Man wollte handeln

red. Was geschah nach dem Landesstreik von 1918? Fritz Brupbacher erzählt, wie es in Zürich und Basel zu weiteren Generalstreiks kam. Die Geschichte des Landesstreiks aus Sicht von Fritz Brupbacher aus dem Jahr 1928, zweiter Teil.

Nach dem Landesstreik merkte mit Ausnahme der revolutionären FührerInnen kaum jemand, dass die breiten Schichten der Arbeiterschaft wohl noch voll Unwillen und Wut waren, dass aber der frohe Glauben an die nahe soziale Revolution Unwillen und Wut nicht mehr stützen. Diesen festen Glauben hatte der Abbruch des Landestreikes gebrochen; er lebte freilich noch weiter in der ziemlich zahlreichen proletarischen Avantgarde und speziell in den zürcherischen und baslerischen Gewerkschaften.
Der Reallohn der ArbeiterInnen erreichte Ende 1918 und Anfang 1919 fast den Tiefstand. Dazu begann schon Ende 1918 eine steigende Arbeitslosigkeit, und im Januar 1919 fand eine Protestversammlung in Zürich statt in Sachen Arbeitslosenunterstützung. Zudem steigerte sich die Wohnungsnot. Immer noch waren Fett, Reis, Mais, Teigwaren, Hafer, Gerste rationiert. Im März erfolgte eine weitere bundesrätliche Einschränkung des Fleischkonsums. Der Milchpreis wurde erhöht. Nirgends trat der erhoffte Preisabbau ein.

Bürgerwehr und StreikbrecherInnen
Das Bürgertum bezeugte eine unbändige Freude über den Ausgang des Landesstreiks und begann nun Bürgerwehren zu organisieren. Das Militär blieb noch ein gutes Jahr in und um Zürich. Jeden Augenblick wurde provokatorisch mobilisiert, den Dragonern scharfe Munition verabreicht. Der Regierungsrat von Zürich legalisierte die Bürgerwehren. Die Aargauer Regierung brachte eines Tages die Verschlüsse der Maschinengewehre aus dem Zeughaus in die Tresors der Kantonalbank. Die Studentenschaft veranlasste Kurse zur Ausbildung von StreikbrecherInnen. Der Bundesrat erliess eine Verordnung über die Gefährdung der militärischen Ordnung, Verbot der Soldatenbünde.
Etwa 50 Generalstreikprozesse wurden angezettelt. Auf den 1. Mai erhielten die Bürgerwehren scharfe Munition und es wurden Notspitäler eingerichtet. Eine Protestversammlung der Bankangestellten auf dem Paradeplatz wurde überfallen und von Stahlhelmen umzingelt, und als am 1. Mai die Arbeiterunion eine Demonstration, einen Zweistundenstreik inszenierte, liess der Stadtrat den Fraumünsterplatz militärisch absperren. All diese Akte brachten natürlich die Arbeiterschaft in Wut.
Zur Steigerung der Stimmung trug sehr bei im Januar die scheussliche Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin, die Errichtung der ungarischen Sowjetrepublik am 21. März und der Münchner Sowjetrepublik im April, deren heldenmütigen Kampf und schliessliche Niederlage am 2. Mai unsere Arbeiterschaft mit Leidenschaft verfolgte. Diese Stimmung fand ihren Ausdruck vor allem in dem Zweistundenstreik vom 27. Mai 1919, durch den man für den Achtstundentag, für Preisabbau und gegen Milchpreiserhöhung und gegen die Verschleppung des Frauenstimmrechts demonstrierte.

Die Junischlacht
Auf den Tag, wo Rosa Luxemburg in Berlin beerdigt wurde, am 13. Juni, war in Zürich auf den Paradeplatz eine «Internationale Solidaritätskundgebung» ausgeschrieben. In letzter Stunde liess der mehrheitlich bürgerliche Stadtrat den Paradeplatz polizeilich absperren. Aber die übermächtig grosse Menge durchbrach den Polizeikordon und überflutete den vom Stadtrat verbotenen Platz. Als dann nach gehaltenen Reden die Masse sich zur Demonstration durch die Stadt in Bewegung setzte, klang es von überall her: «Holed de Wyss use!» Als man zum Bezirksgefängnis kam, machte sich die Menge daran, gewaltsam den Zugang zum Gefängnis zu sprengen, um den gefangenen Gewerkschafter Conrad Wyss herauszuholen. Da begann plötzlich die im Gebäude stationierte Kantonspolizei, auf die Menge zu schiessen, lieferte eine eigentliche Schlacht, in der es 20 Verwundete, 5 Schwerverletzte und 2 Tote gab. Wyss wurde auf diese Aktion hin freigegeben.
Akut nach der Junischlacht kam es zu einer heftigen Pressefehde zwischen Bern und Zürich. Die Berner SP-Zeitung «Tagwacht» fand, wenn das zürcherische «Volksrecht» so blutig rede, müsse es sich nicht wundern, wenn die Leute ernst machen. Auf dem schweizerischen Arbeiterkongress im Dezember 1918, der eine starke Verschiebung nach rechts aufwies, hatten die ZürcherInnen auf eine Vertretung im Aktionskomitee verzichtet, als Protest gegen die rechte Einstellung.
Während in der Gesamtschweiz die Stimmung nach rechts hinüberging, wurden in Zürich städtischer Parteivorstand und kantonale Geschäftsleitung erst jetzt fast ausschliesslich aus Linken bestellt. Die zürcherische Bewegung kam in der Zeit des Abebbens der allgemeinen Revolution in eine Krise hinein, die im zürcherischen Auguststreik klar sich offenbarte.

Der Auguststreik 1919
Der Auguststreik ist eingerahmt durch eine ihm vorangehende Sonderkonferenz der Linken und eine ihm folgende Erklärung der Rechten gegen die dritte Internationale, fällt bereits in die Zeit der heftigsten Gegensätze zwischen einer in den Kinderkrankheiten lebenden Linken und einer nur auf einen günstigen Augenblick lauernden Rechten. Nach der Junischlacht hatte die Delegiertenversammlung der Arbeiterunion sich als nächstes Ziel gesetzt einen unbefristeten allgemeinen Ausstand. Man wollte handeln.
Es folgten dann Generalstreikbewegungen in Genf als Protest gegen die unwürdige Behandlung des Anarchisten Luigi Bertoni im Bombenprozess. Es kam der Streik in der Seidenweberei Höngg. Ein langandauernder DachdeckerInnenstreik. Eine grosse, lebhafte Dienstbotenversammlung. BauarbeiterInnenstreik in Winterthur. Lohnbewegung der CoiffeurInnen. Ein kantonales Verbot kommunistischer Protestversammlungen. Verhaftung von KommunistInnen in Zürich angeblich wegen Falschmünzerei. Streik der MaschinensetzerInnen. Zwischen hinein der Kampf um Eintritt in die dritte Internationale. Alles Ursachen starker Erregung.
Am 29. Juli brach in Basel ein grosser Färberstreik aus. Am 31. Juli trat die Basler Arbeiterschaft in einen Generalstreik zugunsten der FärbereiarbeiterInnen. Die Tatsache, dass die FärbereiarbeiterInnen unter den allerschlechtesten Bedingungen arbeiteten, dass vor allem die Arbeit der Frauen miserabel bezahlt, ihre Arbeitsbedingungen hundsmiserabel waren, dass aber ihre UnternehmerInnen in Gold schwammen, packte die gesamte baslerische Arbeiterschaft und sozusagen spontan brach in Basel der Generalstreik aus.

Bitterer Abbruch
Am gleichen Abend beschloss die Delegiertenversammlung der Arbeiterunion Zürich, ohne vorgängige Befragung der Gewerkschaften auf den 1. August den Generalstreik für Zürich.
Mancher von uns war paff, als er von dieser Generalstreiksproklamation hörte. Uns schien, dass die Leitung die Beziehungen der Klassenkräfte im Land ganz ausser Acht lasse, wobei sie den Willen der Masse entweder unbeachtet liess oder ihn nicht richtig einschätzte. Die Zürcher ArbeiterInnen traten in den Streik zum grössten Teil. Während die Minorität ihn begeistert beschloss, lehnten TypographInnen, EisenbahnerInnen und Bankangestellte ihre Teilnahme ab. Die Bourgeoisie fuhr mit der gewohnten Brutalität drein. Basel wie auch Zürich wurden militärisch besetzt. In Basel wurden vom Militär fünf ArbeiterInnen erschossen, viele verwundet.
Trotz des geschlossenen Aufmarsches breiter Schichten zum Streik war dem Streik ein Sieg versagt, da die ArbeiterInnen gewisser Branchen und vor allem die der übrigen Schweiz ihre Gefolgschaft versagten. Schon am 3. August nahmen die Trämler-Innen die Arbeit wieder auf. Auf den 5. August erfolgte der offizielle Abbruch des Generalstreiks. Er liess in der Arbeiterschaft eine erbitterte Stimmung zurück, leider nicht nur gegen die BürgerInnen und das Militär, sondern auch gegen die Leitung sowohl der Linken als auch der Rechten der Bewegung, die man beide für die Niederlage verantwortlich machte. Der Streik in Basel dauerte noch weiter bis zum 7. August. In Zürich zog Oberst Sonderegger, der zweimal Zürich besiegt, nachdem er das Defilé seiner Truppen abgenommen, als Sieger von der Allmend über die Bahnhofsstrasse in die Stadt ein, bejubelt von den BürgerInnen.

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