Der allgegenwärtige Antisemit

Moshe Zuckermann

Tierrechtsgruppe Zürich. Heute ist es kaum mehr möglich, Kritik an Israel zu äussern, ohne gleich als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Linke Gesinnung macht davor keinen Halt und wendet sich immer mehr nach rechts. Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann hat darüber ein neues Buch geschrieben.

Herr Zuckermann, der Antisemitismusvorwurf breitet sich im politischen Diskurs zurzeit inflationär aus. Mit dem real existierenden Antisemitismus hat das aber wenig zu tun. Wer also ist «der allgegenwärtige Antisemit», den Sie im Buchtitel ankündigen?
Moshe Zuckermann: Eben der nur zur leeren Floskel verkommene «Antisemit», der keiner ist, aber als solcher besudelt wird, um ihn politisch und gesellschaftlich zu verfolgen und auszuschalten. «Allgegenwärtig» ist dieser «Antisemit», weil er als solcher beliebig abrufbar ist, allzeit zugegen durch den schieren Akt der perfiden Verleumdung. Dass er aber «allgegenwärtig» zu werden vermochte, zeugt vom nicht zu übersehenden Erfolg der verlogenen AgitatorInnen, die den Antisemitismus-Begriff fortwährend fremdbestimmt instrumentalisieren. Man kann Begriffe verhunzen und sie ideologisch verzerren; selten ist dies mit solcher Akribie und unverhohlener Ruchlosigkeit betrieben worden.

Die Differenzierung von Begriffen nimmt einen wichtigen Stellenwert in Ihrem neuen Buch ein. Wieso ist die Unterscheidung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik so wichtig?
Sie ist wichtig, weil eben die Gleichsetzung dieser Kategorien die ideologische Manipulation des politischen Diskurses als Totschlagargument ermöglicht. Da nun aber nicht alle JüdInnen zionistisch, nicht alle ZionistInnen Israelis und nicht alle Israelis JüdInnen sind, müssen nicht nur Judentum, Zionismus und Israel auseinandergehalten werden, sondern ebenso auch ihre Negation als Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik. Es gibt nichtzionistische JüdInnen, die sich sogar etwas darauf zugute halten, dass sie keine ZionistInnen bzw. gar antizionistisch sind. So etwa orthodoxe und erst recht ultraorthodoxe JüdInnen. Es gibt kommunistische JüdInnen, die mit dem Nationalismus als solchen nichts am Hut haben. Und es gibt auch viele JüdInnen (sehr viele in den USA), für die Israel keinerlei Relevanz für ihre Lebensausrichtung und ihre identitäre Bestimmung besitzt.

Welche gesellschaftlichen und politischen Kräfte sind dann an der Vermengung dieser Begriffe und damit an der Besudelung und Diffamierung von Israel- und ZionismuskritikerInnen als «AntisemitInnen» interessiert und warum?
Zunächst und vor allem die israelisch-zionistische Propaganda («Hasbara»), die damit auf die Ablenkung von den Untaten des israelischen Besatzungsregimes zielt. Sodann die jüdischen Gemeinden ausserhalb Israels, die meinen, mit der Abwehr der (berechtigten) Israelkritik Israel ihre Solidarität bezeugen zu können. Unterstützung findet dieses vermeintliche «jüdische Interesse» seitens der offiziellen deutschen Politik und der hegemonialen Presse in Deutschland – dies als eine Art historisch wiedergutmachende «Schuldabtragung» der «Deutschen» den «JüdInnen» gegenüber. Total verkommen ist dabei die Haltung der sogenannten «Antideutschen», die in der vollkommen verqueren Israelsolidarität ihre deutschbefindliche Identität zu konsolidieren trachten. Es herrscht also eine Art prästabilisierte Harmonie zwischen verschiedenen Interessen und Bestrebungen, die sich gegenseitig ergänzen. Nicht von ungefähr unterstützt die israelische Botschaft die jüdischen Gemeinden oder etwa «antideutsche» Aktivitäten. Ganz davon zu schweigen, wie sich die offizielle deutsche Israelpolitik von Israels Abwehr aller Israelkritik einschüchtern lässt.

Als Soziologe und promovierter Historiker verweisen Sie darauf, dass der Zionismus den Antisemitismus stets gebraucht hat.
Der Zionismus hat den Antisemitismus stets gebraucht, weil er als historische Reaktion auf den Antisemitismus in die Welt gekommen ist, und zwar mit dem Postulat, dass das Leben der JüdInnen in der Diaspora insgesamt aufgehoben werden müsse. Der Antisemitismus war daher stets förderlich für das zionistische Bestreben, die JüdInnen der Welt in Israel zu versammeln. Denn solange JüdInnen unter dem Antisemitismus leiden, sind die Chancen grösser, dass sie ins zionistische Israel auswandern. Der Antisemitismus lag, so besehen, von Anbeginn im objektiven Interesse des Zionismus. Und so kam es zum (nur vermeintlichen) Paradox, dass der Staat der JüdInnen, wie er sich selbst sieht, den Antisemitismus nie als Objekt der Bekämpfung angesehen hat, sondern stets als Argument zur Befestigung seiner Ideologie. Selbst von David Ben Gurion, Israels Staatsgründer und erstem Ministerpräsidenten, gibt es dazu beredte Sprüche.

Sie schreiben, dass Israel den Frieden mit Palästina nie gewollt habe. Ist es nicht widersinnig, anzunehmen, dass ein Land es vorzieht, in ständigem Konflikt zu leben?
An sich ist es widersinnig, wenn man den Frieden als Ziel menschlichen Seins ansieht. Israel (und der Zionismus als seine staatstragende Ideologie) ist aber in einer historischen Konstellation in die Welt gekommen, in welcher der Frieden erst gar nicht in Betracht gezogen werden durfte, weil sich das Kollektiv, auf dessen Kosten der Judenstaat gegründet wurde, sich mit seiner eigenen Katastrophe nicht abfinden wollte. Der Territorialkonflikt zwischen Israelis und PalästinenserInnen kann nur gelöst werden, wenn man eine Teilungslösung eingeht, die aber vom heutigen Israel gar nicht gewollt wird. Niemand in der israelischen Politik könnte heute dem Rückzug aus den besetzten Gebieten das Wort reden, ohne seine eigene politische Karriere aufs Spiel zu setzen. Friedensvorschläge werden in Israel, auch unter einem Grossteil der Bevölkerung, gemeinhin milde belächelt oder rigoros verlacht. Den Frieden opferte man zugunsten der Sicherheit, die aber eben auch keine ist. Heute darf man sich die Frage stellen, ob der Zionismus die Friedenslösung je ernsthaft anvisiert hat. Die Frage stellt sich, weil er sich von Anbeginn der Nachhaltigkeit seines historischen Projekts kaum je sicher war.

Vor allem der zweite Teil Ihres Buches, insbesondere der Gastartikel von Susann Witt-Stahl, befasst sich mit der Rechtsentwicklung von (ehemaligen) Linken. Was hat es mit dieser Rechtswende auf sich?
Im grossen Ganzen sieht sich die Linke nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den dadurch ideologisch in Verruf geratenen Marxismus vor das Problem gestellt, die historische Relevanz der eigenen Gesinnung zu wahren. Der Kapitalismus hat sich als zäher und beständiger erwiesen, als seinerzeit von KommunistInnen prophezeit; nach dem Zerfall der Sowjetunion hat er seinen Siegeszug in globalem Massstab angetreten. Viele Linke hat dieser strukturelle Moment der Ohnmacht in den Pragmatismus getrieben, der noch eine Steigerung dessen darstellt, was man historisch als das Auseinanderfallen von KommunistInnen und SozialdemokratInnen kannte. Im heutigen Deutschland kommt noch hinzu, dass die Partei «Die Linke» meint, sich umorientieren zu sollen, weil sie koalitions- und regierungsfähig zu werden trachtet. Als das, was sie ursprünglich hätte werden sollen – Alternative zum bestehenden System –, konnte sie nicht reüssieren, also musste sie sich im Bestehenden einrichten. Was sie dabei alles von ihrer ursprünglichen Gesinnung und dem sich von dieser ableitenden Bestreben aufzugeben hatte, macht genau besagte Rechtswende aus.

Ein Ausdruck der Rechtsentwicklung ehemaliger Linken zeigt sich zum Beispiel darin, das «antideutsche» IsraelfreundInnen zunehmend versuchen, Menschenrechtsveranstaltungen zu verhindern, die sich mit dem israelisch-
palästinensischen Konflikt befassen. Wie muss das verstanden werden?
Was «Antideutsche» sich unter diesen Verhinderungsaktionen selbst vorstellen, sagen sie ja: Sie bekämpfen den «Antisemitismus». Dabei sind sie aber von einem deutlich verkommenen falschen Bewusstsein angetrieben, denn was sie betreiben, hat nichts mit Antisemitismus-Bekämpfung zu tun. Und wenn sie sich noch mit einem Israel solidarisch erklären, dass ein barbarisches Okkupationsregime betreibt und Menschenrechtsverletzungen zum Teil seiner offiziellen Staatspolitik hat gerinnen lassen, dann vollziehen sie im Namen «der Opfer», was dem Andenken der historischen Opfer diametral entgegensteht. Dass sie dabei das Recht auf freie Meinungsäusserung und das legitime Versammlungsrecht mit perfiden manipulativen Mitteln zu unterwandern trachten, scheint mir noch das kleinere Übel zu sein. Eher würde ich vermuten, dass ihre Überidentifizierung mit «JüdInnen» (vermittels ihrer Zionismus- und Israelsolidarität) auf eine Befindlichkeitsregung bei ihnen verweist, von der ich nicht ausschliessen würde, dass sie letztlich selbst antisemitisch motiviert ist.

Zu den Auswüchsen des Rechtsopportunismus von (ehemaligen) Linken und des neoliberalen Zeitgeists gehört, dass auch Kapitalismuskritik als Antisemitismus diskreditiert wird. Was haben Sie dem zu entgegnen?
Die Diskreditierung von Kapitalismuskritik als Antisemitismus bezeugte ja das ideologische Elend jener, die sich eben nicht mehr als links sehen, und von daher diese Gleichsetzung lediglich als perfides, in der Sache selbst vollkommen falsches Kampfmittel einsetzen. Was soll man schon von RechtspopulistInnen gross erwarten? Was sie aber dabei nicht bemerken, ist, dass sie mit dieser Gleichsetzung selbst dem antisemitischen Klischee des «Juden» als ausbeuterischen Kapitalisten das Wort reden. Da der Kapitalismus die (vorerst noch) siegreich vorherrschende Produktionsweise ist, dominiert in ihm die kapitalistische bürgerliche Klasse, die sich als solche prinzipiell durch keine religiösen, ethnischen oder rassischen Kategorien, sondern durch strukturbedingte Besitzverhältnisse und den damit einhergehenden Stand im Produktionsprozess definiert; da bilden die JüdInnen keine Ausnahme. Wenn man nun den Kapitalismus auf JüdInnen reduziert (mithin Kapitalismuskritik als antisemitisch apostrophiert), begeht man nicht nur eine unsägliche historische Verzerrung, sondern bedient sich einer ideologisch durchsetzten Rhetorik, die von bekennenden AntisemitInnen historisch gebraucht wurde, nicht zuletzt von der ruchlosen Presse der Nazis.

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Ein Kommentar

  • Peter Leuenberger

    Sehr gutes Interview! Ich habe Auszüge aus dem Buch gelesen, was mir wegen der soziologischen Sprache viel schwerer gefallen ist. Das Fazit ist eigentlich einfach und auch nicht neu: Wie unter anderem die berühmt-berüchtigte Rede des Schriftstellers Martin Walsers vor zwanzig Jahren gezeigt hat, gibt es unter Deutschen (und anderen direkt oder indirekt Beteiligten, welche zumindest nicht genug getan haben, um die Verfolgten zu retten) ein grosses Bedürfnis gibt, sich von der historischen Schande der nationalsozialistischen Verbrechen zu entlasten. Man möchte nicht ständig an sie erinnert werden. Deshalb liegt es nahe, sich von dieser Last zu befreien, indem man sich mit Israel (über)identifiziert, egal welche Verbrechen in dessen Namen oder mithin im Namen der Juden geschehen. Dazu gehört eben der erfundene Antisemitismus und das Geschrei nach dem Motto „Haltet den Dieb“, um von sich selbst abzulenken. .

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