Die «grossen Industriellen»

HolcimVor einem Jahr feierte Holcim, das Schweizer Zementunternehmen von Thomas Schmidheiny, sein 100. Jubiläum. In der Schweiz zählt die Familie Schmidheiny zu den vorbildlichsten Industriellen. Doch ob in Indien, Südafrika, Italien oder in der Schweiz: Das Imperium produziert seit jeher Elend und Tod. Ein Blick hinter die Kulisse der Schmidheiny-Dynastie.

Zum 100. Jubiläum von Holcim zögerten die Medien nicht, den grössten Einzelaktionär des Zementunternehmens, Thomas Schmidheiny, als «grossen Industriellen» zu feiern. Durch seine Aktivitäten habe er die «schweizerischen Traditionen und Werte» über Holcim weltweit verbreitet.

Seit 2005 besitzt Holcim die Mehrheit zweier grosser Zementhersteller in Indien (ACC und Ambuja Cement). Nach China ist Indien der zweitgrösste Zementproduzent weltweit. Der Sektor kennt seit einigen Jahren ein jährliches Wachstum von über elf Prozent. Indien stellt also eines der wichtigsten Investitionsfelder des globalen Kapitals dar – und somit auch des schweizerischen Kapitals.

Die lokale Gewerkschaft «Pragapisheel Cement Shramik Sangh» (PCSS) klagt seit mehreren Jahren diese zwei Unternehmen an, weil sie über die Anstellung von befristeten TemporärarbeiterInnen die indischen Mindeststandards unterschreiten: Bezahlung unter dem Mindestlohn, Zwang zur Ausführung der gefährlichsten Tätigkeiten, ständige Drohungen entlassen zu werden. Über 80 Prozent der Beschäftigten arbeiten heute unter solchen ausbeuterischen Bedingungen.

Darüber hinaus werden ganze Bevölkerungsgruppen – vor allem Kleinbäuerinnen und -bauern – aus gewissen Regionen vertrieben (zum Beispiel aus dem zentralindischen Staat Chhattisgarh), weil vermehrt natürliche Ressourcen für den Bergbau entdeckt werden. In den nächsten Jahren soll die Zementproduktion in dieser Region von 13,5 auf 100 Millionen Tonnen jährlich steigen. Dafür werden weitere Produktionszentren aufgebaut .?.?.? und weitere Kleinbäuerinnen und -bauern vertrieben. Holcim rechtfertigt solche Arbeits- und Lohnbedingunen damit, dass die Übernahme der indischen Firmen auch die Übernahme von «Traditionen» und «Gewohnheiten» bedeute. Holcim könne diese nicht von einem Tag auf den anderen ändern.

Die Tradition des Kapitals – ob «schweizerischer» oder «indischer» Herkunft – bedeutet schlicht Ausbeutung. Diese löst aber auch immer Widerstand aus. Einerseits von den Kleinbauerinnen- und Kleinbaur, die Holcim direkt verurteilen, sie für die verlorenen landwirtschaftlichen Gebiete nicht entschädigt zu haben, andererseits durch die ArbeiterInnen der Zementfabriken selbst, welche über die Weitergabe von Aufträgen an Subunternehmen und TemporärarbeiterInnen einem immensen Arbeitsdruck ausgesetzt sind. Arbeitsunfälle und Tod am Arbeitsplatz gehören zum Alltag der indischen ArbeiterInnen.

Das Asbestimperium der Schmidheinys

Hinter Thomas Schmidheiny und der Holcim AG steht eine der einflussreichsten Unternehmerdynastien der Schweiz. Die rheintaler Familie Schmidheiny bereicherte sich über das Geschäft mit dem hochgiftigen Asbeststaub. Letztes Jahr kam es in Italien zu einem Schuldspruch gegen Stephan Schmidheiny. Der Bruder von Thomas (Holcim) wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Er ist mitschuldig, in Italien eine Umweltkatastrophe verursacht und Sicherheitsmassnahmen in den italienischen Eternit-Fabriken absichtlich unterlassen zu haben. Bis heute starben allein in Italien über 3000 Menschen an asbestverursachten Krankheiten. Der Reichtum der Schmidheinys scheint seit jeher auf dem Tod von ArbeiterInnen weltweit zu basieren.

Die Geschichte begann 1920 in Glarus, als Ernst Schmidheiny, Urgrossvater von Thomas und Stephan, Anteile der Eternit-Fabrikationsanlage in Niederurnen aufkaufte. In der Schweiz sind bisher 700 Todesopfer bekannt und weitere werden erwartet. Auch die Asbestopfer von Niederurnen reichten gegen die Schmidheinys eine Strafanzeige ein. Das Bundesgericht entschied jedoch im 2003, das Verfahren aufgrund von Verjährung einzustellen. Es wurde lediglich eine Stiftung mit läppischen 1,25 Millionen Franken Stiftungskapital für Asbestopfer geschaffen.

Zur zweiten Generation der Schmidheinys gehören die jungen Erben Max und Ernst junior. Diese entwickelten intensive Geschäftsbeziehungen zu den Nazis und dem Apartheid-Regime in Südafrika. Während des Weltkrieges belegten sie Sitze im -Aufsichts-rat der «Deutschen Asbestzement AG» (DAZAG), die damals massenhaft ZwangsarbeiterInnen ausbeutete. 1941 expandierten die Schmidheinys auch nach Südafrika, wo sie in enger Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime das Asbestgeschäft zum Florieren brachten. In den südafrikanischen Asbestmienen der Schmidheinys «spotteten die gesundheitlichen und arbeitshygienischen Umstände bis Anfang der achtziger Jahre jeglicher Beschreibung. (…) Arbeiter, die ohne Schutzvorkehrungen knöcheltief im Asbest wateten; offene, vom Wind verwehte Schutthalden, Berge von Produktionsrückständen in unmittelbarer Nachbarschaft von menschlichen Behausungen und Wasserstellen» (Bilanz 2003). 2002 sollte es auch in Südafrika zu -einer Sammelklage kommen, doch der spätere Bundesrat Hans-Rudolf Merz entschärfte die Situation zugunsten der Schmidheinys. Merz ersetzte seinen Busenfreund Stephan Schmidheiny als VR-Präsident der Anova, welche die Auslandinteressen der Schmidheinys vertrat. Zur Kollaboration mit dem Apartheid-Regime behauptete Merz: «Damals war die Apartheid in der Schweiz kein Thema und niemand hat sie verurteilt. (…) Es gab auch viele Leute, die die Apartheid unter dem Aspekt der Erziehung sahen und nicht der Rasse» (Tagesanzeiger, 8. November 2002). Auf dem Höhepunkt des Eternit-Booms beschäftigten die Schmidheinys weltweit über zehntausend MitarbeiterInnen. Obwohl spätestens seit den frühen Siebzigerjahren wissenschaftlich belegt wurde, dass das Einatmen von Asbeststaub zu Krankheit und Tod führen kann, setzten die Schmidheinys ihre ArbeiterInnen noch lange Jahre dem Risiko aus. Da die Krankheit bis zu 30 Jahre nach dem Kontakt mit Asbest ausbrechen kann, werden zu den tausenden Toten noch viele weitere dazu kommen. So viel zu «schweizerische Traditionen und Werte», die Schmidheiny weltweit verbreitet hat.

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