«Eine Stimme für die PdA ist eine Stimme für den Wechsel»
sit. Die PdA-Genossen Richard Müller und Noah Ziegler kandidieren in Winterthur für die Stadtregierung. Wir sprachen mit Noah über die Rolle und Möglichkeiten im Stadtrat und sein Engagement als Gewerkschafter.
Noah, stell dich bitte kurz vor.
Ich bin 27 Jahre alt und seit meinem 15.Lebensjahr arbeite ich auf Baustellen. Ich spüre die Zwänge der Privatwirtschaft am eigenen Körper und Geist. Ich bin seit einigen Jahren Mitglied der Partei der Arbeit und engagierter Gewerkschafter. Seit über vier Jahren kämpfe ich ununterbrochen gemeinsam mit der Gewerkschaftsjugend sowie in der Branche, in der ich tätig bin, der Gebäudetechnik, für die Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter:innen und Angestellten. Doch wir machen nicht an Branchengrenzen halt. Wir wissen, dass der Kampf für eine gute Zukunft für die Ausgebeuteten weltweit und in der Schweiz nur gelingen kann, wenn sie sich als das begreifen, was sie sind: Eine Klasse, die sich in der gleichen Situation befindet und sich nur durch den gemeinsamen Kampf aus dieser Lage befreien kann.
In einem Zeitungsinterview hast du festgehalten, dass du gar nicht gewählt werden willst.
Warum kandidierst du dann für die Stadt-
regierung?
Ich bin überzeugt, dass man in der Rolle des Stadtrats nur einen begrenzten Spielraum für Reformen hat. Man ist dabei den Sachzwängen der Wirtschaft und
ihrer Verwaltung sowie internationalen und nationalen politischen Zwängen ausgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die frühere Industriestadt Winterthur, die lange für die grossen Fabriken Sulzer und Rieter bekannt war. Werden die Produktionsbedingungen aus Sicht der Unternehmen hier zu teuer, ziehen profitorientierte Unternehmen weiter. Sie verlagern ihre Produktion dorthin, wo es letztlich günstiger für sie ist, und höhere Profite locken. In der Stadtregierung kann man dem nur wenig entgegensetzen; die einzigen Kräfte, die das verhindern können, sind die organisierten Arbeiter:innen – wie man es etwa beim Stahlwerk Gerlafingen gesehen hat. Genau diesem Ausdruck wollen wir Popularität verschaffen. Es werden keine Ritter auf dem weissen Ross kommen, um uns Arbeiter:innen aus ihrer Lage zu befreien. Es muss die organisierte Arbeiter:innenschaft selbst sein, die die Bühne des Geschehens betritt und zur handelnden Masse wird.
Anders gefragt: Warum sollen dir die Menschen ihre Stimme geben, wenn du nicht in die Regierung willst?
Die Menschen sollen uns, also der PdA, ihre Stimme geben, wenn sie mit der aktuellen Politik hier in der Schweiz nicht zufrieden sind – insbesondere jene, die seit Langem nicht mehr wählen gehen. Eine Stimme für die PdA ist eine Stimme für einen Wechsel: weg von der bestehenden Politik hin zu einer Politik von Arbeiter:innen für Arbeiter:innen.
Welches sind die dringendsten Probleme der Winterthurer:innen – und was für Lösungsvorschläge hast du?
Die Bevölkerung in Winterthur kämpft, wie auch an vielen anderen Orten in der Schweiz, mit den gleichen Problemen: steigende Lebenshaltungskosten, von Mieten über Krankenkassenprämien bis hin zur Überlastung am Arbeitsplatz. Viele Kolleg:innen an meinem Arbeitsplatz haben kaum noch Zeit für ihre Kinder und Partner:innen. Die Inflation gibt den Takt an: Kopf runter und weiterarbeiten – oder ins Prekariat abrutschen. Die Lösungen dafür sind so einfach wie radikal: Wir müssen weg von einer profitorientierten Wirtschaft, die auf Kosten von Mensch und Natur Gewinne anhäuft. Arbeiter:innen und Angestellte müssen selbst über ihren Arbeitsplatz und darüber, wie sie arbeiten, entscheiden können. Das heisst konkret, dass demokratische Prozesse in den Betrieben eingeführt werden müssen. Wo Unternehmen wegziehen wollen, sollen sie vergesellschaftet, unter demokratische Kontrolle gestellt und an den Bedürfnissen der Menschen statt am Profit ausgerichtet werden. Auch der soziale Wohnungsbau muss unbedingt vorangetrieben werden. Am Beispiel des Roten Wien der 1920er-Jahre zeigt sich, was staatlicher Wohnungsbau nachhaltig bewirken kann. Es gilt zu prüfen, wie etwa
Immobilienunternehmen vergesellschaftet werden können und wie der Profitgier von Immobilienspekulanten ein Riegel vorgeschoben werden kann.
Du bist aktiver Gewerkschafter – was sind die Sorgen der Arbeiter:innen, die sie dir erzählen?
Die Gewerkschaften bilden eine sehr breite Arbeiter:innenschaft ab, daher ist es schwierig zu sagen, was generell der Tenor ist. Die einen sorgen sich um den Wegzug von Firmen – zum Beispiel Stahl Gerlafingen, Vetropack oder seit Neuestem Novartis –, andere wiederum ganz klassisch um ihren Lohn beziehungsweise darum, dass dieser nicht zum Überleben reicht. Generell ist die Verdichtung der Arbeit sicher ein grosses Thema: Ob in den Spitälern, auf der Baustelle, in der Reinigung oder auch sonst überall – man ist während der gesamten Arbeitszeit permanent am Rotieren. Ich denke, diese drei Punkte gehören momentan zu den grössten Herausforderungen. Die Gewerkschaften müssen zu alter Stärke zurückkehren. Lange wurden Stellvertreterkämpfe geführt, und viele Menschen haben verlernt, wie man selbst kämpft. Es gibt nur noch wenige Hochburgen, in denen die Belegschaft wirklich aktionsfähig ist. Ich denke, genau diese Aktionsfähigkeit muss oberste Priorität haben, wenn man Dinge wie Mindestlöhne, verkürzte Arbeitszeiten sowie den Wegzug von Betrieben verhindern will.
Und wie schaffen es die Gewerkschaften, zu alter Stärke zurückzufinden?
Ganz einfach: Sie müssen kämpfen und den Arbeiter:innen Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben. Ohne diese Hoffnung ist alles verloren.
Was sind die grössten Herausforderungen zurzeit für die Gewerkschaften?
Die Rückgewinnung der Aktionsfähigkeit ist die grösste Herausforderung, vor der sie stehen. Die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften steigen nicht, und Kämpfe werden nur noch vereinzelt geführt. Entscheidend ist, dass die Gewerkschaften den Schritt nach vorn wagen, aus der Abwärtsspirale ausbrechen und den bestehenden Verhältnissen den Kampf ansagen. Es gilt, konkrete Fortschritte zu erringen und den Menschen wieder zu zeigen, dass es sich lohnt, vereint zu kämpfen und sich zu organisieren.
Zum Abschluss doch noch eine Wenn-Frage: Angenommen, du würdest gewählt, wie sähe deine Politik für die Arbeiter:innen in der Stadtregierung aus?
Einerseits würde ich den doch grossen Lohn dieses Amtes nicht annehmen, sondern an unterstützenswerte Projekte in der Stadt spenden. Menschen in Verwaltungspositionen sollten nie mehr als einen normalen Facharbeiterlohn erhalten. Andererseits würde ich progressive Bewegungen auf der Strasse – soweit es das Amt zulässt – unterstützen, ihnen eine Bühne geben und die Leute selbst zu Wort kommen lassen. Ich würde aufzeigen, wo immer möglich, in welchen Sachzwängen sich die Gesellschaft befindet und wie man sich dagegen wehren kann, sprich: sich in der Gewerkschaft, in der Partei oder im Quartierverein zu organisieren.

Für mich ist klar, dass ich die beiden PdAler auf den Wahlzettel für die Stadtratswahlen schreiben werde. Schade, dass es keine PdA-Liste in Winterthur gibt für die Legislative, da wähle ich halt wiederum die AL.
Interessantes Interview. Lobenswert, dass die PdA nicht die AL konkurrenziert-
Erwin Akeret, 8400