Holocaust-Erinnerung in Zeiten des Genozids

Yad Vashem ist die zentrale Gedenk- und Forschungsstätte für den Holocaust in Jerusalem. Der Eisenbahnwaggon erinnert an die Deportation der Jüd:innen in die KZs. Bild: zVg

Amos Goldberg. Zum Gedenken an meinen lieben Freund, den Historiker Alon Confino, der am 27.Juni 2024 verstorben ist und dessen intellektueller, moralischer und politischer Geist jede Zeile dieses Essays durchdringt.

Die Frage, die ich in diesem Essay (notwendigerweise nur in Ausschnitten und vorläufig) beantworten
möchte, lautet: Was ist die Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust in einer Realität, in der Israel und die meisten westlichen Länder, insbesondere die USA und Deutsch-land – Staaten, die die Erinnerung an den Holocaust zu einem zentralen Bestandteil ihrer Identitäten und zu einem moralischen Imperativ für die Welt gemacht haben – einen Genozid begehen?
In seinem 2012 erschienenen Werk «Foundational Pasts» (Begründende Vergangenheiten) argumentiert Alon Confino, dass der Holocaust für den Westen – und vielleicht sogar darüber hinaus – als «Gründungsvergangenheit» dient. Mit «Gründungsvergangenheit» meint Confino ein historisches Ereignis, das als Massstab zur Beurteilung von Geschichte, moralischen Werten und menschlichem Verhalten ganz allgemein dient. Seit den 1980er Jahren und vor allem seit den 1990er-Jahren diente der Holocaust im Westen als starkes moralisches und historisches Symbol dessen, wofür der Westen zu stehen beanspruchte: liberale Demokratie und Menschenrechte. Der Westen behauptete, diese Werte als Lehre aus dem Holocaust zu befolgen.

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