Wenn Wehrlosigkeit zur Methode wird

lmt. Mehrere aktuelle Fälle zeigen dasselbe Muster: Männer machen Frauen gezielt handlungsunfähig, um sexualisierte Gewalt auszuüben. Betäubung ist kein zufälliges Mittel, sondern Ausdruck eines patriarchalen Anspruchs auf Kontrolle über weibliche Körper.

Ein paar Tropfen reichen. Wenig später werden die Beine schwer, die Sprache verschwimmt, der eigene Körper gehorcht nicht mehr. Genau diese Wehrlosigkeit wird gezielt hergestellt. Frauen werden betäubt, vergewaltigt, teilweise dabei gefilmt. Und während die einzelnen Fälle immer wieder für Entsetzen sorgen, gerät aus dem Blick, was sie miteinander verbindet.
Denn hinter dieser Gewalt steht mehr als die Verwendung einer bestimmten Substanz. Es geht um einen Zustand, in dem ein Täter die vollständige Kontrolle über einen anderen Menschen erlangt. Die Betäubung ist damit nicht bloss Mittel zum Zweck. Sie führt auf brutale Weise vor Augen, worum es bei sexualisierter Gewalt auch geht: um Macht über einen Körper, auf den sich Männer einen Anspruch nehmen. Dabei schalten die K.O.-Tropfen den Willen und die Möglichkeit aus, sich zu wehren.

Kontrolle über den Körper
Besonders drastisch zeigt dies der Fall des ehemaligen Aargauer SVP-Grossrats Patrick Frei. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seine damalige Partnerin, seine Ex-Frau und die minderjährige Tochter seiner Partnerin wiederholt betäubt und vergewaltigt zu haben. Das
Mädchen wurde gemäss Anklage mehr als 40 Mal vergewaltigt. Frei filmte die Taten laut Ermittlungen.
Auch ein in Zürich inhaftierter Gastroenterologe steht im Zentrum schwerer Vorwürfe. Frauen kamen als Patientinnen in seine Praxis. Sie vertrauten einem Arzt und damit einer Person, die ihnen helfen sollte. Stattdessen nutzte er gemäss den Ermittlungen Untersuchungen und Sedierungen, um Patientinnen sexuell zu misshandeln und heimlich zu filmen.
Sexualisierte Gewalt dreht sich nie um Sexualität. Sie dreht sich um Kontrolle, Dominanz und den Anspruch, über einen anderen Körper verfügen zu können. Die Betäubung treibt diesen patriarchalen Anspruch auf die Spitze. Die Frau kann nicht widersprechen, nicht fliehen, nicht kämpfen. Ihr Körper bleibt verfügbar, während ihr Wille ausgeschaltet wird.

Täter organisieren sich
Fast zehn Jahre lang betäubte Dominique Pélicot seine damalige Frau Gisèle mit Medikamenten und liess sie von Dutzenden Männern vergewaltigen, während sie bewusstlos war. Die Taten wurden gefilmt, mehr als 50 Männer waren daran beteiligt. Spätestens seit dem Fall Pélicot lässt sich nicht mehr behaupten, es handle sich um vereinzelte Männer mit besonders abgründigen Fantasien. Recherchen haben Onlinegruppen aufgedeckt, in denen Männer einander erklären, wie Frauen betäubt werden können. Sie diskutieren Substanzen und Dosierungen, tauschen Erfahrungen aus, teilen Aufnahmen und bestärken sich gegenseitig. Eine untersuchte Telegramgruppe zählte rund 70000 Mitglieder.
Und genau deshalb greift die Vorstellung vom isolierten Täter zu kurz. Das Patriarchat funktioniert nicht nur über einzelne Männer, die Gewalt ausüben. Es funktioniert auch über Räume, in denen Männer Gewalt normalisieren, Wissen weitergeben und sich gegenseitig die Gewissheit vermitteln, mit ihrem Anspruch auf weibliche Körper nicht allein zu sein. Diese Netzwerke sind eine digitale Form dessen, was feministische Bewegungen seit Jahrzehnten beschreiben: Männer schützen Männer, Gewalt wird verharmlost und Frauen tragen die Konsequenzen.

Die Verantwortung landet bei den Frauen
Während Täter lernen, wie sie Frauen möglichst effizient wehrlos machen können, lautet die gesellschaftliche Antwort noch immer erstaunlich oft: Pass besser auf. Lass dein Getränk nicht unbeaufsichtigt. Geh nicht alleine nach Hause. Trink nicht zu viel. Hol sofort Hilfe.
Diese Hinweise können im konkreten Moment sinnvoll sein. Als gesellschaftliche Antwort sind sie jedoch ein Armutszeugnis. Denn wieder wird die Verantwortung verschoben. Nicht Männer sollen lernen, Frauen nicht zu betäuben. Frauen sollen lernen, sich besser vor Männern zu schützen. Besonders deutlich wird diese Logik bei der Beweissicherung. Viele Substanzen sind nur wenige Stunden nachweisbar. Wer einen Test machen will, muss schnell handeln. Ohne Strafanzeige können umfassende toxikologische Untersuchungen jedoch 1500 bis 2000 Franken kosten. Wer gerade sexualisierte Gewalt erlebt hat, muss also innert Stunden entscheiden, ob ein Strafverfahren begonnen werden soll und ob genügend Geld für einen Test vorhanden ist. So produziert das System seine eigene Beweislosigkeit. Fehlt der Test, fehlen Beweise. Fehlen Beweise, sinken die Chancen auf ein Verfahren. Und am Ende heisst es wieder, die Tat lasse sich nicht nachweisen.

Kein Randproblem
Auch politisch bleibt die Schweiz erstaunlich passiv. Neun Länder haben sich im Projekt «Medusa» zusammengeschlossen, um internationale Netzwerke hinter betäubungsgestützter sexualisierter Gewalt zu bekämpfen. Die Schweiz ist nicht dabei. Fälle gibt es auch hier mehr als genug. Die technischen Möglichkeiten wären vorhanden. Internationale Partner ebenfalls. Was fehlt, ist der politische Wille, sexualisierte Gewalt als strukturelles Problem zu behandeln.Denn solange jeder neue Fall als besonders grausame Ausnahme erscheint, muss niemand die Systemfrage stellen. Niemand muss fragen, weshalb Männer immer wieder glauben, einen Anspruch auf die Verfügbarkeit von Frauen zu besitzen. Niemand muss fragen, weshalb Betroffene Beweise, Schutz und Glaubwürdigkeit selbst organisieren müssen. Und niemand muss sich damit beschäftigen, weshalb staatliche Strukturen immer erst reagieren, nachdem Gewalt geschehen ist. Genau diese Individualisierung schützt bestehende Machtverhältnisse.

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