Weisser Schnee in der Karibik

Andreas Boueke. Die Karibikinsel Hispaniola vereint zwei Staaten, Haiti und die Dominikanische Republik. Zudem verbindet sie zwei Kontinente, Amerika und Europa, denn die Dominikanische Republik ist ein Brückenstaat des Drogenhandels. Eine Drogenspur von Hispaniola nach Europa.

Auf dem Index der menschlichen Entwicklung aller amerikanischer Staaten liegt Haiti weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Im Nachbarland Dominikanische Republik ist sich der Staatsanwalt Eluterio Cuevas bewusst, dass die haitianischen Behörden dringendere Probleme haben, als den Drogentransit zu unterbinden: «Unsere Insel liegt mitten in einem Korridor der Karibik, den die Kartelle in Venezuela und Kolumbien nutzen. Sie machen hier Station, weil die Strände in Haiti gross sind und die lange Grenze zu uns die Kontrollen schwierig macht.»

Ein Transitland
Aus Kolumbien kommt tonnenweise Kokain in die Karibik. Mit jedem Paket verdienen die haitianische FischerInnen zehntausend, elftausend Dollar, weit mehr als ein ganzes Jahresgehalt. Der wichtigste Absatzmarkt der international gut vernetzten dominikanischen DrogenhändlerInnen ist Europa, obwohl die USA geografisch näher liegen. Doch der Bedarf dort wird vorwiegend über andere Routen gedeckt. Aber egal wo die Drogen landen, der Staatsanwalt Eluterio Cuevas ist in jedem Fall frustriert, dass sich die dominikanische Justiz ständig um Delikte kümmern muss, für die eigentlich die weit entfernten KonsumentInnenländer zuständig sind. «Die Dominikanische Republik ist nichts weiter als ein Transitland. Einmal hatte ich einen Fall mit tausend Kilo Kokain. Das kam zwar in unserem Land an, war aber natürlich nicht dafür bestimmt, hier zu bleiben.»
Sobald Kokain aus Haiti über die Grenze der Dominikanischen Republik in den Osten der Insel transportiert worden ist, hat es seinen Wert mindestens verdoppelt, erklärt der Drogenbeauftragte Antonio Cintron: «Die Pakete werden zu unseren Flughäfen gebracht. Wir haben eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur. Von der Hauptstadt Santo Domingo aus starten täglich Maschinen, die den europäischen Tourismus bedienen, aber auch aus Punta Cana, Puerto Plata y La Romana. Viele dieser Flieger sind buchstäblich Drogentransporter und werden so zu einem Problem für Europa.»

Transport mit «Mulas»
Es ist kein Geheimnis, dass viele Staatsangestellte der Dominikanischen Republik in den Drogenhandel verwickelt sind. Die dominikanischen Medien berichten häufig von organisierten Händlerringen, an denen PolizistInnen, PolitikerInnen und Zollbeamte beteiligt sind. Denn das meiste Kokain verlässt die Dominikanische Republik wieder. Den Transport übernehmen unter anderem Frauen und Männer, die als Drogenkuriere arbeiten, sogenannte «Mulas», Packesel. Einer dieser Drogenkuriere war der Tanzlehrer Emilio. Mit seinem Salsaunterricht hatte er selten mehr als dreihundert Euro im Monat verdient. «Dann bin ich viermal nach Spanien gereist», erzählt er. «Dafür habe ich über hunderttausend Euro bekommen.»
Emilio wusste, dass er nicht der einzige Drogenschmuggler im Flugzeug war: «Jeden Tag starten fünfzehn oder zwanzig Personen in der Dominikanischen Republik, die jeweils mindestens 700, 800 Gramm Kokain geschluckt haben, höchstens ein Kilo. Sobald du auf dem Flughafen in Madrid ankommst, triffst du einen Verbindungsmann, der dir Tabletten gibt. Nachdem du die Tütchen in Form kleiner Eiern ausgeschieden hast, bekommst du sofort 34 000 Euro in bar. So jedenfalls wurde ich bezahlt.»

Schnelles Geld
Emilios erste Reise nach Europa verlief problemlos. Damals reiste er als Tourist, ganz legal, ohne Drogen. Ein spanischer Freund hatte ihn eingeladen, um ihm die Salsaszene in Madrid zu zeigen. Er wollte ihn als Tanzlehrer anheuern. In einer Diskothek lernte er einen Kolumbianer kennen, der den Drogenhandel der Umgebung kontrollierte. «Er konnte nicht tanzen und wollte, dass ich mit seinem Mädchen tanze. So entstand Vertrauen.» Bald schon konnte Emilio beobachten, wie der Mann seine Geschäfte abwickelte. «Ich sagte ihm, dass ich auch gut Geld verdienen möchte. Da hat er geantwortet: ‹Das ist einfach. Jetzt gleich kommt hier ein Junge rein. Den setzen wir auf einen Eimer.› Der Junge kam und sie schoben ihm vier Schläuche in den Rachen. Ausserdem gaben sie ihm eine Tablette. Sofort fing er an, die kleinen Eier auszuscheiden, 10 Gramm jedes Ei.»
Der junge Drogenkurier bekam 30 000 Euro in bar ausgehändigt, verabschiedete sich und verschwand. Emilio war beeindruckt. So schnell wollte auch er Geld verdienen. «Ich sagte: ‹Ich mache sofort eine grosse Ladung.› Der Kolumbianer meinte: ‹Dann musst du 900 Gramm schlucken.›»

Gewalt und Korruption
Anfangs wusste Emilio nicht wirklich, mit wem er sich eingelassen hatte. Die DrogenhändlerInnen sind gefährlich, aber auf den ersten Blick sieht man ihnen das nicht an. «Sie sehen aus wie ganz normale Leute», erinnert sich Emilio. «Aber wer ihre Anweisungen nicht genau befolgt, dem ergeht es schlecht. Die verstehen keinen Spass, auch wenn es nur um ein einziges Ei von zehn Gramm geht. Ich habe gesehen, wie sie jemandem einen Finger abgeschnitten haben. Oder sie lassen einen deiner Familienangehörigen verschwinden.»
Der Transport der Drogen ist meist Aufgabe junger Leute. Ein grosser Teil der Beteiligten am internationalen Drogentransit sind noch keine dreissig. Die Personen im Hintergrund sind älter. «Zuallererst musst du ihnen ein Foto deiner Familie geben. Jeder Packesel gibt seine Familie als Garantie, damit sie sicher stellen, dass du die Drogen nicht einfach behältst und woanders verkaufst. Die sind ja nicht blöd. Niemand wird dir eine Menge Drogen geben, ohne sich abzusichern, dass du sie auch zurückgibst.»
Später erfuhr Emilio, dass die Bosse ihr Sicherheitsnetz nicht nur mit Drohungen und Gewalt gespannt halten, sondern auch mit Korruption und Bauernopfern. «Sie riskieren natürlich nicht, dass gleich zwölf Leute auf einmal inhaftiert werden. Irgendjemand auf dem Flughafen bekommt Geld und weiss dann schon, wen er durchlassen muss. Ihm wird gesagt, wie der Kurier angezogen ist und er stellt den Scanner so ein, dass die Drogen durchkommen. Das kostet jedesmal eine Stange Geld, die nicht für alle zwölf bezahlt werden kann. Einige kommen durch, aber drei, vier werden geschnappt. Die Leute mit den Drogen im Bauch wissen nicht, dass sie in die Höhle des Löwen laufen. Sie denken nur an das Geld. Solange sie nicht inhaftiert werden, ist es ihnen egal, was den anderen passiert.»

Hinter Gitter
Emilio hatte Glück, der spanische Zoll erwischte ihn nie. Doch dann organisierte er auf eigene Faust einen Kleintransport. Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Santo Domingo wurde er verhaftet. «Ich wollte ein bisschen Haschisch aus Spanien mitbringen, damit die Kollegen hier in der Dominikanischen Republik das mal probieren. Ich hatte fünf Eier geschluckt. Bei der Ankunft holten mich die Zöllner aus der Warteschlange und brachten mich in ein Büro. Sie schmierten mir eine Creme auf den Bauch und hielten einen Apparat darüber. Der Scanner machte sofort ‹huahuahua›, weil er die Eier mit Haschisch erkannt hat.»
Emilio kam ins Gefängnis, vier Jahre lang. Dort wurde er selbst abhängig. Hinter Gittern ist es noch einfacher als draussen, Drogen zu besorgen. Seit einigen Jahren bleiben immer mehr Drogen in der Dominikanischen Republik hängen, erklärt der Fahnder Antonio Cintron: «Für die Bosse des Drogenhandels ist das Leben hier sehr billig. Deshalb bleiben sie länger und bezahlen einen Teil ihrer Kosten mit Kokain. So bleiben neben Geld und Waffen auch immer mehr Drogen im Land. Das führt dazu, dass die dominikanische Jugend der Sucht verfällt. Die jungen Leute verlieren viel Zeit in Gefängnissen und Krankenhäusern.»

Nebeneffekt: Drogenabhängigkeit
Die meisten Drogen werden in der Hauptstadt Santo Domingo konsumiert. Die britische Sozialwissenschaftlerin Bridget Wooding sitzt in einem Büro des Studienzentrums für Migration in der Karibik, das auch Berichte über den internationalen Drogenhandel veröffentlicht. «Die Karibik ist ein wichtiges Frachtgebiet für Drogen», sagt sie. «Deshalb leidet die Region nicht nur stark unter dem Drogenhandel, sondern es gibt auch den Nebeneffekt der Drogenabhängigkeit junger Leute.»
In Europa war Kokain früher eine exklusive, besonders teure Droge. Heute kann man das weisse Pulver für einen viel geringeren Preis kaufen. Das Angebot ist gross. Auch deshalb bezahlen die internationalen Drogenkartelle ihre HelfershelferInnen in der Dominikanischen Republik heute oft nicht mehr mit Geld, sondern mit Drogen. So hat sich die Zahl der KokserInnen und Drogentoten in Santo Domingo vervielfacht. Bridget Wooding meint: «Es gibt zwar ein paar Versuche, effektive Rehabilitation zu organisieren. Aber diese Arbeit wird von nur wenigen Zentren geleistet. Sie alle haben nicht genug Mittel und zu wenig Personal.»
So hat der Drogenkonsum ganze Stadtviertel der Hauptstadt Santo Domingo verändert. Die Sucht breitet sich ungehindert aus, ohne staatliche Kontrolle und effiziente Rehabilitationsmassnahmen. Das meiste Kokain aber wird weitertransportiert, bis dass es in Europa auf Strassen, in Diskotheken oder Büros an die KonsumentInnen verkauft wird.

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