Scheingefecht
dom. 1400 von 7700 Mieter:innen städtischer Wohnungen verdienen zu viel. Bürgerliche wittern Ungerechtigkeit und rufen nach strengeren Regeln – mit Vorstössen, die keine einzige neue Wohnung schaffen, sondern bloss die Wohnungsnot unter den Ärmsten umverteilen wollen.
Eine Auswertung des Zürcher Finanzdepartements hat ergeben: In 1400 von 7700 überprüften städtischen Wohnungen verdienen die Mietenden mehr, als erlaubt – das entspricht rund 18 Prozent. Die Stadt toleriert aber im Namen der sozialen Durchmischung bloss eine Quote von 15 Prozent. Erst wenn diese Grenze drei Jahre in Folge überschritten wird, muss gehandelt werden – in diesem Falle frühestens 2028. Zu spät fürs bürgerliche Lager, das hier eine Ungerechtigkeit entdeckt und deshalb im Gemeinderat gleich mehrere Vorstösse eingereicht hat.
Was wird gefordert?
Bürgerliche Parteien setzen sich ein für Verteilungsgerechtigkeit? Passt doch gar nicht, könnte man meinen – passt sehr wohl, solange die Umverteilung nur unter den Ärmsten stattfindet. Der erste Vorstoss will die 15-Prozent-Quote ersatzlos streichen und stattdessen die 1-zu-4-Regel beim Einzug (das Einkommen darf höchstens das Vierfache der Miete betragen) beziehungsweise die 1-zu-6-Regel bei laufenden Mietverhältnissen konsequent durchsetzen. Der zweite Vorstoss verlangt, dass die Miete direkt an die Lohnentwicklung gekoppelt wird: Steigt das Einkommen um mehr als zehn Prozent über das erlaubte Limit, soll automatisch auch die Miete steigen.
Zusätzlich verlangt SVP-Gemeinderat Reto Brüesch mit drei weiteren Vorstössen strengere Regeln für besonders günstige Altbauwohnungen. Gemäss Tagesanzeiger gibt sich Brüesch besorgt und meint, in Wohnungen mit «wirklich tiefen Mietzinsen sollten wirklich nur Menschen mit tiefen Einkommen wohnen». Auch FDP-Fraktionspräsident Emanuel Tschannen hält sich und seine Vorstösse für «vernünftig und sozial»: Wer die Kriterien nicht mehr erfülle, solle mehr zahlen oder Platz machen für jene, die wirklich auf günstigen Wohnraum angewiesen seien.
Ein reales Problem
Die Zweitärmsten sollen also den Ärmsten Platz machen – dass damit keine Wohnungsnot gelöst wird, weiss jede:r, der sich schon mal im Raum Zürich eine Wohnung suchen musste. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Leerwohnungsziffer der Stadt lag per 1.Juni 2026 bei 0.11 Prozent, was gerade mal 252 leeren Wohnungen entspricht. Auf eine einzige freiwerdende städtische Wohnung bewerben sich gemäss Tsri.ch im Schnitt rund tausend Personen. Auf dem freien Markt kostet eine mittlere 3.5-Zimmer-Wohnung im Schnitt rund 3400 Franken im Monat, eine 2,5-Zimmer-Wohnung rund 2800 Franken.
Wer kann sich sowas eigentlich leisten, fragt man sich. Günstige Lösungen wären also dringend gefragt – doch seit vielen Jahren stagniert der gemeinnützige und städtische Wohnungsbestand. 2011 beschloss die Zürcher Stimmbevölkerung mit rund 76 Prozent, dass bis 2050 ein Drittel aller Mietwohnungen gemeinnützig sein soll. Tatsächlich lag der Anteil 2015 bei 26.5 Prozent, bis 2019 war er gar auf 26.4 Prozent gesunken. Kurz gesagt: Es gibt zu wenig günstigen Wohnraum – nicht zu viele Leute, die ihn «zu Unrecht» belegen.
Auf den Schwächsten rumhacken
Kein einziger der bürgerlichen Vorstösse schafft auch nur eine einzige zusätzliche günstige Wohnung. Sie verteilen lediglich den vorhandenen, viel zu knappen Bestand um – zwischen zwei Gruppen, die doch beide zur Zielgruppe des gemeinnützigen Wohnungsbaus gehören. Wer aus einer städtischen Wohnung gedrängt wird, weil er oder sie etwas mehr verdient, landet nicht in einer neuen günstigen Wohnung, sondern auf jenem Markt mit 0.11 Prozent Leerstand und 1000 Bewerbungen pro freier Wohnung.
Im Grunde wollen SVP, FDP und Mitte Lohnsteigerungen bei Geringverdienenden bestrafen, während das strukturelle Problem unangetastet bleibt. Die Vorstösse lösen die Wohnungsnot nicht, sie verschieben sie nur innerhalb der ärmeren Bevölkerung hin und her und produzieren dabei auch noch ein politisch dankbares Feindbild: den vermeintlich unverschämten «Zu-viel-Verdiener» in der günstigen Wohnung.
Wem gehört die Stadt?
Kritik kommt laut Tagesanzeiger von linker Seite. Aus Sicht von Oliver Heimgartner, Co-Präsident der SP Zürich, sollten «die Mieten all jener sinken, die nicht bereits in einer vergleichsweise günstigen städtischen Wohnung leben». Ja, das wäre was. Zumindest im Vergleich zum bürgerlichen Ansatz, günstigen Wohnraum schaffen zu wollen über strengere Ausschlusskriterien für die wenigen, die bereits einen gefunden haben.
Aber zweifelsohne ist es mit etwas mehr städtischem Wohnungsbau, einigen Genossenschaften, einem Vorkaufsrecht hier und einem Fördertopf dort, auch nicht getan. Was in der ganzen Wohndebatte kaum zur Sprache kommt, ist die Frage, warum der grösste Teil des Zürcher Wohnungsbestands überhaupt in privaten Händen liegt und dort der Abschöpfung von Renten dient.
Schluss mit Scheingefechten
Der Ökonom Felix Schläpfer hat vorgerechnet, dass sich die jährlichen Bodenrenten in der Schweiz in der Grössenordnung von 100 Milliarden Franken bewegen. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Wohnen in Zürich so teuer geworden ist: nicht die paar Mietparteien mit zu hohem Einkommen, sondern ein Markt, in dem Boden und Wohnraum in erster Linie als Renditeobjekt fungieren.
Wer diesen Befund ernst nimmt, müsste konsequenterweise auch die Eigentumsfrage stellen: die Vergesellschaftung grosser, profitorientierter Immobilienbestände, wofür sich die Volksinitiative «Deutsche Wohnen & Co enteignen» in Berlin seit Jahren einsetzt. Solange die Eigentumsfrage nicht gestellt wird, bleibt jede Verteilungsdebatte um die 7700 städtischen Wohnungen ein Scheingefecht, während sich die eigentliche Wohnungsnot ausserhalb der städtischen Wohnungen – also in 96.8 Prozent des Marktes – ungebremst weiter verschärft.















