Frauenkämpfe im Landesstreik

sah. Die Vorgeschichte zum Landesstreik beginnt mit den «Kartoffel-Krawallen»: Ab 1916 besetzen Frauen in verschiedenen Städten der Schweiz die Marktplätze, um gegen die steigenden Lebensmittelpreise zu demonstrieren. Im Juni 1916 marschieren Frauen vors Bundeshaus. Trotz Polizeiblockade bemächtigen sie sich der Marktstände und nehmen den Verkauf selber an die Hand.

Roter Farbreiz auf dem Deckel des Buches, das den Titel «100 Jahre Landesstreik!» trägt. Anfangs 2018 erschien der Reader mit Referaten zur Tagung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), der zum Gedenken an den Generalstreik organisiert wurde. Der damalige Präsident des SGB Paul Rechsteiner schrieb im Vorwort, dass der Streik ein wichtiges innenpolitisches Ereignis des 20. Jahrhunderts und zugleich zentral für die linke Bewegung in der Schweiz sei. 250’000 Frauen und Männer legten ihre Arbeit während der drei Tage im November nieder. Sieg und Niederlage gehörten beide zu den Geschehnissen rund um den Landesstreik. Das abrupte Ende am 14. November der Streikaktion war sowohl enttäuschend wie auch wichtig, um nach den drei getöteten Arbeitern weiteres Blutvergiessen zu vermeiden. Die militärischen Gerichtsverfahren gegen die Streikleitung wurden zu einer Bühne für die Anliegen der Arbeiterbewegung und das Oltener Aktionskomitee ging auch als moralischer Sieger aus dem Verfahren hervor. Die politischen Folgen des Generalstreiks waren Teilerfolge, so dass beispielsweise der sog. Achtstundentag als Grundforderung der Arbeiterbewegung durchgesetzt und die Arbeitszeit von 54–59 auf 48 Stunden pro Woche herabgesetzt wurde.

Das Frauenstimmrecht bleibt auf der Strecke
Bei anderen Punkten auf der Liste hatte es noch lange – Jahrzehnte – gedauert, bis sie erfüllt waren. Unter den 9 Hauptforderungen des Landesstreikes fand sich an zweiter Stelle das Frauenstimm- und Wahlrecht. Im Gegensatz zum Achtstundentag wurde das aktive und passive Frauenstimmrecht erst im Februar 1971, mittels eidgenössischer Abstimmung, schweizweit eingeführt. Damit war die Schweiz eines der letzten europäischen Länder, das der Bevölkerung die vollen Bürgerrechte zugestand. Noch weitere 20 Jahre vergingen, bis das Frauenstimmrecht in allen Kantonen eingeführt war. 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen aus Appenzell Innerrhoden Recht, nahm Bezug auf die Verfassungswidrigkeit der Innerrhoder Kantonsverfassung und führte entgegen eines Mehrheitsentscheids der Männer der Landgemeinde das Frauenstimmrecht ein. Der Generalstreik steht für einen politischen Streik und seine Forderungen sollten die demokratischen Verhältnisse in der Schweiz stärken. Hätten die Streikenden das Frauenstimmrecht damals durchsetzen können, so schloss Rechsteiner sein Vorwort, wäre die Schweiz in dieser Frage nicht zu einem europäischen Schlusslicht geworden.
Die Schweizer Historikerin Elisabeth Joris (Mitautorin beim Reader zur Tagung) erklärt, warum die Forderungen zum Frauenstimmrecht damals nur wenig Chancen zur Durchsetzung hatten, auch wenn eine grosse Anzahl von Frauen an den Streikaktionen beteiligt waren:

«Das Frauenstimmrecht lag als politisches Thema in ganz Europa und in der angelsächsischen Welt auf der Agenda und war ein verbindliches Ziel der Sozialistischen Internationale, aber auch in liberalen Kreisen konnte man auf Unterstützung zählen. Im revolutionären Russland 1917 eingeführt, war klar, dass es nach dem Zusammenbruch des deutschen und des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs in deren Nachfolgestaaten eingeführt würde. Auch die Schweizer Sozialdemokratie hatte sich auf Grund des Drucks der Arbeiterinnenbewegung verpflichtet, sich bei jeder Gelegenheit für das Frauenstimmrecht einzusetzen. Das ist der Grund, warum es auf der Liste des Landesstreiks figurierte. Dazu hatten Sozialdemokraten in verschiedenen Kantonen und auch auf Gemeindeebene während des Kriegs Eingaben zur Einführung des Frauenstimmrechts gemacht. So kam es nach dem Krieg in verschiedenen Kantonen und Städten zu Abstimmungen, die allesamt abgelehnt wurden. Für Basel wurden die Resultate in den 1970er Jahren analysiert: während es zum Teil in bürgerlichen Quartieren Mehrheiten dafür gab, haben sämtliche Arbeiterkreise, die rot dominiert waren, abgelehnt. Das heisst, auch die Arbeiter waren nicht für das Frauenstimmrecht. Die Frauen durften nicht abstimmen. Das ist mit ein Grund, dass sich das Frauenstimmrecht nicht durchsetzen konnte. Aber ein ebenso wichtiger Grund ist, dass sich auch die Behörden auf Regierungsebene nicht aktiv für das Frauenstimmrecht eingesetzt haben, und das fast überall bis Ende der 1960er Jahre. In anderen Ländern wurde es von der Exekutive und von Parlamentsmehrheiten gepusht. Allerdings in Europa fast nur überall dort, wo es zum kriegsbedingten Bruch kam. Nicht aber bei den Gewinnern des Kriegs: in Grossbritannien nur beschränkt, erst in den späteren 1920er Jahren wurde es dem Wahlrecht der Männer angegliedert, in Frankreich und Italien erst Ende des 2. Weltkriegs.»

Direkte Aktion auf dem Markt
Angefangen hat die Vorgeschichte zum Generalstreik mit den «Kartoffel-Krawallen». So ist es nachzulesen in der work-Extraausgabe vom November 2018. Im Zeitraum des Kriegsjahres 1916 versammelten sich Pionierinnen des Landesstreiks in Biel, Zürich, Bern, Thun oder Grenchen im öffentlichen Raum, um gegen die steigenden Lebensmittelpreise, «Wucherer» und die Preistreiberei zu demonstrieren. Die Versorgungslage verschlechterte sich seit dem Kriegsbeginn ab 1914 stetig und betraf alle, weil die Einfuhr von Weizen zurückging, Kohle knapp wurde oder die Preise stiegen. Für Eier bezahlte man plötzlich dreimal mehr und Fleisch wurde unerschwinglich. Auch die Wetterlage sorgte dafür, dass es Missernten gab, Kartoffeln verdarben und wenig Heu produziert werden konnte, so dass auch die Milchwirtschaft nicht lief. Der Schwarzmarkt blühte und es entstand ein Handel mit Rationierungskarten. Noch hielt die Regierung in Bern an der Illusion des sog. «freien Marktes» fest und rationierte Lebensmittel erst später.
Gewerkschaften forderten sofortige Lösungen. Nachvollziehbar war, dass der Motor der folgenden Marktdemonstrationen Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiterinnenvereinen waren. Kampf war nötig, denn damals hungerten viele Arbeiterfamilien. Bei Massenaufläufen standen Marktstände im Fokus, bei denen zu überteuerten Preisen Eier, Kartoffeln und Gemüse verkauft wurden. Oft schritt die Polizei bei den Aktionen ein und schütze so die Spekulanten. Als dann nicht nur Arbeiterinnen sich über diese Preispolitik entrüsteten, sondern auch bürgerliche Frauen bei den Protesten mit dabei waren, begann sich das Blatt zu wenden. Es wird berichtet, dass an einem erfolgreichen Tag der Preis für Kartoffeln volle 30 Rappen gedrückt werden konnten. Ein Höhepunkt war, als im Juli 1916 Frauen vor das Bundeshaus marschierten – mit dabei war Rosa Grimm. Trotz Blockade der Polizei bemächtigten sich die Demonstrantinnen der Marktstände und nahmen dem Verkauf von Lebensmittel selbst in die Hand. Preisdemonstrationen gingen weiter, beispielsweise formierten sich im August 1917 in Luzern über 3000 Menschen bei einer Hungerdemonstration. Diese Kontinuität gab kleine Siege zu verbuchen. In Zürich setzte beispielsweise der Polizeivorstand im Amtsblatt die Höchstpreise für Kirschen, Johannisbeeren, grüne Bohnen oder Eier fest. Wo sich die Frauen gewehrt hatten, sanken die Preise spürbar. In Bern gingen Demonstrantinnen direkt den Polizeidirektor an, der für die Märkte zuständig war. In Folge musste er Zugeständnisse machen und die Verkäufe besser kontrollieren. An anderen Orten in der Schweiz wurde ein Verkaufszwang von Kartoffeln eingeführt oder Fleisch zu reduzierten Preisen an Bedürftige abgegeben.

Von Hungerdemonstrationen zum Generalstreik
Die Präsidentin der Zentralen Frauenagitationskommission der SPS Rosa Bloch-Bollag war die einzige Frau im Oltener Aktionskomitee, das im November 1918 zum Landesstreik aufrief. Bei den Hungerdemonstrationen war auch die Redaktorin von «Die Vorkämpferin» mit dabei. Am 10. Juni 1918 zogen Frauen vom Zürcher Volkshaus über die Bahnhofsstrasse zum Rathaus, um Einlass in das Parlamentsgebäude zu verlangen. Ihre Forderung betrafen die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige. Wenige Tage später konnte eine Kleingruppe im Rahmen des «Rechts auf Anhörung im Parlament» ihre Begehren vor dem Kantonsrat begründen. Diese Aktion liess bürgerliche Frauen aufhorchen. Folge davon war auch eine Frauenversammlung, bei der bürgerliche und sozialdemokratische Aktivistinnen zusammenfanden und einen Forderungskatalog erstellten, um gemeinsam für eine Kontrolle prekärer Löhne von Frauen und weitere Anliegen zu kämpfen. Dieser Zusammenschluss und die damit entstehende Polit-Arbeit führte dazu, dass später vermehrt Frauen in Ämter oder Kommissionen gewählt wurden. Auch später kam es zu einer punktuellen Allianz zwischen Bürgerlichen und Proletarierinnen, wenn es um Frauenstimmrecht oder Berufsbildung ging.

Platten für Bloch-Bollag im Oltener Komitee
Im Oltener Aktionskomitee war Rosa Bloch-Bollag kurz Mitglied. Hier wurde auch das aktive und passive Frauenstimmrecht in den Forderungskatalog aufgenommen. Das Frauenstimmrecht figurierte an zweiter Stelle auf der Liste der Generalstreikforderungen. Kein Grund aber, euphorisch zu sein, da dieser Punkt damals nicht auf fruchtbaren Boden fiel. Die einzige Frau im Streikorganisationskomitee wurde bald von Fritz Platten abgelöst und verliess die Gruppe. Elisabeth Joris beantwortet die Frage, warum Rosa Bloch-Bollag gegangen ist:
«Rosa Bloch-Bollag war zwar bei der Gründung des Oltener Aktionskomitees als einzige Frau mit dabei, aber bereits im März ist sie ausgeschieden. Es ist also nicht ihr Verdienst, dass die Forderung des Frauenstimmrechts auf der Liste des Landesstreiks figurierte. Das hat Robert Grimm, erst seit kurzem von Rosa Grimm geschieden, selber bestimmt. Rosa Bloch-Bollag wurde als Zürcher Vertreterin effektiv von Fritz Platten ersetzt, doch warum, ist aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Ob sie es freiwillig wollte oder von den Genossen in Zürich eher dazu gepusht wurde? Vielleicht schien ihr selber ihre Agitationstätigkeit in der Arbeiterinnenbewegung und in Zürich wichtiger als das Engagement im OAK und hat selber Platten ermuntert, ihren Platz einzunehmen. Politisch standen sie sich nahe, beide auf der äusseren Linken der Sozialdemokratie, beide später Gründungsmitglieder der KP.»

Ab dem Ausrufen zum Streik wurde kaum mehr für die Rechte der Frauen gekämpft. Nicht alle Frauen pochten in dieser Zeit auf mehr Rechte. In den hektischen Zeiten während des Landesstreiks kochten gemeinnützige Frauengruppen Tee für die aufgebotenen Truppen, die gegen die Streikenden einschritten. Nach dem Aufkommen der «Spanischen Grippe» in den Rängen der Soldaten waren es Frauen, welche Unterkünfte und Pflege der Männer organisierten.

Stimmrecht: Mittel für Klassenkampf
Die Forderung rund um das Stimmrecht für Genossinnen war nicht erst mit dem Generalstreik präsent. Beispielsweise ab den 1910er Jahren erschien das Thema in den Protokollen der proletarischen Frauenbewegung. Der Schweizerische Arbeiterinnenverband SAV diskutierte die Frage zu Allianzen mit bürgerlichen Gruppen und Parteien insbesondere zu der Frage zum Frauenstimmrecht. Proletarische Frauen grenzten sich bei dieser Frage jedoch scharf von Frauenrechtlerinnen ab. Ein zeitweiliges Zusammenarbeiten in diesem Bereich wurde aber in Betracht gezogen. Im Reader der Tagung des SGB findet sich auch der Beitrag von Elisabeth Joris mit dem Titel «Kampf für die Frauenrechte – Allianzen und Bruchlinien». Hier zitiert die Historikerin Elisabeth Joris eine Quelle aus der Zeitung «Die Vorkämpferin» von 1917, in der steht, dass für bürgerliche Frauen das Stimmrecht Selbstzweck und Endziel zugleich sei. Für proletarische Frauen ist dieses Recht aber Werkzeug, um den Klassenkampf effektiver führen zu können. Kämpfe für Frauenrechte waren schon immer Teil der internationalen sozialistischen Frauenbewegung. Wichtiger Meilenstein und prägend für den Landesstreik war die in Bern 1915 von Clara Zetkin und Alexandra Kollontai einberufene Sozialistische Frauen-Internationale. Besucherinnen dieser ausserordentlichen Konferenz kamen aus Deutschland, Frankreich, England, Russland, Polen, Italien und Holland. Hier wurde nicht nur über politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung gesprochen, sondern auch über das Wesen des Weltkriegs und seine direkten Folgen – eine klare Ablehnung war Konsens. Krieg steht im unversöhnlichen Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterklasse, so war das Fazit. Für das Ziel der Beendigung des Weltkrieges rief die Frauenkonferenz dazu auf, alle vorhandenen Mittel zu benutzen, um den Frieden voranzutreiben. Hier in dieser Situation rund um den Krieg und der internationalen Friedensaktion hatte die Frau eine geschichtliche Rolle. Wenn diese Rolle erfüllt wird, dann kann dies eine grosse Wichtigkeit für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und dem Gelingen des Sozialismus haben, so steht es in der Resolution der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Bern 1915. Joris geht noch genauer auf den Zusammenhang zwischen dem Kampf für den Frieden und der Gleichberechtigung ein:
«Weil Frauen vom Krieg in starkem Masse betroffen sind von der damit einhergehenden Gewalt, aber auch als Mütter und Angehörige von Soldaten an der Front, vor allem auch als Zuständige für den Unterhalt der Familie, als Arbeiterinnen und Angestellte in den Betrieben, wo sie auch die Arbeit vieler eingezogener Soldaten übernehmen. Kampf für den Frieden war aus sozialistischer Sicht daher gleichbedeutend mit dem Kampf für den Sozialismus, d.h. für Gleichheit und Gerechtigkeit, was die Gleichberechtigung mit einschliesst. Denn nach Meinung der Sozialdemokratinnen war ein echter Frieden nur unter sozialistischen Vorzeichen zu erlangen. Denn der Kapitalismus und Imperialismus war nach sozialistischer Meinung die Ursache des Weltkriegs.»

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