Stadtbus streikt
flo. In Winterthur kämpfen die Busfahrer:innen für Verbesserungen bei den Arbeitsplänen sowie bei den Zulagen für Nachtdienste und Sonntagsarbeit. Ihr Warnstreik verlief erfolgreich. Der verantwortliche Departementsvorsteher in der Stadtregierung echauffiert sich derweil über den Zeitpunkt des Streiks.
Das gibt es in der Schweiz nicht oft zu sehen – und nordöstlich der Stadt Zürich in der Regel sogar noch weniger. Die Rede ist von Streiks bei städtischen Angestellten. Und der aktuelle Streik dieser Art in der Schweiz ist eine waschechte Premiere: Noch nie zuvor hatten die Angestellten von Stadtbus Winterthur gestreikt. Und trotz etwas beschämender Sabotageversuche seitens der Stadt fuhren am Dienstag, den 3.März, von 4.30 bis 9.30 Uhr die meisten Busse nicht. Taxis klapperten die Bushaltestellen ab, um Pendler:innen, die noch auf einen Bus hofften, einzusammeln.
Am Busbahnhof im Zentrum Winterthurs verteilten Aktivist:innen schon in aller Frühe Flyer, um auf den Arbeitskampf hinzuweisen. Gewerkschafter:innen sprachen jene an, die trotzdem Bus fuhren. Es war eine Minderheit.Von 60 geplanten Fahrzeugen waren nur 20 auf der Strasse. Und selbst um noch einen Drittel des Betriebs unregelmässig aufrechtzuerhalten, musste die Stadt tief in die Trickkiste greifen. Fahrer:innen, die am Vorabend Dienst hatten, sollten ihre Busse beim Bahnhof abstellen, damit sie am Morgen nicht beim Depot blockiert werden konnten. Das Departement Technische Betriebe begann, Pensionierte und Angestellte aus der Leitstelle zu mobilisieren – teils ohne vom Streik zu erzählen. Aber das Vabanquespiel flog früh auf. Gewerkschaftliche und politische Aktivist:innen waren teils schon ab ein Uhr nachts unterwegs, um den Streik zu unterstützen. Insgesamt beteiligten sich bis zu 150 Fahrer:innen am Arbeitskampf.
Nicht lernfähig
Der Winterthurer Busstreik hat dabei eine Vorgeschichte, dank der man die Aktion seitens der Stadt hätte kommen sehen müssen. Schon 2024 reichten die Buschauffeur:innen eine Petition an den Stadtrat ein. 200 von 260 Chauffeur:innen unterschrieben. Der Grund für ihren Unmut? Zum einen wird die Zulagepraxis für Nacht- und Sonntagsarbeit kritisiert. Anders als beispielsweise im Kantonsspital Winterthur bekommen Busfahrer:innen in Winterthur nicht ab 20 Uhr, sondern erst ab 22 Uhr Nachtzulagen. Weiter werden bei langen Präsenzzeiten von bis zu zwölf Stunden teils nur 7,5 Stunden entgolten. Eine Ersatzdienstregelung, die so – zumindest laut VPOD-Gewerkschafter Micha Amstad – nirgendwo sonst in der Schweiz anzutreffen sei: Mit ihrem «Ersatzdienst»-Modell schafft die Stadt Winterthur de facto ein System, das den Fahrer:innen Minusstunden aufbürdet und eine Planung rund um das Arbeitsleben herum kaum möglich macht. Wird ein:e Fahrer:in zum Ersatzdienst eingeteilt, wird erst um 17 Uhr Uhr des Vortages bekannt, ob am folgenden Tag Dienst ist. Meistens müssen die Fahrer:innen zuhause bleiben und bekommen – das ist der Skandal – Minusstunden. Dass eine Stadt ihre missratene Politik auf die Angestellten abwälzt, ist ein Skandal. Eine Beschwerde des VPOD an den Bund über das System, das, wie Amstad gegenüber der Woz erklärte, «höchstwahrscheinlich gesetzeswidrig» sei, führte zu einer Aufforderung an die Stadt, die Regelung schriftlich zu fixieren – davon geschah bisher nichts.
Fritschis Doppelbelastung
Nachdem der Warnstreik der Busfahrer:innen nicht mit «heimlifleissigen» Manövern sabotiert und auch nicht ausreichend Streikbrecher:innen mobilisiert werden konnten, begann für den zuständigen Stadtrat (den Freisinnigen Stefan Fritschi) der Versuch, den Arbeitskampf zumindest zu delegitimieren. Von der Unzufriedenheit sei ihm gar nichts kommuniziert worden – er war bei der Einreichung zwar schon Stadtrat, scheint die Petition von 2024 aber praktischerweise schon vergessen zu haben. Die Medienmitteilungen von Fritschis Departement lasen sich derweil als die unsäglich klischierten Union-Busting-Versuche, die sie waren. Obwohl die Busfahrer:innen rege am Streik teilgenommen hatten und selbst die Mobilisierung von Streikbrecher:innen nicht den gewünschten Effekt hatte, versuchte das Departement, den Ausstand als reine gewerkschaftlich-linkspolitische Geschichte darzustellen. «Dutzende» Externe hätten die Blockade durchgeführt, und man bedaure die Unzufriedenheit der Gewerkschaft VPOD. Der Stadtrat hatte am Streiktag das Depot besucht und wurde dabei ausgepfiffen – dass ihm noch jemand einen «Sauhund» anhängte, schaffte es sogar in die Tamedia-Presse. Das bringt jemanden mit so Ambitionen wie jenen des Stefan Fritschi dann doch ein wenig in Erklärungsnot – Fritschi will nämlich am 8. März Stadtpräsident von Winterthur werden. Und da kommt so ein Streik natürlich ungelegen. Wenn man so sehr mit Flyern, dem Rumhängen an irgendwelchen Hundsverlocheten oder Verbandspodien beschäftigt ist, nervt es natürlich, wenn man nebenher noch sein Amt als Stadtrat machen muss.
Erste Zugeständnisse
Wenn die Stadt aber suggerieren will, dass da ein wenig gewerkschaftliche und linke Agitation ohne jeglichen Prolog mangelnder Wertschätzung durch die Stadt genügt, um den Busbetrieb für Stunden lahmzulegen, dann versucht sie die Eulachstädter:innen schlicht für dumm zu verkaufen. Die kämpfenden Busfahrer:innen und die Gewerkschaften haben derweil einen erneuten Streiktag angekündigt, diesmal ganztägig und ohne Ankündigung, welcher Tag betroffen sein wird – dass da nicht nur Linksaktivist:innen und der VPOD mobilisiert wurden, wissen die Stadt und Fritschi ganz genau: Ein erstes Zugeständnis für Zeit- und Geldgutschriften bei den Ersatzdiensten liegt auf dem Tisch – mehr sei, so Fritschi, nicht möglich. Man merke aber: Vor dem Winterthurer Busstreik war die Stadt nicht einmal zu diesem kleinen Schritt in Richtung der Arbeiter:innen bereit.
