«Wirken in dieser Zeit»

Erika und Ruedi Bantle

Udo Theiss. Der Tod des Basler alt-PdA-Grossrats Ruedi Bantle ist ein grosser Verlust weit über die Parteigrenzen hinaus. Die Linke verliert einen unentwegten Streiter und Aktivisten, einen geliebten Freund und die Stadt Basel einen engagierten, auch unter Bürgerlichen geschätzten, versierten Lokalpolitiker.

Am 24. Dezember 2017 starb Ruedi Bantle im Alter von 91 Jahren. Die Bestattung fand im engsten Familienkreis und auf Ruedis Wunsch fast ein wenig im Verborgenen statt. Nicht nur für seine FreundInnen, Familie, GenossInnen bedeutet Ruedis Tod einen schmerzlichen Verlust. Deshalb bekunden wir erst jetzt öffentlich unsere Trauer, um einen verdienten Freund und wohl beispiellosen, unermüdlichen und stets engagierten Mitstreiter für eine bessere Welt.

Mechaniker und Kranführer
Die Grundwerte der ArbeiterInnenbewegung sog Ruedi sprichwörtlich bereits mit der Muttermilch auf. Schon seine Eltern waren Mitglieder der Kommunistischen Partei Schweiz und Gründungsmitglieder der Partei der Arbeit (PdA), der auch Ruedi sein gesamtes Leben treu blieb. Obwohl er erst als Mechaniker und später Kranführer sein täglich Brot mit harter Arbeit verdienen musste, leistete er politisch mehr als mancher Berufspolitiker. Sei es als Brigadist beim Ausbau des bulgarischen Eisenbahnnetzes, sei es bei der ehrenamtlichen Arbeit im Zentralkomitee der PdA. 1970 bis 1984 machte er sich einen Namen in der regionalen Politik. Er kämpfte für Ambulatorien in den Quartieren, für die Annahme des neuen Abbruchgesetzes, der Initiative «Grün statt Grau» und der Parkinginitiative. Später wurde er Redaktor der PdA-Zeitung vorwärts. Ausserdem war er von 1972 bis 1984 Grossrat und 1999 bis 2005 Bürgergemeinderat. Kaum eine soziale Bewegung oder Solidaritätsgruppe, bei der Ruedi und seine Lebensgefährtin und Ehefrau Erika nicht dabei waren. Und auch für das Unterschriftensammeln und Flugblätterverteilen oder Zeitungenstecken waren sie sich, solange die Gesundheit mitmachte, nicht zu schade.

Anregender Diskussionspartner
Zwar blieb Ruedi, ungeachtet der 68er-Bewegung und der neuen Linken bis zum Schluss der PdA treu und hielt an der Überzeugung fest, dass die fortschrittlichen (marxistischen) Kräfte eines Tages die herrschafts- und unterdrückungsfreie, klassenlose Gesellschaft errichten würden. Doch seine grosse Offenheit und spürbare Integrität machten ihn zum Bindeglied zwischen den verschiedensten sozialen Bewegungen, politischen Splittergruppen und auch den Generationen. Von den alten Schlachtrössern der traditionellen ArbeiterInnenbewegung bis zu den jugendlichen Hitzköpfen in den besetzten Häusern: Alle konnten auf seine tätige Solidarität, den weisen Ratschlag des erfahrenen Kämpfers und einen stets anregenden Diskussionspartner zählen.
Ruedi nahm jedes Gegenüber ernst, begegnete ihm auf Augenhöhe und war ehrlich bemüht den anderen Standpunkt zu verstehen – auch wenn er ihn nicht teilen mochte. Im Gegensatz zu vielen Genoss-Innen seiner Generation sah Ruedi schon früh das Potenzial der «neuen» sozialen und ökologischen Bewegungen bis hin zu den Häuserkämpfen der 80er Jahre gegen die Immobilienhaie, die sich schon damals auf Kosten der einkommensschwachen MieterInnen goldene Zähne verdienten. Die tätige und tägliche Solidarität mit MigrantInnen, politischen oder sozialen Flüchtlingen und das Engagement für Opfer von ungerechtfertigter Polizeigewalt waren bis ins hohe Alter sein täglich Brot.

Im Visier des Staatsschutzes
Virtuos wusste Ruedi sich sowohl auf dem Parkett der formellen Politik, wie auch unter den etwas unordentlichen Verhältnissen bei den neuen informellen linken Strömungen zu bewegen. Bis zu seinem Lebensende war Ruedi – und ist Erika wohl bis heute – im Visier des Staatsschutzes, weil beide, ungeachtet von angedrohten und realen Repressalien, immer wieder als AnsprechpartnerInnen für die Polizei und als BewilligungsnehmerInnen für Demonstrationen der HäuserkämpferInnen und GlobalisierungsgegnerInnen herhielten.
Dass er bei all seinen politischen Kämpfen vornehmlich Niederlagen einstecken musste, liess Ruedi bis ins hohe Alter nie resignieren. Im Gegenteil: Er strahlte in Diskussionen mit «jungen», oft deprimierten und frustrierten GenossInnen wie mir immer eine tröstliche Ruhe und heitere Zuversicht aus. Als er sich, schon über 90, endlich weitgehend aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte, sagte er einmal, dass die Revolution, wenn auch nicht zu seinen – und vermutlich auch meinen – Lebzeiten, schon noch komme: «Aber es pressiert jo nid.»

Geselligkeit, Rheinschwumm
Seine unnachahmliche Gelassenheit und Zuversicht zog er vielleicht auch daraus, dass er durchaus auch die schönen Dinge des Lebens zu schätzen wusste. Ausgedehnte Sonnenbäder im St.-Johanns-Badhüsli, sein täglicher Rheinschwumm, Geselligkeit im Allgemeinen und das Skifahren, dass er bis ins hohe Alter mit halsbrecherischem Enthusiasmus betrieb. Und natürlich die Kunst. So, wie er auch in der Politik lieber im Hintergrund aktiv war, erstand er mit seinem Mechanikerlohn im Verlauf der Jahrzehnte für wenig Geld Originaldrucke und Zeichnungen von bedeutenden KünstlerInnen der ArbeiterInnenbewegung wie Käthe Kollwitz, Georg Grosz, Paul Camenisch oder Franz Masereel. Es war bezeichnend für Ruedi, der den radikalen Expressionismus und manchen abstrakten Zeitgenossen so liebte, mit der zeitgenössischen abstrakten Kunst wenig anzufangen wusste. «Mir fehlen die konkreten Bezüge, die Stellungnahme zum Gesellschaftlichen.»
Ruedi war es gewohnt, sich klar und auch für politische Laien verständlich auszudrücken. Er blieb auch im Kern seines Wesens immer ein typischer, ordentlicher Schweizer Büezer, der sich mit so prosaischen Dingen wie dem Lebensunterhalt, dem Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die «unteren» oder diskriminierten Bevölkerungsschichten beschäftigte. Künstlerische Prozesse, bei denen die Kreativen sich vornehmlich um den eigenen Nabel drehen und einen Blick auf das Allgemeine allenfalls aus der verquasten und privilegierten Vogelperspektive wagen, waren seine Sache nicht.

Kunst für soziale Projekte
Vor fünf Jahren begannen Ruedi und Erika, den grössten Teil ihrer Sammlung zu verkaufen. Dabei kam eine enorme Summe zusammen. Denn die Sammlung hatte im Lauf der Jahrzehnte eine gewaltige Wertsteigerung erfahren. Statt es sich vom Erlös gut gehen zu lassen, spendete das Paar alles an soziale Projekte in Vietnam und Afrika, den vorwärts, das Zentralamerikakomitee und an ein Behindertenheim in Havanna.
Als er kurz vor seinem Tod mir gegenüber Bilanz zog, war er mit sich, der Welt und dem absehbaren Tod im Reinen. Zusammenfassend sagter er: «Ich bereue nichts und bin mir selber immer treu geblieben. Ich hab immer nach dem Motto von Käthe Kollwitz gelebt: ‹Ich will wirken in dieser Zeit, nicht mehr und nicht weniger›.»

Abschied von Ruedi Bantle
Montag, 4. Juli, 15.00 Uhr
Restaurant Hirscheneck
Lindendberg 23, Basel

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