Die Revolution ist ein Prozess

sit. Genossin Andi vom Revolutionären Aufbau war mehrere Male für längere Zeit in Rojava. Sie kennt daher die Situation vor Ort bestens. Im spannenden Gespräch mit dem vorwärts zeigt sie Entwicklungen sowie die Schwierigkeiten auf und geht auch auf die Rolle der internationalen Solidarität ein.

Wie ist die Situation vor Ort?
Es gibt Teile, da ist es relativ ruhig, da hat man schon fast das Gefühl, man könne zurück zur Rojava-Normalität. Es gibt andere Teile, in denen der türkische Faschismus mit der demographischen Veränderung intensiv arbeitet. Dann wiederum Orte, an denen es noch nicht abgeschlossene Frontlinien gibt und es zu Angriffen von jihadistischen Banden kommt. Hier sind die Kräfte zur Verteidigung aufgestellt. Wiederum andere Orte werden direkt von der türkischen Armee mit bewaffneten Drohnen oder Raketen über die Grenze hinweg angegriffen, wie dies momentan rund um die Dörfer der Stadt Til Tamer der Fall ist. Dies zeigt, dass der Angriffskrieg auf mehreren Ebenen verläuft und verschiedene Intensitäten hat. Es ist eine Mischung aus verschiedenen, differenzierten Kriegstaktiken und -Mitteln – dazu gehören auch die Selbstmordanschläge und Bombenanschläge der Daesh-Kräfte –, die als Gesamtes zu verschiedenen Zeitpunkte eingesetzt werden. Wir sprechen von einem Krieg niederer Intensität. Es geht also nicht nur darum, zu bombardieren und dann einzunehmen. Daher ist es schwierig, eine Gesamtverteidigung aufzustellen, denn man weiss nie, was wo genau läuft. Ziel dieser Kriegsführung ist unter anderem die Zersplitterung eines Prozesses, der zusammengehört. Noch kurz zu den Luftangriffen: Diese zielen bewusst auf die Zivilbevölkerung, damit sie zur Flucht gezwungen wird.

Was heisst zur «Rojava-Normalität» zurück gehen?
Es ist eine Region, die schon immer unter Kriegen oder Krisen litt. Die Normalität in einem revolutio-nären Prozess ist natürlich etwas anderes, als wir uns in Europa vorstellen. Auch verändert sich die Situation immer wieder. Der Krieg in der Region ist nicht vorbei und dies zu verstehen, ist sehr wichtig. Dieser Krieg niedriger Intensität, wie ich oben schon erwähnt habe, hat zum Ziel, dass der Krieg zur Normalität im Alltag wird. Doch dies darf es nicht werden, denn er raubt die Kräfte, führt zu Kriegsmüdigkeit und erschwert den vorhandenen Widerstand im Alltag aufrecht zu halten. Doch wenn das Volk trotz der vorhandener Gefahr Strassen und Häuser baut, die Kinder zur Schule schickt, den Alltag kollektiv selbstbestimmt weiterführt, dann ist es eine konkrete Form des Widerstands. Und diese ist in einer Kriegssituation genauso wichtig wie das Bedienen einer Kalashnikov.

Du hast die Daesh-Kräfte angesprochen. Welche Gefahr geht von ihnen aus?
Sie sind als Zellen für den Guerilla-Kampf organisiert. Sie haben so versucht, Teile Rakkas zurückzuerobern, was ihnen nicht gelang, und greifen auch Dörfer an. Es gibt eine immense Masse von Daesh-Kämpfer*innen. Das ist eine grosse Front, von der aber nur sehr wenig gesprochen wird. In einem Camp leben 72000, darunter 11000 Frauen* aus dem Ausland, genauer aus dem nicht arabischen Raum, sprich Europa, USA, Kanada und so weiter. Sie stellen ein riesiges Potential dar, weil sie die barbarische Vorhut sind und handeln im Namen der Türkei. Sie tun das, was sie immer tun: Sie köpfen, sie vergewaltigen, sie plündern, sie machen den absoluten Terror. Dieser barbarische Ausdruck des Kriegs hat zum Ziel, die Menschen zur Flucht zu zwingen. In diesen Camps wird weiterhin so wie früher im Kalifat nach der Scharia gelebt und gehandelt. Die Kinder werden gezielt darauf getrimmt, später Daesh-Kämpfer*innen zu werden.

Es ist also ein Kampf auf verschiedensten Fronten. Was bedeutet dies konkret?
Ja, das ist es. Man hat begriffen, dass es auf den verschiedensten Fronten Widerstand braucht. Das allerwichtigste ist, dass man mit dem Volk eine gemeinsame Widerstandsfront aufbauen kann. Das heisst, die revolutionären Errungenschaften wie die Räte, die Bildungsstätten und so weiter, also die verschiedenen Institutionen, welche sich die Revolution geschaffen hat, verstärkt, sie in die Regionen bringt, damit sie vom Volk verteidigt werden können. Dies ist eine reale Antwort auf die Situation und schafft gleichzeitig eine revolutionäre Situation. Selbstverteidigung heisst in der aktuellen Lage, das politische Projekt verteidigen, verstärken, ausbauen, aber gleichzeitig – und wirklich gleichzeitig – auch, den Menschen Mittel in die Hand zu geben, dass sie sich militärisch verteidigen können. Die politische Selbstverteidigung bedeutet, die Revolution verteidigen, die militärische, sich schützen zu können.

Was sind die Schwierigkeiten?
Die Revolution hat keinen Ein- und Ausschaltknopf. Es ist nicht etwas, was sich nur im Kopf abspielt sonst ist es idealistisch. Die Revolution ist ein Prozess und dieser Prozess braucht Zeit. Die Widerspruchsfronten innerhalb der verschiedenen Kulturen, die verschiedenen historischen Erfahrungen sind eine Realität und mit dieser muss man sich konfrontieren und lernen, um damit zu arbeiten. Konkret bedeutet es, die Vereinheitlichung gegen die Zersplitterung vorantreiben. Dies alles braucht Zeit, doch in einer Kriegssituation gibt es keine Zeit. Wie gesagt: Der Angriff läuft auf verschiedenen Ebenen, um den ganzen Prozess unter Dauerspannung zu halten. So sind zum Beispiel die Dörfer mit grossen Getreidesilos im Visier der türkischen Armee. Sie marschiert da ein, plündert die Silos oder zerstört diese mit Raketen. Dem Volk wird das Grundnahrungsmittel zerstört.

Wie ist die Selbstverteidigung organisiert?
Die Mobilisierung besteht aus verschiedenen Phasen und Ebenen. Es gibt die politische Ebene, um das Selbstbewusstsein zu stärken, indem man zum Beispiel in die Familien geht, um mit ihnen zu diskutieren und zu reden, Bildungen organisiert und vieles mehr. In einer zweiten Phase geht es um die militärische Selbstverteidigung. Die Befreiungsbewegung führte eine genau Analyse durch, nachdem die Stadt Afrin vorübergehend militärisch aufgegeben werden musste. Diese gründliche Analyse dauerte mehrere Monate. Man kam unter anderem zum Schluss, dass man das politische Element verstärken muss und dass man in der Lage sein muss, einen Volkskrieg zu führen. Konkret: Die Menschen müssen sich militärisch verteidigen können. Die Stadt Serekaniye wurde zu einem Widerstandsherd, weil die Schlussfolgerungen aus der Analyse von Afrin sich im Verteidigungsaufbau der Stadt niedergeschlagen haben. Es ist ein sehr gutes Resultat. Es ist eine grosse Stärke dieser Bewegung, dass die Schlussfolgerungen einer Analyse sofort umgesetzt werden. Es sind nicht bloss Papiere, die irgendwo rumliegen. Wenn ein Angriff bevorsteht, kommt es zur höchsten Stufe der Mobilmachung, Fronteinsätze sind nur ein Teil davon. Die Veränderung findet statt, in dem alles verteidigt wird. Das ist eine Kunst: Permanent auf höchsten Grade der Bereitschaft zu sein und gleichzeitig die Spannung so aufrecht zu erhalten, dass das Volk und die verschiedene Kräfte in der Lage sind, auf jede Form des Angriffes reagieren und radikale Antworten geben zu können.

In Rojava kämpft auch das Internationale Freiheitsbataillon (IFB). Wie ist es entstanden und was für Aufgaben hat es?
Das IFB war eine Antwort auf die ersten Kriege. 2015 gingen verschiedene Internationalist*innen nach Kobane. Man hat dabei immer den historischen und politischen Bezug zu den Erfahrungen des Spanischen Bürgerkrieg hergestellt. Der IFB entstand dann aus dem Zusammenschluss dieser Internationalis*innen mit Kämpfer*innen von verschiedensten türkischen revolutionären Organisationen. Dabei wurden – und werden heute noch – nicht die verschiedenen politischen und Ideologischen Unterschiede ins Zentrum gestellt, sondern gelernt, mit den Unterschieden einen gemeinsamen antifaschistischen, antiimperialistischen Kampf zu führen. Das IFB ist Teil der Verteidigung der Revolution, er hält eigene Frontabschnitte. So kämpfte das Bataillon in Serekaniye an vorderster Front und tut es jetzt in Til Tamer.

Von Bedeutung ist auch die internationale Solidarität. Wo liegen dabei die Schwierigkeiten?
Wenn man hier ist, nimmt man nicht wahr, was die Stärke der Solidarität bedeutet.

Ein harter Vorwurf.
Es ist kein Vorwurf, sondern die Realität. Als die Bombardierung der türkischen Armee losgingen, kam es zu weltweiten Protesten. Das Ausmass überraschte, denn eine so grosse internationale Solidarität wurde nicht erwartet, ähnlich wie damals in Vietnam. Dies wurde zu einem wichtigen Faktor für die Menschen und die Bewegung selbst in Rojava. Kurz: Die internationale Solidarität wurde zu einem Faktor für die Kriegsführung. Doch die Solidarität ging zurück, als die differenzierte Kriegsführung begann, weil man das Gefühl hat, Krieg seien nur die grossen Bombardierungen. Wie gesagt, das ist kein Vorwurf, sondern die Realität. Ich denke es hat damit zu tun, dass man nicht weiss, was dort abgeht. Man weiss über die Verschiedenheiten des Kriegs, über den Krieg niedriger Intensität nicht Bescheid. Man nimmt den Krieg heute viel weniger wahr, die ganze mediale Aufmerksamkeit ist praktisch weg. Wenn die Bomben fallen, ist es einfach zu mobilisieren. Aber wir müssen uns als Revolutionär*innen und Antifaschist*innen aus verschieden ideologischen Positionen fragen, was die strategische Antwort auf diesen Krieg niedriger Intensität sein muss. Wir müssen in einer solchen Phase anders reagieren, als wenn eine Bombe nach der anderen vom Himmel fällt.

Was ist denn unsere Aufgabe hier Europa?
Die Kontinuität des Widerstands aufrecht zu erhalten. Kampagnen wie ‹Rise up for Rojava› und ‹Fight4Rojava› haben zum Ziel, die Verantwortlichen im eigenen Land ins Zentrum zu stellen. Zum Beispiel jene, die Kriegsmaterial produzieren, wie zum Beispiel Rheinmetall oder die Ruag, aber auch die Komplizenschaft der Schweizer Regierung oder Banken mit dem Krieg in Rojava. Wieso können zum Beispiel Gasmasken nicht exportiert werden, die helfen könnten, dass die Menschen dort ab den Gasbomben nicht ersticken, aber die Materialien für die Herstellung des Giftgases werden exportiert? Es gibt viele Punkte, die wir hier aufgreifen könne. Dazu muss der Kampf um den revolutionären Prozess im eigenen Land ins Zentrum rücken. Auch hier ein Beispiel dazu: Am 9.Februar werden die italienischen Dockers, die eine lange antifaschistische Tradition haben, mit einem Streik verhindern, dass Schiffe mit Kriegsmaterial anlegen können. 80 bis 90 Prozent des Kriegsmaterials wird über das Meer transportiert. Wir können den Streik vielseitig unterstützen, in dem wir vor das italienische Konsulat gehen oder ähnliches. Wir müssen unsere Strategien verändern. Dies im Sinne, dass wir unseren eigenen Prozess hier verstärken, eine grundsätzliche Kapitalismuskritik und eine grundsätzliche antiimperialistische Kritik und im Kampf gegen den türkischen Faschismus haben, dann können wir dies mit dem Kämpfen dort verbinden. Wir müssen nicht eins zu eins übernehmen, was sie tun machen, aber wir können sehr viel lernen aus dem Prozess, aus der Revolution, die dort geschieht. Wir haben dort etwas enorm Wertvolles zu verteidigen.

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