Mit einem Fuss in der Depression

flo. Massenhafte Entlassungen, Kursstürze, riesige Soforthilfepakete: Die
Covid-19-Pandemie reisst die Schweiz wieder in die Realität der Krise, in der wir uns seit 2008 befinden. Was dies für die Situation der Massen bedeutet, scheint erst nach den Interessen der Wirtschaft Priorität zu haben.

2019 schien ein mehr oder weniger gutes Jahr fürs Kapital zu werden. Vor allem liefen die Geschäfte. Von Dezember 2018 bis Februar 2020 stiegen die Kurse auf dem Schweizerischen Indexmarkt (SMI) von 8400 Punkten auf 11 110. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Innerhalb von nur drei Wochen wurden die Gewinne des ganzen Jahres vernichtet. Grundsätzlich ist die Entwicklung an den Börsen nicht repräsentativ dafür, was in der Wirtschaft geschieht. Die Vorstellung, dass steigende Börsenkurse für eine brummende Wirtschaft stehen, ist falsch – sie stehen für Profitmöglichkeiten für Gutbetuchte. So steigen Kurse, wenn Betriebe massenhaft Arbeiter*innen entlassen. Doch in diesem Fall stehen tatsächlich grosse Teile der Wirtschaft für einen längeren Zeitraum still, Lieferketten sind unterbrochen und es kommt zu Massenentlassungen.

Hauptsache weiter schuften
Besonders betroffen sein wird wohl die Schweizer Baubranche, wenn es endgültig zum Knall kommt, wenn das Vertrauen so stark sinkt, dass Anleger*innen von den Grossbanken ihr Geld zurückverlangen und diese wegen Zahlungsunfähigkeit entweder dicht machen müssen oder wie die UBS vor dem selbstverschuldeten Ruin mit Staatsgeldern gerettet werden. In kaum einer Branche wird die Blasenbildung deutlicher: In grossem Ausmass wird auf dem Schweizer Baumarkt nicht nachfragegerecht gebaut. Da selbst eine leerstehende Luxuswohnung als Spekulationsobjekt zu taugen scheint (bezahlbare Wohnungen hingegen nicht), fehlt es zwar an Wohnraum. Gleichzeitig stehen aber etwa 72000 Wohnungen im Land leer. Und der Betrieb im überhitzten Häuser- und Wohnungsmarkt muss weitergehen. Der Bund, die Kantone und die Gemeinden erwiesen sich da immer als willfährige Helfershelferinnen, die mit Grossprojekten, die an den allerbilligsten Anbieter *in-nen vergeben wurden, den Rubel am Rollen hielten.
Doch jetzt werden die Patrons wohl nicht mehr auf die schützende Hand des bürgerlichen Staates hoffen dürfen. Die Schutzmassnahmen des Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind zwar klar, doch ebenso die Haltung vieler Baumeister «Sie sagen, dass man auf dem Bau die Auflagen sowieso nicht einhalten könne und drum lassen sie einfach so weiterarbeiten», erklärte am 21.März der Unia-Co-Sektorleiter Bau Chris Kelley gegenüber dem vorwärts. Gerade deshalb sei es entscheidend, dass man grundsätzlich die Arbeiten in nicht essentiellen Bereichen der Wirtschaft einstellt, um die Gesundheit der Arbeitnehmenden und der Bevölkerung zu schätzen.

Die Buden dicht
Auf Angehörige von Risikogruppen wird auf den Baustellen kaum Rücksicht genommen. Von Fällen, wo Leute aus Rücksicht auf ihre gesundheitliche Situation nicht auf dem Bau erscheinen müssen, hat Chris Kelley noch gar nichts gehört. Und gerade bei den Bauleuten ist das eine Gefahr: «In Branchen, wie dem Bauhauptgewerbe, wo das Durchschnittsalter sowieso schon bei etwa 50 liegt und die Leute an berufsbedingten Vorerkrankungen leiden, ist das schlicht verantwortungslos!»
Dem vorwärts liegen Berichte von Stromerbuden in der Ostschweiz vor, in der auch die Angestellten mit über 60 Jahren weiterhin jeden Tag antraben müssen. Laut Kelley ist jetzt schon zu sehen, dass versucht wird, die aktuelle Krise auch finanziell auf die Büezer*inen abzuwälzen. So haben manche Patrons den Bauleuten gedroht, dass ihnen allfällige Quarantänezeit von den Ferien abgezogen oder ihnen Minusstunden verrechnet würden. Ob die neuen Bestimmungen des Bundes eingehalten werden, will man bei der Unia nun möglichst flächendeckend überprüfen. Kommt es bei Nichteinhaltung der Auflagen nicht zum Baustopp, wüsste man auch schon, welche weitergehenden Massnahmen den Gesundheitsschutz der Lohnabhängigen durchsetzen könnten: «Wenn Belegschaften jetzt entscheiden, die Arbeit niederzulegen, weil ihre Gesundheit nicht sichergestellt werden kann, werden wir uns als Gewerkschaft hinter sie stellen!», kommentiert Chris Kelley unsere Frage nach möglichen Streiks.

Eine Chance für das Proletariat?
Die aktuelle Krise zeigt klar und deutlich, wie die Prioritäten im Kapitalismus gesetzt werden. Die Gesundheit der Arbeiter*innen wird direkt gefährdet um die Profite einer kleinen parasitären Klasse zu stützen. Wie parasitär diese Klasse ihre gesamte politische und soziale Macht auf die Arbeit anderer stützt, sehen wir nun ebenso deutlich, wie den Umstand dass die Massen, den Besitzenden nichts gelten: Während nämlich Transportarbeiter*innen, Bauleute, Pflegepersonal, ÖV-Angestellte, Sozialarbeiter*innen, Detailhandelskräfte, Reinigungspersonal und viele mehr weiterhin jeden Tag zur Arbeit müssen, um die Grundversorgung sicherzustellen, wird wohl kein einziger der Schweizer Milliardäre zu einem «systemrelevanten» Job gehen.
Es sind die arbeitenden Massen, die die Mehrwerte zu schaffen, die die Kapitalist*innen brauchen, um vielleicht noch einmal angesichts der drohenden Krise den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Covid-19, die Pandemie des Coronavirus, ist nicht die grösste Herausforderung, die mit dem Jahr 2020 auf uns losbricht. Es wird die massive ökonomische Krise der gesamten kapitalistischen Produktionsweise sein, die sich nun wieder die Bahnen bricht. Für unsere Klasse wird diese Krise erneute massive Angriffe bedeuten, um die verrottete Ordnung am Leben zu erhalten. Agieren wir geschickt, könnte die Krise des Jahres 2020 aber auch eine Chance für das Proletariat werden. Woran der Kapitalismus alles krankt, ist im Moment jedenfalls nicht sehr schwer zu erklären.

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