Mexiko bebt: Sirenen, Geschäfte, Solidarität

Zapotekische Stadt Juchitán_ Zerstörung wo man hinschaut.

Philipp Gerber. Das Erdbeben in Mexiko hat 470 Menschen das Leben gekostet und eine immense Zerstörung hinterlassen. In der Region Oaxaca ist die lokale Ökonomie zusammengebrochen und gibt Unregelmässigkeiten bei der Registrierung der zerstörten Häuser. Für den Wiederaufbau stehen die Zementfirmen schon vor Ort. An vorderster Front: Holcim!

Seit dem 7. September kurz vor Mitternacht bebt die Erde in Mexiko unaufhörlich: Dem ersten heftigen Beben von Stärke 8,2 auf der Richterskala vor der Küste von Chiapas und Oaxaca folgten innerhalb eines Monats über 7000 leichte bis mittlere Nachbeben. Ein zweites Beben von 7,1 mit Epizentrum in Morelos erschütterte am 19. September Zentralmexiko sowie Mexiko-Stadt schwer. Die Bilanz der Beben ist verheerend: Insgesamt 470 Menschen fanden in den Trümmern den Tod, Hunderttausende MexikanerInnen sind obdachlos, leben auf der Strasse vor ihrem zerstörten Hab und Gut, unter Plastikplanen, die nur notdürftig gegen Sonne und Regen schützen, während die ersten Kaltfronten einen strengen Winter ankündigen.Der Naturgewalt folgte in Mexiko eine hitzige Diskussion über die Verantwortung des Staates bei Schadensbegrenzung und Wiederaufbau. Angefangen beim Erdbebenarlarm, der oft ungenügend funktioniert. Theoretisch ermöglicht der Alarm in grösseren Ortschaften und je nach Entfernung vom Epizentrum wichtige Sekunden Vorwarnzeit, doch das privatisierte Alarmsystem ist teuer und die Behörden liegen mit den Zahlungen seit Jahren im Rückstand. So hat der Autor das lange Minuten andauernde Erdbeben vom 7. September im Zentrum von Oaxaca-Stadt erlebt, ohne dass die nahe gelegene Sirene losging. Die völlige Zerstörung der Häuser hatte oft seine Ursache auch in der Korruption: Vorschriften für erdbebensicheren Bau wurden durch Korruptionsgelder an die Behörden umgangen.

Starke Gegensätze
Bei einer Reise in die Stadt Juchitán und umliegende Dörfer in der Isthmus-Region von Oaxaca zeigt sich die Zerstörung und die Verzweiflung der Menschen. Der ehemals bunte Markt, das Herzstück der zapotekischen Handelsmetropole Juchitán mit ihren 100’000 EinwohnerInnen, ist ebenso zerstört wie das Gemeindehaus. Provisorisch richteten die Händlerinnen ihren Markt auf dem Hauptplatz der Stadt ein, doch heftige Nachbeben erschütterten die Stadt am Morgen, so dass wir nur ein gespenstisch leeres Gewirr von Holzständen vorfinden. Die wenigen Produkte wie Gemüse sind überteuert, die lokale Ökonomie ist komplett zusammengebrochen. Das Stadtzentrum ist menschenleer, Trümmer überall, und die vielen Polizei- und Militäreinheiten, die schwerbewaffnet patroullieren, tragen das Ihre zur bizarren Szenerie bei.
In einem Viertel von Juchitán treffen wir Roselia, eine Journalistin, unter den Plastikplanen vor dem Haus ihrer Familie, das jederzeit zusammenbrechen kann. Das Haus der Nachbarin zerstörte ein Nachbeben in der regnerischen Nacht zuvor, übrig bleibt ein meterhoher Trümmerhaufen. Roselia weist uns ein paar Stühle zu: «Willkommen in meinem neuen Wohnzimmer auf der Strasse. Hier gibt es keine Klassenunterschiede mehr», meint sie halb ironisch, halb im Ernst. Tatsächlich zerstörte das Beben ganze Quartiere ohne Unterschied. Und auch Limousinen stehen Schlange vor einem der wenigen Läden, der noch Plastikplanen für die Obdachlosen vorrätig hat. Doch nach der ersten Schockstarre, die alle traf, zeigten sich bald darauf auch wieder die starken Gegensätze in der Region.

Sonderwirtschaftszone geplant
Der Isthmus von Tehuantepec ist eine Meerenge, die viele wirtschaftliche Interessen anzieht. Die starken Winde sind für die Windkraftindustrie ein goldenes Geschäft, innerhalb eines Jahrzehnts wurden über 1700 Windräder aufgestellt, oft gegen den Willen betroffener Gemeinden. Der neuste Angriff auf das Territorium, das hauptsächlich von Indigenen bewohnt wird, ist eine Sonderwirtschaftszone. Diese sollte Anfang Oktober nahe der Stadt Salina Cruz eingeweiht werden, doch die kollektiven Landrechte, ein Relikt aus der Zeit der mexikanischen Revolution, seien «sehr kompliziert» und verzögerten deshalb die Verwirklichung der Sonderwirtschaftszone, so die offizielle Begründung. Der kollektive Widerstand gegen diese Zone, aber auch die Schlag auf Schlag folgenden Natur- und Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen, Explosionen in der Erdölraffinerie und Erdbeben dürften weitere Gründe sein.

Politische Manöver
Beim Besuch der widerständigen Gemeinde San Dionisio del Mar wurde klar, dass auch nach dem Erdbeben die Konflikte weiterschwelen. Die Gemeinde rebellierte 2012 gegen das grösste Windkraftprojekt Lateinamerikas, Mareña Renovables, das auf einer Landzunge in der Lagune errichtet werden sollte. Der von den europäischen Investor-Innen bestochene Gemeindepräsident wurde zum Teufel gejagt, das Gemeindehaus und dessen überdeckter Vorplatz besetzt. Die Vollversammlung von San Dionisio betreibt nach dem Erdbeben in den besetzten Gebäuden eine Herberge für die obdachlos gewordenen Familien, sowie eine Gemeinschaftsküche, wo zweimal täglich Essen ausgegeben wird. Küche und Herberge konnten mit Spenden von solidarischen Organisationen ausgerüstet werden, unter anderem via Medico International Schweiz.
Auch die Behörden verteilen Hilfe, jedoch werden die eigenen ParteigängerInnen dabei bevorzugt, wie die Vollversammlung schon bald nach dem Erdbeben und seither wiederholt kritisierte. Hinzu kommen Unregelmässigkeiten in der Registrierung der zerstörten Häuser. Der Lehrer Aquilino, einer der SprecherInnen der Vollversammlung, erklärt uns vor den Trümmern seines Hauses: «Erst kam eine Behörde und erklärte, das Haus sei unwiderruflich zerstört, müsse abgerissen und neu gebaut werden. Tage später kam eine andere Behörde und markierte das Haus mit einem blauen Punkt. Diese Markierung bedeutet, dass nur ein Teilschaden entstanden sei.» Aquilino sieht dahinter politische Manöver, da er als Sprecher der Vollversammlung ein Dorn im Auge der Behörden ist, wollen sie ihn persönlich abstrafen. Die Entschädigungszahlungen belaufen sich je nach Haus auf 30’000 bis 120 000 Pesos, umgerechnet 1500 bis 6200 Franken. Wenig Geld, auch in Südmexiko, das die Erdbebenopfer per Kreditkarte ausbezahlt bekommen. Gemäss Architekten reicht der volle Betrag knapp für ein unverputztes Zimmer mit Bad, nicht für das Haus einer ganzen Familie.

Holcim bereits vor Ort
Auffallend schnell waren die Zementhersteller zur Stelle, als einen Monat nach dem Beben in Ixtaltepec der Präsident Peña Nieto die ersten Kreditkarten mit dem Wiederaufbaukonto persönlich überreichte. Ein Film eines Anwohners zeigt eine Kolonne von Lastwagen und improvisierten Verkaufsständen von mehreren Baufirmen, zuvorderst zu sehen: Holcim. Der schweizerisch-französische Multi Holcim-Lafargue ist der grösste Zementhersteller weltweit und hat sich bei dem Jahrhundertgeschäft des Wiederaufbaus nach den Erdbeben also eine Pole-Position «erworben», was in Mexiko kaum ohne gute und gut geschmierte Beziehungen geht.
Für den Wiederaufbau von San Dionisio del Mar und den umliegenden Dörfer der Lagune von Juchitán ist die Behörde für die Entwicklung der Indigenen zuständig. Diese Behörde hat nicht den besten Ruf, ist doch deren Direktorin Nuvia Mayorga bekannt für abschätzige Bemerkungen über indigene Kulturen und eine eigenwillige Budgetpolitik. So hat sie nach Amtsantritt im 2013 ihr Büro aufwändig renovieren lassen, darunter auch drei Bürostühle in der Luxusausführung der Birsfelder Vitra. Die drei Bossthrone der Basler Designerfirma kosteten zusammen 8000 Dollar. Die drei Bürostühle waren somit teurer als die « Spende» der Regierung für den Wiederaufbau eines ganzen Hauses im Erdbebengebiet.

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