Care-Streik 2027
Feministisches Streikkollektiv Zürich. Die feministischen Streikkollektive haben schweizweit einen Care-Streik am 14. Juni 2027 ausgerufen. Die Gewerkschaften ziehen mit – und der Streik geht alle was an!
Care-Arbeit ist für alle Menschen lebensnotwendig und unverzichtbar. Unter Care-Arbeit verstehen wir Sorgearbeit, welche sich an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen orientiert. Sie zielt auf körperliches, intellektuelles und emotionales Wohl der Menschen ab, ist also die Grundlage unseres Lebens und essenzieller Bestandteil für das Funktionieren unserer Gesellschaft.
Care ja, aber nicht so
Als feministisches Streikkollektiv Zürich plädieren wir für ein breites Verständnis von Care: Für uns umfasst Care-Arbeit alle Formen von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit mit und an anderen Menschen, welche sich direkt oder indirekt an unseren grundlegenden Bedürfnissen orientieren. Das heisst, dass wir unter Care-Arbeit sowohl körperliche Pflege, Erziehungsarbeit, Arbeit im Bildungswesen, Arbeit in der Versorgungswirtschaft als auch Reinigungsarbeit, Sexarbeit und vieles mehr verstehen.
Doch während wir alle Sorgearbeit brauchen, ist die Last dieser Arbeit gesellschaftlich sehr ungleich verteilt. Binäre Statistiken zeigen, dass zwei Drittel der bezahlten Care-Arbeiter*innen weltweit Frauen sind und davon die Mehrheit Migrant*innen (UN, 2024). Von den etwa zehn Milliarden Stunden an unbezahlter Hausarbeit, die in der Schweiz im Jahr 2024 geleistet wurden, haben knapp zwei Drittel Frauen geleistet (UN, 2024, BFS, 2024). Das sind also etwa 32 Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit pro Woche, die von Frauen geleistet werden. FLINTAs (Frauen, Lesben, inter, nonbinäre, trans und agender Personen) und darunter Migrant*innen tragen also die Hauptlast der Care-Arbeit, oft zusätzlich zur Lohnarbeit.
Diese Arbeit wird gesellschaftlich und wirtschaftlich systematisch abgewertet. Häufig sind die Arbeitsbedingungen schlecht und die Arbeitsbelastung hoch, was zu Erschöpfung und erheblichen gesundheitlichen Risiken führt. Wenn nicht mehr genügend Care-Arbeit in Familien, Kindergärten, Schulen, Altersheimen und anderen Einrichtungen geleistet werden kann und Menschen, die auf Fürsorge, Versorgung und Zuwendung angewiesen sind, nicht ausreichend unterstützt werden, sprechen wir von einer Care-Krise. Ursache dafür sind fehlende zeitliche und finanzielle Ressourcen – mit gravierenden sozialen Folgen: Wenn Care-Arbeit selbst als Ressource kleiner wird, wird auch der Zugang zu ihr erschwert.
Die Care-Arbeit ist in der Krise und stellt das kapitalistische System infrage
Weshalb wird sie abgewertet und weshalb fehlen die Ressourcen? Der Grund für die Care-Krise findet sich im Kapitalismus. Die Care-Arbeit steht im Widerspruch zur kapitalistischen Profitmaximierung. Letztere ver-sucht, die Kosten für Care so tief wie möglich zu halten und sie gleichzeitig so effizient – sprich so profitreich wie möglich zu strukturieren. Dafür nutzt das kapitalistische System patriarchale und koloniale, also auch rassistische Diskriminierungsmuster, um die Care-Arbeit ungleich zu verteilen und abzuwerten.Beispielsweise wird Care-Arbeit oft als «weibliche» Arbeit definiert. Damit wird ignoriert, dass das meist Tätigkeiten sind, die viele erlernte Fähigkeiten brauchen, sprich nicht «natürlich angeboren» sind. So kann ihr gesellschaftlicher Wert aberkannt und weniger Ressourcen, wie z.B. Lohn aufgewendet werden. Entsprechend sind es FLINTAs und Migrant*innen, die dann mit der Mehrfachbelastung von schlecht oder gar nicht bezahlter harter Arbeit umgehen müssen.
Gleichzeitig wird diese Arbeit vermehrt an Mi-grant*innen umverteilt und führt einerseits dazu, dass, Migrant*innen in diese Niedriglohnsektoren gedrückt werden. Andererseits werden dadurch auch jene, die Care-Arbeit leisten, global ungleich verteilt bzw. aus ärmeren Ländern in reichere Länder «abtransportiert». Das nennt man Care-Chains.
Ob Care heute in der Krise ist, oder ganz einfach noch nie funktionieren konnte im Kapitalismus, lassen wir hier offen. Klar ist aber, dass sich die Lage in den letzten Jahren immer mehr zuspitzt. Denn Care-Arbeit nimmt zu, Menschen werden tendenziell älter, aber der Fachkräftemangel ist schon länger spürbar.
Ein Beispiel für einen breiten Angriff auf die Care-Arbeit ist das sogenannte Entlastungspaket 2027. Kurz gefasst: In verschiedenen Care-Bereichen, in der Bildung, im Sozialwesen, in der Klimapolitik usw. soll gespart werden, um die Ausgaben für die Aufrüstung aufstocken zu können. Dabei wird Sicherheit im politischen Diskurs fast ausschliesslich militärisch definiert. Für Frauen und genderqueere Personen werden relevante Sicherheitskonzepte, wie Zugang zu existenzsichernder Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung, Schutz vor Armut und (sexualisierter) Gewalt im aktuellen Sparkurs geschwächt. Verschlechterung der Care-Arbeit bedeutet Entzug von Lebensgrundlagen für alle.
Um die Care-Krise zu überwinden und eine lebenswerte Gesellschaft zu erreichen, sehen wir nur die Möglichkeit, dass Care gesellschaftlich ins Zentrum gestellt wird. Dies wiederum geht nur, wenn die Beziehungen zu den Care-erhaltenden Personen und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt werden. Deshalb ist die Forderung nach mehr Zeit ein zentrales Thema im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen im Care-Bereich. Mehr Zeit und bessere Arbeitsbedingungen bedeuten aber, dass auch mehr Geld benötigt wird – auch für die nicht bezahlte Care-Arbeit. Forderungen, die gegen so ziemlich jeden kapitalistischen «Optimierungsversuch» von Sorge zielen.
Care-Streik 2027: Von der Demo zum Generalstreik?
Eben weil wir die Dringlichkeit unterstreichen, aus der Care-Krise herausfinden zu müssen, schliessen wir feministischen Streikkollektive uns den seit Jahren andauernden weltweiten feministischen Protesten an und rufen zu einem schweizweiten Care-Streik für 2027 auf. Während der 14. Juni 2026 auf einen Sonntag fällt und wir deshalb einen Fokus auf unbezahlte, oft im privaten, familiären Rahmen stattfindende Care-Arbeit legen wollen, kann am 14. Juni 2027, einem Montag, durch den Aufruf zu streiken, auch stärkerer wirtschaftlicher Druck gemacht werden. Ein Care-Streik lässt sich breit organisieren. Die Care-Arbeit vereint so viele Menschen: das sind zum Beispiel Pflegende, Grossmütter, Menschen, die hauptberuflich Care leisten, oder denen diese Aufgaben so nebenbei noch zugeschoben werden. Hinzu kommen all jene, die entweder darauf angewiesen sind, dass sie Care erhalten oder, dass wer anders für sie diese Arbeit übernimmt. Und weil die Care-Krise auf intersektionalen Diskriminierungsmustern aufbaut, also Menschen unterschiedlich stark trifft, und im Kapitalismus strukturell vorprogrammiert ist, ist der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen in der Care-Arbeit antipatriarchal, antirassistisch, antikapitalistisch und vieles mehr. Das heisst auch, der Care-Streik ist kein Protest gegen diese Arbeit, sondern gegen die miesen Arbeitsbedingungen.
Der Prozess steht im Vordergrund
So wie die Care-Arbeit jedoch von patriarchalen Vorstellungen durchdrungen ist, ist auch die Idee, was ein korrekter Streik sei, von einem Bild des in der Industrie arbeitenden Mannes geprägt. Allzu oft hören wir, dass ein feministischer Streik und darin der Care-Streik keine richtige Streikform sei. Doch wir streichen heraus: Wenn die unbezahlte Care-Arbeit ein bedeutender Teil des gesellschaftlichen Systems ist und der Kapitalismus nicht unwesentlich darauf seinen Profit aufbaut, muss sie auch bestreikbar sein – wenn sie nicht stattfindet, muss das unweigerlich einiges ins Wanken bringen. Ausserdem ist auch die Forderung nach mehr Zeit, Lohn und Respekt keine, die sich auf einen reinen Arbeitskampf in einem einzelnen Betrieb beschränken lässt. Schlussendlich stellt sie patriarchale und rassistische Vorstellungen infrage und muss die kapitalistische Ordnung dieser
Arbeit überwinden.
Bedenken gegenüber einem Care-Streik kommen nicht nur aus theoretischen Begriffsdiskussionen, sondern auch aus der Angst, dass streiken in klassischen Care-Bereichen, wie der Pflege im Spital, Menschen gefährden könnte. Grundsätzlich sagen streikende Pflegende seit Jahren dazu: nicht zu streiken, sondern die immer schlechteren Bedingungen zuzulassen ist die eigentliche Gefahr für alle Patient*innen. Wir möchten hinzufügen, dass der ausgerufene Streik gleichzeitig der Anfang und das Ziel ist. Als Feministisches Streikkollektiv stellen wir den Prozess in den Vordergrund: ein Prozess der Vernetzung, der kollektiven Ermächtigung, der politischen Emanzipation.
Wir, als Arbeiter*innen, ob bezahlt, unterbezahlt oder unbezahlt, können nur gestärkt aus einem Care-Streik herauskommen.
Ein grosses Ziel
Je nach Stadium des Arbeitskampfes, je nach Arbeitssituation, je nach Abhängigkeitsverhältnissen der Care-erhaltenden Personen sind unterschiedliche Protestformen nötig. Care-Streik, als feministischer Streik, lebt von der Vielfalt an Aktionen: Care-Arbeit könnte in den Vordergrund gestellt und der ganze Papierkram ignoriert werden. Den bürgerlichen Bildungsauftrag können wir aussetzen und die Schulklasse an einem Workshop zu politischer Emanzipation mitnehmen. Wir können länger Pause machen als erlaubt, wir können den Mental Load, der uns für die Organisierung von Betreuung dauernd zugeschoben wird, wortlos an unser männliches Umfeld abgeben. Wir können jene unterstützen, die zwar streiken möchten, aber ihren Aufenthalt gefährden, indem wir etwa verhindern, dass ihre Arbeit überhaupt gemacht werden kann. Da Care-Arbeit stattfinden muss, braucht es für einen Care-Streik eine Umverteilung dieser Arbeit. Wenn nun also Väter zu Hause bleiben, um auf die Kinder aufzupassen, dann wird auch ihre Arbeit stillstehen, ein Care-Streik muss also schlussendlich ein Generalstreik sein, wie es der feministische Streik im Baskenland 2023 war, eben weil Care so grundlegend ist, für das Funktionieren unserer Gesellschaft.
Unbestreitbar ist der schweizweite Care-Streik 2027 ein grosses Ziel, er lebt aber genau davon, dass wir alle zusammenarbeiten. Das feministische Streikkollektiv Zürich macht dazu verschiedene Workshops zum Begriff Care-Arbeit, zu Streikformen, schreibt Artikel, organisiert und beteiligt sich an Demonstrationen, macht Aktionen und vernetzt sich vor allem mit immer mehr und mehr Menschen. FLINTAs können sich uns anschliessen, oder alle können ihre eigenen Banden bilden. Hauptsache ist, dass wir alle zusammen in einer stillstehenden Schweiz 2027 ganz laut unseren Forderungen Raum geben.
