Polepole – oder die Frage: Wessen Zeit zählt?
lmt. Seit Ende April arbeite ich in einem Freiwilligeneinsatz als Hebamme im Kaloleni Health Centre in Arusha, Tansania. Teil 1 einer Reportage aus einem Land, in dem alles anders ist. Doch was heisst «anders»?
Ich werde oft gefragt, wie es hier in Tansania ist. Und meine Antwort ist immer dieselbe: Es ist anders. Alles ist anders. Das Essen, die Strassen, der Alltag – und die Art, wie Menschen leben, arbeiten, gebären und sterben. Aber dieses «Anders» lässt sich nicht einfach beschreiben, ohne die eigenen Erwartungen mitzudenken. Ohne zu fragen, wer hier eigentlich definiert, was richtig, was schnell, was fürsorglich ist. Und je länger ich hier bin, desto weniger reicht mir dieses Wort. «Anders» verschleiert, dass es nicht einfach um Unterschiede geht, sondern um Ungleichheiten. Um Strukturen, die bestimmen, wer warten muss – und wer nicht.
Eine Frage der Bedingungen
Das Lebensmotto hier ist polepole. Swahili für: langsam. Und tatsächlich: Warten bekommt hier eine andere Bedeutung. Wenn jemand sagt, er sei in 20 Minuten da, kann es gut eine Stunde dauern. Im Anmeldebüro des Spitals, wo ich meine Gebühr bezahlen musste, wartete ich fünfzig Minuten. Zuerst war niemand da. Dann kam die Verantwortliche, begrüsste die «Locals», mich kaum. Sie begann zu sprechen, zu lachen, verschwand wieder und kam später mit einem Kaffee zurück. Die eigentliche Arbeit dauerte keine fünf Minuten.
In der Schweiz wäre das unvorstellbar. Hier ist es Alltag. Und ich merke, wie schnell ich das als «ineffizient» bewerte. Als Problem der Organisation. Aber was, wenn dieses polepole weniger mit einer Haltung als mit den Bedingungen zu tun hat? Mit Unterbesetzung, mit niedrigen Löhnen, mit langen Arbeitswegen, mit einem System, das ohnehin nicht auf Effizienz für alle ausgelegt ist? Zeit ist hier nicht einfach weniger wert – sie ist anders verteilt.
Leben im Mangel
Diese Ungleichheit zeigt sich überall, lange bevor man ein Spital betritt. Viele Menschen leben hier in absoluter Armut. Häuser sind oft einfache Konstruktionen aus Wellblech oder Lehm, manchmal nicht mehr als ein überdachter Schlafplatz. Fliessendes Wasser ist keine Selbstverständlichkeit. Strom fällt aus oder ist gar nicht vorhanden. Essen ist nicht garantiert, sondern etwas, das jeden Tag neu organisiert werden muss. Mangelernährung, Arbeitslosigkeit und unsichere Einkommen prägen den Alltag. Viele arbeiten informell, verkaufen auf der Strasse, fahren Motorradtaxis oder tragen Lasten. Es gibt kaum soziale Absicherung.
Viele betäuben sich mit Alkohol, Cannabis oder anderen Drogen. Gesundheit wird so zu einer Frage des Geldes. Nicht im abstrakten Sinn, sondern ganz konkret: Kann ich mir heute Medikamente leisten? Kann ich mir den Transport ins Spital leisten? Kann ich es mir leisten, krank zu sein? Diese Fragen begleiten jede Entscheidung.
Strassen, die erzählen
Es gibt geteerte Hauptstrassen, aber auch dort reiht sich Schlagloch an Schlagloch. Dazwischen bewegen sich Autos, Busse, Motorräder und sogenannte Daladalas – kleine, oft überfüllte Minibusse, die als öffentlicher Verkehr dienen. Sie sind bunt bemalt, laut, eng und für viele die einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen. Menschen stehen dicht gedrängt, hängen teilweise aus den Türen. Dann gibt es die TukTuks, dreirädrige Fahrzeuge, halb Motorrad, halb Kabine, die als Taxis genutzt werden. Eine Fahrt darin fühlt sich an wie eine Achterbahnfahrt. Man wird durchgeschüttelt, weicht Schlaglöchern aus, wird von Motorrädern überholt, die wiederum Autos überholen – oft auf der Gegenfahrbahn. Helme
tragen die wenigsten. Verkehrsregeln scheinen flexibel. Es wirkt chaotisch, gefährlich, manchmal fast gleichgültig gegenüber dem eigenen Leben.
Aber auch hier ist es zu einfach, von Gleichgültigkeit zu sprechen. Diese Strassen erzählen von Infrastruktur, von fehlenden Investitionen, von wirtschaftlichem Druck. Wer ein Motorrad fährt, tut das oft, weil es die einzige Einkommensquelle ist.
Nähe zum Tod – oder Anpassung?
Eine andere Freiwillige, Ärztin im Nachbarspital, erzählte mir von ihrem ersten Morgen im Notfall. Alle Ärzt:innen waren in einem Meeting. Im Warteraum lag eine Frau am Boden. Tot. Sie schrie nach Hilfe, wollte reanimieren. Die Reaktion: ein langsames «oh». Keine Reanimation. Als sie der Familie die Nachricht überbrachte, kam ein «okay». Solche Geschichten irritieren. Sie widersprechen allem, was ich gelernt habe. Und ich merke, wie schnell Urteile entstehen: kalt, abgestumpft, gleichgültig.
Doch was ich sehe, ist nur die Oberfläche. In Kontexten, in denen Menschen täglich mit vermeidbarem Leid konfrontiert sind – mit Unfällen, mit fehlender Versorgung, mit Tod –, entsteht das, was in der Psychologie als Compassion Fatigue beschrieben wird: die
Erschöpfung des Mitgefühls. Der Körper schützt sich, indem er Distanz schafft. Nicht, weil nichts mehr gefühlt wird, sondern weil zu viel gefühlt wurde. Hinzu kommt das, was als moralische Verletzung bezeichnet wird: das Wissen darum, was richtig wäre, und die gleichzeitige Unmöglichkeit, danach zu handeln. Wenn Ressourcen fehlen, wenn Personal fehlt, wenn Zeit fehlt. Was von aussen wie Gleichgültigkeit wirkt, kann eine Überlebensstrategie sein.
Teil 2 der Reportage, unter anderem mit der Frage nach feministischen Perspektiven, folgt in der kommenden Online-Ausgabe.

