«Der Sozialismus ist tödlich»

24.02.2009

Thomas Bernhard ist nun 20 Jahre tot. Grund genug fürs Schauspielhaus Zürich, Bernhards «Immanuel Kant» aufzuführen. Seine beispiellose Übertreibungskunst stellt – wie auch im «Heldenplatz» – unsere Gesellschaft gänzlich in Frage. In «Immanuel Kant» entzieht der begnadete Künstler unserer Gesellschaft ihr philosophisches Fundament.

Wie sinnvoll ist Philosophie und an welche Werte glauben wir? Philosophen wie Immanuel Kant (1724-1804) übten – ohne zu werten – einen grossen Einfluss auf das Denken Europas aus. Stellvertretend für alle Philosophen wählt Thomas Bernhard diesen aus, um das wissenschaftlich-geistige Fundament Europas in seinen Grundfesten zu erschüttern. Der Künstler zeigt in dem Stück eine Gesellschaft, die an Absurdität, geistiger Flachheit, Dekadenz und Perversion kaum noch zu unterbieten ist.

Schauplatz ist ein Luxusdampfer Namens «Prätoria». Professor Immanuel Kant reist nebst Gattin, Diener und seinem Papagei Friedrich nach Amerika. Der Grund der Reise ist ein Augenleiden des «Gelehrten». Der herrschsüchtige und von sich überzeugte Protagonist lebt davon, seine ihm Umgebenen herum zu kommandieren und zu demütigen. Kant entpuppt sich als asozialer Exzentriker, der in fachlicher Hinsicht nur grotesken Stumpfsinn von sich geben kann. Auffallend pervers gestaltet sich das Verhältnis zwischen dem Professor und seinem Papagei Friedrich. In diesem schlummert der eigentliche Sinn seines Lebens, denn von Menschen hält Kant nicht viel – andernfalls wäre sein Verhalten zu seinen Mitmenschen anders. Kant liebt Friedrich über alles. Ohne ihn wäre er verloren. Er nutzt den Vogel, um all sein «Wissen» im Kopf des Federviehs zu speichern. Und dieses repetiert logischerweise nur Fragmente, doch Kant geht in seiner «geistigen Genialität» davon aus, dass Friedrich alles speichert.

Über dem Professor schwebt der Nimbus der Allwissenheit. In der Gesellschaft, die gezeigt wird – es ist die «Elite» des Kapitalismus – geniesst Kant – wie soll es anders sein? – hohes Ansehen. Anstatt, dass seine Ehefrau dies hinterfragen würde, verhält auch sie sich ihm gegenüber devot. Was auch dazu führt, dass der imaginäre Thron des Exzentrikers sich weiter erhöht. Und wer die Dinge nicht reflektiert, bleibt so dümmlich wie die Millionärin, die ebenfalls mit an Bord ist. Sie liebt alles, was Ansehen geniesst – unreflektiert, unhinterfragt, vollends erfüllt von der Flachheit ihrer Gedanken. Verheiratet war sie mit einem Proletarier, doch die «Luxusluft war zu dünn» für ihren Gatten – er starb früh.

Nur Idioten

Mit auf dem Schiff ist natürlich auch ein Kardinal, der ausser Banalem nichts in der Schlüsselszene an der grossen Tafel beizutragen hat. Auch ein Admiral ist an Bord. Alles in allem: nur Idioten. So entwickelt sich die Reise des Immanuel Kant, denn Kant kam aus Königsberg nie raus, weshalb «Königsberg dort ist, wo Kant ist», zu einer Reise, die in Amerika bei Ärzten endet. Es sind Ärzte, die  nicht in einer Augenklinik, sondern in einem Irrenhaus arbeiten. Warum, so stellt sich das Publikum die Frage, haben diese Ärzte nicht gleich alle gezeigten Gäste der «Prätoria» in die Klapse eingeliefert? Vielleicht, weil Amerika Amerika ist?

Ausgezeichnet gespielt wird die Figur des Kant durch Michael Maertens. Nicht minder bravourös spielt Sunnyi Melles die Rolle der Millionärin. Bernhards «Immanuel Kant» ist dringend sehenswert für alle, die an unsere Gesellschaft nicht glauben. Und zur Fundamentalkritik an allen Philosophen wird  – neben Kant und Leibniz – nur noch einer genannt: Karl Marx. Der war ein «Tunichtgut». Und: «Der arme und schwachsinnige Lenin hat mich total missverstanden», meint Kant. Beide waren nichts anderes als «geborene Romanschriftsteller», die «ihr Talent, ihr eigentliches Genie nicht ausgeübt haben». Schliesslich habe «die Gesellschaft den Sozialismus vollkommen missverstanden». Eine Lösung des Problems liefert uns der Künstler nicht. Muss er auch nicht. Denn die Zeit wird zeigen, wohin der Papagei fliegen wird.

Aus der Printausgabe des vorwärts vom 20. Februar 2009

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