WM ohni Scheiss

sit. Linke Fussballfans, aber auch Fussballungläubige, aufgepasst: In Zürich wird es während der Fussball-WM einen Anlass geben, an dem mensch politisch korrekt alle Spiele erleben kann. Denn es gibt noch Märchen, die wahr werden können.

Kurz nach dem Erscheinen dieser Ausgabe wird die Fussball-Weltmeisterschaft (WM) in Kanada, den USA und Mexiko beginnen. Ein Dilemma für linke Fussballfans: Das Fussballherz schreit danach, möglichst alle Spiele zu sehen. Und sich mit Gleichgesinnten (oder nicht) über die Frage zu streiten, mit der sich Millionen von Menschen rund um den Globus bis zum Abpfiff des Finals am 15.Juli beschäftigen: Wer wird Weltmeister?

Die Zementierung herrschender Ideologie
Doch politischer Verstand und Gewissen können nicht einfach fünf Wochen lang über den Haufen geworfen werden. Und sie erinnern an Folgendes: Die WM beweist die vollständige Integration des Fussballs in die kapitalistische Profitlogik: Fussball wird vom Spiel zur Ware, Fans zu Kund:innen, Stadien zu Profitzonen, Teams zu globalen Marken. Es geht um viel Geld, um fette Profite – aber nur für wenige natürlich. Für das billigste Ticket im Endspiel blättert man 2030 US-Dollar hin – damit ist auch gesagt, welche gesellschaftliche Klasse der Weltfussballverband Fifa gerne am Turnier dabeihat und welche nicht.
Die Fifa ist die globale Plattform zur Verwaltung finanzieller, medialer und politischer Interessen. US-Präsident Donald Trump wird dem Siegerteam den goldenen Pokal übergeben. Die Nähe zur politischen Macht zeigte sich bereits im Dezember 2025 bei der Gruppenauslosung in Washington: Trump wurde mit dem neu erfundenen «Fifa Peace Prize» (Fifa-Friedenspreis) geehrt. Die Fifa begründete ihren Entscheid mit Trumps angebliche Beiträgen zu Friedensprozessen (unter anderem in Gaza) und sprach von «aussergewöhnlichen und ausserordentlichen Aktionen für Frieden und Einheit» des US-Präsidenten. Zusammengefasst: Die WM als Megaevent wird zu einer der wirksamsten Formen der Legitimation politischer und ökonomischer Macht, zur Trägerin der herrschenden Ideologie.

Das Unmögliche möglich machen
Doch in dieser grauenhaften Welt des Konsums, der Kriege und der Verlogenheit gibt es – man lese und staune – Märchen von Fussballromantiker:innen, die wahr werden. Eine kleine Gruppe davon traf sich Anfang des Jahres in Zürich und setzte sich Folgendes in den Kopf: Wir wollen ein Public Viewing schaffen, das ein Ort der Begegnung für alle wird: Inklusion statt Ausgrenzung, Diskussionen statt Einschüchterung, werbefrei statt Kommerz. Ein Event, das von unten organisiert wird, statt von oben diktiert. Im Gruppenchat schrieb einmal jemand: «Wir wollen eine WM ohni Scheiss.» Alle waren sich einig, dass «WM ohni Scheiss» der Name der Gruppe sein muss – denn besser konnte das Vorhaben nicht auf den Punkt gebracht werden.

Haltung, Humor und Herz
Machen wir es kurz: Auf dem Weg, das Unmögliche möglich zu machen, kam es zu Kontakten mit den Veranstalter:innen vom «Zum glatten Köbi» und dem historischen Café Boy im Kreis 4. Und so konnte in der gemeinsamen Medienmitteilung von Ende Mai gelesen werden: «Auch 2026 werden sämtliche Spiele der WM drinnen und draussen übertragen – auch die Nachtspiele. Begleitet werden diese Fussballnächte erstmals vom neuen Köbi-Partner ‹WM ohne Scheiss›, der auch Teile des kulturellen Rahmenprogramms mitgestaltet.» Und weiter: «Das Café Boy wird während fünf Wochen zu einem Ort für Fussball, Musik, Kultur und gutes Essen. Kein klassisches Fanlokal. Kein VIP-Zelt. Sondern ein Zürcher WM-Klub mit Haltung, Humor und Herz.»
Seit dem erstmaligen Anlass im Walcheturm 2004 gehört «Zum glatten Köbi» während Europa- und Weltmeisterschaften zum Zürcher Sommer wie warme Nächte, kaltes Bier und emotionale Diskussionen über Fussball. Nach den verschiedensten Orten in der Limmatstadt, an denen der Anlass jeweils stattfand, hat er nun mit dem Café Boy wohl seinen stimmigsten Ort gefunden. Während vielerorts klassische Public Viewings entstehen, versteht sich «Zum glatten Köbi» seit jeher als etwas anderes: als urbaner Fussball-Kulturraum. Ein Ort zwischen Stadion, Bar, Club und Wohnzimmer. Ein Treffpunkt für Fussballromantiker, Nachtschwärmer, Quartiermenschen, Kulturschaffende und alle, die Fussball nicht nur schauen, sondern gemeinsam erleben wollen.

Wem gehört das Spiel?
Zwischen den Spielen sollen Musik, Gespräche, Filmbeiträge, Kunst, Unterhaltung und spontane Begegnungen Platz finden – mit Blick auf die Menschen, Geschichten und kulturellen Hintergründe der teilnehmenden Länder. Teil des diesjährigen Rahmenprogramms sind erneut die historischen Fussball-Filmbeiträge des Zürcher Fussballmagazins «Zwölf» rund um Mämä Sykora – kleine archivarische Fussballperlen zwischen Nostalgie, Absurdität und Zeitgeschichte.
Ebenfalls wieder mit dabei ist «FC Stylez», die den Anlass begleitende Ausstellung rund um Fussball, Grafik, Urban Art und visuelle Fussballkultur. Verschiedene Künstler:innen präsentieren Arbeiten zwischen Stadionästhetik, Strassenkultur und Fussballwahnsinn – und dies unter dem diesjährigen Titel «Bribes & Ballers – Wem gehört das Spiel?».

Sämtliche Infos: www.zumglattenkoebi.ch

 

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