Militär-Karneval der Superlative

Halt, hier wird geschossen! (Die Personen auf dem Foto wurden von der Redaktion bewusst unkenntlich gemacht).

Fabian Perlini. Vom 9. bis am 11.August fand in Birmenstorf AG zum achten Mal der «Convoy to Remember» statt. Das Treffen, das dem Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gewidmet sein sollte, verkommt seit Jahren immer mehr zu einem Spielplatz für Militärfanatiker*innen mit Beteiligung der Schweizer Armee. Ein Erlebnisbericht, Teil 2.

Vielleicht hätte ein solches Treffen das Potenzial für ein internationales Friedenstreffen. Doch was daraus gemacht wird, dient dem Gegenteil: Die Veranstaltung strotzt vor Nationalismus und die Schweizer Flagge wird unverblümt kultisch verehrt: Als Teil der Eröffnungsshow gibt es einen Fallschirmabsprung mit Schweizer Fahne und einen Fahnenaufzug mit der Kavallerie. Und in seiner Eröffnungsrede schwärmt OK-Präsident Adrian Gerwer: «Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn die Schweizer Flagge über dem Festgelände flattert und für einen unfallfreien Anlass sorgt.» Selten tritt die Verwandtschaft von Nationalismus und Götzenkult deutlicher zu Tage.

Der Stolz der Nation
Auch im Vortrag des ersten Gastredners ist nichts zu spüren von internationaler Völkerverständigung. Berner Alt-Regierungsrat Ueli Augsburger (SVP) lobt die direkte Demokratie, und stänkert dann nicht nur gegen die EU, sondern verteilt auch konkrete Seitenhiebe gegen Frankreich und Deutschland. Die vielen Gäste aus diesen Ländern verstehen davon wohl kaum etwas, schliesslich hält er seine Rede wohlweislich auf Schweizerdeutsch.
Bald darauf ist Regierungsrat Markus Dieth (CVP) mit seiner Rede an der Reihe: «Dank dem D-Day können wir heute in Frieden und Freiheit leben», erinnert er und sagt im gleichen Atemzug, dass die Schweizer Armee unseren Stolz und unsere Wertschätzung verdiene. Was die Schweizer Armee mit der Landung der Alliierten in der Normandie zu tun haben soll, erklärte er nicht. Stattdessen nimmt seine Rede eine noch schrägere Wendung: «Die Militärfahrzeuge sollen uns an die damit verbundenen Kriege und Tragödien erinnern und zeigen uns, wie wichtig ein friedliches, weltoffenes Koexistieren in einer globalen Gesellschaft ist.» Keiner der Anwesenden protestiert oder lacht. In was für eine Gesellschaft sind wir hier geraten?

Geschossen wird mit Waffen, nicht mit der Kamera
Zum Abschluss der Reden werden acht Salutschüsse abgefeuert. «Bitte schützen sie ihr Gehör und vor allem auch das Gehör ihrer Kinder.» Diese Warnung wird mehrfach wiederholt. «Und wer schützt die Hunde?» fragt jemand laut. Die gespielte Vorsicht der Verantwortlichen kontrastiert mit der auffallenden Präsenz der vielen Waffennarr*innen. Dutzende Militärfreaks, die mit halbautomatischen Waffen und schweren Geschützen hantieren. Kontrollen würden keine durchgeführt, wie uns ein Insider berichtet. Dafür überall alte «Halt – hier wird geschossen!»-Tafeln. Vor einem solchen Schild sehen wir einen Mann, der mit einer Panzerfaust hantiert. Als ein Vater mit seinen Kindern an ihm vorbeikommt, dürfen auch seine beiden Söhne die Waffe schultern. Ist diesem Vater bewusst, dass in der Schweiz knapp die Hälfte aller Schusswaffen-Tötungen innerhalb der Familie verübt werden? (Gemäss Bundesamt für Gesundheit 2011.)
Während wir am Fotografieren sind, kommt plötzlich einer der Veranstalter auf uns zu und beginnt uns zu befragen. Er will wissen, was wir hier tun, woher wir kommen und was wir fotografieren. Offensichtlich befürchtet man, dass Bilder in die Öffentlichkeit gelangen könnten, die dem «Ansehen» der Veranstaltung schaden. Dabei sorgen die Waffenfreaks doch selbst für brüskierende Fotos: Als sich ein kleiner Junge an das Maschinengewehr setzt, das die Firma DH Network vor ihrem Stand aufgebaut hat, knipst der Waffenhändler persönlich ab und teilt das Bild gleichentags auf Instagram. Vielleicht war es ja das, was OK-Präsident Gerwer damit meinte, als er in seiner Rede von einem «lebendigen Museum für die ganze Familie» sprach.

Die Armee ist Ehrengast
Am «Convoy» sind nicht bloss historische Schweizer Truppen vertreten, wie die Radfahrer oder die Kavallerie, die Schweizer Armee unterstützt den Anlass logistisch und ist erstmals mit einer mechanisierten Einheit vor Ort: Es gibt eine Ausstellung mit sämtlichen aktiven Panzern und der Kommandant Heer, Divisionär René Wellinger ist als Ehrengast geladen. Für Convoy-Pressesprecher Louis Dreyer ist dies ein Gütesiegel. Gegenüber der Aargauer Zeitung erklärt er: «Die Teilnahme der Schweizer Armee zeigt, dass wir vom Image her sauber dastehen, denn wir sind gründlich durchleuchtet und für gut befunden worden.» Und in den Worten von RR Markus Dieth: «Die Schweizer Armee zum Anfassen erinnert uns daran, dass unsere Bürgerinnen und Bürger auch als Soldatinnen und Soldaten unserem Lande dienen». So wird immerhin offensichtlich, weshalb dieser Anlass, der kaum noch etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat, das Wort «Remember» im Titel trägt.

Gefährliche Propaganda
Dieser Anlass würde niemals bewilligt, würde er nicht von höchsten staatlichen Vertretern und der Armee unterstützt. Ganz im Einklang mit der Rüstungspolitik: Die Schweizer Kriegsmaterialexporte nahmen im ersten Halbjahr 2019 erneut zu. Für über 270 Millionen Franken lieferten wir Waffen ins Ausland. Und wo der Rubel rollt hört das Gewissen auf: Die Kriegsgeschäfte-Initiative, die fordert, dass wenigsten nicht auch die Nationalbank und die Pensionskassen das weltweite Morden unterstützen, wird vom Bundesrat ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung empfohlen. Er will sogar die Exportsperre von Kriegsmaterial für das kriegstreibende Saudi-Arabien aufheben. Vor diesem Kontext wäre es wichtig, militärische Lösungen von Konflikten zu problematisieren, anstatt sie zu propagieren, wie es durch die Instrumentalisierung des «Convoy» geschieht. Magdalena Küng von der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee teilt diesbezüglich dem vorwärts mit: «Die Armee kann keine Antwort auf die sicherheitspolitischen Probleme der Schweiz bieten. Die immensen Kosten, die die Armee verursacht, stehen in absolutem Kontrast dazu. Beträge wie sechs Milliarden für neue Kampfjets oder sieben Millarden für die Ausrüstung der Bodentruppen zeugen von der realitätsfremde der Armee.» Und weil dies immer mehr Menschen klar wird, ist sie auf wirkungsvolle Propaganda angewiesen. Ohne die staatliche Unterstützung wäre das Budget von einer halben Million Franken, das den «Convoy»-Organisatoren zur Verfügung steht, nicht möglich. Ein Betrag, von dem andere Reenactment-Veranstalter nicht mal zu träumen wagen.
Nein, der «Convoy to Remember» dient kaum dem Kriegsgedenken. Eher dessen Verherrlichung.

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