Hasta la victoria siempre!

sit / flo. In Zürich fand das grösste 1.-Mai-Fest in Europa statt. Und in Winterthur hielt zum ersten Mal ein Genosse der PdA eine Rede am Tag der Arbeit. Ein Rückblick auf kämpferische Tage, die Mut machen.

«Die neoliberale Ordnung mit ihren lang gehegten Glaubenssätzen liegt in Trümmern. Die ‹regelbasierte› internationale Ordnung ist tot und mit ihr die Credos des Freihandels, des freien Wettbewerbs und der freien Konkurrenz. Jedoch bleiben die erhofften positiven Effekte dieses Zerfalls aus», ist im Aufruf des 1.-Mai-Komitees Zürich zu lesen. Denn vielmehr offenbare sich die «destruktive Natur des imperialistischen Monopolkapitalismus immer deutlicher» – und dies nicht mehr nur in der globalen Peripherie. «Seine Begleiterscheinungen – Klimakatastrophe, Kriege, Autoritarismus und Faschismus sowie extreme Armut und Ungleichheit – erreichen sein Zentrum endgültig. Der Imperialismus triumphiert mit nackter Gewalt», schreibt das Komitee. Angesichts dieser Tatsachen kann es für die Linke nur eine Antwort geben: «Demonstrieren wir laut! (…) Organisieren wir uns! Widerstand ist der einzige Weg, der gemeinsame Kampf das einzige Mittel. Nur gemeinsam können wir dem Imperialismus Einhalt gebieten und eine bessere Zukunft gestalten. Heraus zum 1. Mai: Blocchiamo tutto!»

Vom Baby mit dem roten Schnuller …
Blocchiamo tutto – blockieren wir alles – dieser Kampfaufforderung des 1.-Mai-Komitees und dem Aufruf des Gewerkschaftsbunds des Kantons Zürich (GBKZ) mit dem Slogan «Jobs und Löhne verteidigen – Nein zur Abschottung» folgten am Morgen des Internationalen Tags der Arbeit in Zürich 15’000 Personen – so die offizielle Angabe, es dürften aber auch 1000 oder gar 2000 mehr gewesen sein. Denn Fakt ist: Die Limmatstadt hat seit Jahren nicht mehr so viele Teilnehmer:innen an der 1.-Mai-Demo miterleben dürfen. So musste auch der Tages-Anzeiger von einer «aussergewöhnlich hohen
Anzahl an Teilnehmenden» berichten. Vom Baby mit dem roten Schnuller im Buggy bis zu den «Omas gegen rechts» waren sämtliche Generationen am Umzug durch die
Innenstadt vertreten. Das gleiche Bild zeigte sich dann auch am Volksfest auf dem Zeughausareal und der Kasernenwiese bei wunderbarem Frühlingswetter. Das Volksfest, das wie gewohnt über drei Tage stattfand, mit mehr als 70 Infoständen, rund 20 Essensständen und insgesamt 30 Politveranstaltungen, war so gross und bunt wie nie zuvor und ein absoluter Erfolg. «Trotz Krieg, Faschismus und Autokratie stehen heute Zehntausende Menschen für eine solidarische Zukunft ein. Das macht Hoffnung!», hält das 1.-Mai-Komitee in seiner Medienmitteilung fest.

Solidarität, Respekt und Frieden
Der Dank gebührt den Verantwortlichen des 1.-Mai-Komitees sowie den zahlreichen freiwilligen Helfer:innen – ohne sie wäre das Fest nicht stemmbar. Eine Tatsache, die zu oft als angebliche Selbstverständlichkeit in den Hintergrund rückt und vergessen lässt, dass das Volksfest im Zürcher Kreis 4 viel mehr ist als «nur» das grösste 1.-Mai-Fest Europas. Getragen wird es von Solidarität, gegenseitigem Respekt und einem friedlichen Miteinander. Ausdruck davon ist die Aussage einer spanischen Genossin, die zum ersten Mal am 1.-Mai-Fest in Zürich war: «Sozialdemokrat:innen, Kommunist:innen und Anarchist:innen zusammen an einem Fest, das ist bei uns undenkbar.»
Weiter steckt unglaublich viel Arbeit hinter dem ganzen Fest, und zwar nicht nur während der drei Tage – sie beginnt Monate zuvor. Hunderte von Arbeitsstunden, die nicht mit Geld bezahlt werden. Der Lohn sind die kollektive Erfahrung, die drei Tage, die beweisen, dass ausserhalb des kapitalistischen Haifischbeckens gemeinsam grosse Ziele erreicht werden können. Das 1.-Mai-Fest in Zürich ist der lebende Beweis dafür, dass eine andere Welt durchaus möglich ist. Eine Gesellschaft, basierend auf Werten wie Solidarität, Respekt und Frieden. Diese Welt wird nicht vom Himmel fallen und auch kein Geschenk jener Wenigen sein, die von der Barbarei des Kapitalismus profitieren – sie muss erkämpft werden, und auch das zeigt das Volksfest in Zürich.

Kampftag in Winterthur
Auch in der Eulachstadt sorgte das Wetter für eine grössere Teilnahme am 1. Mai als sonst. Es dürften letztlich bis zu 600 Personen an der Demonstration teilgenommen haben. Mit dabei war auch die Partei der Arbeit (PdA), die gleich auch einen historischen Moment in ihrer Geschichte miterleben konnte: Erstmals hielt mit Noah Ziegler ein PdA-Mitglied eine Festrede am 1.Mai in Winterthur. Bei der Demonstration und beim Fest wurden zahlreiche Flyer für den Stammtisch der Partei in Winterthur sowie 1.-Mai-Ausgaben des vorwärts verteilt.
Einziger Wermutstropfen am kämpferischen 1.Mai in Winterthur war die absurd kurze Route, welche die Winterthurer Polizei für den Kampftag der Werktätigen bewilligte. Angemessenerweise reagierte das Antikapitalistische Bündnis mit einem Umweg. Anstatt, wie von der Polizei verlangt, über den Graben und dann direkt zur Reithalle zu laufen, nahm der Grossteil des Demonstrationszugs einen Umweg über die Guisanstrasse, wo beim von Räumung bedrohten besetzten Haus «Gisi» Reden gehalten wurden, um auf die Gentrifizierung in Winterthur aufmerksam zu machen. Das 1.-Mai-Komitee reagierte mit Verständnis auf die alternative Route. So wartete der kleinere reformistische Demonstrationszug solidarisch am Holderplatz auf die Genoss:innen vom Antikapitalistischen Bündnis. Danach zog man gemeinsam zum Abschlussort weiter. Trotzdem liess es sich die Tamedia-Presse nicht nehmen, von einem «gekaperten 1.Mai» zu schwadronieren – vermutlich aus Angst, sonst gar nicht gelesen zu werden.

Der 1.Mai lebt
Was hinterlässt uns der diesjährige Internationale Tag der Arbeit in Zürich und Winterthur – aber auch in der ganzen Schweiz? Die Gewissheit, dass der 1.Mai als Kampftag lebt, trotz aller Widersprüche und Widerwärtigkeiten – und somit lebt auch der Widerstand gegen die Barbarei. Um es mit den Worten von Ché Guevara zu
sagen: Hasta la victoria siempre!

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