Rita Maiorano: «Mein Leistungsausweis? Ich bin Arbeiterin, Mutter und Migrantin!»

Rita Maiorano

sit. Rita Maiorano (50) ist seit über 20 Jahren aktiv in der Partei der Arbeit Zürich und kandidiert nicht zum ersten Mal für den Nationalrat. Sie hat sich dieses Jahr stark für den Frauen*streik engagiert und dabei in ihrem Betrieb einiges ins Rollen gebracht, wie sie im Gespräch mit dem vorwärts erzählt.

Rita, was ist deine Motivation zu kandidieren?
Die Frage beantworte ich mit einer kleinen Anekdote: Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich für meine Partei zu einer Wahl antrete. Es war während dem Wahlkampf vor acht Jahren, glaube ich, als ich einem älteren italienischen Genossen mitteilte, dass ich für den Nationalrat kandidiere. Er war jahrelang aktiv in der Kommunistischen Partei Italiens und er sagte mir dann: ‹Se sei elleta, dì qualcosa di sinistra perfavore›. Auf Deutsch: Falls Du gewählt wirst, sag dann bitte etwas aus linker Perspektive. Ich musste lachen, aber im Grunde genommen ist dies meine persönliche Motivation: Der Linken links der SP und Grünen eine Stimme zu geben, also jener Linken, die nach wie vor die Überwindung des Kapitalismus zum Ziel hat und sich nicht mit faulen Kompromissen oder mit einem Kuhhandel, wie im Falle der Steuervorlage mit der AHV-Finanzierung, kaufen lässt.

Warum nimmt die PdA an den Wahlen teil, obwohl sie realistisch gesehen, keine Chance auf einen Sitzgewinn im Kanton Zürich hat?
Es ist Mittel zum Zweck. Es ist nun mal so, dass vor Wahlen die Menschen auf der Strasse für politische Botschaften empfänglicher sind. Diese Möglichkeit wollen wir nutzen, um unsere Ideen, Forderungen sowie unsere Ideale den Menschen näher zu bringen.

Aber die PdA hat bescheidene finanzielle Mittel, eine grosse Kampagne liegt nicht drin.
Ja, das stimmt und dies machen die Genossinnen* und Genossen* mit viel Herzblut und Einsatz wieder gut. Persönlich staune ich immer wieder, was wir auf die Reihe kriegen. Wir verteilen zehntausende von Flyern und hängen hunderte Plakate auf. Und ich stelle auch immer wieder fest, dass diese Arbeit die Wirkung nicht verfehlt.

Was meinst genau? Hast du ein Beispiel?
Auf den Flyern und den Plakaten ist mein Foto drauf. Ich werde von Bekannten, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen darauf angesprochen und oft entstehen dabei gut Gespräche, bei denen ich die Position unserer Partei erklären kann. Dies allein ist schon sehr viel wert. Aber mehr noch: Im Coop bei uns im Quartier wurde ich von der Kassiererin angesprochen, was mich besonders gefreut hat, aber auch von einigen Menschen auf der Strasse, die ich nicht kenne. So kürzlich eine ältere Dame, die zu mir sagt: ‹Sie sind doch die Frau auf dem Plakat. Ich finde ihre Forderung gut. Wir können ja die Mieten kaum noch bezahlen. Das ist eine Frechheit!› Sie meinte unsere Forderung nach staatlich kontrollierten Mieten. Ich bedankte mich bei ihr und sie fügte hinzu: ‹Es braucht sowieso mehr Frauen* in Bern.› Dies kann ich natürlich nur unterschreiben.

Wird dich die Frau wählen? Überhaupt, warum sollten dir die Bürger*innen im Kanton Zürich ihre Stimme geben? Was ist so quasi dein ‹Leistungsausweis›?
Ob sie mich wählt, weiss ich nicht, ich hoffe es. Ich bin seit über 30 Jahren berufstätig mit einem Durchschnittslohn, das heisst, ich nage nicht am Hungertuch, habe aber auch keine Millionen auf meinem Bankkonto. Ich bin Mutter einer 17-jährigen Tochter, ich kenne die Situation von Migrant*innen sehr gut, da ich selber eine so genannte Seconda bin und seit Jahren im Migrationsbereich arbeite. Kurz: Ich bin Arbeiterin, Mutter und Migrantin, das ist mein ‹Leistungsausweis›, so wie bei vielen anderen Frauen* auch, die in unserem Kanton leben, aber im Parlament praktisch keine Stimme haben. Dies will ich ändern und daher trete ich an.

Bleiben wir kurz bei der alten Dame, die sich, so wie Du, mehr Frauen* in Bern wünscht: Auf der PdA-Liste beträgt der Frauen*anteil weniger als 30 Prozent. Was sagst Du dazu?
Ja leider, was gar nicht gut ist und auch zeigt, dass sich unsere Sektion diesbezüglich für die Zukunft einige Gedanken machen muss. Aber immerhin sind viele Genossinnen auf den ersten zehn Listenplätzen zu finden. Ich will den viel zu geringen Frauen*anteil auf unserer Liste nicht entschuldigen, was auch schwer wäre, aber trotzdem folgendes erwähnen: Wir haben auf der Liste viele Menschen, die höchstens mit einem Durchschnittslohn über die Runden kommen müssen. Es sind Arbeiter*innen so wie ich, ja, Prolet*innen. Und ich nenne sie bewusst so, auch wenn diese Bezeichnung nicht mehr ganz in Mode ist, das gebe ich gerne zu.

Und warum ist diese Bezeichnung nicht mehr ganz in Mode?
Sicher auch, weil mit der Bezeichnung Prolet*in-nen die Vorstellung vom Fabrikarbeiter*innen mit schwarzen Händen und Gesicht in Verbindung gebracht wird. Doch, ist die Coop-Kassiererin, die knappe 4000 Franken im Monat verdient, keine Proletin*? Was ist sie denn? Die Besitzerin* des Ladens? Sie nicht mehr Proletin* zu nennen, ist für mich viel mehr ein Zeichen der Schwäche der Linken in diesem Land: Sie hat es verpasst, besser, sie war nicht fähig den Menschen zu erklären, dass mit der Bezeichnung Prolet*innen viel mehr als nur schmutzige Fabrikarbeiter*innen gemeint sind. Dies zur Freude der Kapitalist* innen.

Kommen wir zum 14.Juni: Wie hast du den Frauen*streik erlebt, was für eine Bedeutung hatte dieser Tag für dich?
Der 14.Juni war gewaltig stark. So viele Frauen*, die gestreikt haben und an der Demo gekommen sind. Wir waren eine halbe Million Frauen* auf den Strassen, ich kriege heute noch Gänsehaut davon. Ein unvergessliches Erlebnis. Eines, das ich auch meinen Enkelkindern – falls es mal soweit sein wird – erzählen werde, ihnen dabei Fotos zeigen und stolz dazu sagen können: Schau, Nonna war auch dabei und deine Mutter auch. Ich hoffe, dass dann zu jenem Zeitpunkt zumindest ein paar Forderungen des Frauen*streiks umgesetzt werden konnten. Es wäre tragisch, wenn meine Enkelkinder für die gleiche Angelegenheiten demonstrieren müssten. Wir werden ja sehen. Es war nötig, dass die Frauen in der ganzen Schweiz auf die Strassen gingen, um zu sagen so nicht mehr. Es kann nicht sein, dass in einer Gesellschaft, die sich emanzipiert nennt, die Frauen* benachteiligt werden. In der Gleichberechtigung geht es nicht nur um gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, sondern es geht um Respekt, Anerkennung und Selbstbestimmung. Wir fordern Respekt gegenüber unserem Körper und unserem Leben.

Sorry, ich unterbreche dich kurz: Du kommst richtig in Fahrt, das spürt man förmlich. Der 14.Juni war anscheinend wirklich was ganz Besonderes für dich?
Ja, und weisst Du was: nicht nur für mich, für alle Frauen*, die daran teilgenommen haben. Und das ist wohl einer, der ganz grossen Erfolge des Frauen*streiks 2019. Aber ich wollte noch was Wichtiges sagen, bevor Du mich unterbrochen hast: Wir wollen selbst bestimmen können, wann und ob wir Kinder wollen. Wir wollen, dass unsere Entscheidungen respektiert werden. Wir fordern eine gerechte Verteilung der Haus- und Sorgearbeit und ihre ökonomische Anrechnung und vorallem mehr Kinderbetreuungsplätze, die bezahlbar sind. Es braucht Teilzeitstellen auch für Männer* und einen Elternurlaub. Wir wollen eine andere Gesellschaft und nicht mehr Frau* am Herd und Mann* am Arbeitsplatz. Das sind doch im Grunde alles Selbstverständlichkeiten in einem Land, das von sich behauptet, aufgeklärt und zivilisiert zu sein. Zumindest könnte man es erwarten, dem ist bei weitem nicht so, ist das nicht krass? Die Schlussfolgerung ist aber einfach: es braucht weiterhin gewaltigen Druck von der Strasse.

Du warst in Sachen Frauen*streik in deinem Betrieb sehr aktiv. Was für konkrete Erfahrungen hast du gemacht?
Es war eine sehr starke politische Erfahrung, die mich geprägt hat. Ich begann den Frauen*streik zu thematisieren, indem ich die VPOD-Broschüre zum Streik im Gemeinschaftsraum auf den Tisch legte. Dann nahm ich eine lila Fahne mit und hängte sie gut sichtbar auf. So kam es, dass eine Kollegin mich fragte, was wir denn am Frauen*streik machen würden. Es kam Bewegung rein und ehrlich gesagt: Ich hätte nie gedacht, dass so was möglich gewesen wäre.

Was genau wurde möglich?
Meine Absicht und sozusagen auch mein Ziel war es zu Beginn, vielleicht zwei, drei Arbeitskolleg*innen zu überzeugen, mit an die Demo zu kommen. Doch dann nahm die ganze Sache ein schier unglaubliches Ausmass an: Alle Frauen* der Abteilung wurden involviert. Wir streikten eine Stunde lang. Wir beschlossen gemeinsam, unsere Pause am Morgen, die normalerweise 15 Minuten dauert, auf 60 Minuten auszudehnen. Und sehr viele Kolleginnen machten mit!

Auf was führst du diese Entwicklung zurück?
Es gab einen Schneeballeffekt, aber es gab nicht nur einen bestimmten Auslöser dafür, sondern eine Vielzahl davon, die immer zahlreicher wurden, je mehr über den Frauen*streik diskutiert wurde. So sind die Motivationsgründe auch sehr unterschiedlich. Für viele spielt aber die Ungerechtigkeit eine wichtige Rolle. Die Ungerechtigkeit zum Beispiel, dass die Gratisarbeit in der Gesellschaft sehr oft auf den Schultern der Frauen* lastet. Fakt ist aber, dass wir uns alle unter dieser Vielfalt wiederfanden, und ein gemeinsames Handeln begann. Es gab natürlich auch eine gewisse Angst. Sie wurde aber im gemeinsamen Handeln überwunden, wie die grosse Teilnahme am Streiktag beweist. Und dies ist ein grosser Erfolg des Frauen*streiks, denn die gemeinsamen Erfahrungen haben alle Arbeitskolleginnen* sehr geprägt.

Fanden auf betriebliche Ebene nach dem 14.Juni weitere Aktivitäten im Sinne des Frauen*streiks statt?
Natürlich. Am 22. August gab es ein Treffen der Mitarbeiter*innen. Dabei wurde beschlossen, dass sich eine Delegation von vier bis fünf Frauen* mit der Geschäftsleitung trifft. Die Basis dieses Treffen bilden die Anliegen und Forderungen, die wir in einem Brief vom 27.Mai an die Geschäftsleitung formuliert haben und von über 80 Mitarbeiter*innen unterschrieben wurde. Um uns gut auf dieses Gespräch vorzubereiten, haben wir die Frauen* in unserem Betrieb gebeten, uns unter anderem zu folgenden Punkte Inputs zu schicken: Diskriminierung bei den Löhnen; Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Weiterbildung; Anerkennung der Elternzeit als Erfahrungswert bei der Lohneinstufung; Wiedereintritt nach der Babypause sowie ihr Erfahrungen beim Bewerbungsgespräch und bei den Mitarbeiter*innenbewertungen. Hier ist ja der Klassiker, dass Frauen* in einem bestimmten Alter nach der Familienplanung gefragt werden. Eine Frage, die bei Männern* nie gestellt wird.

Wie war die Reaktion auf euren Aufruf?
Sehr gut. Wir haben zahlreiche Rückmeldungen bekommen. Und auch diese Tatsache ist ein Erfolg des Frauen*streiks vom 14.Juni.

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