Verschmutzt und kontaminiert

dab. Die schweizerische Menschenrechtsorganisation MultiWatch stellte zusammen mit zwei NGO-Vertretern aus Bolivien und Peru den von verschiedenen NGOs recherchierten Schattenbericht über Glencores Rohstoffhandel in vier lateinamerikanischen Staaten in der Schweiz vor.

Die Zuger Firma Glencore ist die weltweit grösste in Rohstoffförderung und –handel tätige Unternehmensgruppe. Sie veröffentlicht seit 2015 schöne Nachhaltigkeitsberichte über ihre nach ihrer Meinung saubere und korrekte Förderungs- und Handelstätigkeit. Angesichts dieser Beschönigung und Ignorierung der Menschenrechtsverletzungen und Lebensraumzerstörungen des global tätigen Multis bildete sich das «Schattennetzwerk der Glencore-Beobachter». Organisationen aus Argentinien, Bolivien, Peru, Kolumbien, Belgien, Deutschland und der Schweiz, darunter MultiWatch, erarbeiteten den Gegenbericht, der nach fünf Jahren intensiver Arbeit nun vorliegt. Jaime Cesar Borda von «Menschenrechte ohne Grenzen» aus Peru und Limbert Sanchez Choque vom «Zentrum für Ökologie und andine Völker» aus Bolivien besuchten die Schweiz.

Glasenberg: «inhaltslos»
Limbert und Jaime gaben Medienauskünfte und präsentierten sehr kompetent ihre Erfahrungen sowie den Schattenbericht an Veranstaltungen in Bern und Zug, vor der NGO-Koalition der Konzernverantwortungsinitiative und Repräsentant-Innen des EDA, bei den Grossbanken CS und UBS sowie an einem bilateralen Treffen mit Glencore. Der Multi reagierte mit einer Medienoffensive: Das erste Mal seit der Fusion mit Xstrata stand der CEO Ivan Glasenberg der Presse Rede und Antwort. Interessanterweise fand dieses Stelldichein mit den Medien am gleichen Abend wie die Lancierung des Schattenberichts statt. Die im Bericht erhobenen Vorwürfe trat Glasenberg als inhaltslos ab. Nachdem ursprünglich den Medien Aufnahmen zugestanden worden waren, krebste Glencore kurz vor dem Event zurück. Da Bild- und Tonaufnahmen nicht erlaubt waren und somit Glencores Stellungnahme nicht festgehalten werden durfte, wurde ein TV-Interview mit Jaime und Limbert kurzerhand abgesagt.
In Deutschland reagierte Glencore weitaus heftiger: Die NGO «Facing Finance» wurde mit einer Schadenersatzklage gedroht, sofern sie die Medienmitteilung über ihren Bericht nicht von ihrer Website nehmen würden. «Die Vorwürfe gegenüber Glencore über Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung, Gesundheitsgefährdung, Korruption und Bestechung, die vielfach dokumentiert und nachgewiesen wurden, bleiben unverändert bestehen», betont MultiWatch.

«Natürliche Mineralisierung»
Das Geschäftsfeld ist gross: In Peru fördert der Konzern Kupfer und Molybdän, in Bolivien Zink und Blei, in Argentinien Kupfer, Silber und Gold, in Kolumbien Kohle und Erdöl. Lateinamerika ist der Kontinent mit dem höchsten Wasserverbrauch auf der Welt. Es ist aber nicht die Bevölkerung, die Wasser verschwendet, sondern die Industrie, vor allem die Bergbauindustrie. Quellen und Gewässer versiegen oder sind kontaminiert. «Menschen und Tiere leiden und müssen das verbleibende Wasser trinken», so Limbert Choque, «das Recht auf Wasser wird durch Glencore missachtet. Wir sind nicht BürgerInnen zweiter und dritter Klasse!» Die Gemeinden in Bolivien wehren sich mit der Unterstützung von NGOs und wenden sich regelmässig mit Forderungen an den Konzern. Studien belegen, dass Glencore das Wasser verschmutzt. Doch der Konzern lehnt es ab, die kontaminierten Gebiete zu Notstandsgebieten zu erklären, sauberes Wasser als Ersatz zu liefern und Wiedergutmachung zu leisten. Zum Nachweis, dass sich Metalle in den Organismen anreichern, erklärt er, die Mineralien kämen natürlich im Boden vor und deshalb seien sie auch in Lebewesen nachweisbar. Limbert: «Wir bitten euch, Druck zu machen, damit Glencore Wasser liefert!» In Peru werden alle möglichen Orte, auch Dorfplätze, zum Schürfen konzessioniert. «Das wird in Lima entschieden, die AnwohnerInnen werden nicht gefragt und nicht informiert, sondern vor Tatsachen gestellt», beklagt sich Jaime Borda. Viele werden umgesiedelt oder wandern aus.

Systematische Beobachtung
Glencore hat die Macht, satte Gewinne einfahren zu können und sich aus der Verantwortung zu stehlen, die behauptete Transparenz und Nachhaltigkeit gibt es nicht. Die Firma überlässt den Bergbau lokalen Kooperativen, nimmt ihnen die Rohstoffe ab und lagert damit Umwelt- und Sozialkosten an die Kooperativen und die Bevölkerung aus. Die betroffenen Staaten haben schwache Gesetze und schwache Kontrollen. Weist die Firma keinen Gewinn aus, muss sie keine Steuern bezahlen, der Verlust wird mit dem Gewinn vom nächsten Jahr verrechnet. Es bestehen laut NGOs geheime Abkommen mit Polizei und Paramilitärs; in Peru ist eine Klage hängig, die geltend macht, die Polizei sei laut Verfassung verpflichtet, auch die BürgerInnen zu schützen.
Der Schattenbericht dokumentiert auf 80 A4-Seiten differenziert, gut strukturiert und illustriert die Machenschaften und den Widerstand dagegen. MultiWatch schaut auf zehn Jahre Tätigkeit zurück und war die erste Organisation in der Schweiz, die multinationale Konzerne systematisch beobachtete. Besonders im Fokus sind Schweizer Konzerne wie Nestlé, Glencore, Syngenta, Holcim und Crédit Suisse. Die umfangreiche Arbeit wird mit Kampagnen, Newsletters und auf der Webseite bekannt gemacht.

Mehr infos: www.multiwatch.ch

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