Den Horror im Hinterhof

Lastwagen der italienischen Armee transportieren die Särge mit Coronatoten aus dem Spital in Bergamo (Lombardei) ab.

flo. Nicht einmal China, obwohl man dort keinerlei Zeit zur Vorbereitung hatte, wurde so heftig wie Italien von der aktuellen Pandemie des Corona-Virus getroffen. Die Krankheit bringt Bilder zurück, die wir für Zeugnisse der Vergangenheit hielten. Und sie zeugt, wie verrottet der italienische Kapitalismus ist.

«Eine, zwei, drei», hört man den Mann im Video zählen. Er zählt Seiten eines Zeitungsbundes. «Sieben, acht, neun»… Als es zehn sind, hört er auf. Es sind die Todesanzeigen der Lokalzeitung von Bergamo, wo die Covid-19-Pandemie besonders heftig wütet. Zehn Seiten mit Gestorbenen, vor allem Ältere – Nonni und Nonnas. Das Video schliesst mit höhnischen Worten: «una semplice influenza, grazie» (eine einfache Grippe, na danke).

Extrem hohe Dunkelziffer
Die Ausmasse der Corona-Virus-Pandemie in Italien, vor allem im Norden, haben ein erschreckendes Niveau erreicht. In der Lombardei ist der Tod infolge der Erkrankung zur häufigsten Todesursache geworden. Während durchschnittlich in der Region 273 Personen pro Tag versterben, wurden alleine am 21.März 546 Tote durch Covid-19 in der Lombardei gemeldet. Im gesamten Land waren es alleine an diesem Tag 793. Mehr Tote hatte es wegen des Coronavirus innerhalb 24 Stunden bisher in keinem Land gegeben. Doch nicht nur die Todesfälle bewegen sich auf erschreckend hohem Niveau – jeden Tag werden mehr und mehr Ansteckungen gemeldet. Mittlerweile (Stand 22.März 2020) sind es 59188 bekannte Fälle. Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches höher liegen. Die Lage ist so ernst, dass in Triagesystemen, also wie im Kriegsfall, behandelt werden muss: Wer besonders schlechte Chancen hat, also alle über 80, und schwere Atemnot hat, wird wegen Mangel an Intensivpflegeplätzen zum Sterben nach Hause geschickt. Ärzt*innen werden so vor die Wahl zwischen Leben und Tod ihrer Patient*innen gestellt. In den Krankenhäusern beim südlichen Nachbarn regiert der Schrecken.

Zu nah zum Ignorieren
Epidemien und Pandemien sind global keine Seltenheit. Ob SARS, H5N1, Zika-Virus, Ebola oder nun eben das Corona-Virus: Immer wieder sorgt die massenhafte Ausbreitung von Krankheiten für massives Leid. Meist geschieht dies jedoch in den Ländern mit den am wenigsten vorbereiteten Gesundheitssystemen. Weswegen sich Herr und Frau Schweizer ultimativ auch wenig für solche Geschichten interessieren. H5N1 und SARS machten noch Schlagzeilen, da eine massenhafte Ausbreitung bis direkt zu uns befürchtet wurde. Dass nun Italien und dort die Grenzregion Lombardia derart schwer betroffen sind, macht viel mehr Angst. Italien ist kein fremdes, weit entferntes Land, über dessen Staatswesen man als Schweizer*in mit süffisant-chauvinistischem Überlegenheitsgefühl herzieht. Es ist ein Land, dass hierzulande viele vom Urlaub, vom Besuch bei Verwandten oder auch vom Grenzverkehr her kennen. Aber Italien ist nicht nur zu nah, um es zu ignorieren, es ist uns auch zu ähnlich, um so zu tun, als beträfe uns das Sterben in Norditalien nicht. Zu sehr wird der Horror in unserem Hinterhof zum Lehrstück dafür, was auch in der Schweiz bevorsteht. Denn, auch wenn es grosse, nicht weg diskutierbare Unterschiede gibt, kann man sich in Hinblick auf das, was uns wohl in den nächsten Wochen bevorsteht, schlecht auf den Sonderfall Schweiz herausreden.
So hat Italien ebenso wie die Schweiz in den letzten Jahrzehnten einen grossen Teil ihrer Gesundheitsinfrastruktur weg gespart. In den 1980er-Jahren lag in Italien die Zahl der Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner*innen bei rund zehn. Dieser Wert ist auf 3,4 gefallen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 5. Die Schweiz senkte denselben Wert in den letzten vierzig Jahren von etwa 7,5 auf 4.

Italien hört nicht auf?
Doch nicht nur in Bezug auf Sparprogramme hätte die aktuelle Katastrophe in Italien verhindert oder zumindest gemildert werden können. Während für die Zivilbevölkerung weitreichende Massnahmen beschlossen wurden, die das gesellschaftliche und private Leben betreffen, war das italienische Kapital nicht bereit, Einschränkungen hinzunehmen. «Mit dem Slogan ‘Italien hört nicht auf’ versuchten die Bosse und die Unternehmerorganisation ihre Geschäfte «come sempre» (wie immer) weiterzuführen. «Alle Bars, Restaurants und Läden blieben weiterhin offen», erklärt uns Roberto Sarti, politischer Aktivist der marxistischen Organisation Sinistra Classe Rivoluzione aus Bologna. Die Reaktion der Regierung sei völlig irrational gewesen. Erst als die Todeszahlen die 5000er-Marke erreichten, beschloss die Regierung ihre Massnahmen zumindest teilweise auf die Industrie auszuweiten. «Bis dann kämpften die Bosse dafür, die Fabriken offenhalten zu können. Millionen von Menschen sehen jetzt, dass ihre Gesundheit hinter den Profiten der Kapitalist*innen zurückstehen muss.» Laut Sarti finde im Moment ein Konflikt zwischen den Arbeiter*innen, den Regierungen der nördlichen Regionen, den Bürgermeister*innen auf der einen Seite und den Unternehmer*innen auf der anderen Seite statt. In mehreren Appellen richteten sich Organisationen der Unternehmer*innen an den Staat. Es dürfe keinen Lockdown, keine Sperrung nicht-systemrelevanter Unternehmen geben, sonst würde an den Börsen zu viel Geld verloren.
Und tatsächlich passte die Regierung den Wortlaut ihres am 21.März beschlossenen Lockdowns an: Neu sprach man von «strategischen» nicht mehr «für den Notfall unerlässlichen Unternehmen», die weiterhin offen bleiben sollten. Die neue Formulierung hat eindeutig zum Ziel, weniger Unternehmen schliessen zu müssen.

Arbeiter*innen sind kein Schlachtvieh!
Doch die Werktätigen wehren sich gegen die unhaltbare Situation, wie uns Roberto erklärt: «Spontane Streiks treffen das Land seit zehn Tagen, und zwar im Norden wie im Süden.» Es fände eine Radikalisierung bei den Werktätigen statt. Die Forderung nach einem vollständigen Lockdown sei hochpopulär: «Unser Aufruf unter dem Titel “I lavoratori no sono carne da macello“ (die Arbeiter*innen sind kein Schlachtvieh), der sich an Gewerkschaftsdelegierte richtete, wurde in nur 48 Stunden von 400 Gewerkschaftsaktivist*innen unterschrieben.» Nun sei das Thema Generalstreik auf dem Tisch. Die Arbeiter*innenorganisationen würden gegenwärtig darüber beraten, ob dieses Mittel eingesetzt werden soll, um die Gesundheit der Arbeiter*innen zu schützen.
Die Ereignisse laufen mit unglaublicher Geschwindigkeit ab, so dass dieser Artikel unter Umständen nicht mehr aktuell ist, wenn er erscheint. Wie das unzureichende italienische Gesundheitssystem mit dem Fortgang der Katastrophe umgeht, ob der Höhepunkt erreicht ist und ob die Lockdown-Massnahmen sich als langlebig und konsequent umgesetzt erweisen werden, wird sich zeigen, wenn die Aktienkurse noch weiter fallen (der italienische Indexmarkt FTSE mib ist seit Beginn der Krise von 25000 auf 15000 Punkte abgestürzt). Eine ökonomische Krise wird die Weltwirtschaft treffen und Italien scheint bereits jetzt von den europäischen Volkswirtschaften besonders stark betroffen. Das Kapital wird alles unternehmen, damit diese erneute Krise von den Massen bezahlt wird, ebenso wie das Proletariat die Zeche für die Corona-Pandemie zu zahlen hat. Ob und wie die italienische Arbeiter*innenklasse auf diese Angriffe reagieren wird, ist unklar – die Organisationen des italienischen Proletariats, die Gewerkschaften, sozialistische und kommunistische Organisationen mit teils sehr stolzer Geschichte, sind grösstenteils marginalisiert.
Doch eines scheint laut dem Marxisten Sarti eindeutig und das weckt Hoffnung: «Das italienische Proletariat versteht, dass es keine Kompromisse geben kann, wenn es um Leben und Tod geht.»

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