«Wir rufen alle Demokrat:innen weltweit zu politischer Unterstützung auf»

Redaktion. Der Kurdische Rote Halbmond (Heyva Sor a Kurd) leistet unter extremen Risiken medizinische Nothilfe für weit über 100 000 Geflüchtete in Nordostsyrien. Mitte Februar erstellte die Organisation einen Bericht zur Lage vor Ort. Wir veröffentlichen einen Teil davon.

Wir alle schöpften Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ganz Syrien nach den Vereinbarungen vom 10. März 2025 sowie im April mit der Übergangsregierung in Damaskus. Auch wenn die Angriffe und Massaker durch Regierungstruppen gegen die alawitische Bevölkerung in den Küstenregionen das erste Anzeichen dafür waren, dass es keinen Frieden geben würde und Diskriminierung sowie Unterdrückung von Minderheiten weitergehen würden wie zuvor, haben wir die Hoffnung nicht verloren.

Wir zeigten Solidarität und Menschlichkeit gegenüber den alawitischen und christlichen Gemeinschaften sowie gegenüber allen, die verletzlich waren und Unterstützung benötigten – in der Hoffnung, dass wir als Syrer:innen einander näherkommen, unsere Kulturen und die Vielfalt innerhalb der syrischen Gemeinschaft verstehen und erkennen, was wir gemeinsam haben.

Rassistische, neoliberale Interessen
Nach den Massakern im Westen setzten sich die schweren Angriffe in Suweida im Süden gegen die drusische Bevölkerung fort – wiederum durch Regierungstruppen, diesmal sogar mit offensichtlicher Unterstützung der ISIS-Terroristen, die für alle sichtbar war. Wieder organisierten wir, gemeinsam mit DAANES (Demokratische Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien) und verschiedenen lokalen Organisationen, humanitäre Hilfskonvois für die Bevölkerung von Suweida, mit derselben Absicht wie zuvor.

Die Strategie der Übergangsregierung wurde deutlich: beginnend mit der schwächsten Bevölkerung im Westen (ohne ausreichende Schutzkräfte und ohne selbstorganisierte Strukturen, da sie in den letzten 60 Jahren unter dem Assad-Regime keinen Bedarf dafür gehabt hatte). Sie waren ein leichtes Ziel. Danach wurden die Drusen zum nächsten Ziel, besser organisiert und mit eigenen Schutzkräften, da sie schon immer einem höheren Risiko der Repression durch das vorherige Regime ausgesetzt waren. Mehr Zeit war nötig, um die Angriffe gegen sie zu organisieren.

Währenddessen schauten die westlichen Länder nur auf ihre eigenen Interessen, wie die Beseitigung syrischer Geflüchteter oder wirtschaftliche Chancen bei Geschäften und Ressourcen. Sie unterstützten weiterhin die neue Übergangsregierung und deren terroristischen Anführer. Die Aufhebung von Sanktionen gegen die syrische Regierung, die Wiedereröffnung von Botschaften und der interne Wettbewerb um gute Beziehungen zu dieser neuen Regierung schwächten insbesondere die Positionen Europas. Statt gemeinsame demokratische Werte zu schützen und zu unterstützen, schaute jedes Land vor allem auf seine eigenen, meist rassistischen und neoliberalen Interessen.

Vertrauen grösser als Bedenken
Während die Türkei ihren Einfluss, ihre Macht und ihre wirtschaftlichen Ressourcen nutzte, um gegen DAANES und die SDF (Syrische Demokratische Kräfte, verbunden mit der Demokratischen Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien) auf «diplomatischem» Weg vorzugehen – immer im Einklang mit ihren eigenen territorialen Interessen –, konnten die Menschen in Nordsyrien für einige Monate wieder aufatmen, nach über 14 Jahren Krieg und anhaltenden Angriffen der Türkei auf zivile Infrastruktur.

Wir hatten für einige Monate eine Atempause, da die Türkei ihre Strategie von gewaltsamen Angriffen auf Verhandlungen umstellte. Die Türkei musste vorsichtig sein, um nicht die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der NATO-Staaten zu verlieren. Daher wurden Drohnenangriffe reduziert, während gleichzeitig der nächste Krieg gegen das kurdische Volk vorbereitet wurde, indem die Übergangsregierung mit Worten und Geld unter Druck gesetzt wurde.

Dasselbe Spiel wie in den letzten 60 Jahren, nur dass sich die Macht nun von Russland auf die Türkei verlagert hatte – was auch im Interesse der USA und anderer westlicher Länder liegt. Auch wenn wir seit dem Moment, als Jolani die Macht in Damaskus übernahm, Angst hatten, waren wir erleichtert, als das Assad-Regime fiel. Wir waren besorgt, aber zugleich hoffnungsvoll in Bezug auf eine neue Zukunft für Syrien. Unsere Hoffnung auf Frieden und Stabilität war immer noch grösser als unsere Sorgen.

Die Vereinbarungen vom März und April 2025 stärkten diese Hoffnung, auch wenn sie nur ein kleiner Schritt waren und noch nicht sehr detailliert ausgearbeitet waren. Das Vertrauen in die westlichen Verbündeten – vor allem die USA und Kanada, aber auch europäische Länder – war grösser als die Bedenken, auch wenn wir aus der Geschichte gelernt haben, dass wir und die Länder des Nahen Ostens oft nur als Prügelknaben behandelt werden. Aber wir hatten die Hoffnung, dass humanitäre und demokratische Werte für die westlichen Länder weiterhin verbindlich sind. Deshalb war unsere Hoffnung grösser als unsere Sorgen. Und bis heute haben wir diese Hoffnung.

Humanität, Freiheit und Gleichheit
Die Angriffe auf DAANES-Gebiete benötigten mehr Vorbereitungszeit, weil Sicherheitskräfte wie die SDF und Asayish deutlich stärker und besser ausgebildet sind – durch die letzten 14 Jahre Krieg und die Kämpfe gegen ISIS. Das Hauptproblem, das gelöst werden musste, waren jedoch die westlichen Verbündeten (Koalitionskräfte). Das bedeutete, dass zunächst diplomatische Verhandlungen notwendig waren.

Wir haben keine offizielle Bestätigung, aber es fühlt sich so an, als hätten uns unsere Verbündeten für ihre eigenen Interessen verkauft. Einige tausend freigelassene ISIS-Terroristen stellen für sie kein grosses Sicherheitsrisiko dar. Die Welt kehrt zu alten Mustern zurück, in denen Terrororganisationen im eigenen Interesse und zur Machtsicherung unterstützt werden. So konnte ISIS zuvor wachsen – und jetzt geschieht es wieder.

Selbst das IKRK und UN-Agenturen halten sich nicht vollständig an ihre eigenen Neutralitätsregeln, sondern unterstützen wie zuvor unter dem Assad-Regime jedes Regime, das an der Macht ist – und tun es nun erneut. Dabei wissen sie, dass wir als Kurdischer Roter Halbmond stets grossen Wert auf den Verhaltenskodex gelegt haben. Trotzdem unternahmen sie keine ernsthaften Schritte, uns als gleichwertigen Partner anzuerkennen, selbst nach dem Sturz des Assad-Regimes – während sie gleichzeitig weiterhin unsere logistischen Kapazitäten nutzten. Und wir werden unsere Kapazitäten, unser Wissen und unsere Unterstützung weiterhin allen humanitären Akteuren zugutekommen lassen – zum Wohl der Menschen in ganz Syrien.

Aufgrund der mangelnden Bereitschaft, uns zu unterstützen und uns als Vermittler:innen bei der Suche nach Lösungen einzubinden – sowohl für den Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC) als auch für uns – könnten wir mit einer Schliessung des Kurdischen Roten Halbmondes rechnen, falls das neue Regime die vollständige Kontrolle übernimmt, selbst in Nordsyrien.

In Anbetracht all dessen werden wir als Kurdischer Roter Halbmond so lange wie möglich die humanitäre Fahne hochhalten, die Identitäten, Kulturen und religiösen Überzeugungen aller respektieren und schutzbedürftige Gruppen bestmöglich schützen – auch wenn uns das zu einem Ziel macht und zu finanziellen Verlusten führt. Das einzige Licht in der Dunkelheit dieser Welt sind Humanität, Freiheit und Gleichheit. Und wir werden weiterhin dafür kämpfen, durch unsere Worte und unsere humanitären Aktionen.

Die Rolle der sozialen Medien
Der Krieg gegen Minderheiten und die Kriegsverbrechen durch staatliche Kräfte und ihre Verbündeten führen zu einer noch stärkeren Spaltung innerhalb der syrischen Gesellschaft. Rassismus und Hass zwischen Kurd:innen und Araber:innen, aber auch zwischen anderen ethnischen Gruppen, nehmen zu. In Damaskus griffen Menschen andere Menschen an, die wegen mangelnder Dienstleistungen demonstrierten. Die Angreifer:innen, die dem neuen Regime loyal waren, beschuldigten die Demonstrierenden, Anhänger:innen Assads zu sein. Freundschaften zwischen Kurd:innen und Araber:innen wurden plötzlich zerrissen. Nachbarn, die zuvor freundlich waren, werden zu Bedrohungen. Diese und viele andere Vorfälle zeigen, dass die Gesellschaft tief gespalten ist.

Bashar al-Assad war ein harter Diktator, der Menschen foltern und töten liess und aktiv die syrische Gesellschaft spaltete. Generationen haben gelernt, die Regierung oder ihre Führer niemals zu kritisieren, wenn sie am Leben und gesund bleiben wollten. Doch anstatt aus der Geschichte zu lernen, tun die zuvor Unterdrückten nun dasselbe gegenüber anderen. Dasselbe Problem – nur die Führung hat sich geändert. Die jüngsten Angriffe haben Syrien noch stärker gespalten als zuvor. Nur auf der Landkarte sieht es noch wie ein Land aus.

Soziale Medien spielen in diesem Konflikt eine bedeutende Rolle. Jede Fraktion hat ihre eigenen Medien, denen sie vertraut; zusätzlich wählt der Algorithmus für jede Person eine andere «Wahrheit». In den regimetreuen Medien in Damaskus werden Kurd:innen und die SDF als Monster dargestellt, als Verantwortliche für die Kriegsverbrechen. Während wir das Gegenteil beobachten, erhalten wir gleichzeitig auch irreführende und falsche Informationen, die Spannungen, Hass, Rassismus und Misstrauen weiter verstärken.

Es gibt keine Garantie
Die verbleibende Instabilität, die anhaltenden Bedrohungen durch die Türkei (sowohl auf diplomatischer Ebene als auch als aktiver Kriegsteilnehmer) und ihre Söldner sind unberechenbar und untergraben jede Anstrengung, die Probleme innerhalb der syrischen Gesellschaft zu überwinden.

Das neue Abkommen vom 31. Januar ist erneut ein guter und notwendiger Schritt in Richtung Frieden, doch es gibt keine Garantie, dass sich die Übergangsregierung, die verschiedenen militärischen Fraktionen, die türkischen Söldner und die wieder erstarkten ISIS-Strukturen an dieses Abkommen halten werden. Besonders dann, wenn die USA ihre Mission zum Transfer der ISIS-Gefangenen in den Irak abgeschlossen haben und ein Rückzug aus bestimmten Gebieten die Gefahr eines geringeren Engagements für das Abkommen erhöhen könnte.

Darüber hinaus ist nach wie vor unklar, ob und in welchem Umfang die zivilen Institutionen der DAANES, einschliesslich des Kurdischen Roten Halbmondes, bestehen bleiben werden. Derzeit bleibt nur noch wenig Hoffnung; alles andere ist unklar und höchst fragil.

Wir rufen alle Demokrat:innen weltweit zu politischer Unterstützung auf – durch Advocacy, Diplomatie, Demonstrationen sowie über öffentliche und soziale Medien.

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