Marx ohne Zähne

Michael Heinrichs Bücher über die Kritik der politischen Ökonomie geniessen einen guten Ruf – nicht ganz zu unrecht. Und doch muss man sie mit einigem Vorbehalt lesen: Zu schnell begräbt der Autor darin wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Krise und die Klassenfrage.

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Wo ein neuer Kapital-Lesekreis gegründet wird, hat man heute meist schnell Michael Heinrichs bereits in 10. Auflage erschienene «Kritik der politischen Ökonomie» zur Hand. Tatsächlich ist dem Autoren mit seinem Einführungsbüchlein eine plastische und gut verständliche Einführung in das Werk von Karl Marx gelungen. Mit «Wie das Marxsche Kapital lesen?» legte er eine Leseanleitung für die ersten Kapitel des ersten Bandes des «Kapitals» nach, die die Befassung mit der schwierigen Wertformanalyse und dem viel diskutierten Fetischkapitel erleichtert. Auch in der marxistischen Diskussion hat es der Autor zu hoher Reputation gebracht. Seine Dissertation «Die Wissenschaft vom Wert» gilt längst als Standardwerk. Der Mathematiker und Politologe beherrscht es, die komplexe und vielschichtige Materie der marxschen Kritik einfach und doch fundiert darzustellen. Und doch muss man Heinrich mit gewissen Vorbehalten lesen. Was Heinrich in seiner ausführlichen Beschäftigung mit Marx entwickelt, ist eine bestimmte Interpretation, die auch in seinen Einführungsbüchern durchscheint.

Die «Neue Marx Lektüre»

Die «Schule», der Heinrich angehört, wird heute «Neue Marx Lektüre» genannt und hat neben einigen Vorläufern ihren Ursprung etwa in den 1970er Jahren. Sie ist als direkte Reaktion auf die Krise des Marxismus zu verstehen und war von Beginn an geprägt von einer scharfen Abgrenzung gegenüber der marxistisch-leninistischen Leseweise von Marx, die zu grossen Teilen zur Legitimationswissenschaft des realsozialistischen Regimes geworden war. Die AutorInnen dieser neuen Leseweise kritisieren die historisierende Interpretation der Marxschen Formanalyse, die sie meist auf Engels zurückführen. Sie problematisieren die staats- und revolutionstheoretischen Implikationen dieser Interpretation und fokussieren selber sehr viel stärker auf die Formbestimmungen bei Marx. Man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie mit vielerlei politisch verheerenden Verirrungen in der traditionellen Auslegung der marxschen Theorie aufgeräumt haben. Gleichzeitig haben viele AutorInnen aber in bestimmten Fragen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Zudem bleibt die «Neue Marx Lektüre» meist im akademischen Diskurs befangen, der zwar ungeheur penibel ist, sich aber gerade deswegen scheut, klare politische Folgerungen aus der neuen Lektüre zu ziehen.

Differenzen und Kritik

Die «Neue Marx Lektüre» ist in sich nicht homogen, sondern weist Widersprüche und Brüche auf, und es wäre verkehrt, sie als geschlossenes Ganzes behandeln zu wollen. Hier soll es um die bestimmte Leseweise von Michael Heinrich gehen, der sich seit einigen Jahren zum prominenten Aushängeschild dieser Lektüre-Bewegung gemausert hat. Es gab auch innerhalb dieser Neulektüre berechtigte Kritik an Heinrichs Auslegung: Etwa an der «Zweiweltenlehre» von Heinrich, in der Produktionssphäre und Zirkulation nur noch formell verbunden sind oder an der Behauptung Heinrichs, dass das Geld keine Geldware sein müsse, sondern blosses Symbol sein könne. Es soll in diesem kurzen Artikel aber nicht um diese marxologischen Dispute gehen, obwohl diese oftmals schwerwiegende politische Konsequenzen haben. Stattdessen soll an zwei Beispielen veranschaulicht werden, wo Heinrich mit einer politisch-revolutionären Leseweise von Marx in Widerspruch gerät: An der Krisentheorie und an der Klassenfrage.

Entschärfung der Krisentheorie

Heinrich unterzieht die verschiedenen krisentheoretischen Stränge des traditionellen Marxismus einer Kritik. Insbesondere mit dem berühmten «tendenziellen Fall der Profitrate» verfährt er dabei hoch formalisierend. Er weist nach, dass dieses marxsche Gesetz sich mathematisch nicht beweisen lässt. Unter der Prämisse, dass variables Kapital nur durch konstantes ersetzt wird, wenn es weniger kostet als das zu ersetzende, kommt Heinrich rechnerisch sogar auf das Gegenteil: Eine sinkende organische Zusammensetzung des Kapitals und damit ein Ansteigen der Profitrate. Einerseits überzeugt er zwar argumentativ, dass sich dieses marxsche Gesetz nicht mathematisch beweisen lässt. Andererseits sind die Prämissen von Heinrich nicht plausibel: Das Kapital ersetzt variables Kapital auch, um seine Produktivität zu steigern und die erhoffte Profitmasse auszudehnen. Zudem weist Marx schon darauf hin, dass die Maschinerie «ein Kriegsmittel wider Arbeitermeuten» ist und entsprechend eingesetzt wird. Man muss nur etwas die Augen offen halten, um zu sehen, wie sehr sich die organische Zusammensetzung des Kapitals zumindest in den Metropolen erhöht hat. Was Heinrich mit der Tendenz der fallenden Profitrate macht, ist bezeichnend für seine Auslegung der Marxschen Theorie: Er abstrahiert von den konflikthaften Prozessen und vom permanenten Klassenkampf und fasst das Kapital weitgehend als «automatisches Subjekt».

Krise und die Klassenfrage

Was Heinrich zur Krise abschliessend zu sagen hat, zieht der marxschen Theorie als Theorie der Revolution die Zähne: Das Kapital ist nicht mehr prozessierender Widerspruch, sondern wird einerseits von zyklischen Krisen heimgesucht und andererseits von Krisen geschüttelt, in deren Folge das Akkumulationsmodell geändert werden muss. Hier verkürzt Heinrich die marxsche revolutionäre Kritik zu einem Entwicklungsmodell. Stattdessen müsste man das Kapital als konflikthaften Prozess auffassen, der immanente Schranken hat, die zwar gewaltsam überwunden werden können, die aber immer wieder potentiell revolutionäre Situtationen erzeugen, in deren Folge sich ein Subjekt konstituieren kann, das das Ganze über den Haufen zu werfen fähig ist.

Dieses Problem ist eng mit der Klassenfrage verknüpft: Bei Heinrich existiert eine Kapitallogik, die dem Handeln der Menschen vorausgesetzt ist. Auch wenn Heinrich eingesteht, dass die Menschen diese Strukturen tagtäglich reproduzieren, liegt das Hauptaugenmerk doch auf den ihnen vorausgesetzten Strukturen, auf dem Kapital als «automatischem Subjekt». Statt in eine solche Schlagseite zu verfallen, müsste man herausarbeiten, warum die kapitalistische Gesellschaft notwendig auf dem Klassenkampf beruht und sich durch diesen entfaltet. Marx macht das etwa im Kapitel über den Arbeitstag. Man muss dabei nicht jeden illegalen Download als Klassenkampf auffassen, aber man sollte die realen Prozesse des Klassenkampfes und ihre Bedeutung für die Konstitution des Kapitals nicht aus den Augen verlieren. Genau diese Gefahr besteht aber, wenn man statt des Originals nur Michael Heinrichs Bücher über das «Kapital» liest, auch wenn sie den Einstieg in die schwierige Materie erleichtern können.

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