
Ein zweites System namens «Where‘s Daddy?» verfolgte die Zielperson und schlug Alarm, sobald diese ihr Zuhause betrat. Dann wurde bombardiert, auch bei Anwesenheit von Familie, Angehörigen oder Freunden. Für einen einfachen Kämpfer durften 15 bis 20 Zivi-list:innen mitgetötet werden, für einen Kommandanten über hundert. Daher hat der Film auch seinen Namen – «NAZA», die Abkürzung der IDF für Kollateralschaden.
Was kann die Form?
Das alles ist bekannt, wurde weltweit zitiert – und blieb folgenlos. «NAZA» ist weniger Enthüllung als Zeugnis einer Enthüllung, die nichts bewirkt hat. Abraham erzählt uns den Horror ein zweites Mal, diesmal als Film, in den Worten der Täter:innen. Was der Film dem Text voraus hat, ist die Form – und die trägt unverkennbar die Handschrift von Jonathan Glazer, der als Produzent mitwirkte. Vieles erinnert an «The Zone of Interest», wo Glazer den Alltag des Lagerkommandanten Rudolf Höss porträtierte, der Tür an Tür zur Hölle wohnte, die er selbst entfesselte. Das ist kein Holocaust-Vergleich, sondern eine Frage des künstlerischen Handwerks: Wie zeigt man Täter:innen, ohne die Tat zu zeigen. Beide Male bleibt das Grauen hinter der Mauer, jenseits des Iron Dome, im Kopf, im Off, im Ton.
In Tel Aviv herrscht Alltag. Nur die bedrückende Tonspur, das Rauschen, das gelegentliche Abfangen einer Rakete erinnert an den permanenten Ausnahmezustand. Gaza ist nur 60 Kilometer entfernt, derselbe Strand, dieselbe Küste – doch kaum etwas erinnert an das Andere, an das Leid an der Grenze der eigenen Welt. Mitten in dieser Festung, lässt die Regie ihr anonymisiertes, entstelltes, unnahbares Gegenüber skizzieren, wie sie vorgegangen sind, wie sie gerechnet und getötet haben – also kritzeln sie, Stift auf Papier: Wohnblöcke, Stockwerke, Tabellen, Bedienoberflächen. Nichts davon ist anschaulich, nichts davon ist echt. Besser liesse sich die Abstraktion des Tötens, der Opfer kaum darstellen.
Wie wird ein Mensch zum Monster?
Die IDF beruft sich auf Verteidigung, Pflicht, Technik – und spricht im selben Atemzug von Rausch und Freude. Die einen klicken sich durch Tabellen, die anderen ballern herum wie im Egoshooter. Die Palästinenser:innen sind ihnen Feinde, das Böse, Schuldige, eine Gefahr, was zum Ersticken, sagt der eine, eine Zahl, ein Kollateralschaden, ein Spiel, eine Freude. Das passt alles nicht wirklich zusammen, und es muss auch nicht: Der Widerspruch ist real. Der Genozid zerreisst auch die, die ihn verüben, untereinander und innerlich. Wer seine Opfer entmenschlicht, wird selbst zum Unmenschen.
Es bleibt ein unerträglicher Rest: Hirnwäsche, Rausch und Routine erklären, wie man es aushält, nicht, warum man es tut. Sie alle, die da reden, teils auch hinterfragen, haben geklickt, geschossen – wie konnte es so weit kommen? Hat sich was zwischen Täter:in und Opfer geschoben, zwischen die hochgerüstete Hi-Tech-Festung und Trümmerfeld? In «The Zone of Interest» waren es der Auftrag, die Technik, die kühle Ratio – hier die KI? Töten vom Büro aus, um fünf Uhr Feierabend, dann mit Freunden essen gehen.
Wer profitiert?
Nur: Wer ist «die KI»? Beinah erscheint sie in «NAZA» als eigenständige Akteurin: Sie markiert, sie schlägt vor, sie entscheidet. In Wahrheit hat natürlich nicht die KI entschieden. Dass zehn Prozent Fehlerquote hinnehmbar sind, hat keine Maschine beschlossen. Dass zwanzig Sekunden genügen, damit ein Mann im Kreis seiner Familie zum Ziel wird, dass auf einen Kämpfer zwanzig Tote kommen dürfen – das sind Befehle, nicht Berechnungen. Die Maschine liefert Ziele in dem Tempo, das der politische Wille verlangt.
Die KI ist ein Produktionsmittel – in diesem Fall Vernichtungsmittel – in den Händen jenes Tech-Kapitals, das eng mit dem Sicherheitsstaat verschränkt ist und für das der Krieg Absatzmarkt und Testgelände ist. Google und Amazon stellen dem israelischen Staat seit 2021 für 1,2 Milliarden Dollar die Cloud («Project Nimbus») bereit. Der Chef der nationalen Cyberbehörde schwärmte im Februar 2024, dank Nimbus geschehen «phänomenale Dinge» im Gefecht. Auf Microsoft-Servern lagerte der Geheimdienst Tausende Mitschnitte von Telefonaten aus Palästina. Nach der Enthüllung sperrte Microsoft im September 2025 einen Teil der Dienste. Die Soldat:innen bedienen die Oberfläche, das Betriebssystem liefert das Silicon Valley – und verdient daran.
Und was jetzt?
Die Microsoft-Recherche stammt übrigens von Abraham selbst, gemeinsam mit dem «Guardian», der «NAZA» mitproduziert hat. Die Filmemacher wissen also sehr genau, wer die Werkzeuge liefert. Im Film fehlt dieser Gedanke. Glazer lässt das Grauen im Off und holt die Täter:innen ins Bild. Im Off bleiben aber auch jene, die nie auf einem Dach in Tel Aviv sitzen werden: jene, die an der US-amerikanischen Westküste die Gewinne einfahren. Wer nur die befragt, die den Knopf drücken, bekommt eine Psychologie des Tötens, keine politische Ökonomie. «NAZA» zeigt eindringlich, wie getötet wird. Wem das Töten nützt, zeigt er nicht.
Erst in den letzten Minuten zeigt «NAZA» die Trümmer, die Opfer, verzweifelte Menschen, verschüttete Kinder. Und wir? Wir Zuschauer:innen? Wir haben es alle gesehen, während Monaten, auf unseren Handybildschirmen, und sitzen nun im Kino, betroffen und so ratlos wie seit drei Jahren. Die grösste Schwäche des Films ist sein Publikum. Sein stärkstes Bild gilt auch für uns: der Alltag, der weiterläuft, Tür an Tür mit der Vernichtung, Grauen als Hintergrundgeräusch. Tel Aviv liegt 60 Kilometer von Gaza entfernt, wir ein paar tausend – na und?
