Unser Prozess ist der revolutionäre Prozess

Sofia de la Rue. Am 25.März will der bürgerliche Staat unserer Genossin Andi erneut den Prozess machen. Es geht um die Beteiligung an der Demonstration «Züri Nazifrei» vom Februar 2022 und an der revolutionären Klimademo vom Februar 2023 in Basel. Wir drehen den Spiess um und lassen die politischen Angriffe ins Leere laufen. Wir sprachen mit Andi – und wir lassen sie nicht allein!

Viele junge Frauen, Lesben, sowie inter-, nonbinäre-, trans- und agender-Personen (FLINTA) gehen am 8.März an ihre erste unbewilligte Demo. Sie alle sind bewegt und wollen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten, patriarchalen Strukturen sowie gegen Ausbeutung und Unterdrückung aufbauen. Diese Widerstandsbewegung ist ein Ausdruck unseres kontinuierlichen revolutionären Prozesses. Kannst du erklären, was wir meinen, wenn wir sagen: «Unser Prozess ist der revolutionäre Prozess»?


Uns interessieren zwei Arten von Prozessen. Der eine ist der Prozess der Konterrevolution, der Bourgeoisie, die ihre Schritte macht, um das zu verhindern, was für uns wichtig ist, nämlich der revolutionäre Prozess. Den revolutionären Prozess baut man sehr präzise auf. Er entwickelt sich entlang historischer Phasen und Etappen und nimmt Bezug auf die revolutionären Kämpfe sowie Klassenkämpfe. Unser Prozess ist also ein ständiger Teil dieser Dynamiken und Bewegungen. Diese analysiert man in Bezug auf Stärken und Schwächen sowie auf Erkenntnisse, immer in Bezug auf gemeinsame Ziele, die man teilweise auch antizipiert und auf die man hinarbeitet, sich entsprechend organisiert und vor allem erkämpft.
Was sich aktuell in Rojava abspielt, ist ein gutes Beispiel. Es ist ein historischer Prozess, in dem diese beiden Aspekte mit besonderer Gewalt im Zentrum der Entwicklung stehen. Rojava ist ein anschauliches Beispiel für historische Verläufe eines revolutionären Prozesses in diversen Phasen, die sie durchlaufen. In der aktuellen Situation, in der die gesamten imperialistischen Mächte einen Vernichtungskrieg gegen die Revolution führen möchten, schlägt die Bewegung neue Wege ein, um einen Genozid zu verhindern und die revolutionären Errungenschaften zu verteidigen.
Wenn wir in die Geschichte der revolutionären Prozesse zurückschauen und Errungenschaften in Europa betrachten, dann sehen wir, dass es viele Phasen gab, in denen die Intensität, der Kampfraum und auch die Mittel auf einem sehr viel höheren Niveau waren als heute. Prozesse sind Bewegungsabläufe in der Geschichte, zwischen dem, was objektiv ist, und dem, was wir wollen. Und innerhalb dieser Dynamiken ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam auf eigene Ziele hin organisieren und die Möglichkeiten ausschöpfen, die wir haben. Das heisst, wir entwickeln entlang unserer Zielen bestimmte rote Linien, die wir verfolgen und nach vorne entwickeln.
Aus unserer Geschichte gewinnen wir Erkenntnisse, mit welchen Methoden, Strategien und Taktiken man solche Prozesse vorantreibt. Daraus können wir lernen. Denn auch in Europa und in der Schweiz gab es immer wieder solche Prozesse auf unterschiedlichen Niveaus. Das ist wichtig zu verstehen, wenn wir unseren Prozess richtig einordnen wollen und eine Verbindung zwischen den Kämpfen in Rojava oder anderen revolutionären Bewegungen und uns schaffen wollen. Wenn wir sehen, wie die Errungenschaften des revolutionären Prozesses in Rojava verteidigt werden, mit welchen Methoden, Organisierungsformen und Mitteln, dann erkennen wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten. In dieser Verbindung haben wir gelernt, Prozesse auch bei uns weiterzuentwickeln.

Du hast eine lange Geschichte des revolutionären Kampfes. An welche Erfahrungen erinnerst du dich, die wichtig waren in der Entwicklung von revolutionären Prozessen?
Es gab verschiedene Phasen und Kampfbereiche, in meiner politischen Geschichte. Das war ein aufbauender Prozess insgesamt. Zu Beginn meiner revolutionären Geschichte wurde der revolutionäre Kampf auch in Europa geführt, auch bewaffnet und militant, und es gab verschiedene Kampfbereiche: in der Arbeiter:innenbewegung, in den studentischen Bewegungen, im Internationalismus, Vietnam, Palästina und so weiter. Es hat sich gezeigt, dass wo immer auf der Welt die Menschen auf die Strasse gehen, man gegen einen gemeinsamen Feind kämpft. Insbesondere die Frage des revolutionären Antiimperialismus hat sehr viele revolutionäre Kräfte bewegt. So wurden Antworten und Vorstellungen entwickelt, wie man sich dem Imperialismus entgegensetzen kann oder wie in Palästina die Befreiung auszusehen hat oder wie der Kampf in Vietnam gegen das Monster USA siegen kann. Während man angreift, weiss man, wofür man kämpft. Und diese Erfahrung hat es in der Verbindung der verschiedenen Kampfbereiche in Europa gegeben. In den verschiedenen Ländern gab es sehr unterschiedliche Ansätze. Der revolutionäre, bewaffnete Klassenkampf war in Italien stark ausgeprägt, und der antiimperialistische Kampf in der Schweiz und in Deutschland. Wenn wir uns diese Geschichte anschauen, dann sehen wir unglaublich reichhaltige Beispiele, wie unter gewissen objektiven Bedingungen in einem Land auch subjektiv Antworten auf einen revolutionären Prozess gegeben werden können. Wir haben gesehen, dass diese Kämpfe nicht
linear sind. Wir haben auch gelernt, dass es wichtig ist, die Perspektivenfrage immer mit dem Moment zu verbinden, in dem der Kampf stattfindet. Das bedeutet, man schaut nicht nur, wo man in der Geschichte einen roten Faden erkennt, den man verfolgen will, sondern man überlegt, was die nächsten Schritte sind. Man antizipiert bereits die nächsten Schritte in einem revolutionären Prozess. Das braucht sehr viel Analyse, Auseinandersetzungen mit Fragen von Strategie und von Taktik, Erkenntnisprozesse.
Heute ist der revolutionäre Prozess in Rojava in einer sehr schwierigen und herausfordernden Phase. Die gesamten imperialistischen Mächte zusammen mit den türkischen Faschisten und Dschihadisten, versuchen Rojava zu eliminieren. Das ist eine enorme Wand an Feindschaft, die mit einer riesigen Maschinerie an Krieg und Spezialkriegen agiert. Schauen wir nach Palästina, so könnte man von einer Ära der genozidalen Kriegsführung sprechen. Aus dieser Analyse heraus, versucht Rojava, mit vielen Mitteln, Taktiken und strategischen Überlegungen vor Ort, sowie mit der Solidarität aus Europa, das zu erhalten, was man erhalten kann. Es ist sehr eindrücklich vor Ort, im Krieg mitzuerleben, wie diese Kriegsführung vom Feind geplant und aufgezogen wird und wie die Bewegung darauf neue Antworten sucht. Und natürlich sind wir Teil dieses Prozesses. Unmittelbar in dem wir auch vor Ort sind, das ganze miterleben und mitgestalten und mittelbar, weil der Kampf um Rojava auch unser Kampf um Befreiung in Europa vorantreibt. Weil die Kämpfe zusammenhängen und der Prozess in Rojava sich auf die Kämpfe in Europa auswirkt und umgekehrt. Denn, ob wir in Rojava, Zürich oder anderswo auf die Strasse gehen, wir haben die gleichen Feinde: Den Imperialismus, den Kapitalismus, die Bourgeoisie etc. Die Liste ist lang. In der Schweiz ist der revolutionäre Prozess anders als in Rojava. Aber wir können einen eigenen Prozess entwickeln und eigene Erkenntnisse gewinnen, wer hier in Europa der gemeinsame Feind ist und wie wir ihn hier angreifen können. Das heisst, wir wollen die revolutionären Momente aufgreifen, entwickeln, vorantreiben, reflektieren. Daraus ergibt sich eine Fülle an unterschiedlichen Kampfbereichen und Verbindungen von hier und da.
Wir haben erlebt, dass die grossen, schwungvollen revolutionären Phasen wieder vorbeigehen und in neue Phasen übergehen. Dabei ist es wichtig, dass wir die
revolutionäre Spur weiterentwickeln und erkennen, welche spezifischen Merkmale den revolutionären Kampf in der Schweiz prägen. Unser Prozess findet in Europa statt und Europa ist spezifisch anders. Das hat man damals in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren
gelernt. Wir erinnern uns an die Kämpfe damals und ehren all jene, die gefallen sind. Denn die Gefallenen sowie die Langzeitgefangenen, die es aus den Kämpfen in Italien zum Teil immer noch gibt, erinnern uns daran, dass der Kampf möglich ist, dass wir den Kampf solidarisch führen, dass wir den Kampf gemeinsam kollektiv entwickeln können und dass unsere Ziele, den Feind anzugreifen, um auf den Prozess hier einzuwirken, richtig, machbar und umsetzbar sind.

Unsere revolutionären Kämpfe sind keine individuellen Geschichten. Was ist die Bedeutung von Genossenschaftlichkeit für dich?
Die Genossenschaftlichkeit, die Geschwisterlichkeit der Völker, sind Teil einer profunden Solidarität, und sie sind die Basis. Man muss sich bewusst sein, dass das Wachsen im revolutionären Prozess auch bedeutet, mit dem Bewusstsein zu wachsen. Wir können nicht so bleiben, wie wir sind. In den Kategorien des revolutionären Prozesses zu denken, bedeutet auch sein, Bewusstsein so zu formen, so dass man in Widersprüchen denken lernt. Dies ermöglicht uns erst, den Bruch mit Staat und Kapital denken zu können. Dazu müssen wir lernen, anders zu denken als man uns in der Schule, an der Uni oder im Betrieb beigebracht hat. Es gilt, eine eigene Kultur zu entwickeln. Und diese eigene Kultur kann den verschiedenen Phasen und Angriffen der Konterrevolution nur standhalten, wenn wir eine gemeinsame Basis haben: Die Solidarität, die Genossenschaftlichkeit. Es gibt eine Verbindung zwischen den Völkern und zwischen den proletarischen Klassen aller Ländern und es geht darum, auf dieser Basis aufzubauen. Nur damit kommen wir weiter. Es ist eine viel grössere Arbeit, die man parallel zu den Organisierungsprozessen pflegen muss und bewusst auch miteinander darüber reden muss und von Kritik und Selbstkritik geprägt ist – eine Arbeit an der kollektiven Kultur und dem Bewusstsein.
Wir sehen das heute besonders in der kurdischen Stadt Kobanê in Nordsyrien, die aktuell von der syrischen Schergenregierung belagert wird. In Kobanê wird am Abend getanzt, die Leute werden versorgt. Man teilt das Essen, man teilt das Öl, das noch da ist. Man organisiert sich in den Schulen, man organisiert sich überall, so dass man die Situation der Belagerung gemeinsam durchsteht. Wenn die Belagerung nicht funktionieren soll, dann darum, weil wir in der Genossenschaftlichkeit, in der Solidarität uns selbst weiterentwickeln können, und uns dem Feind und seinen Angriffen mit diesem
Bewusstsein auch entgegenstellen: Die Solidarität als Waffe einsetzen. Und die Waffe der Solidarität heisst, den Feind ins Leere laufen zu lassen, das heisst ,ihn nicht mit seinen Mitteln zu schlagen, sondern ihm die eigenen
Waffen entgegenzustellen. Und weil in Rojava diese Momente im revolutionären Volkskrieg besonders klar sind, ist das Bewusstsein besonders hoch. Die Mobilisierungen zum Tishrin-Staudamm im Dezember 2024 und Januar 2025 haben dies gezeigt. Man hat gemeinsam Grenzen und Mauern durchbrochen, um mit dem Bewusstsein hinzustehen, dass man fallen kann, einem dies aber nicht davon abhält, gemeinsam dem Feind die Stirn zu bieten, solidarisch zusammenzustehen, und jede an ihrem Platz, sich am revolutionären Volkskrieg zu beteiligen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.