Mit Mut und Lust losziehen!

sit. Laut Wikipedia gehört sie zu den «bekanntesten Feminist*innen des Landes», was mit Sicherheit keine Übertreibung ist. Zita Küng, 1954 in Zürich geboren, war treibende Kraft beim Frauen*streik 1991. Im Interview mit dem vorwärts erklärt sie unter anderem, warum die Schweiz danach nicht mehr wie vorher war.

Beginnen wir die kleine Zeitreise ausgehend vom 14. Juni 2019? Was machst Du an diesem Tag?
Von 00.00 bis 24.00 Uhr weiss ich noch nicht alle Details. Aber ich habe abgemacht, dass ich um 12.00 Uhr in Glarus bei den Frauen*streik-Frauen* auf dem Platz eine Rede schwingen werde. Natürlich, eine, die sich gewaschen hat! Dann reise ich wieder zurück nach Zürich. Da haben wir abgemacht, dass wir die Postkarten verteilen, mit denen jede Frau über 15 unseren Finanzminister freundlich auffordert, ihr den persönlichen Anteil an den fehlenden 100 Milliarden Einkommen zu überweisen. Ich hoffe natürlich, dass er Waschkörbe voller Karten bekommt. Und dann gibt es eine Demo und und und und…

Was beeindruckt Dich am meisten von der aktuellen Frauen*bewegung rund um den diesjährigen Frauen*streik? Gibt es vielleicht auch etwas, das dich stört?
Beeindruckend ist, wie vielfältig, ernsthaft und kreativ die verschiedenen Kollektive ans Werk gehen. Die unterschiedlichen Schwerpunkte und Aktionsformen bilden die verschiedenen inhaltlichen Standpunkte und politischen Ausrichtungen ab. Der Frauen*streiktag ist aber geeignet, eine Klammer zu bilden. Das ist grossartig. Wie immer ist es unglaublich, was die Frauen* mit praktisch leeren Händen auf die Beine bringen. Stören tut mich vorläufig noch gar nichts. Es ist klar, dass es Diskussionen gibt und nicht in allen Fragen Einigkeit herrscht. Das bringt mich mittlerweile nicht mehr aus der Ruhe. Es ist aber sehr erfräulich (auf Wunsch von Zita Küng mit äu), dass es bisher noch keine Spaltungen gegeben hat.

Verlassen wir kurz das Heute: 1990 hast du gemeinsam mit Linda Mantovani Vögeli die Leitung des neu geschaffenen «Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann» der Stadt Zürich übernommen. Das war Pionierarbeit, was war dabei die grösste Herausforderung und warum?
Wir waren in den Anfängen der institutionalisierten Gleichstellungsarbeit mit dem Aufbau beschäftigt. Das war interessant. Wir haben mit Unterstützung des Stadtpräsidenten Sepp Estermann und einer gut zusammengesetzten Gleichstellungskommission versucht, den ärgsten Kürzungsanträgen zu entgehen und trotz Spardruck einiges auf den Weg zu bringen. So hat die Stadt Zürich eine Plakatkampagne gemacht mit dem Slogan ‹Männergewalt macht keine Männer›. Die Diskussionen, wie Gewalt in sozialen Nahbeziehungen politisiert und bekämpft werden können, waren am Anfang und die Stadt Zürich (auch mit Emilie Lieberherr im Sozialdepartement) vorne dabei. Wir lancierten auch das Thema der sexuellen und sexistischen Belästigung – damals wirklich Neuland. Wenn wir heute an die #metoo-Debatte denken, sind wir wirklich einen wesentlichen Schritt weiter. Dann bezogen wir die verschiedenen Migrationsmilieus in die Frage der Berufswahl ihrer Kinder ein und liessen Broschüren in acht Sprachen verteilen und analysierten mit den Berufsberater*innen geschlechterbezogene Berufsbilder, die aufzulösen sind. Für uns war immer wichtig, die Beschäftigten der Stadt Zürich in ihrer Fachlichkeit einzubeziehen und gleichzeitig auch die autonome Frauen*bewegung als Impulsgeberin ernst zu nehmen.

Wo steht die Stadt Zürich heute in Sachen Gleichstellung von Frau* und Mann*?  Was ist heute ihre grösste Herausforderung?
Zwei wesentliche strukturelle Veränderungen sind zu beobachten: einerseits ist die Gleichstellung vom Geschlechterfokus ausgeweitet worden auf körperliche Verfassung und LGBTIQ. Andererseits ist die Aufgabe der Frauen*förderung bei den städtisch Angestellten aus dem Finanzdepartement ins Präsidialdepartement gewechselt worden. Beides bedeutet eine Ausweitung der Aufgaben. Ich habe den leisen Verdacht, dass da nicht die notwendigen Ressourcen mit aufgebaut wurden. Es wird sich aber lohnen, mit den Aktiven zu sprechen. Denn: die Stadt Zürich hat die Europäische Charta der Gleichstellung von Frau* und Mann* unterzeichnet und arbeitet mit dem Instrument der Gleichstellungsaktionspläne, wo die Politiker*innen der verschiedenen Städte auch miteinander im Gespräch sind.

Beim Frauen*streik 1991 warst du an vorderster Front. Was waren dazumal die grössten Schwierigkeiten? Was war der grösste Erfolg?
Ich weiss gar nicht mehr, ob ich es als Schwierigkeit verstand, dass wir den Frauen*streik ‹erfinden› mussten. Wir hatten ja nur sehr wenig Inspi-ration. So mussten wir gewerkschaftsintern mit unseren Kollegen diskutieren, ob dies ein ‹echter› Streik sei, resp. ob sie irgendetwas damit zu tun haben würden. Dies, obwohl ja eine Mehrheit von männlichen Delegierten am SGB-Kongress den Frauen*streik beschlossen hatten, und nota bene: auch einen Solidaritätsstreik der Männer*. Den hatten aber alle schnell wieder vergessen! Nur die Gruppe der Anschläger der GBH Zürich streikten am 14.Juni 1991. Schwierig war natürlich abzuschätzen, was denn die streikwilligen Frauen* in den Vorbereitungen unterstützen würde. Und auch da: die Frauen* bezahlten ganz viel aus der eigenen Tasche. Frauen*streikschirme und -Strandtücher wurden produziert und verkauft… Überwältigend war die Beteiligung der Frauen* und Mädchen (Männer* hatten vor allem in den Streikküchen ihren Einsatz, was sehr wichtig war!). Das konnten wir uns nicht träumen. Aber es hat stattgefunden – ich war dabei! Ich weiss nicht, ob damit auch eine Bewegung entstand. Wir wussten ja nicht, wer die vielen Frauen* und Mädchen waren. Sie waren auch nicht einfach für ein nächstes Mal zu mobilisieren. Aber eines war klar: die Schweiz war nach dem 14. Juni 1991 nicht mehr wie vorher. Die offizielle Schweiz konnte nicht mehr auf einen schweigenden Konsens der Frauen* zählen. Das war wunderbar.

Welchen Einfluss hatte der Frauenstreik 91 auf die Entwicklung in Sachen gleiche Rechte für Frau und Mann?
Ganz klar ist das Gleichstellungsgesetz für das Erwerbsleben, das 1996 in Kraft gesetzt wurde, ein direkter Erfolg des Frauen*streiks 1991. Auch, dass die SVP sich nicht traute, das Referendum zu ergreifen – das muss frau/man sich heute einmal vorstellen! Die Mobilisierung bei der Nicht-Wahl von Christiane Brunner, der Streikführerin, in den Bundesrat wäre wohl ohne Frauen*streik nicht so schnell und stark gewesen. Das Klima hatte sich verändert: es wurde vieles denkbar… Aber es hat sich nicht durchziehen lassen, wie wir wissen.

«Gleicher Lohn für gleich Arbeit», lautete eine Forderung 1991. Wir sind noch weit davon entfernt. Warum?
Weil wir die Kräfteverhältnisse nicht nachhaltig verändern konnten. Wenn wir uns anschauen, wie das eidgenössische Parlament zur Zeit zusammengesetzt ist, kommt einer das Grauen. In Sachen Gleichstellung sind wir wieder in der Steinzeit. Die Rückschritte gehen also sehr schnell, währenddem es für Fortschritte unglaublich viel braucht. Aber wie wir sehen, ist die Geduld der Frauen* zu Ende.

1996 hast Du zur damaligen Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) gewechselt. Was waren da deine Hauptaufgaben?
Ich hatte das so genannte Zukunftsressort: die Frauen*, die Jugend, die technischen Angestellten und die neu aufzubauende Dienstleistungsgewerkschaft unia. Christiane Brunner auf der SMUV-Seite und ich auf der Seite der GBI haben versucht, ein gutes Konzept zu entwickeln, die richtigen Führungsfrauen* zu finden und beide Organisationen aus ihren Verkrustungen zu holen. Das war wichtig und zum Glück erfolgreich. Die Frauen*forderungen nach Beteiligung in der Führung und dem Ernstnehmen der weiblichen Erwerbssituationen und der Care-Arbeit sind natürlich permanente Dauerbrenner. Wir bleiben dran.

1999 hast du deine eigene Firma «EQuality», ein Beratungsunternehmen für Organisationen mit einem Fokus auf Geschlechterfragen gegründet. Welche sind die zwei wichtigsten Entwicklungen in dieser Zeit in Sachen Gleichstellung?
Die erste war, dass von der Weltfrauenkonferenz in Beijing 1995 eine neue weltweite Strategie entwickelt wurde, wie die Gleichstellung vorangebracht werden soll: Gender Mainstreaming. Da habe ich in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu beigetragen, dass keine Rückschritte entstanden, sondern eine Ausdehnung auf alle inhaltlichen Bereiche. Wer dachte denn, dass Schneekanonen, Friedhöfe und Herzinfarkte für die Geschlechterfrage wirklich wichtig sind?! Leider hat die EU die Gleichstellungsstrategie ausgehungert, deshalb ist die zweite Entwicklung – ziemlich exakt zeitlich mit der Bankenkrise – eingetreten: Eine Gesamtstrategie wurde verlassen, Diversity als neues Zauberwort eingeführt und die Geschlechterfrage als ‹zu eng› diffamiert. Daran nagen wir immer noch. Selbstverständlich haben wir nie gemeint, dass ALLE Frauen* und ALLE Männer* gleiche Interessen haben; dass wir die Intersektionalität und auch die Fragen nach unserem kolonialen Erbe ernst nehmen, ist mir aber auch ein Anliegen.

Und was ist die grösste Herausforderung für die Zukunft?
Wir müssen unsere theoretischen Grundlagen ernstnehmen und weiterentwickeln. Der politische Diskurs muss ein gutes Niveau bekommen. Damit entsteht auch eine wichtige Basis für unsere politischen Kämpfe. Das können wir zum Beispiel an der Frage der unbezahlten Arbeit ablesen: Alle wissen, dass es VIEL ist – aber WIE viel, und welche politische Bedeutung hat sie gesellschaftlich? Das muss wirklich ernsthaft weiterentwickelt werden. Es kann einfach nicht sein, dass man den Frauen* vormacht, sie könnten wählen Muttersein-Beruf etc., wenn dann das Ergebnis massenhafte Frauen*altersarmut ist. Das ist keine Wahl, das ist Betrug. Und heute fällt Politikern in der AHV-Frage nur die Erhöhung des Frauen*rentenalters ein. Das geht so nicht. Das Gleiche ist es übrigens mit der Klimafrage: Es kann ja nicht sein, dass wir den jungen Leuten sagen, sie sollen die Lösungen auf den Tisch legen.

Mal angenommen, eine junge Aktivistin* fragt dich für den Streik vom 14. Juni 2019 um einen Rat. Welchen gibst Du ihr?
Sich überlegen, wo sie für sich Gründe sieht zu streiken, Kolleg*innen suchen, Forderungen aufstellen und die richtigen Adressat*innen definieren. Und: Mit Mut und Lust losziehen!

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