Den Weg des Stellenabbaus durchbrechen

sit. Die Schweizer Post erhöht die Briefpreise, steigert ihren Gewinn und baut gleichzeitig weiter Stellen ab. Ein Unternehmen im Besitz des Bundes folgt konsequent der kapitalistischen Rentabilitätslogik. Was heisst das für die Gewerkschaften?

Die Schweizer Post sorgte im Monat August gleich für mehrere Schlagzeilen: Zu Beginn des Monats machte sie publik, dass sie sich im «gemeinsamen Dialog» mit dem Preisüberwacher auf eine «moderate Anpassung der Briefpreise per 1.Januar 2027» geeinigt habe. Der A-Post-Brief kostet neu 1.40 Franken, ein B-Post-Brief neu 1.10 Franken. Dieser Schritt sei «zwingend nötig», unterstreicht Konzernleiter Pascal Grieder in der Medienmitteilung vom 6.August. Denn die Bedürfnisse der Kund:innen «verändern sich rasant». Und: Seit 2010 seien «zwei von fünf Briefen weggefallen», während die Kosten «weitgehend konstant» blieben.
Ob eine Erhöhung von zehn Prozent bei der B-Post und von 17 Prozent bei der A-Post «moderat» ist, sei dahingestellt. Fakt ist: Seit 2016, also in den letzten zehn Jahren, stieg der Preis für A-Post um 40 Prozent (von 1.00 auf 1.40 Franken) und bei der B-Post um knapp 30 Prozent (von 0.85 auf 1.10 Franken). Sicher, in den letzten zehn Jahren wurde alles teurer. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) betrug die allgemeine Teuerung in dieser Zeitspanne rund acht Prozent. Übertragen auf die Kosten für einen A-Post-Brief bedeutet dies, dass die Briefmarke heute rund 1.08 Franken kosten müsste – und nicht 1.40 Franken. Moderat, Herr Grieder?

139 Millionen Gewinn und 40 Kündigungen
Zwei Wochen später, am 20.August, informierte die Post über das Betriebsergebnis des ersten Halbjahrs 2026. Es beträgt 173 Millionen Franken (Vorjahr: 118 Millionen). Die Steigerung im Vergleich zu 2025 beläuft sich somit auf satte 55 Millionen Franken, ein Plus von 46,7 Prozent. Der Gewinn liegt bei 139 Millionen Franken. Wie kam es dazu? «Zum Ergebnis beigetragen haben 5,6 Prozent mehr Pakete (…). Aber auch das bessere Anlagegeschäft und der tiefere Personalaufwand bei PostFinance.» Man könnte erwarten, dass die Verantwortlichen in der Chefetage der Post mit dem bisherigen Verlauf des aktuellen Geschäftsjahrs zufrieden sind. Doch: «Von jedem Franken Umsatz bleiben uns am Schluss weniger als 5 Rappen», jammert Alex Glanzmann, Finanzchef der Post, in der Pressemitteilung vor. Dann erklärte er: «Mit den sinkenden Mengen bei den Briefen und am Schalter braucht es eine Vielzahl von Massnahmen, um das Ergebnis auf diesem Niveau zu halten. Diesen Weg gehen wir konsequent weiter.»
Zu dieser «Vielzahl von Massnahmen» gehört auch der kontinuierliche Stellenabbau. So wurde bereits am 17.August bekannt, dass es in der Informatik (IT) der Schweizer Post zu bis zu 40 Kündigungen und 20 Vertragsänderungen kommen wird. Dies im Zuge der Reorganisation «Tech Acceleration», mit der die Post ihre IT neu ausgerichtet hat. Der Stellenabbau bei der IT reiht sich ein in eine Serie von Abbaumassnahmen im ganzen Post-Konzern. Von Januar 2024 bis August 2025 wurden rund 440 Vollzeitstellen abgebaut. Besonders deutlich zeigt sich der langfristige Abbau bei PostNetz: Dort sank die Zahl der Mitarbeitenden von rund 7000 im Jahr 2016 auf rund 3500 im Jahr 2025. Gleichzeitig plant die Post bis 2028 weiterhin die Schliessung beziehungsweise Umwandlung von rund 170 Filialen.

Bundesnaher Betrieb mit Vorbildfunktion?
Die Schweizerische Post ist kein gewöhnlicher privater Konzern. Seit 2013 ist sie als spezialgesetzliche
Aktiengesellschaft organisiert, befindet sich jedoch zu 100 Prozent im Besitz des Bundes. Gleichzeitig hat sie einen gesetzlich verankerten öffentlichen Auftrag: Sie muss die Grundversorgung der Bevölkerung mit Postdiensten gewährleisten. Die Post ist somit ein Unternehmen, dessen Eigentümer die öffentliche Hand ist und das eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen hat.
«Ein bundesnaher Betrieb mit Vorbildfunktion trägt eine besondere soziale Verantwortung. Die Post nimmt sie nicht wahr, wenn sie Jahr für Jahr Stellen streicht – die Rechnung zahlen die Mitarbeitenden und der Service Public», hält die Tessiner Nationalrätin der Grünen und Präsidentin der Gewerkschaft transfair Greta Gysin in der Stellungnahme ihrer Gewerkschaft fest. Und sie fügt hinzu: «Wer eine öffentliche Aufgabe erfüllt, darf qualifizierte Arbeitsplätze nicht dem Sparen opfern.» Gysin hat recht. Mehr noch: Sie fordert im Grunde nichts anderes als das, was der Bund selbst von der Post verlangt. Der Bundesrat legt jeweils für vier Jahre die strategischen Ziele für die Schweizerische Post fest. Die derzeit gültigen für die Jahre 2025 bis 2028 wurden von der Bundesregierung am 29.Januar 2025 verabschiedet. Darin verlangt er von der Post ausdrücklich eine «fortschrittliche und sozialverantwortliche Personalpolitik» und «attraktive Anstellungsbedingungen».

Nach den Regeln der kapitalistischen Wirtschaft
Aber derselbe Bundesrat formuliert auch klare finan-zielle Vorgaben: Die Post soll ihren Unternehmenswert «nachhaltig» sichern und «in allen Geschäftsfeldern ein branchenübliches Ergebnis» erzielen. Darüber hinaus verlangt der Bund als Eigentümer eine Dividendenpolitik, die dem «Grundsatz der Stetigkeit» folgt.
Was bedeutet unter diesen Voraussetzungen eigentlich die von Gysin eingeforderte «Vorbildfunktion» – und Vorbild für wen? Solange Wirtschaftlichkeit und Rentabilität die bestimmenden Kriterien bleiben, kann die Post bestenfalls versuchen, die Folgen dieser Logik sozial abzufedern. Die Logik selbst bleibt unangetastet: Kosten müssen gesenkt, die Produktivität gesteigert und der Personalaufwand reduziert werden. Denn der Bund verlangt, dass die Post nach den Regeln der kapitalistischen Wirtschaft zu funktionieren hat. Daran hat er als Eigentümer auch ein handfestes finanzielles Interesse: Die Gewinne der Post ermöglichen Dividenden, die direkt in die Bundeskasse fliessen. Für das Geschäftsjahr 2025 fliessen insgesamt 150 Millionen Franken an den Bund.
Die Folgen dieser Politik spiegeln sich in der Entwicklung der vergangenen zehn Jahre wider. Die Zahl der Beschäftigten bei PostNetz wurde halbiert, Filialen verschwinden und der Stellenabbau wird «konsequent» fortgesetzt. Angesichts dieser Bilanz ist die Schlussfolgerung einfach: Die Post kann jene soziale «Vorbildfunktion», von der Gysin spricht und die ihr der Bundesrat sogar vorschreibt, gar nicht erfüllen, solange sie gleichzeitig der kapitalistischen Profitlogik unterworfen bleibt. Vielmehr steht der «gelbe Riese» beispielhaft dafür, was geschieht, wenn auch ein Unternehmen in öffentlichem Besitz dieser Logik unterworfen wird.

Konsequent den Weg des Widerstands gehen
Die Gewerkschaften müssen sich angesichts dieser Entwicklung eine grundsätzliche Frage stellen: Wie lange wollen sie noch versuchen, die Quadratur des kapitalistischen Kreises zu schaffen? Greta Gysin hat recht, wenn sie fordert, dass qualifizierte Arbeitsplätze nicht dem Sparen geopfert werden dürfen. Und auch dem Kollegen David Roth, Co-Leiter Sektor Logistik der
Gewerkschaft syndicom, kann nicht widersprochen werden, wenn er festhält: «Wer gute Ergebnisse präsentiert, muss auch bereit sein, die Angestellten angemessen am Erfolg zu beteiligen.» Die Löhne der Postangestellten müssten «endlich wieder merklich steigen», um den «langjährigen Reallohnstillstand» zu durchbrechen.
Doch die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zeigt ebenso deutlich: Appelle an die soziale Verantwortung der Post und des Bundes haben den Stellenabbau nicht verhindert. Konsultationsverfahren, Verhandlungen und Sozialpläne können zwar dessen Folgen für die Betroffenen abschwächen und die Zahl der Kündigungen reduzieren – an der dahinterstehenden Logik wird dadurch aber nicht gerüttelt.
Nein, die Gewerkschaften müssen jetzt nicht den Kampf für den Sozialismus ausrufen. Sie kommen aber nicht darum herum, sich die Frage zu stellen: Wie können wir streikfähig werden? Alles andere hiesse, die Augen vor der Entwicklung bei der Post in den vergangenen zehn Jahren zu verschliessen. Man kann es auch so auf den Punkt bringen: Wenn die Post ihren Weg des Stellenabbaus «konsequent weiter» gehen will, dann braucht es auf der anderen Seite einen ebenso konsequenten
Widerstand der Beschäftigten.

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