«Oh Vesuv, wasche die Neapolitaner mit dem Feuer!»

Kalidou Koulibaly

sit. Fremdenfeindliche Sprechchöre gegen die SüditalienerInnen bei einem Fussballspiel von Amateuren in der Provinz Vicenza und Zehntausende in der Weltmetropole Mailand, die einen farbigen Spieler mit Affenlauten beschimpfen. In Italien fasst das rassistische, rechtsex-treme Gedankengut immer fester Fuss in der Gesellschaft. Die Lage ist ernst.

6. Januar 2019. In Torri di Quartesolo, einem Städtchen mit knapp 12’000 EinwohnerInnen in der Provinz Vicenza in der nordöstlichen Region Venetien, spielt der lokale Fussballclub Prix Marola gegen Montebello. Es ist ein Spiel der regionalen Amateurliga, Hobbykicker gegen Hobbykicker. Der Match endet vor etwa 130 ZuschauerInnen 4 zu 1 für die Gäste. Das Resultat fällt jedoch zu hoch aus. Wen interessierts? Ausser den Direktbetroffenen kaum jemand, selbst hartgesottenen Fussballfreaks nicht, wäre da nicht folgendes geschehen, das Schlagzeilen machte: Während den 90 Minuten sind immer wieder beleidigende, rassistische Sprechchöre und Gesänge gegen die NeapolitanerInnen und die SüditalienerInnen im Allgemeinen zu hören, die in Norditalien abschätzend «Terroni» genannt werden. In der regionalen Tageszeitung Il Giornale di Vicenza vom 7. Januar ist zu lesen: «Die Tatsache, dass die wiederholten, unzivilisierten Beleidigungen auch von Kindern ausgingen, die dem Spiel beiwohnten, macht die Episode noch bedauerlicher, falls dies überhaupt möglich ist.»

Aberwitzig irrer Grund
Die Sprechchöre und Gesänge gehen von den etwa 20 Fans der Gästemannschaft aus, die von dem etwa 30 Kilometer entfernten Montebello angereist sind, ein grösseres Dorf mit knapp 6000 EinwohnerInnen auch in der Provinz Vicenza gelegen. Eine Frage drängt sich auf: Warum werden die NeapolitanerInnen und die SüditalienerInnen beleidigt, wenn zwei Amateurmannschaften aus dem norditalienischen Hinterland auf dem Fussballfeld stehen? Der Grund ist aberwitzig irr: Die Heimmannschaft Prix Marola spielt in einem hellblauen Trikot, das ähnlich ist wie jenes der Mannschaft von Neapel, die auch in hellblau spielt. «Ihr seid wie die Neapolitaner, schmutzige Terroni», werden die Spieler von Prix Marola beschimpft. Dann die so oft üblichen Sprechchöre, die in vielen Stadien Italiens gegen die Fans aus Neapel gesungen werden, eines davon lautet: «Oh Vesuv, wasche sie mit dem Feuer, wasche die Neapolitaner mit dem Feuer, oh Vesuv!» Nochmals, weil es wirklich kaum zu glauben und daher schwer zu verstehen ist: Weil die Spieler von Prix Marola das ähnliche Trikot wie die Spieler von Neapel tragen, werden Hasstiraden gegen die «Terroni» gesungen und ihnen der Tod gewünscht.

RassistInnen gegen Linke
Wer waren die 20 Gästefans aus Montebello? Ein buntgemischtes Grüppchen, wie das Foto auf Facebook zeigt: drei junge Männer machen einen auf krasse Ultras und zünden Rauchfackeln, ein Herr mit grauen Haaren, zwei Frauen, Jugendliche und Kinder sind auf dem Bild zu sehen, eine schon fast repräsentative Zusammensetzung der Bevölkerung von Montebello. Ein Blick auf die Wahlergebnisse dieser Kleinstadt der nationalen Parlamentswahlen im März 2018 hilft, den rassistischen Vorfall besser verstehen und einordnen zu können: 3768 Stimmberechtige machten von ihrem Recht gebrauch, was einer Wahlbeteiligung von 79,24 Prozent entsprach. Die rechtspopulistische, rassistische Lega Nord von Matteo Salvini wurde mit 1258 erhaltene Stimmen (36.64 Prozent) die deutlich stärkste Partei. Die rechtsnationalistische Partei Fratelli d’Italia kam mit 148 Stimmen auf 4.19 Prozent, die neofaschistische Bewegung Casapound Italia erhielt 31 Stimmen (0,84 Prozent), die rechtsextreme Partei Italia agli Italiani 23 Stimmen und die SeparatistInnen vom Grande Nord 12 Stimmen. Das heisst: 1472 Stimmende (39,06 Prozent!) in Montebello gaben rassistische, rechtsextreme und gar neofaschistische Parteien und Organisationen ihre Stimme.
Die Populisten der 5-Sterne-Bewegung schafften 25.27 Prozent. Die pseudolinke, sozialdemokratische Partito Democratico erhielt 538 Stimmen (15,24 Prozent). Etwa 13 Prozent der Stimmen gingen an bürgerliche Mitteparteien wie Forza Italia von Silvio Berlusconi. Gerade mal 17 Personen (0,54 Prozent) wählten die klar linke, antirassistische Basisbewegung Potere al Popolo. Das Wahlergebnis in Montebello ist keine Ausnahme: In Torri di Quartesolo ist es praktisch identisch, identisch wie in der gesamten Provinz Vicenza, praktisch identisch wie in der ganzen Region Venetien und ganz Nord- und halb Mittelitalien. Erstaunen die Vorfälle vom 6. Januar immer noch?
Am 9. Januar berichtete wiederum Il Giornale di Vicenza, dass die zuständige Staatsstelle Digos offiziell die Untersuchung des Vorfalls eröffnet habe. Auch sei alles dem Innenministerium gemeldet worden und so kommt die lokale Tageszeitung zum Schluss: «Null Toleranz und somit Stadionverbote für jene, die rassistische Sprechchöre sangen.» Aussagekräftig sind die LeserInnenkommentare, denn sie geben Stimmung und Sichtweiser vieler ItalianerInnen wieder. Matt 1977 schreibt: «Wow… Digos … Innenministerium … das halbe Land mobilisiert wegen so einer Bagatelle… Schande!!!». Und Byebernay zitiert den rechtspopulistischen Journalisten Marcello Veneziani, der das sagte und schrieb, was viele in Italien mittlerweile denken: «Liebe für die Familie = Homophobie; Liebe für das Vaterland = Xenophobie; Liebe für die Zivilisation = Rassismus; Liebe für die eigene Tradition = Islamophobie!»

So wie in der Provinz auch in der Millionenstadt
Die Vorkommnisse in Torri di Quartesolo sind somit kein Zufall, sie sind mit dem rassistischen Konsens in der Gesellschaft erklärbar. Genauso wie der Vorfall in der Weltmetropole Mailand vom 26. Dezember 2018. Im Fussballtempel San Siro trifft vor 64’000 ZuschauerInnen Inter Mailand auf den SSC Neapel. Es ist das Spitzenspiel der Serie A, der höchsten italienischen Spielklasse. Kalidou Koulibaly, der gebürtige Franzose mit senegalesischen Wurzeln und Verteidiger bei Neapel, wird bei jeder Ballberührung von Zehntausenden im ganzen Rund mit den Affenlauten «Uh Uh Uh» provoziert und beleidigt. Zehn Minuten vor Schluss des Spiels lässt sich Koulibaly von der hektischen, aufgeheizten Stimmung im San Siro zu einer Unbeherrschtheit hinreissen: Für ein Foul an Matteo Politano sieht er die gelbe Karte. Er reagiert mit Applaus in Richtung des Schiedsrichters und wird entsprechend dem Reglement wegen Unsportlichkeit mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Koulibaly, der 80 Minuten lang die infamen Beleidigungen ertragen musste, wurde wegen seinem Fehlverhalten für zwei Spieltage gesperrt – wie paradox. Vor allem auch deswegen, weil Artikel 62 der Normen des Italienischen Fussballverbandes vorschreibt, dass bei wiederholten rassistischen Zwischenfällen das Spiel abzubrechen ist. Mit dieser Regelung will der Verband den Rassismus innerhalb der Stadien bekämpfen. Der Entscheid liegt dabei beim Sicherheitsverantwortlichen, der direkt vom Innenministerium gestellt wird und das Spiel vor Ort mitverfolgt. Warum bricht der Abgesandte der Regierung das Spiel Inter gegen Neapel nicht ab? Auch der sozialdemokratische Bürgermeister von Mailand, Giuseppe Sala, ein bekennender Fan der Schwarzblauen Mailänder, ist im Stadion. Er bleibt auf seinem Logenplatz sitzen und schweigt. So wie alle anderen, die nicht «Uh Uh Uh» schreien. Später erklärte er in einem Tweet: «Ich habe mir überlegt, das Stadion zu verlassen.». Er tat es nicht, weil «es an der Situation nichts geändert» hätte. Doch beim nächsten Mal, werde «ich aufstehen und gehen», fügte er an. Ja, beim nächsten Mal dann, Herr Bürgermeister …

Innenminister gegen Antirassismusnorm
Die Vorfälle in Mailand und Torri di Quartesolo sind Resultat und Ausdruck eines rassistischen, faschistoiden Gedankenguts, das sich von Norditalien aus über den ganzen Stiefel der Halbinsel scheinbar unaufhaltsam wie eine Seuche am Verbreiten ist. Tragende politische Kraft dabei ist die Lega Nord: Seit Mitte der 1990er Jahre wütet die rechtspopulistische Partei mit ihrer Fremdenfeindlichkeit. Zuerst hetzte sie im Norden des Landes, vor allem in den Regionen Lombardei und Venetien, gegen die «Terroni». Seit einigen Jahren sind in ganz Italien die MigrantInnen Zielscheibe der rassistischen Politik von Salvinis Bande. Heute hat die Lega praktisch in allen Provinzen und Regionen Norditaliens das Sagen; sie ist in vielen lokalen Parlamenten und Regierungen stärkste Kraft und stellt BürgermeisterInnen in grossen, mittleren und kleinen Städten. Und in Mittel- und Süditalien findet sie laufend neue AnhängerInnen. Seit Juni 2018 regiert die Lega gemeinsam mit der 5-Sterne-Bewegung das ganze Land. Mateo Salvini, unangefochtener Führer der Lega, ist Vize-Premierminister und Innenminister. In einer Pressekonferenz vom 7. Januar spricht sich Innenminister Salvini allgemein gegen den Abbruch der Spiele wegen rassistischen Vorfällen aus. Schliesslich, so Salvini, werden auch weisse Spieler ausgebuht und ausgepfiffen und so sei es «objektiv gesehen schwer, das Kriterium der Diskriminierung bestimmen zu können.». Sicher, auch weisse Spieler werden beleidigt und beschimpft, aber nie wegen ihrer Hautfarbe. Ein wesentlicher Unterschied Herr Salvini!

Wäre Salvini Pinocchio …
Zum «Fall Koulibaly» gibt der Lega-Chef zu Protokoll: «Ich teile den Entscheid des Sicherheitsverantwortlichen, das Spiel nicht abzubrechen. Nicht etwa, weil ich die Affenlaute unterstütze, aber weil es durch einen Abbruch zu grösseren Problemen vor dem Stadion hätte kommen können.» Wäre Salvini Pinocchio … Die Antwort des mittelinks stehenden Bürgermeisters von Neapel, Luigi de Magistris, kommt postwendend per Twitter: «Hätte dieses Spiel abgebrochen werden können? In einem Land, dessen Innenminister noch vor wenigen Jahren selbst in der Kurve stand und selbst rassistische Lieder sang?», fragt er rhetorisch. Salvini ist seit seiner Kindheit begeisterter Anhänger der Rotschwarzen in Mailand, des AC Milan. Es ist bekannt, dass er die Spiele seines Vereins in der Fankurve der Ultras mitverfolgte. Am 15. Dezember 2018 nahm er am Fest der AC-Ultras teil. Dabei wurde er fotografiert, wie er einen Capo (Anführer) der Fankurve freundschaftlich begrüsst und umarmt. Der Capo ist Luca Lucci, der gerade zu 18 Monaten Haft wegen Drogenhandel verurteilt wurde. Lucci musste auch schon wegen schwerer Körperverletzung eine längere Haftstrafe absitzen. Er hatte mit einem Faustschlag einen Inter-Fan so schwer verletzt, dass dieser ein Auge verlor. Für Innenminister Salvini anscheinend alles kein Problem. Er distanzierte sich auch im Nachhinein nicht von Lucci.

Den Ernst der Lage erkennen
Die fremdenfeindlichen Vorfälle in Torri die Quartesolo, die 40 Prozent Stimmanteile für rassistische, rechtsextreme und neofaschistischen Parteien in der Provinz Vicenza, Zehntausende in Mailand, die mit den Affenlauten «Uh Uh Uh» einen farbigen Spieler beschimpfen, die politische Vorherrschaft der Lega von Salvini, ein Innenminister, der sich gegen eine antirassistische Norm ausspricht und einen verurteilten Drogenhändler und Schläger freundschaftlich begrüsst, all dies zeigt eins: In Italien ist die Lage ernst, sehr ernst!

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