Nicht nur verwalten – verändern

Von Lilian Hasler. Als ich 2018 Beirut besuchte, habe ich mir auch viele Ausstellungen angeschaut. Damals war Beirut ein aufstrebender Kunst- und Konsumkosmos, viele kleine Galerien und Kunsträume, die von einem Aufbruch erzählten, von der Neukonstitution einer Gemeinschaft, vom Überwinden des Bürgerkrieges und vom Versuch, politische und gesellschaftliche Interessen in einen fragilen Gleichschritt zu bringen. Die Künstler:innen schienen damals extrem motiviert, eine Bildsprache zu finden, die von der Vergangenheit spricht und die Zukunft visionär erfasst. Alles schien möglich und veränderbar zu sein. Und es schien, dass es ein zentrales Momentum war, neue und unerwartete Fragen an eine neue Gesellschaft zu stellen.
Schnitt: Wir befinden uns im Büro der Verlagsgenossenschaft Vorwärts und diskutieren engagiert die Geschicke der Redaktion, die Vermögenssituation und das Ringen um neue Abonnent:innen. Es sind einige Genoss:innen anwesend, die sich dem Fortkommen des vorwärts verpflichtet fühlen und ihren Teil zur Entwicklung dieser Zeitung beitragen wollen. Dies macht Mut und doch ist da dieses leise Unbehagen. Nicht wegen der Komplexität der Geschäfte – daran mangelt es selten in solchen Sitzungen. Sondern wegen der Frage, die zwischen den Zeilen steht und selten ausgesprochen wird: Für wen treffen wir hier eigentlich Entscheidungen? Es ist eine Frage, die sich nicht mit Abozahlen beantworten lässt. Es ist die Gewissheit, dass wir dieses gesellschaftliche Ringen um Bewusstsein und Entwicklung auch in unserer Zeitung weitertragen wollen. Und unseren Abonnent:innen tolle Kentnisse
vermitteln wollen.
Als ich vor einigen Wochen in das Präsidium des Verwaltungsrats gewählt wurde, kam auch die Frage auf, was ich anders machen will. Die Erwartung dahinter ist klar: ein paar neue Akzente, vielleicht ein anderer Führungsstil, aber bitte keine grundlegenden Erschütterungen. Kontinuität gilt als Tugend, gerade in Zeiten der Unsicherheit. Und ja, Stabilität ist wichtig. Aber Stabilität darf nicht mit Stillstand verwechselt werden.
Denn während in Sitzungszimmern Kontinuität beschworen wird, verändert sich draussen die Realität rasant. Die Lebenshaltungskosten steigen, soziale Ungleichheiten verschärfen sich, die ökologische Krise lässt sich längst nicht mehr als fernes Zukunftsproblem abtun und es existiert ein unheimlicher blonder Selbstdarsteller im Westen, der nur die perverse Ausgeburt einer tieferen, reaktionären Bewegung ist. Es sind Entwicklungen, die nicht losgelöst von politischen Entscheidungen betrachtet werden können. Im Gegenteil: Sie sind eng mit ihnen verknüpft. Und genau hier beginnt unsere Verantwortung.
Ich habe dieses Amt nicht übernommen, um Prozesse möglichst reibungslos weiterlaufen zu lassen. Ich habe zugesagt, weil ich überzeugt bin, dass wir die Rolle solcher Gremien neu denken müssen. Ein Verwaltungsrat ist kein neutraler Ort. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, haben Konsequenzen – für Mitarbeitende, für die Leser:innen, für die politische Bildung und die Mobilisierung in unserer Gesellschaft.
Wir als Marxist:innen wissen, dass wirtschaftliche Entscheidungen immer auch politische Entscheidungen sind. Ich selbst lebe nicht in einer Welt, in der diese Zusammenhänge nur wissenschaftlich abstrakt sind. Ich habe erlebt, was es bedeutet, wenn Unsicherheit zum Alltag gehört, wenn am Ende des Monats gerechnet werden muss und wenn politische Entscheide direkten Einfluss auf das eigene Leben haben. Diese Perspektive verlässt man nicht, nur weil man an einem anderen Tisch Platz nimmt. Und das ist gut so.
Unsere Umwelt verändert sich so radikal, dass alte Gewissheiten nicht mehr gelten. Fortschritt entsteht nicht durch das Festhalten am Bekannten, sondern durch die Bereitschaft, Neues zuzulassen. Das bedeutet auch, Konflikte auszuhalten. Aber genau darin liegt die Chance.
Ich wünsche mir einen Verwaltungsrat, der diese Haltung verkörpert. Der nicht nur reagiert, sondern gestaltet. Der zuhört – auch jenen, die in einer anderen Tonlage singen. Und der versteht, dass politisches Handeln immer auch gesellschaftliche Verantwortung ist.
Als ich damals in Beirut so beeindruckt war von der Dynamik der Ereignisse, wurde mir klar: Die entscheidende Frage ist eigentlich gar nicht, ob wir schon alles immer richtig gemacht haben. Sondern ob wir den Mut haben, die richtigen Fragen zu stellen. Diesen Mut wünsche ich uns vom Verwaltungsrat und der Redaktion, die die grosse Arbeit der Informationsvermittlung und der Gestaltung von schönen Texten übernimmt.
Lilian Hasler, Präsidentin der Verlagsgenossenschaft vorwärts
