Unhaltbare Zustände auf Baustellen

sit. Die Bauarbeiter*innen sind den Gefahren des Coronavirus stark ausgesetzt, da die Sicherheitsmassnahmen auf vielen Baustellen nicht eingehalten werden. Sie fordern ihr Recht auf Gesundheit, verlangen die Schliessung der Baustellen und eine garantierte Lohnfortzahlung.

Selbst das Schreiben von Artikel muss sich dem Coronavirus anpassen. Daher Folgendes voraus: Es ist gut möglich, dass alles, was hier steht, bereits wieder komplett anders ist, Schnee von gestern… Und so kam es dann auch, doch der Reihe nach, es lohnt sich trotzdem.
«Wir Bauarbeiter in der Ostschweiz und Graubünden fordern die Verantwortlichen auf, unverzüglich unsere mittleren und grossen Baustellen in der Ostschweiz und Graubünden zu schliessen und die Lohnzahlung für die betroffenen Beschäftigten zu garantieren», so der Text der Petition, die am 18.März gestartet wurde. Die Gründe liegen auf der Hand: «Seit der Ankündigung der Notmassnahmen durch den Bundesrat wird die Unia Ostschweiz-Graubünden von Anfragen und Hilferufen von Bauarbeitern überrannt», schreibt die Gewerkschaft in ihrer Medienmitteilung. Und: «Sie beklagen sich über massive Verletzungen der BAG-Schutzmassnahmen auf ihrer Baustelle und haben Angst vor dem drohenden Einkommensverlust.»

Zustände, die jeder Beschreibung spotten
Die Forderungen sind absolut dringender Natur, denn die Bauarbeiter*innen sind einer ständigen Gefährdung ausgesetzt. Es beginnt bereits im Firmenbus, der sie zur Baustelle bringt. Die zwei Meter Abstand können unmöglich eingehalten werden. Gleiches gilt in den engen Baracken, in denen sie in der Morgen- und Mittagspause dicht an dicht sitzen. Und die Arbeiten, welche die nötige Distanz nicht zulassen, müssen trotzdem ausgeführt werden. Anke Gähne, Regioleiterin der Unia Ostschweiz-Graubünden kennt die Realitäten vor Ort. Auf Anfrage des vorwärts hält sie fest: «Wir treffen teilweise Zustände an, die jeder Beschreibung spotten, wo es von Keim und Dreck strotzt.» Gähne präzisiert: «Es gibt aber auch Baufirmen, die alles Mögliche versuchen, damit die vom Bund vorgegebenen Massnahmen eingehalten werden können. Doch der überwiegende Teil kümmert sich nicht darum.» Angesichts dieser Missstände ist es mehr als nur verständlich, dass die Bauarbeiter*innen ihr Recht auf Gesundheit ohne Lohneinbusse fordern. Schwierig, dafür kein Verständnis zu haben.

Geschlossener Bereich?
Auf der gegenüberliegenden Seite der Barrikade ist die Sichtweise eine andere, was wohl kaum erstaunt. Bauherren und Generalunternehmen wollen, dass weitergearbeitet wird. Dabei bekamen sie Schützenhilfe von ganz oben: An der Medienkonferenz des Bundesrats vom 16.März, als er dem Land die «ausserordentliche Lage» verkündete, wurde Innenminister Alain Berset spezifisch gefragt, warum die Baustellen nicht geschlossen würden. Dies sei ein «geschlossener Bereich», antwortete er und machte dabei mit seinen Händen einen Kreis, um es den anwesenden Journalist*innen auch bildlich zu zeigen. Offensichtlich war Berset schon lange nicht mehr auf einer Baustelle. Dankend und mit Freude aufgenommen wurden die Worte von Bundesrat Berset vom Schweizerischen Baumeisterverband (SBV). Er schreibt in seiner Medienmitteilung: «Gemäss Bundesrat können die notwendigen Sicherheitsmassnahmen gemäss aktueller Lage auf Baustellen grundsätzlich eingehalten werden.» Wie gesehen, trifft dies oft nicht zu. Behauptet wird aber trotzdem: «Mit flächendeckenden Baustellenschliessungen ist niemandem gedient.» Niemandem gedient? Sind die Bauarbeiter*innen «niemand», auch wenn dabei ihre Gesundheit auf dem Spiel steht? Der SBV legt aber noch einen oben drauf: «Es gilt nun für alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Wohle unseres Landes solidarisch die Anordnungen des Bundesrates mitzutragen.» Wie zynisch. Auch weil er vorgibt, die Situation «sehr ernst» zu nehmen und behauptet, «weitreichende Massnahmen» umzusetzen, um den «Schutz aller Beteiligten auf der Baustelle und die Eindämmung des Virus gemäss Vorgaben des Bundes sicherzustellen.»

Kontrollen?
Aber eben, so wie zu Beginn erwähnt: Kaum war das letzte Wort geschrieben, informierte Bundesrat Berset, dass alle Baustellen geschlossen werden müssen, welche die Sicherheitsbedingungen nicht einhalten können (siehe Artikel auf Seite 5 unten). Jetzt stellt sich die Frage, wie dieser Beschluss umgesetzt werden kann. Wir werden sehen…

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