Viel Salbe und Schmerzmittel

dab. Steigender Termindruck, Stress und Unfälle auf Schweizer Baustellen: Eine Umfrage bei 12’000 Bauarbeiter*innen der Gewerkschaft Unia liefert Zahlen. Aktuell finden Versammlungen mit Blick auf die Erneuerung des Landesmantelvertrags (LMV) in der ganzen Schweiz statt.

Der Umsatz im Bauhauptgewerbe sei um 50 Prozent gestiegen, die Auftragsbücher der Patrons seien voll, sagt Nico Lutz, Leiter Sektor Bau der Unia. Viele Überbauungs-, Schienen- und Strassenprojekte stünden an. «Auch wenn gejammert wird, die Ertragslage ist gut.» Mit einer sinkenden Anzahl Bauarbeiter*innen, mehr Subunternehmen, weniger Festangestellten und mehr Temporärangestellten soll mehr in kürzerer Zeit gebaut werden. «Immer mehr Bauherren öffentlicher und privater Projekte setzen immer knappere Fristen und verlangen die Einhaltung von unrealistischen Zielen», sagt Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau Unia. «Um den Zuschlag zu erhalten, akzeptieren die Bauherren diese Fristen – die Arbeiter müssen es ausbaden.» Bei Regen, Hitze und Frost muss gearbeitet werden. Nico Lutz: «Die Bautätigkeit kann zwar eingestellt werden, die Fristen aber bleiben unverändert. Werden sie nicht eingehalten, gibt es eine Busse.» Dazu komme, dass der steigende Anteil an Subunternehmen und Temporären die Möglichkeit in eingespielten Teams zu arbeiten sehr einschränke.

Riesiger Termindruck
Der Arbeitstag auf dem Bau dauert oft bis zu elf Stunden, die An- und Rückreisezeit zählt nicht als Arbeitszeit. Der nach vierzig Arbeitsjahren frühpensionierte Bauarbeiter Antonio Ruberto erinnert sich ungern: «Meist stand ich um fünf Uhr auf und kam um 19 Uhr nach Hause. Schon am Morgen herrschte riesiger Termindruck, am Abend war ich zu müde, um die Tagesschau zu schauen und mit meiner Familie zusammen zu sein.» Der Maurerlehrling Marius Käch erlebt denselben Arbeitsstress: «Wenn wir auf einer Baustelle anfangen, gibt es oft schon eine Verspätung, und wir sollen dann den Rückstand aufholen. Das geht auf Kosten der Gesundheit und der Arbeitssicherheit.»

Mobilisierung ist wichtig
Es geht laut den Gewerkschaftern oft auch nicht um utopische Forderungen an die Unternehmen, sondern schlicht darum, Arbeitszeitgesetz und Arbeitszeitregelungen auf den Baustellen durchzusetzen. Die Arbeitszeit war bei den letzten Vertragsverhandlungen ein brennend aktuelles Thema. 2018 versuchten die Baumeister nicht nur die Rente mit Sechzig wieder anzugreifen, sondern auch noch die Arbeitszeitregelungen im Landesmantelvertrag (LMV) massiv zu verschlechtern. «Dabei braucht es aus Sicht der Bauarbeiter viel mehr Schutz bei der Arbeitszeit und gegen den Termindruck – nicht weniger», hält Chris Kelley fest. «Erst nach einer grossen Demonstration im Sommer und nach harten und entschlossenen Protesttagen im Herbst konnten diese Abbau-Forderungen abgewehrt werden.» Die Auseinandersetzung von 2018 bezeichnet er als «eine der grössten gewerkschaftlichen Mobilisierungen einer einzigen Branche der letzten Jahrzehnte.»

Mehr Unfälle und Todesfälle
Nico Lutz verweist auf steigende schwere Unfälle und Todesfälle: Jeder sechste Bauarbeiter verunfalle pro Jahr, rund zwanzig Bauarbeiter verlören jährlich ihr Leben auf Schweizer Baustellen. Maschinen würden den Arbeitern schon körperliche Arbeit abnehmen, sagt Nico Lutz, doch es bleibe noch genug schwere Arbeit. «Wir mussten oft schwere Eisenträger in obere Stockwerke hinauftragen, weil dies mit dem Kran nicht möglich war», erzählt Antonio Ruberto. «Ab 56 begann ich die Tage bis zur Pensionierung zu zählen, der Tag begann mit Übungen, viel Salbe und Schmerzmittel.»

Umdenken soll stattfinden
In dieser Situation machte die Gewerkschaft Unia die Umfrage bei 12’000 Bauarbeiter*innen. Zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten bestätigen, dass der Termindruck in den vergangen Jahren zugenommen und zu mehr Stress geführt hat. Als häufigste Auswirkungen werden genannt: «Meine Gesundheit leidet», «Die Qualität unserer Arbeit leidet» und «Die Arbeitssicherheit leidet». 68 Prozent der Befragten bestätigen, dass der steigende Termin- und Zeitdruck eine negative Auswirkung auf Familie und Freizeit haben, 76 Prozent sind sich einig, dass etwas dagegen unternommen werden muss. Nico Lutz kommentiert die Resultate: «Die hohe Beteiligung und die Resultate zeigen, dass gehandelt werden und dass ein Umdenken stattfinden muss. Unsere Forderung an die Bauherren: Terminprogramme anpassen!» Chris Kelley weist darauf hin, dass aktuell Versammlungen in der ganzen Schweiz stattfinden «an denen die Bauarbeiter gemeinsam diskutieren: Welche Forderungen entwickeln wir, um mehr Schutz gegen den wachsenden Termindruck zu erreichen? Es geht darum, dass Betroffene zu Beteiligten werden und gemeinsam entscheiden, welche Forderungen sie an die Bauherren und an die Baumeister hinsichtlich der Erneuerung des Landesmantelvertrags (LMV) 2022 richten.»

Juni: Landsgemeinde Bau
Kelley sieht Handlungsbedarf in folgenden Punkten: Terminverschiebungen bei verspäteten oder falschen Plänen, Arbeitseinstellungen wegen Schlechtwetter und Hitze, Begrenzung der Überstunden, Reisezeit muss als Arbeitszeit zählen, Bewilligungspflicht für Samstagsarbeit. Die Unia ruft dazu auf, zahlreich an der Landsgemeinde Bau vom 6.Juni in Bern teilzunehmen, an denen das weitere Vorgehen beschlossen werden soll. Laut Lutz wird es Protestaktionen und Protesttage geben, Streiks sind bisher nicht geplant – man will mit dem Sozialpartner verhandeln und ihn nicht verärgern.

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