Care statt Profit

lmt. Mehrere Zehntausend FINTA-Personen gingen am feministischen Streiktag in der ganzen Schweiz auf die Strasse. Ein Jahr vor dem angekündigten Care-Streik 2027 wurde deutlich: Die Forderung nach Gleichstellung ist untrennbar mit der Frage verbunden, wer sich um wen kümmert – und wer dafür den Preis bezahlt.

Die Sonne brennt auf das Zürcher Kasernenareal. Zwischen Infoständen, Transparenten und improvisierten Schattenplätzen sitzen Menschen auf dem Boden, diskutieren, hören Reden oder suchen Abkühlung mit Fächern und kalten Getränken. Bereits am frühen Nachmittag füllt sich das Gelände, Stunde um Stunde werden es mehr. Als sich die Demonstration gegen 17 Uhr formiert, sind die Strassen rund um den Ni-una-Menos-Platz voller Menschen. Allein in Zürich folgten rund 60’000 Menschen dem Aufruf unter dem Motto «Pflege, Sorge, Hausarbeit – das ist unbezahlte Arbeitszeit!». Und laut dem Feministischen Streikkollektiv beteiligten sich schweizweit rund 100’000 FINTA-Personen am feministischen Streiktag.
Die Themen sind vielfältig: geschlechtsspezifische Gewalt, Lohndiskriminierung, reproduktive Rechte, Wohnen und Armut. Doch über allem liegt ein Begriff, der in den letzten Jahren zunehmend ins Zentrum feministischer Debatten gerückt ist: Care.

Die Arbeit, ohne die nichts funktioniert
Care-Arbeit klingt technisch. Gemeint ist jedoch etwas zutiefst Alltägliches: Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Essen kochen, zuhören, organisieren. Arbeit also, die notwendig ist, damit Menschen leben, gesund bleiben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.Rund die Hälfte aller geleisteten Arbeitsstunden in der Schweiz besteht aus unbezahlter Care-Arbeit. Zwei Drittel dieser Arbeit wird von FINTA-Personen übernommen. Das entspricht durchschnittlich rund zwölf Stunden zusätzlicher unbezahlter Arbeit pro Woche – zwölf Stunden jede Woche!
Auf dem Zürcher Kasernenareal singt der Projektchor für ältere Frauen Dol&Sol vor einem interessierten Publikum. Mit Liedern in verschiedenen Sprachen thematisieren die Sängerinnen unter anderem die Situation älterer Frauen in der Schweiz. Ein Thema zieht sich dabei durch mehrere Beiträge: die Krise im Gesundheits- und Pflegebereich. Wenn Pflegepersonal fehlt, wenn Betreuungsangebote abgebaut werden oder Angehörige einspringen müssen, trifft das ältere Frauen besonders stark.
Frauen über 65 Jahre leisten in der Schweiz jährlich rund 390 Stunden unbezahlte Betreuungsarbeit. Das entspricht fast einem zusätzlichen Arbeitstag pro Woche. Männer derselben Altersgruppe leisten hingegen rund 135 Stunden pro Jahr. Die Zahlen machen sichtbar, was politisch oft ausgeblendet wird: Die Versorgungskrise wird nicht gelöst, sie wird verlagert – weg von Institutionen und öffentlichen Angeboten, hinein in private Haushalte. Und dort landet die Arbeit überwiegend bei FINTA-Personen.

Die Kosten der Unsichtbarkeit
Die Folgen reichen weit über den Alltag hinaus. Wer einen grossen Teil der unbezahlten Care-Arbeit übernimmt, arbeitet häufiger Teilzeit oder verlässt den Arbeitsmarkt zeitweise ganz. Entsprechend verdienen FINTA-Personen in der Schweiz durchschnittlich rund 10 000 Franken weniger pro Jahr als Männer. Auch im Alter setzt sich diese Ungleichheit fort: Rund 30 Prozent aller Frauen verfügen über keine Pensionskasse. Altersarmut ist deshalb kein individuelles Versagen, sondern die Konsequenz eines Systems, das unbezahlte Sorgearbeit voraussetzt, aber nicht absichert.
Davon profitieren bestehende Verhältnisse. Wenn ein grosser Teil der notwendigen Arbeit kostenlos erbracht wird, spart das dem Staat Milliarden, ebenso den Unternehmen. Es ermöglicht ein Wirtschaftssystem, das auf die ständige Verfügbarkeit von Arbeitskräften angewiesen ist, ohne die Kosten für deren tägliche Versorgung selbst tragen zu müssen.

Mehr Zeit zum Leben
Die Antworten der Streikkollektive fallen deutlich aus. Sie fordern eine Arbeitszeitverkürzung auf 25 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich, eine kostenlose Gesundheitsversorgung für alle sowie die Vergesellschaftung von Wohnraum. Hinter diesen Forderungen steht die Überzeugung, dass eine Gesellschaft nicht um Profite herum organisiert werden sollte, sondern um menschliche Bedürfnisse. Denn die gegenwärtige Ordnung produziert eine paradoxe Situation: Während Sorgearbeit unverzichtbar ist, bleibt immer weniger Zeit dafür. Erwerbsarbeit wird verdichtet, Mieten steigen, Gesundheitskosten explodieren und öffentliche Leistungen geraten unter Druck. Die Konsequenz tragen jene Menschen, die die Lücken schliessen müssen – meistens FINTA-Personen.
Diese Erschöpfung wurde auch auf den Strassen Zürichs sichtbar gemacht. Um 19.30 Uhr legten sich Tausende Demonstrierende auf den Asphalt – ein kollektives Bild der Überforderung und des Ausbrennens, eine Unterbrechung jener Logik, die ständig verlangt, weiterzumachen, zu funktionieren und zu leisten. Zuvor hatte die Demonstration bereits mit einer Schweigeminute für FINTA-Personen in Kriegs- und Krisengebieten innegehalten. Anschliessend folgte ein 13 Sekunden langer gemeinsamer Schrei für die 13 Feminizide, die in diesem Jahr bereits in der Schweiz verübt wurden.

Ein Jahr bis zum Care-Streik
Der Blick richtet sich bereits auf das nächste Jahr: Am 14.Juni 2027 wollen die feministischen Streikkollektive einen schweizweiten Care-Streik organisieren. Die Botschaft dahinter ist einfach und radikal zugleich: Wenn Care-Arbeit tatsächlich die Grundlage dieser Gesellschaft bildet, was passiert, wenn sie ausfällt?
Der diesjährige feministische Streiktag lieferte darauf bereits eine Antwort. 100000 Menschen machten sichtbar, was sonst meist im Verborgenen geschieht. Sie erinnerten daran, dass Sorgearbeit keine private Angelegenheit ist, keine individuelle Verantwortung und schon gar keine natürliche Aufgabe von FINTA-Personen. Das Streikkollektiv Zürich formuliert es noch deutlicher: «Wir haben jahrhundertelang gezeigt, dass wir uns kümmern. Jetzt ist Schluss mit der Selbstverständlichkeit.»

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