Mit Homeoffice rund um die Uhr arbeiten

Stefan Kühner. Viele freuten sich, als sie von der Firma ein neues Smartphon auch für den privaten Gebrauch bekamen. Sie tappten jedoch in eine Falle. Aus der Flexibilität ist nicht die Zeitsouveränität der Beschäftigten entstanden, sondern ihre andauernde Verfügbarkeit. Und jetzt wird die Krise genutzt, um zu testen, was alles «privatisiert» werden kann.

Das was von allen möglichen Seiten als «Neue Arbeit» gepriesen wird, erweist sich als verschärfte Form der Ausbeutung vor allem bei den Kopfarbeiter*innen. Dazu zählen zunächst die Beschäftigten, die bis vor zirka 15 Jahren als «Angestellte» bezeichnet wurden und in «Büros» arbeiteten. Allein in der Digitalindustrie arbeiten nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom 1,3 Millionen Menschen und bei den Entwicklungsdienstleister*innen der Automobilindustrie sind es einige Hunderttausende. Nach Aussagen des Bundesdeutschen Statistischen Amts war 1990 das Verhältnis von Arbeiter*innen und Angestellten noch etwa 50 zu 50 Prozent, 2018 betrug es 75 Prozent Angestellte zu 25 Prozent Arbeiter*innen.

Den Klassencharakter verschleiern
Die Kopfarbeiter*innen unterscheiden sich in ihrer Stellung im Produktionsprozess nicht mehr von den Prolet*innen in der klassischen Produktion. Sie erhalten Arbeitsanweisungen und Terminvorgaben sowie Compliance-Vorgaben. Für die Entscheidung wie sie arbeiten, bleibt wenig Spielraum – auch wenn sich darüber manche noch Illusionen machen. Die Arbeitsplätze der Kopfarbeiter*innen stehen seit Jahren unter grossem Rationalisierungsdruck und sind in Krisenzeiten stärker gefährdet als die Arbeitsplätze in der Produktion. IT-Systeme von Firmen wie SAP oder den CAD-Systemen übernehmen durch «intelligente» Funktionen vor allem Routineaufgaben und Arbeitsschritte, die durch einfache und mittlere Ausbildung geprägt waren. Durch ein immenses Wachstum an Produkten und neuen Formen der Konsumation wurde die Zahl der Arbeitsplätze der Kopfarbeiter*innen auf hohem Niveau aufrechterhalten.
Bei einem Grossteil der in diesen Bereichen Arbeitenden ist das (Klassen-)Bewusstsein allerdings wenig ausgeprägt. Eine jahrzehntelange auf Individualisierung ausgerichtete Bildung und Politik gehören zu den Gründen, dass dies funktioniert. Um diesen Zustand zu erhalten, wird die Propaganda für die «Neue Arbeit» zu einem Begriff, der den Klassencharakter von Arbeit und das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit verschleiert.

Experiment Homeoffice geglückt?
In vielen Unternehmen ist das gelegentliche und regelmässige Arbeiten im Homeoffice zur Normalität geworden. Viele Kopfarbeiter*innen sehen darin einen grossen Vorteil, vor allem dann, wenn sie Kinder oder andere Angehörige betreuen müssen oder weite Wege zu Arbeit haben. Das klingt nach Freiheit und Flexibilität. Die meisten Arbeitgeber*innen gehen auf solche Wünsche ein, ziehen sie daraus doch gewaltige Vorteile: Sie müssen weniger Büroraum, Büronebenkosten und Ausstattungen von Arbeitsplätzen in Rechnung stellen.
Mit der Pandemie wurde Homeoffice von einem Tag zum anderen für Millionen Kopfarbeiter*innen zur Normalarbeit. Die ersten Unternehmen jubeln bereits, wie gut das funktioniert. Angeblich sei aus Sicht der Betroffenen das Experiment Homeoffice geglückt. Wer sich jedoch mit eben diesen Betroffenen von Homeoffice unterhält, erfährt etwas anderes. Die permanenten Telefon- und Videokonferenzen sind bedeutend anstrengender, die Tendenz zu Mehrarbeit hat zugenommen und vor allem fehlt der soziale Kontakt, wie zum Beispiel das kurze Gespräch mit den Kolleg*innen. Der Stress bei Homeoffice bleibt bei den Beschäftigten hängen. Ganze Familien müssen ihren Arbeitsalltag umstellen. Da die Kinder nicht mehr in die Schule gehen können oder die Kleinen nicht mehr in den Kinderhort, haben Homeoffice-Arbeitende während der Pandemie drei Jobs am Hals: Den Brotjob von mindestens acht Stunden, die Kinderbetreuung und den der Lehrer*innen, weil die Schule jetzt zuhause stattfindet. Die Krise wird genutzt, um zu testen, was alles «privatisiert» werden kann. Es wird gewaltige Anstrengungen erfordern, dass dies nicht zum Normalbetrieb wird.

Arbeiten ohne Unterbruch
In Deutschland ging am 6.April 2020 ein Entwurf für eine Bundesverordnung an die Presse, mit der das bisherige Arbeitszeitgesetz ausgehebelt werden soll. Die Höchstarbeitszeit soll nicht nur auf zwölf Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche angehoben, sondern gleichzeitig die Ruhezeiten von elf auf neun Stunden verkürzt werden können. Was vor über hundert Jahren von der Arbeiterbewegung erkämpft wurde, soll im Windschatten der Pandemie offiziell und gesetzlich ausser Kraft gesetzt werden. Die Voraussetzungen dazu wurden durch die Digitaltechnik schon lange geschaffen, jetzt erfolgt der juristische und gesellschaftliche Angriff.
Ein Beispiel dieser digitalen Voraussetzungen: Mobile Geräte erlauben es jederzeit und an jedem Ort, mit anderen zu kommunizieren. Zu diesen «anderen» gehören auch Arbeitgeber*innen und Auf-traggeber*innen, Kund*innen und Geschäftspart-ner*innen. Dafür erhielten viele Kopfarbeiter*innen ein Firmentelefon, das sie auch privat nutzen dürfen. Damit tappten sie oft in eine böse Falle, denn nun müssen sie, wenn die/der Chef*in anruft, den auch abnehmen. Die neue Technik ist das Instrument, um die Feierabendruhe auszuhebeln. Aus der Flexibilität ist nicht die Zeitsouveränität der Beschäftigten entstanden, sondern ihre andauernde Verfügbarkeit, wobei Mehrarbeit nicht vergütet wird. Das Problem der «Arbeit rund um die Uhr» ist ein klassisches Beispiel, wie mit schönen Floskeln wie «Beseitigung eines unzeitgemässen Bürokratismus» bestehende Normen, Regeln und soziale Errungenschaften beseitigt werden.

Jede Minute des Lebens optimal nutzen
Gegen Kohlestaub- und Mehlstauballergien oder Hautallergien bei Friseur*innen wurden im Laufe der Zeit durch gewerkschaftliche Kämpfe Schutzmassnahmen durchgesetzt. Viele Kopfarbeiter*innen sind von stressbedingten, psychosomatischen Erkrankungen betroffen. Die Arbeitgeber*innen weigern sich, diese als Berufskrankheiten anzuerkennen. Hier greift man viel lieber zu anderen Mitteln: Hunderte von Seminaren zur Stressbewältigung werden angeboten, um den stressbedingten Erkrankungen entgegenzuwirken. Die Lösung besteht freilich nicht in einer Strategie, um Überforderung durch zu viel Arbeit und der damit verbundene Stress abzuwehren. «Zuviel Arbeit gibt es nicht, es gibt nur eine falsche Organisation der Arbeit», lautet das Motto der meisten dieser Seminare: Ihr Ziel ist es, Tipps zu vermitteln und einzuüben, wie man die eigene Leistungsfähigkeit steigern kann und die Belastungen besser aushält. «Wichtig dabei ist: Stress empfindet jeder individuell. Was für den einzelnen eine spannende Herausforderung ist, kann für den nächsten schon zu einer wirklichen Stresssituation führen», heisst es seitens eines Schweizer Unternehmens, das dabei helfen will, Stress zu beseitigen.
Damit wird der allgemeine Druck am Arbeitsplatz auf ein rein individuelles Problem reduziert. Die Verantwortung der Unternehmen wird negiert. Zeit- und Selbstmanagement-Skills werden von den Unternehmensführ*innen als Kernkompetenzen des vorbildlichen Arbeitnehmers definiert. Jede Minute soll optimal genutzt werden, um den Anforderungen im Job, in der Familie und mit Freunden gerecht zu werden. Das Ziel: weniger schlafen, produktiver arbeiten. «Der Schlaf ist in der Logik des Kapitalismus etwas Unproduktives, ein Stillstand, in dem das Humankapital nicht zur Verfügung steht», so der US-amerikanische Essayist Jonathan Crary in seinem Buch »24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus».

Intelligente Tagelöhner*innen
Unter dem englischen Modebegriff Crowdworking oder Clickworking wurde ein Arbeitsverhältnis wieder zum Leben erweckt, das an die Frühzeiten des Kapitalismus erinnert – die Tagelöhner*innen. Crowdworking-Jobs sind Tätigkeiten gegen Bezahlung, die auf Crowdworking-Plattformen (Internetportalen) von Auftraggeber*innen (also Arbeitgeber*innen) angeboten werden. Die Crowdworker*innen (also Arbeitnehmer*innen) bewerben sich, um Aufträge zu einem festgesetzten Geldbetrag und innerhalb eines von dem Auftraggeber*innen vorgegebenen Zeitfensters zu erledigen. Bewerben sich mehrere Crowdworker*innen, geht der Auftrag an die/den Bewerber*in, die/der die Arbeit am billigsten anbietet. Eine Teufelsspirale entsteht, die den Preis der Arbeit nach unten zieht – zur Freude der Auftraggeber*innen und zum Leid der Crowdworker*innen.
Auf einigen der ersten Crowdworking-Plattformen bildeten sich teilweise menschenverachtende Methoden heraus. So wurden Aufträge konkurrierend an mehrere Crowdworker*innen vergeben, bezahlt wurde aber nur derjenige, dessen Lösung angenommen wurde. Alle anderen hatten vergebens gearbeitet. Viele der Plattformen vermitteln kleinteilige Jobs wie Internetrecherchen, Durchführung von Umfragen oder Aufbereitung von Adressen. Aber auch höherwertige Arbeiten wie Homepageprogrammierung oder journalistische Recherchen sind im Angebot. Von den Betreiber*innen der Plattform und den Auftraggeber*innen wird diese Form als ideal für Nebenerwerbsarbeit gepriesen. Sie ist aber nichts anderes als ein ungeschütztes, tarif- und sozialversicherungsfreies Arbeitsverhältnis
Der überwiegende Teil der Crowdworker*innen ist laut einer Studie gut ausgebildet – knapp die Hälfte hat einen Hochschulabschluss. Mehrere Millionen Crowdworker*innen holen sich ihre Arbeit haupt- oder nebenberuflich über diesbezügliche Plattformen. Zu deren grössten gehören Amazon Mechanical Turk mit einer Million registrierten Nutzer*innen oder auch die Microtasking Platform mit geschätzten 800000 Registrierungen.

Die Pandemie deckt auf
Der als «digitale Transformation» bezeichnete Wandel in den Produktionsverhältnissen ändert nichts am Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Er ändert nichts am Verhältnis zwischen arm und reich – weder national noch international. Er hebt insbesondere die Ausbeutung nicht auf, auch wenn ein Teil der Arbeiter*innklasse nicht mehr mit Muskelkraft schafft, sondern mit dem Kopf. Wie anfällig und wie belastend die Arbeit in der «digitalen Transformation» ist, zeigt sich während der Pandemie wie unter einer Lupe: Kurzarbeit im Wechsel mit Mehrarbeit, Entlassungen oder den Zwang zum Homeoffice bedrohen grosse Teile der Arbeiter*innenklasse in Fragen ihrer finanziellen Existenz. Dort wo Beschäftigte Vorteile für sich sehen, die durchaus auch tatsächlich vorhanden sein können, zahlen sie diese in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen selbst. Auch weite Teile von Selbständigen und kleinen Gewerbetreibenden teilen plötzlich das Schicksal der Arbeiter*innen.

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