«So etwas darf niemals vergessen werden»

Die Zerstörung im Gazastreifen ist unvollstellbar.

Die Zerstörung im Gazastreifen ist unvollstellbar.

sit. Anna arbeitet für eine humanitäre Organisation im Gaza. Im Gespräch erzählt sie über das tägliche Überleben der Menschen, über die nicht vorstellbare Zerstörung, was die Bevölkerung über die Hamas denkt, über die Gastfreundschaft der Palästinen-ser:innen und zu welchem Anlass drei Hühner zum Preis von je 80 Franken gekauft wurden.

«Schreib nicht meinen richtigen Namen, auch nicht jenen meiner Organisation, für die ich arbeite. Sonst riskiere ich, nicht mehr reinzukommen», bittet ganz zu Beginn meine Gesprächspartnerin. Wir einigen uns auf den Namen Anna. Sie fügt an: «Das letzte Mal hing es von der Laune einer jungen Soldatin ab, ich schätzte sie so um die 20, mit langen, bemalten Fingernägeln, stylisch geschminkt und mit einer Maschinenpistole in den Händen.» Anna war von Anfang September bis Mitte Dezember 2025 in Gaza tätig und wird dort ihre Arbeit nach einem zweiwöchigen Urlaub wieder aufnehmen.

Bomben und «Psychoterrorkrieg»
«Ich erinnere mich an den ersten Abend. Ich bin mit dem Security Manager eingereist, er war auch neu. Wir kamen gegen 20 Uhr an und gingen danach mit Arbeitskolleg:innen essen, die schon seit drei Monaten dort waren», erzählt die Mittdreissigerin. Während des Essens schlugen Bomben in einer Entfernung von etwa 500 Metern ein. «Ein riesiger Knall, extrem laut. Der Security Manager und ich schauten uns an», schildert Anna weiter. Doch die anderen Kolleg:innen reagierten kaum, sie assen ruhig weiter. «In der ersten Nacht bist du wegen der Bomben noch aufgewacht, aber nach 24 Stunden hörst du es schon nicht mehr. Das ist so krass», erklärt Anna. Und das merke man erst, wenn jemand Neues ankomme. Anna schildert es so: «Du bist am Arbeiten, hörst die Explosionen gar nicht mehr, und dann kommt eine neue Arbeitskollegin zu dir und sagt: ‹Hey, hast du das gehört?› Und du antwortest verwundert: ‹Was denn?› – ‹Die Bomben.› – ‹Ah ja, ist okay.› Mir macht Angst, wie schnell man sich daran gewöhnt. Und für die Menschen in Palästina ist es genau gleich.»
Zu den Bomben und Raketen kommt der «Psychoterrorkrieg» hinzu. Anna zückt ihr Mobiltelefon und lässt eine Aufnahme laufen, in welcher der Summton einer Drohne zu erkennen ist. «Das hörst du die ganze Nacht lang. Und du weisst nie: Ist es eine, die Aufnahmen macht, oder eine, die explodiert?»

Die Zerstörung geht weiter
Ich frage Anna, wie sich die Situation nach dem Waffenstillstand entwickelt hat. Ihre Antwort ist bezeichnend: «Das Wort ‹verbessert› kann ich so nicht sagen. Das Ausmass der Bombardierungen auf die Zivilbevölkerung ist nicht mehr dasselbe wie zuvor. Das ist ein Unterschied, den ich wahrnehme.» Doch seit dem Waffenstillstand habe es bis Mitte Dezember etwa zehn bis 15 Angriffe gegeben. Dabei wurden Flüchtlingscamps bombardiert, ganze Familien seien gestorben. Es sei weiterhin so, dass alles zerstört werde, was noch zerstört werden könne: «Schulen, Spitäler, Häuser, Gebäude. Und das nicht nur in der sogenannten ‹Yellow Zone›, sondern auch in Gebieten, in denen es eigentlich nicht geschehen dürfte.» Als bräuchte ihre Aussage einen Beweis, bekommt Anna wenig später eine Nachricht, gesendet von einem Arbeitskollegen aus Gaza. Sie zeigt mir die Nachricht am Handy. Darin ist zu lesen, dass in der Nähe einer Moschee das Militär Häuser am Zerstören sei und Position in der Nähe einer Schule bezogen habe.
Wie sieht es mit den Hilfsgütern aus? Wurde die Versorgung besser? «Nicht wirklich», antwortet Anna, und ihr Frust ist in den Worten deutlich spürbar. Sie erzählt, wie sie einmal versucht habe, Medikamente für einen Mitarbeiter reinzubringen, dessen Vater krank gewesen war. «Sie haben mich am Grenzübergang rausgenommen, meinen Koffer fünfmal durchsucht, alles einzeln geöffnet – und alle Medikamente weggenommen. Sie haben meinen Pass fotografiert, und die Soldatin stand provokativ neben mir. Ich habe gesehen, wie sie meinen Pass in diversen WhatsApp-Gruppen weitergeschickt hat. Du stehst einfach da und musst versuchen, ruhig zu bleiben.» Sie macht eine kleine Pause und sagt dann: «Dann wiederum kommen Sachen rein, da schüttelst du nur den Kopf, wie zum Beispiel Elektrovelos.»

Elektrovelos? Wozu denn?
Ja, wozu denn? Das frage ich mich auch, ich weiss es nicht. Für uns ist das besonders problematisch, weil unsere Projekte darauf abzielen, die Infrastruktur in den Camps zu verbessern. Wir setzen stark auf die sogenannte Community Participation und Community Engagement. Das heisst, wir versuchen, in den Camps gemeinsam mit den Menschen funktionierende Strukturen aufzubauen. In den Camps leben zwischen 5000 und 25 000 Menschen. Jedes Camp hat eine eigene Struktur mit verschiedenen Vertreter:innen. Gerade jetzt im Winter geht es darum, dass sich die Menschen gegenseitig unterstützen können. Schon einfache Dinge wie eine Schaufel helfen, damit Zelte nicht vom Regen überflutet werden. Mit Unterstützung der Community koordinieren wir ausserdem die wenigen verfügbaren Lastwagen, um Sand vom Strand in die verschiedenen Camps zu bringen. So kann zumindest eine minimale Struktur gegen Überschwemmungen geschaffen werden. Das Problem dabei ist, dass viele Strassen kaum passierbar sind. Es fehlt an den nötigen Maschinen, wie etwa Baggern und Lastwagen, um die Strassen zu befreien. Diese lassen sie jedoch nicht rein. Kurz: Wir haben enorme Schwierigkeiten, überhaupt Werkzeuge oder Material auf dem Markt zu finden, um die Projekte in den Camps umzusetzen und die Infrastruktur zu verbessern. Die Anzahl der Zelte, die nach Gaza gelangen, reicht vielleicht für zehn Prozent der gesamten Bevölkerung. Es braucht Zelte, Abdeckungen, Plastikplanen, einfache Schutzmaterialien … aber eben, das fehlt. Gleichzeitig sieht man Elektrovelos, die ganz normal auf dem Markt angeboten werden. Das ergibt schlicht keinen Sinn.

Wie ist es mit der Versorgung von Lebensmitteln?
Da hat sich etwas verbessert. Es hat Gemüse auf dem Markt. Langsam findest du auch Geflügel, also Chicken. Es ist einfach mega teuer. Ein Chicken kostet etwa 80 Franken, vielleicht ist der Preis inzwischen etwas gesunken. Vor dem Waffenstillstand haben wir jeweils versucht, einmal pro Woche ein wenig frisches Gemüse zu kaufen. Beim ersten Mal haben wir ein halbes Kilo Tomaten und Kartoffeln sowie zwei Oberschienen gekauft – und dafür 40 Franken bezahlt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wir das Gemüse genossen haben. Mittlerweile ist es ein bisschen günstiger geworden. Vor allem Avocado ist sehr günstig.

Ein Huhn kostet 80 Franken? Wer kann sich das leisten?
Ich erzähle dir eine Geschichte dazu: Im September 2025 wurde der Norden Gazas angegriffen. Der ganze Norden wurde evakuiert, die Menschen mussten alle in den Süden flüchten. Wir mieteten einen grossen Hochzeitsaal, der nicht zerbombt worden war. Mit Holzbrettern wurde der Saal zu Schlafunterkünften umgebaut, zu einem «Guesthouse», nennen wir es so. Einmal pro Woche haben wir versucht, diese Menschen dort zu besuchen. Jedes Mal, auch wenn du nur kurz etwas vorbeibringen willst, wirst du eingeladen – und nicht nur zum Tee, es gibt immer auch Essen, das sie dir anbieten. Das Wenige, das sie hatten, haben sie mit uns geteilt. Dies alles vor dem Waffenstillstand, da gab es wirklich nichts auf dem Markt. Da denkst du dir so: ‹Sie haben ja nichts. Sie haben im Norden alles verloren. Und trotzdem tischen sie mir Essen auf.› Und die Leute erklären dir dann: «Ja, du bist zwar hier zum Arbeiten, aber du bist auch unser Gast!» Die Palästinenser:innen sind unglaublich gastfreundlich, das können wir uns gar nicht vorstellen. Als es zum Waffenstillstand kam, haben sich die Menschen in Gaza gesagt: Das müssen wir feiern. Und sie taten es auch. Wir sind dann zu den Familien in unserem «Gesthouse» gegangen – und zu diesem Anlass haben wir drei Hühner gekauft für etwa 40 Personen.

Wer hat die Kontrolle nach dem Waffenstillstand in Gaza übernommen?
Das ist eine schwierige Frage. Man weiss nicht genau, wer sie sind, wir nennen sie «De-facto». Auf manchen Checkpoints sieht man die bekannten grünen Hamas-Stirnbänder. Gleichzeitig sieht man auch Menschen, die ganz normal angezogen sind, ohne Logos oder Symbole. Es heisst, dass sich nach dem Waffenstillstand eine sogenannte De-facto-Polizei gebildet habe, die auf der Strasse für Ordnung sorgt. Auch spielen Strukturen von Grossfamilien eine wichtige Rolle. Und wenn ich von Grossfamilien rede, dann meine ich Familien, denen mehrere tausend Personen angehören – und je grösser die Familie, desto grösser auch ihr Einfluss. Selbst einige Camps tragen den Namen einer Familie. Dort leben dann vor allem Angehörige dieser einen Familie. Klar ist, dass es Konflikte zwischen den einzelnen Familien gibt, weil viel Frustration da ist, aber auch, weil ein Machtkampf zwischen ihnen im Gange ist. Es heisst, dass eine neue Partei gegründet werden soll, mit bekannten Persönlichkeiten aus Gaza. Nun geht es darum, wer dieser Partei angehören und wer sie anführen soll. Aber letztlich ist vieles unklar. Man weiss nicht genau, wer welche Rolle hat.

Was denkt die Bevölkerung über die Hamas, wie steht sie zu ihr?
Die Menschen in Gaza brauchen das Wort «Hamas». Wenn über Hamas gesprochen wird, dann sagen sie «die» oder «de facto». Und falls sie das Wort mal aussprechen, dann ganz leise, kaum hörbar und schnell. Du merkst, sie sind wütend auf die Hamas. Im Sinne von: Warum habt ihr es so weit kommen lassen? Ihr habt genau gewusst, was für ein krasses Ausmass an Toten und Zerstörung ihr anrichtet.

Hat sie es gewusst?
Ja, das hat sie. Sie wusste, dass eine gewaltige Reaktion kommen würde. Sie hat mit 7000 bis 8000 Toten gerechnet. Das bestätigen uns Gespräche mit Personen, die zu Grossfamilien zählen, die mit der Hamas verbunden sind. Ich kann es dir nicht schwarz auf weiss beweisen, es ist aber auch das, was in der breiten Bevölkerung gesagt wird. Die Hamas hat mit ihrem Angriff Tausende von toten Palästinenser:innen in Kauf genommen – das ist auch der Bevölkerung klar.

Was hält die Menschen in Gaza am Leben? Was ist ihre Hoffnung?
Nun, viele wollen gehen, sobald die Grenzen geöffnet werden. Sie merken, dass sie in Gaza keine Zukunft mehr haben, vor allem für ihre Kinder: Es gibt keine Schulen, keine Universitäten mehr, die noch stehen. Das ist ja auch eines der Ziele der israelischen Regierung. Sie wird die Grenzen öffnen, damit die Menschen den Gazastreifen verlassen. Andere wiederum wollen gehen, weil bereits die Hälfte der Familie geflohen ist, als die Grenze in Rafah noch offen war. Um nach Ägypten zu gelangen, müssen sie aber 5000 Franken pro Person zahlen. Das ist auch so was…

An wen muss man bezahlen?
An den ägyptischen Staat. Es gibt Familien, die haben tausende von Franken hingeblättert, ihr ganzes Vermögen, das sie hatten. Manchmal reicht es für alle, andere Male eben nur für die Frauen und Kinder.

Der ägyptische Staat macht Business mit dem Schicksal und dem Leid der Palästinenser:innen?
Ja, er macht auch ein grosses Business mit uns. Unsere Hilfsgüter, die wir versuchen, in Gaza reinzubringen, sind in Lagern in Ägypten – und dafür bezahlen wir Miete. Das ist auch so eine Sache: Bei vielen Menschen ist die Enttäuschung über das Verhalten der arabischen Länder rund um Palästina spürbar. Zum Beispiel behaupten Ägypten und Jordanien immer, die Palästinenser:innen seien ihre Brüder und Schwestern. Doch praktisch kam keine Hilfe – das sieht auch die Bevölkerung im Gaza.

Nochmals die Frage: Was gibt den Menschen Hoffnung?
Sie lieben Palästina, sie lieben Gaza – das ist so. Es ist ihr Land, ihr Zuhause. Seit dem Waffenstillstand entstehen jeden Tag neue, kleine Kaffeebars, neue Verkaufsstände, neue kleine Kleiderläden. Sie machen aus dem ganz Wenigen, das sie haben, das Beste. Die Menschen machen einfach weiter, weil sie daran gewöhnt sind, dass alles zerstört wird und sie ihr Alltagsleben immer wieder neu aufbauen müssen.

Aber was hat ein oder eine Zehnjährige:r für eine Zukunft in Palästina?
Die Frage ist: Ein Zehnjähriger mit oder ohne Eltern? Oder eine Zehnjährige, die auf vier Geschwister aufpassen und Essen für sie finden muss?

Wie halten es die Menschen dort aus?
Die Resilienz der Palästinenser:innen, also die Fähigkeit, schwierige Situationen, Krisen und Stress zu bewältigen und sich davon zu erholen – ihre Widerstandskraft – ist unglaublich. Das zeigt sich nicht nur an der Tatsache, dass ein Familienmitglied von ihnen stirbt und sie am nächsten Tag wieder arbeiten gehen. Sondern auch daran, dass sie das Wenige teilen, was sie haben: Wenn sie ein Huhn zum Essen haben, laden sie dich ein. Ich kann es nicht in Worten fassen, es sind die kleinen Sachen im Alltagsleben, die ihre Resilienz beweisen.
An dieser Stelle ist aber auf ein Problem hinzuweisen, das immer präsenter wird und eine weitere, grosse Herausforderung darstellt: Bei den Palästinenser:innen, mit denen ich zusammenarbeite, merkt man jetzt, also nach dem Waffenstillstand, wie stark sie unter Stress stehen. Sie waren zwei Jahre lang im reinen Überlebensmodus. Die einzigen zwei Fragen, die sie sich gestellt haben, waren: Überlebe ich bis morgen? Und falls ja, wie kann ich meine Familie ernähren? Jetzt beginnen sie, sich auch andere Fragen zu stellen. Etwa: Ich habe Kinder, aber es gibt keine Schule mehr. Oder: Ich habe einen Vater, er ist 70 Jahre alt und braucht Medikamente, aber ich bekomme keine. Sie leben in Zelten und wissen nicht, wann sie wieder in einem Haus wohnen können. Viele fragen sich, was sie
ihren Familien überhaupt noch bieten können. Als Organisation haben wir Angst, dass jetzt die Psyche zusammenbricht, weil die Menschen beginnen zu begreifen, was sie alles verloren haben – und dabei realisieren, dass es nie mehr so sein wird wie früher, weil nichts mehr steht. Ein kleines Beispiel dazu: Mitte Dezember sind wir mit dem Auto aus Rafah rausgefahren. Es ist alles flach, du siehst keine Häuser mehr, nur Trümmer, alles ist zerstört. Als wir auf der Heimfahrt waren, sagte mir meine Arbeitskollegin: «Das war die schönste und beliebteste Strasse in Gaza, es gab viele Cafés, Bars, Restaurants.» Und du schaust hinaus und siehst nur Trümmer. Meine Kollegin fügte mit Tränen in den Augen an: «Ich weiss, du kannst dir das gar nicht vorstellen.» Und genau so ist es: Das Ausmass der Zerstörung ist unvorstellbar – selbst für Personen, die schon lange in der humanitären Arbeit tätig sind. Ich war einmal mit einem Mann unterwegs, der seit 40 Jahren in diesem Beruf arbeitet. Er war schon überall auf der Welt, hat sehr vieles gesehen und erlebt. Er verglich die Zerstörung mit dem Erdbeben in der Türkei und in Nordsyrien im Februar 2023, es sei in etwa ähnlich. Aber er betonte immer wieder: «Das Erdbeben war eine Naturkatastrophe, aber das hier – das hier wurde durch Menschenhand gemacht.»

Gibt es die Hoffnung auf Frieden?
So wie ich es aus der Zusammenarbeit und aus vielen Gesprächen mit den Menschen mitbekomme, haben die Menschen in Gaza kein Interesse an Konflikten. Sie wollen einfach ihr Leben leben. Es ist ihr Land, und sie wollen dort in Ruhe und Frieden leben. Sie sagen klar, dass sie nicht nach Tel Aviv gehen wollen. Sie wollen weder nach Jordanien noch nach Ägypten. Sie wollen einfach das, was ihnen gehört, und dort bleiben, wo sie zu Hause sind.

Dann kommt ein gewisser Herr Trump und verkündet, eine Riviera aus Palästina zu machen. Wie reagieren die Menschen auf solche Ansagen?
Sie reden nicht einmal darüber. Für sie kommt das gar nicht infrage. Wie gesagt: Es ist ihr Land. Sie würden das nicht zulassen, sie wollen das nicht.

Wird die weltweite Solidaritätsbewegung wahrgenommen von den Menschen in Gaza?
Ja, sie sind froh, dass wir sie nicht vergessen. Und sie sagen: «Redet darüber. Und nicht nur von den letzten zwei Jahren, sondern von dem, was in den letzten Jahrzehnten, ja im letzten Jahrhundert geschehen ist.»

Wie verarbeitest du all dies?
Ich weiss es nicht. Wirklich, ich weiss es nicht. Vor dem Waffenstillstand hast du diese Bomben jeden Tag gehört, sehr regelmässig. Und jedes Mal, wenn du eine Explosion gehört hast, wusstest du: Es hat Tote gegeben. Gleichzeitig sind wir Menschen extreme Gewöhnungstiere. Wie bereits erwähnt: In der ersten Nacht bin ich wegen der Bomben aufgewacht, in der zweiten schon nicht mehr.

Wie reagieren die Menschen hier in der Schweiz, wenn du ihnen sagst, dass du in Gaza arbeitest?
Viele fragen mich, warum ich das tue.

Und warum tust du es?
Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht mit Worten erklären. Ich kann dir keinen bestimmten Grund nennen. Nur so viel: Bereits als ich mit meinem Studium, also mit der Ausbildung, begann, hatte ich den Wunsch, nach Gaza zu gehen. Aber zurück zur Frage, wie die Menschen hier in Europa reagieren. Noch wütender als die Soldatin, die mir am Grenzposten die Medikamente wegnahm, macht mich die Gleichgültigkeit der Leute hier bei uns. Kürzlich reagierte eine Person mit den Worten: «Gaza? Da gibt es doch einen Krieg oder so, richtig?» Echt, wie kann man so gleichgültig sein? Ich sage nicht, dass du spenden musst. Ich sage nicht, dass du mit einer palästinensischen Flagge herumlaufen und «Free Palestine» skandieren musst. Und ich verlange auch nicht, dass sich die Menschen hier auf diese oder jene Seite schlagen. Aber sich zu informieren – zu wissen, wo Gaza überhaupt liegt und was dort geschieht. Ein bisschen zu verstehen, was seit 1948 passiert ist, das wäre schon viel. Mich macht diese Gleichgültigkeit der Menschen wütend, und sie tut mir richtig weh. Meine Angst, mein Frust ist, dass bereits niemand mehr darüber redet – und das, was in den zwei letzten Jahren geschehen ist, wieder vergessen geht. Ich gehe in einer Woche zurück und sehe aber, was in diesen zwei Jahren passiert ist. Und du sagst dir selbst: So etwas darf niemals vergessen werden, dass ein Staat so etwas machen konnte.

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