Jeder Ort, ein Ort des Kampfes
8.3.-Redaktion. Die Welt verändert sich rasant, es findet eine brutale Zuspitzung von Krieg, Gewalt und Faschismus statt. Dagegen formt sich an verschiedenen Orten Widerstand. Wir wollten von Frauen und queere Personen aus dem globalen Süden wissen, wie sie ihre revolutionäre und feministische Perspektive in der Praxis umsetzen. Wie sehen ihre Kämpfe aus, was sind ihre Hoffnungen? Einige Stimmen aus den Philippinen, Mexiko, Kuba und Rojava.
Noch nie gab es so viele Kriege weltweit wie 2025 – und bereits in den ersten Tagen von 2026 wurden gleich Venezuela und Rojava angegriffen. Die imperialistischen Mächte tun nicht mehr mal so, also ob sie sich an die eigenen Regeln ihrer «Weltordnung» halten würden. Während früher noch ohrenbetäubendes Schweigen und lahme Ermahnungen an alle Seiten die üblichen Reaktionen waren, gingen die Herrschenden des globalen Nordens im Gaza-Krieg einen Schritt weiter: Neu lässt man die USA und Israel nicht nur jegliche Völkerrechtskonventionen brechen, sondern billigt das Vorgehen lautstark und versucht, die Proteste und Solidarität für Palästina im eigenen Land durch Repression und Diffamierungen zu ersticken. Dies kreierte einen Präzedenzfall, der Trumps Machtpolitik die Möglichkeit gab, immer und überall auf der Welt Kriege zu führen, ohne sich vor Konsequenzen fürchten zu müssen. Sei es in Venezuela, in Kuba oder in der Arktis.
Die Weltlage ist düster. Doch wir wollten mit dieser Nummer keine düstere Analyse des Ist-Zustandes machen, sondern daran erinnern, dass sich überall auf der Welt Menschen organisieren und mutig Widerstand leisten. Immer zuvorderst: Frauen und genderqueere Personen. Deshalb möchten wir diesen Menschen, die sich gegen Krieg und Faschismus erheben, eine Stimme geben. Wir haben verschiedene Frauen und genderqueere Personen aus dem globalen Süden nach ihren Kämpfen und Hoffnungen gefragt. Aus Zeitgründen und wegen der widrigen Umstände haben uns leider nicht alle Antworten vor Redaktionsschluss erreicht, insbesondere fehlen uns die Statements aus Palästina, Venezuela und dem Sudan. Wir veröffentlichen hier Auszüge aus den übersetzten Antworten – eine ausführlichere Fassung ist online nachzulesen.
Gabriela, Philippinen: Durch antikolonialen Kampf zur Frauenbefreiung
Philippinische Frauen blicken auf eine lange Geschichte des Kampfes gegen ausländische Herrschaft und gegen die Unterdrückung von Frauen. Wir haben für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft, für das Wahlrecht und für das Recht auf Bildung. Eine von uns führte einen regionalen Aufstand gegen die spanischen Kolonialherren an: Gabriela Silang. Angetrieben von den Kämpfen gegen die Diktatur und für wirtschaftliche und politische Veränderungen in den Marcos-Jahren schlossen sich Frauen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen und gründeten eine nationale Frauenkoalition. Zu Ehren von Gabriela Silang nannten wir uns GABRIELA.
Wir sind überzeugt, dass wir die Befreiung der Frauen erreichen werden, indem wir die Fremdherrschaft, die Landlosigkeit und die politische Unterdrückung überwinden, sowie durch die Veränderung der patriarchalen Strukturen in der philippinischen Gesellschaft. Wir engagieren uns gegen Probleme, die Frauen benachteiligen: Landlosigkeit, Militarisierung, Auslandsverschuldungskrise, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Zwangsprostitution, Frauenhandel und vieles mehr. Ausserdem wollen wir durch Kunst, Kultur und Selbstbewusstsein das Bild und die Stellung der Frau in der Gesellschaft verbessern.
Ro, Mexiko: Recht auf Gesundheit auch für queere Menschen
ich interessiere mich für das Wissen und die Anwendung der traditionellen Medizin. In erster Linie, um mich selbst zu behandeln, aber auch mit Blick auf die Schaffung eines gemeinschaftlichen Gesundheitsprojekts, insbesondere für Frauen und speziell aber auch für queere Menschen und Transpersonen. Das Gesundheitssystem hier in Mexiko ist manchmal sehr unzugänglich, wie fast überall auf der Welt. Besonders für die queere Gemeinschaft ist die medizinische Behandlung und Versorgung sehr schlecht. Es ist sehr diskriminierend, und ich bin der Meinung, dass wir eine andere Art der Behandlung verdienen. Deshalb bilde ich mich erstens weiter, um das zu erreichen. Und zweitens glaube ich, dass Gesundheit und das Leben an sich nicht von der Politik getrennt werden können. Meiner Meinung nach ist alles, was wir tun, politisch.
Manchmal denken wir, wir sollten uns bereits existierenden Projekten anschliessen, aber ich glaube, dass wir sie auch selbst schaffen können, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind. Manchmal müssen wir auch selbst nach Bedingungen der Selbstverwaltung suchen, um dies zu erreichen. Es ist immer ziemlich prekär, dies auf diese Weise zu tun, aber ich glaube auch, dass es sehr erfüllend ist, von Menschen begleitet zu werden, die sich in derselben Bewegungsrichtung befinden, auf derselben Suche sind. Ich glaube, dass das eine der wichtigsten Lehren und Erkenntnisse sind, die ich in Chiapas gelernt habe. Auch die politischen Vorschläge auf der anderen Seite der Welt, in Rojava, in Kurdistan, sind für mich sehr inspirierend.
In diesem Sinne glaube ich, dass internationale Solidarität sich in einer Art Ameisenhaufen abspielt, in dem wir die richtigen Kompliz:innen finden müssen. Wir müssen in allen Ecken unserer Gemeinschaften, in denen wir leben, jene Menschen suchen. Aber auch im digitalen Raum können wir uns verbinden, interagieren und kommunizieren. Deshalb glaube ich, dass es in diesen Zeiten notwendig ist, Gemeinschaft zu schaffen, angefangen bei den kleinsten Einheiten in unserem Umfeld, und dies immer mit einem globalen Blick.
Juana, Kuba: Wir Frauen sind das Fundament der Gesellschaft
An alle Frauen weltweit. Das Wichtigste, was ich euch sagen kann, ist: Seid stark. Leistet Widerstand. Eure Meinung zählt, egal was ihr tut – auch wenn es noch so klein ist, auch wenn es nach wenig aussieht, was ihr tut, ist es wichtig. Wir leben in einer Welt, in der Frauen das Fundament der Gesellschaft sind. Darum müssen die Frauen zusammenhalten, stark sein und sich verteidigen. Es ist an der Zeit, mit allen Traditionen zu brechen, mit dem Patriarchat, mit all den Zwängen, die Frauen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Heute ist die Zeit gekommen, wo nicht nur wir Frauen, sondern alle Menschen das Recht und die Pflicht haben, aufzustehen. Wir müssen für unsere Rechte und für unser Leben einstehen. Deshalb stehen wir als Frauen auf und zeigen der ganzen Welt, dass wir dieses Land verteidigen werden, dieses Land, das uns schützt und uns als das Fundament der Gesellschaft anerkennt. Deshalb sind wir organisiert in den comités de defensa de la revolución, hier in Havanna, um die Revolution zu verteidigen.
Alles, was ich euch sagen kann, ist, dass ihr durchhalten sollt, dass wir in die richtige Richtung gehen. Hoffentlich sind der Faschismus, das Patriarchat und alle Diskriminierungen bald überwunden. Darauf müssen wir hinarbeiten. Unsere Perspektive ist es, eine Grundlage zu schaffen, so dass wir Frauen die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Menschen haben – egal ob es um Religion, Politik oder soziale Aspekte geht. Es ist an der Zeit, dass wir alle Traditionen hinter uns lassen, die uns fesseln und uns daran hindern, uns als Welt, als Land, als Gesellschaft zu entwickeln. Solange wir diese Ketten nicht sprengen, werden wir aus globaler Sicht in keiner Weise vorankommen.
Zeynab, Rojava: Wir kämpfen für die ganze Welt
Als ich klein war, hat meine Mutter immer Kurdisch mit mir gesprochen, obwohl die kurdische Sprache im syrischen Staat verboten war. Mein Vater war im Gefängnis wegen seiner politischen Aktivitäten. Als er aus dem Gefängnis kam, trug er oft die kurdischen Farben um den Kopf. Er nahm mich auf die Schultern mit zu Newroz, wir machten Molotowcocktails und warfen sie gegen das Regime, denn das Regime hat die Bevölkerung, die Newroz gefeiert hat, angegriffen und getötet. So bin ich aufgewachsen, das war meine Realität. Man wird von klein auf zu einer Kämpferin in solchen Umständen. Als ich klein war, habe ich schnell verstanden, was der Kapitalismus anrichtet. Weil du das alles selbst gesehen hast, weil sich das alles gegen dich, deine Familie und dein Volk gerichtet hat. Man wächst nicht wie andere Kinder auf dieser Welt auf. Wenn du grösser wirst, fragst du dich: Wie können wir uns schützen, uns verteidigen? Dann fängt man an, politische Bücher zu lesen, sich zu bilden über die Geschichte, über die Kunst, um die Zusammenhänge besser zu verstehen, die Geschichte zu verstehen. Vor allem auch, um anderen, zum Beispiel in Europa, klarzumachen, was die Probleme sind, um zu zeigen, wie dreckig und schmutzig die Politik ist, die gegen uns angewendet wird. Darum arbeiten wir politisch. Vielleicht ist das nicht etwas, was ich selbst gewählt habe, man wird da reingeboren, wächst da rein, weil die Bedingungen so sind.
Wir sind jetzt erst im ersten Monat 2026 und schon ist die Welt eine andere… Wenn wir unsere Geschichte lesen, verstehen wir besser, was passiert. Wir sehen, dass die Geschichte sich wiederholt, das Morden, die Genozide gegen uns. Und doch ist nicht alles gleich, heute stehen wir an einem anderen Punkt. Es gab in den letzten Jahren auch positive Veränderungen für das kurdische Volk, beeinflusst durch die Revolution in Rojava, in der die Frauen eine wichtige Rolle spielen. Frauen spielen in jedem Bereich eine zentrale Rolle, in der Politik, im Militär… Die Frauen wurden zu einer Armee, sie haben ihren Platz eingenommen.
Auf der ganzen Welt wachsen Faschismus und Krieg. Es ist wichtig, dass es uns gibt, dass es Rojava gibt. Für den Mittleren Osten und für die ganze Welt. Denn wir haben ein alternatives System zum Kapitalismus aufgebaut. Wir kämpfen nicht nur für die Kurd*innen, sondern für die ganze Welt. Und auf der ganzen Welt stehen die Menschen auf, aber nicht nur für die Kurd*innen sondern für alle Menschen im Mittleren Osten. Was Israel in Palästina angerichtet hat, ist inakzeptabel. Wir kämpfen für die Menschlichkeit und wir sehen, was das für einen Einfluss hat auf der Welt.
In der Geschichte unseres Volkes haben die Frauen immer wieder zur Waffe gegriffen, wenn es nötig war, und haben eine wichtige Rolle gespielt. Es wurde nicht als etwas Falsches, Verwerfliches angesehen, wenn Frauen auch gekämpft haben. In unserer Gesellschaft haben Frauen viele wichtige Rollen eingenommen, als Sängerinnen, in der Politik, im Militär. Das hat einen Einfluss darauf, wie man aufwächst und wie man sich entwickelt, wenn man aus einer solchen Gesellschaft mit einer solchen Geschichte kommt.
Ich sage, wenn man als junge Frau das alles durchlebt hat und jetzt erlebt, dann ist die erste Ebene, wo du deinen Kampf weiterentwickeln musst, auf der Ebene der Gedanken. In ganz Rojava sind die Frauen ein Beispiel für Revolutionär*innen. Über die Revolution kann ich sagen, dass die kurdischen Frauen sich damit bewiesen haben. Aber über die Weiterführung der Revolution kann ich sagen, dass die Revolution nicht zu Ende ist. Im Gegenteil, wir können unseren Kampf noch weiterentwickeln und stärker machen. Und zwar zunächst auf Seite der Gedanken. Wir können unsere Freiheit ergreifen und diesen Ort zu einem grossen Ort des Kampfes machen. Wenn wir unsere Gedanken vertiefen, werden wir eines Tages frei sein.
