«Es gibt eine Zukunft und wir wollen viel mehr erreichen»

sah. Der argentinische Feminismus hat Vorbildcharakter für die ganze Welt. Letztes Jahr konnten bei Protesten eine Million Personen mobilisieren werden. Es ist eine kraftvolle Bewegung am entstehen. Die Aktivistin Natalia di Marco berichtet im neuen Berner Streikbüro.

Kollektiver Kampf, weltweit vernetzen: das will Natalia di Marco von der argentinischen feministischen Bewegung. Eine grosse Verantwortung. Wenn sie auf Reisen ist, will sie von Bewegungen in anderen Ländern lernen und zugleich Energie in Kämpfe einbringen. Natalia di Marco selber ist seit 20 Jahren als Antikapitalistin und Feministin politisch aktiv. Eine lange Zeit, weil die feministische Bewegung in Argentinien noch nicht so lange kraftvoll ist. Die Aktivistin wirkte bei verschiedenen Initiativen mit zu Themen wie «Gewalt an Frauen*», «legale und sichere Abtreibung» oder bei Volksbildungsinitiativen, wo das alte ursprüngliche Wissen zurück in die Community getragen wird.
Die erste Veranstaltung im Frauen*streikbüro in Bern hatte den argentinischen Feminismus zum Thema, eine Bewegung mit Vorbildcharakter für die ganze Welt. Letztes Jahr wurden mehr als eine Million Personen mobilisiert. Natalia erzählte, dass in ihrem Land die jetzigen Prozesse von der Regierung und Teilen der Öffentlichkeit heruntergespielt werden. Sie sagen, es sei nichts Neues und meinen damit, dass es nicht lange dauern wird. Umso wichtiger ist es, dass die feministische Bewegung ihre Geschichte kennt. Mehr Wissen zum Thema Widerstand gegen das System, denn man weiss oft nicht viel von Protesten, die in den nahen Communitys passieren. «Wir reagieren so, weil es eine Geschichte davor gibt», meinte Natalia di Marco. «Wichtig ist bei der Geschichte zu betonen, dass es ein Prozess gibt. Es gibt eine Zukunft und wir wollen viel mehr erreichen.» So entsteht eine Kraft, die es über ganz Mittel- und Südamerika zu verteilen gilt. Die hiesigen konservativen bis hin zu ultrarechten Parteien und Regierungen haben dazu geführt, dass eine grosse Zahl von Menschen mobilisiert werden konnte. In Argentinien selber waren zwei Dinge wichtiger Motor bei der Mobilisierung: Indigene Frauen*, die Teil des Widerstandes geworden sind und den Einfluss von Frauen* mit ursprünglich afrikanischer Herkunft in den Communitys. Anders ist die Realität in der herkömmlichen Öffentlichkeit. Hier wird die Urbevölkerung ignoriert und mehr ursprünglich europäische Wurzeln ins Zentrum gestellt.

Frauen* gehen anders zurück, als sie gekommen sind
Die Nase voll hat die feministische Bewegung von dieser Akzentuierung. Sie wollen stattdessen die Vielfalt anerkennen und nennen so ihre nationalen Treffen neu «pluralistische Treffen». Letztes Jahr haben an den drei Tagen mit Vorträgen und Workshops mit über 60 Themen 90000 Frauen* teilgenommen. Seit 34 Jahren finden diese Zusammenkünfte statt und Natalia di Marco sagte, dass «Frauen* anders zurück gehen, als sie gekommen sind». Sie sind voller Energie und Inspiration durch den Austausch.
Angefangen 1986 mit etwa 1000 Frauen*, die das Treffen besucht haben, ist dieses Gefäss heute ein wichtiger Begleiter der feministischen Bewegung in Argentinien. Sitzungen finden dazwischen in diversen Regionen statt, diese sind auch wichtig. Während all der Jahre hat sich dadurch ein Netzwerk aufgebaut, in dem Leute mit unterschiedlichen Perspektiven zusammen kämpfen. Obwohl mit diesen Erfolgen die argentinische Bewegung bereits selber Vorbildcharakter hat, haben sich die Feminist*innen von Argentinien auch von Gruppen/Organisationen oder Strömungen aus der Geschichte inspirieren lassen. So sind Sozialismus und Kommunismus wichtig, sowie auch die Mütter und Grossmütter, die sich während der Militärdiktatur den öffentlichen Raum genommen haben, um gegen Tote und Verschwundene zu protestieren, die Freilassung von Verhafteten zu fordern oder Informationen über den Verbleib ihrer Verwandten einzuholen. Markenzeichen der Madres de Plaza de Mayo ist das weisse Kopftuch. Diese wichtige Menschenrechtsorganisation in Argentinien engagiert sich heute für eine strafrechtliche Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen und Aufarbeitung des Zeitraumes um 1976 bis 1983. Dieses Prinzip der «Mutterschaft» – allerdings in kollektivierter Form – besteht hier immer noch als politisches Subjekt im Sinn von «Wir sind die Mütter aller Verschwundenen».

Recht auf Abtreibung und gegen Gewalt an Frauen*
2005 wurde die Initiative für eine sichere und legale Abreibung, die kostenlos ist, lanciert. Erste Gedanken dazu stammen aus den 1980er Jahren. Es gab eine Organisation, die das Thema Abtreibung in die Bewegung hineinbrachte und es fanden Gespräche dazu statt. Ein Teil der Frauen* fand damals, dass Schwangerschaftsabbruch in den privaten Bereich hineingehört. Dass es dann doch Kampagnen dazu gab, war ein Erfolg. Hier hat eine Entwicklung stattgefunden. Als dann die Initiative dazu kam, wurde sehr unterschiedlich dafür gekämpft. Autonome Gruppen machten Strassenaktionen, andere Lobbyarbeit oder künstlerische Aktionen. Auch mit «Ni una menos» wurde 2015 ein besserer Schutz der Frauen* durch den Staat gefordert. So wurden Morde an Frauen* nicht mehr als «Verbrechen» bezeichnet, sondern als Teil des patriarchalen Systems, das es zu bekämpfen gilt.
Das Wort «Femizid», als Tötung von Menschen aufgrund ihres weiblichen Geschlechts, etablierte sich beispielsweise in vielen spanischsprachigen Ländern wie Mittel- oder Südamerika oder Spanien. Natalia di Marco erinnerte sich daran, dass der Begriff wohl aufgrund der Frauen*morde in Mexiko entstand. Mit «Femizid» gilt es diese Art von Verbrechen zu typisieren, um dagegen kämpfen zu können. Es galt Strategien dazu zu entwickeln und umzusetzen. Mit Erfolg: in Mexiko beispielsweise steht der geschlechterspezifische Mord als Straftat seit 2011 im Gesetz. Ni una menos: nicht eine mehr! 2015 ereignete sich der schreckliche Tötungsfall, wo eine 14-Jährige umgebracht wurde. Dieser und andere Morde brachten das Fass zum überlaufen. Es heisst, alle 31 Stunden wird in Argentinien eine Frau* von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Partner umgebracht. Diese und andere Realitäten waren Auslöser und in Folge organisierten sich Frauen* nach dem Aufruf #NiUnaMenos. «Wenn unser Leben keinen Wert mehr hat» war das Fazit und daraus entstanden Forderungen wie, dass mehr Haushaltsmittel für Aufklärung, Betreuung und Schutz der Opfer eingesetzt werden müssen. Doch auch auf Belästigung am Arbeitsplatz wurde aufmerksam gemacht, dass Frauen* weniger Lohn für gleichwertige Arbeit erhalten wie auch auf die Problematik der «unbezahlten Arbeit.»

Kämpfende Frauen* mit verschiedenen Realitäten
Dass Frauen* nun wieder stärker die Kraft haben politisches Subjekt zu sein, gibt ihnen die Möglichkeit die Gesellschaft zu gestalten. Sie machen dies in Argentinien, so meinte Natalia di Marco, aber nicht wie die traditionelle Linke. Es gibt kein grosses Ziel, dem Diskriminierungsformen untergeordnet sind. Teil des Kampfes sind Frauen* mit verschiedenen Realitäten. So gilt es Frauen* in armen Quartieren zu stützen, Frauen* zur Abtreibung zu begleiten, Kämpfe der Arbeiter*innen voranzutreiben oder Proteste gegen Transfemizide zu unterstützen. Diese sehr unterschiedlichen Themen werden zu den nationalen Treffen getragen, diskutiert und versucht, konkret dazu zu mobilisieren. Hier hat niemand Angst vor Konflikten, die bei Diskussionen entstehen, weil sich daran Frauen* mit unterschiedlichen Perspektiven beteiligen.
Eine Frau aus dem Publikum im Streikbüro Bern meinte, dass in der Schweiz dies nicht der Fall sei und die Bewegung aus diesem Grund «atomisiert» (individualisiert) wird. Natalia di Marco konkretisierte daraufhin ihre Erzählung, das bei den nationalen Treffen das Ziel sei, einen Konsens für die Kämpfe und Kampagnen zu schaffen. Bisher wurde oft geschafft, dass Organisationen mit Hilfe von minimalen Kompromissen Organisationen, Gruppen oder Einzelpersonen vereinen konnten, wie dies sonst wohl nicht möglich gewesen wäre. Mit diesen Jahren wurden der Bewegung folgende Punkte wichtig: Vielfalt anzuerkennen und Mittel zu finden, trotz Konflikten Gemeinsamkeiten zu suchen. Als Lösung, um das zu schaffen, boten sich folgende Möglichkeiten an: dass auf nationaler Ebene Aktionen mit starken Kampagnen stattfinden, wo ein Konsens gemacht wurde. Viel Autonomie bezüglich Protesten herrscht in den Regionen vor. Hier gibt es eine thematische und strategische Diversität.

Panuelazos-Bewegung mobilisiert
Grüne Halstücher überall. Panuelo verde, angelehnt an die weissen Tücher der Proteste der Madres de Plaza de Mayo (die Mütter des Platzes der Mairevolution) ist in Argentinien zum Symbol für die Legalisierung der Abtreibung geworden. Natalia erklärte, dass Abtreibung trotz viel Politarbeit noch nicht legal ist. Mitte 2018 wurde gegen eine Legalisierung abgestimmt und die Gesetzesvorlage abgelehnt. So sind Schwangerschaftsabbrüche nur im Falle einer Vergewaltigung oder eines hohen Gesundheitsrisikos für Mutter oder Kind erlaubt. Für die Aktivistin ist trotzdem ein kleiner Teilerfolg da, denn die grünen Halstücher sind nicht nur überall in Argentinien zu sehen. Auch in Bewegungen anderer Länder findet sich das Symbol als Zeichen der Solidarität. Mit dem Tuch und den damit verbunden Kämpfen wurde das Thema bis weit in die Gesellschaft hineingetragen. Es wird hier mehr darüber gesprochen, als in Ländern, in denen die Abtreibung zwar legal, aber noch ein Tabuthema ist. Viele Frauen* weinten letzten Sommer, als es mit der Legalisierung nicht klappte. Natalia di Marco aber meinte, «wir sind am gewinnen». Aktivist*innen der Bewegung sind zuversichtlich, dass es das nächste Mal klappen wird: «Wir haben aus der Vergangenheit viel gelernt.» Abtreibungen sind ein Fakt, so wie ungewollte Schwangerschaften und die Todesfälle, die passierten bei illegal durchgeführten Abtreibungen. Das Thema wird nicht verschwinden und in der Bewegung wird bereits über neue Kampagnen und Aktionen dazu nachgedacht.

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