Der patriarchale Backlash

lmt. Eine internationale Studie zeigt, dass ausgerechnet viele junge Männer der Generation Z Gleichstellung zunehmend als Bedrohung wahrnehmen. Hinter diesem Trend steckt mehr als ein kultureller Konflikt.

Fast jeder dritte Mann der Generation Z ist der Meinung, eine Ehefrau sollte ihrem Mann immer gehorchen. Diese Zahl wirkt wie ein Echo aus vergangenen Jahrhunderten – doch sie stammt aus einer aktuellen internationalen Umfrage. Während Gleichstellung formal Fortschritte macht, wächst gleichzeitig ein neuer Widerstand. Der patriarchale Backlash gegen feministische Errungenschaften zeigt sich besonders deutlich bei jungen Männern.

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Unser Prozess ist der revolutionäre Prozess

Sofia de la Rue. Am 25.März will der bürgerliche Staat unserer Genossin Andi erneut den Prozess machen. Es geht um die Beteiligung an der Demonstration «Züri Nazifrei» vom Februar 2022 und an der revolutionären Klimademo vom Februar 2023 in Basel. Wir drehen den Spiess um und lassen die politischen Angriffe ins Leere laufen. Wir sprachen mit Andi – und wir lassen sie nicht allein!

Viele junge Frauen, Lesben, sowie inter-, nonbinäre-, trans- und agender-Personen (FLINTA) gehen am 8.März an ihre erste unbewilligte Demo. Sie alle sind bewegt und wollen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten, patriarchalen Strukturen sowie gegen Ausbeutung und Unterdrückung aufbauen. Diese Widerstandsbewegung ist ein Ausdruck unseres kontinuierlichen revolutionären Prozesses. Kannst du erklären, was wir meinen, wenn wir sagen: «Unser Prozess ist der revolutionäre Prozess»?

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Was die feministische Bewegung von Luxemburg und Zetkin lernen kann

agfk. Bereits angesichts des ersten imperialistischen Weltkrieges war es die proletarische Frauenbewegung, welche unermüdlich gegen Krieg, für revolutionären Klassenkampf undproletarischen Internationalismus agitierte. Ihre Geschichten bieten Orientierung.

Wir befinden uns in einer Phase, in der Militarisierung und Kriegstreiberei massiv zunehmen. Kapitalismus bedeutet immer auch Krieg – aber auch wenn Militarismus ein zentraler Aspekt des bürgerlichen Staates darstellt, so bedarf es dennoch einer materiellen und ideologischen Vorbereitung, um schwelende Kriegstendenzen in aktive Konflikte zu wandeln. Kriegspropaganda breitet sich oft schleichend aus, qualitative Sprünge wahrzunehmen, setzt eine politische Analyse voraus. Kerninstrument dafür ist ein politischer Kompass, der immer auch den Klassencharakter der Militarisierung hervorhebt und zur internationalen Solidarität aufruft. Diese widerständige Politik auch in Kriegszeiten aufrechtzuerhalten, ist herausfordernd.
Das zeigt auch der Blick in die Geschichte der proletarischen Arbeiter_innenbewegung während des ersten imperialistischen Weltkrieges: Mit Kriegsbeginn brach die II. Internationale zusammen. Ihre politischen Beschlüsse der vorangegangenen Jahre – für Frieden und gegen imperialistische Kriegstreiberei – entpuppten sich mit Ausbruch der Kampfhandlungen als reine Worthülsen. Im deutschen Parlament stimmten die Sozialdemokraten – mit Ausnahme von Karl Liebknecht – sogleich für die Kriegskredite. Dieser Verrat und die Unterordnung, beziehungsweise Integration der Sozialdemokraten in die bürgerliche Staatsordnung gipfelten in Deutschland im Ausverkauf der Novemberrevolution. Darauf folgte die endgültige Spaltung in eine reformistische und eine revolutionäre sozialistische Bewegung, worauf 1919 die KPD (Kommunistische Partei Deutschland) gegründet wurde. Von Kriegsbeginn an waren es allein die revolutionären Sozialdemokrat_innen, welche konsequent die Beschlüsse des Basler Sozialistenkongress von 1912 auch in die Praxis umsetzten. Sie blieben ihrer klassenkämpferischen Politik und dem Proletarischen Internationalismus treu. Rosa Luxemburg war eine ihrer unermüdlichsten und mutigsten Agitatorinnen und Clara Zetkin schaffte es sofort, die proletarische Frauenbewegung für den Frieden zu mobilisieren.

Die Schweiz als Schauplatz internationalistischer Bestrebungen
1915 war die Schweiz wichtiger Schauplatz der Geschichte des Klassenkampfes. Hier wurden gleich zwei internationalistische Konferenzen gegen den Krieg abgehalten. Erst fand vom 26. bis 28. März in Bern die internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg statt. Im September folgte dann die bekannte Zimmerwalder Konferenz. Erstere wurde massgeblich von Clara Zetkin initiiert und Genossinnen aus Deutschland, Frankreich, England, Russland, Polen, Italien, Holland und der Schweiz nahmen daran teil. Es war die erste Anti-Kriegs-Konferenz unter Beteiligung von Genoss_innen aus den Nationen der Mittelmächte, der Entente und der «neutralen» Staaten. Während der rechte Flügel der Sozialdemokrat_innen von Vaterlandsverteidigung schwafelten, benannte die Konferenz als Ursachen des Krieges den kapitalistischen Imperialismus. In ihrer Resolution heisst es: «Er ist letzten Endes heraufbeschworen worden durch das Bedürfnis der ausbeutenden und herrschenden Klassen in den einzelnen Ländern. Im Konkurrenzkampf untereinander versuchen sie, die Ausbeutung und Herrschaft über die Grenzen des Heimatstaates hinaus auszudehnen und dadurch gleichzeitig diese ihre Ausbeutung und Herrschaft über die besitzlosen Volksgenossen daheim zu befestigen und zu verewigen.» Die Resolution hielt fest, dass dieser Krieg im unversöhnlichen Gegensatz zu den Interessen der Arbeiter_innenklassen der kriegsführenden sowie neutralen Staaten steht. Die sozialistischen Frauen stellten entsprechend klar: «Krieg diesem Kriege!» und forderten: «einen Frieden ohne Annexionen, ohne Eroberungen, der das Recht der Völker und Nationalitäten – auch der kleinen – auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit anerkennt und keinem der kriegführenden Staaten demütigende, unerträgliche Bedingungen auferlegt.» Ihnen war klar, dass diese Forderungen im Rahmen der herrschenden imperialistischen Interessen nur durch eine proletarische Massenbewegung erzwungen werden konnte. Deshalb riefen die Genossinnen alle proletarischen Frauen dazu auf, «alle vorhandenen Mittel und Wege zu benutzen, um ohne Furcht vor Hindernissen und Verfolgungen durch Massenkundgebungen jeder Art ihr internationales Solidaritätsbewusstsein und ihren Friedenswillen zu bekunden.»
Dieser mutige Aufruf von Zetkin und ihren Genossinnen darf in seiner Radikalität nicht unterschätzt werden, zumal die Herrschenden unter dem damals geltenden Kriegsrecht alle Register der Repression zogen, um Opposition im Keim zu ersticken.

Die Verfolgung und Ermordung von Rosa Luxemburg
Auch die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen, dass wachsende Aggressionen gegen aussen stets zu einer Zunahme von Repression gegen innen führen. Kein Wunder, wissen die Herrschenden doch genau um die Fragilität ihres sogenannten Vaterlandstolzes. Die Geschichte zeigt, dass Kriegspropaganda als Mittel zur Mobilisierung und Instrumentalisierung der Massen nur bedingt Wirkung zeigt. Um Soldaten und Zivilbevölkerung damals wie heute angesichts Kriegsgräuel, Versorgungsknappheit und Hunger auf Linie zu halten, muss auf nackten Zwang und rohe Gewalt zurückgegriffen werden. Politische Kräfte, welche eine Perspektive auf Frieden zu gestalten vermögen, werden im Namen des Kriegsrechts zum Schweigen gebracht. Es überrascht also nicht, dass Luxemburg mit ihrer unerschrockenen Agitation gegen den Krieg bereits vor dessen offiziellem Ausbruch mit verschärfter Repression zu kämpfen hatte. Im Februar 1914 wurde sie zu 14 Monaten Haft verurteilt, ein ungewöhnlich hartes Urteil angesichts ihrer Handlungen: Rosa hatte in einer Rede die Arbeiter dazu aufgerufen, erst ihr Gewissen zu befragen, bevor sie gegen ihre Klassenbrüder in den Krieg ziehen. Der Staatsanwalt selbst offenbarte den politischen Charakter dieses Prozesses, indem er in seinem Plädoyer sagte: «Was die Angeklagte getan hat, ist ein Attentat auf den Lebensnerv unseres Staates». Kurz darauf, im Frühling 1914, wurde Luxemburg vom Kriegsminister wegen Beleidigung des Offiziers- und Unteroffizierskorps angeklagt. Gegenstand war in diesem Fall ihre Aussage, wonach Misshandlungen der einfachen Soldaten im deutschen Heer an der Tagesordnung stünden. Luxemburg versuchte sich nicht etwa herauszureden. Sie nutzte die Gelegenheit, um einen politischen Prozess zu führen und den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage vor einem breiten Publikum offenzulegen. Entgegen dem anfänglichen Widerstand des Parteivorstands – dessen Burgfriedenspolitik zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich ab – rief Luxemburg Soldaten über die Parteipresse dazu auf, von ihren Erfahrungen zu berichten. Als die Verhandlungen einen Tag nach dem Attentat in Sarajevo begannen, verfügte sie über 30‘000 Zeugnisse von Misshandlungen. Sie konnte auf 922 Zeugen zurückgreifen, die allesamt bereit waren, vor Gericht ihre ursprüngliche Aussage zu wiederholen. Im Umfeld der Regierung kamen Unsicherheit und Bedenken auf, woraufhin die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt wurde.
Die ersten Kriegsjahre verbrachte Rosa Luxemburg also in Gefangenschaft. Clara Zetkin widerfuhr ein ähnliches Schicksal, wenn auch für kürzere Zeit. Sie wurde 1915 mehrmals verhaftet, unter anderem war sie für vier Monate aufgrund versuchten Landesverrats inhaftiert. Auch hatte sie mit einem Aufruf an die Arbeiter_innen aller Länder dazu aufgefordert, mit Sabotageakten gegen den Krieg zu kämpfen. Rosa blieb bis zur deutschen Novemberrevolution 1918 in Schutzhaft. Die KPD forderte die weitere Entfaltung der Revolution, die Sozialisierung der Grossindustrie und die Errichtung einer Rätedemokratie. Dies wurde durch die Sozialdemokrat_innen verhindert. Sie waren zu ihrer eigenen Machterhaltung einen Deal mit der Militärführung eingegangen. Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Reichswehrtruppen aufgegriffen und ermordet.

Von den Genossinnen lernen und weiterkämpfen
Die Analyse der sozialistischen Frauen in Bern, wonach der Krieg nur durch den Kampf gegen die Klassenfeinde im eigenen Land beendet werden kann, bewahrheitete sich: Es waren die russische Revolution 1917 und die Novemberrevolution in Deutschland, welche dem Kriegstreiben ein Ende setzten. Luxemburg, obwohl dazu gezwungen, die revolutionären Umwälzungen in Russland aus dem Knast heraus zu verfolgen, schrieb treffend: «Die Aktion für den Frieden kann eben in Russland wie anderwärts nur in einer Form entfaltet werden, als revolutionärer Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie, als Kampf um die politische Macht im Staate.»
Auch in der Schweiz finden wir Genoss_innen, die nach 1916 an dieser Linie festhielten und an revolutionärer Organisierung beteiligt waren. Etwa Leonie Kascher, die tragend für die Positionsfindung jener Gruppen war, die sich später zur KPS (Kommunistische Partei Schweiz) zusammenschlossen. Im März 1919 ergriff sie am Gründungskongress der III. Internationale in Moskau das Wort und forderte einen Bruch mit dem Opportunismus und Reformismus, die Abspaltung der revolutionär gesinnten Genoss_innen von der Sozialdemokratischen Partei und die Gründung einer einheitlichen revolutionären kommunistischen Partei in der Schweiz. Diese sollte sich wieder am proletarischen Internationalismus orientieren. Diese Position war innerhalb der Linken in der Schweiz heftig umstritten. Trotzdem setzte sie sich zwei Jahre später durch und die ehemaligen Parteilinken innerhalb der Sozialdemokraten fusionierten mit der bereits bestehenden Kommunistischen Partei.
Heute sehen wir wieder in aller brutaler Deutlichkeit, was die Genoss_innen bereits vor hundert Jahren wussten: Kapitalismus bedeutet Krieg. Erst eine revolutionäre Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann dauerhaften Frieden bewirken. Luxemburg, Zetkin und ihre Genoss_innen haben es geschafft, im Rahmen der Arbeiter_innenbewegung diese Perspektive fassbar zu machen – und bezahlten dafür mit ihrer Freiheit und ihrem Leben. Es wäre vermessen zu behaupten, dass die revolutionäre Linke heute an einem vergleichbaren Punkt steht. Nichtsdestotrotz ist es angesichts der herrschenden Situation zentral, Zetkin und Luxemburgs Positionen und Aufrufe als Orientierung aufzunehmen. Gerade in den feministischen Bewegungen gilt es, dieses historische Bewusstsein zu stärken. Das Studium der revolutionären Widerstandsgeschichte macht greifbar, dass antipatriarchale, antiimperialistische und klassenkämpferische Positionen miteinander verbunden werden müssen. Oder um es mit den Worten des Kongresses der sozialistischen Frauen zu sagen: «Der jetzige Krieg weist mit dem Kampfe für den Frieden den Frauen eine geschichtliche Rolle zu, die, wenn sie begriffen und erfüllt wird, von der grössten Tragweite für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes und das Gelingen für den Sozialismus werden kann. (…) Die Friedensaktion der sozialistischen Frauen muss Vorläuferin einer allgemeinen Bewegung der werktätigen Massen für die Beendigung des Brudermordes sein.»

Lokführer:innen streiken in Spanien

Ralf Streck. Die grosse spanische Lokführergewerkschaft SEMAF hatte nach tödlichen Unfällen in Andalusien und Katalonien zum dreitägigen Streik aufgerufen. Der Streik sorgte für ein massives Chaos im Zugsystem, wurde aber nach Zugeständnissen vorzeitig beendet. Das Chaos im ausgebluteten System in Katalonien bleibt weiterhin, wogegen auch stark demonstriert wird.

«Die schweren Unfälle in Adamuz und Gelida, bei denen viele Menschen ums Leben kamen, stellen einen Wendepunkt dar», so begründete die grösste spanische Lokführergewerkschaft SEMAF einen dreitägigen Streik im spanischen Zugsystem. Dies sei der «einzige legale Weg», um «die Sicherheitsstandards wiederherzustellen», schrieb die SEMAF im Aufruf. Mit dem Ausstand vom 9. bis 11. Februar forderte die Gewerkschaft von der Regierung, endlich «alle notwendigen Massnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit des Bahnbetriebs» zu ergreifen. Dazu forderte sie bessere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal, um der Überlastung der Belegschaft zu begegnen. Kritisiert wurde zudem die zunehmende Privatisierung.

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Klassenkampf ums Sparpaket

Gaudenz Pfister. Wir haben in den letzten Monaten auf der Strasse gegen das Sparpaket EP27 mobilisiert. Lobbyieren ist viel wirksamer – wenn man zur richtigen Klasse gehört.

Lernen, so sagt man, beginnt damit, dumme Fragen zu stellen. Und so fängt auch dieser Artikel an: Was ist ein Staatshaushalt?

Der Staatshaushalt als Klassenkompromiss
Alle vergleichen den Staatshaushalt mit einem Familienbudget, wo sich die Ausgaben den Einnahmen anpassen müssen. Doch anders als beim Familienbudget gehen die staatlichen Ausgaben nicht nach aussen, sondern fliessen wieder zurück in eine der vielen grossen und kleinen Taschen in der Schweiz. Das ergibt ein undurchsichtiges System von Abgaben und Zuschüssen. Selbst ohne die Geldströme im Detail zu erfassen, ist die Logik dahinter einsichtig: Das Staatsbudget ist ein in Finanzzahlen gefrorener Klassenkompromiss zwischen den verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie und gegenüber den unteren Klassen. Wenn es 3,5 Milliarden Franken mehr für Rüstungsausgaben braucht, ist das wenig verglichen mit den jährlich 90 Milliarden Franken Bundesausgaben, doch es stellt den politischen Kompromiss in Frage, der sich im Staatsbudget materialisiert.

Wer sind die Sparer:innen?
Wenn keine Partei mehr einen klaren Klassencharakter hat, wie soll man die Personen einordnen, die diese Einsparung umsetzen? Am besten geht es mit der Dreiheit Person – Institution – Funktion. Serge Gaillard, der Leiter der Expert:innengruppe, die 2024 vom Bundesrat den Auftrag erhalten, ein Sparpaket zu erarbeiten, kennt sich als pensionierter Direktor der Finanzverwaltung in den Geldströmen aus. Er gehört aber nicht nur zu den fortschrittlichen Kleinbürger:innen aus der SP, die einen Teil der Staatsverwaltung besetzen, sondern bespielte als langjähriger Chef-Ökonom des Gewerkschaftsbundes auch die Mechanismen, mit denen dieses fortschrittliche Kleinbürgertum die Kontrolle über die Arbeiter:innen-Aristokratie ausübt. Auch die SP-Parlamentarierin Ursula Schneider Schüttel ist als ehemalige Präsidentin der Finanzdelegation des Parlaments versiert. Als Umweltschützerin steht sie der ökologischen Strömung des fortschrittlichen Kleinbürgertums nahe, die sonst bei den Grünen organisiert ist.
Die beiden bürgerlichen Ökonomen in dieser Arbeitsgruppe lassen sich durch ihre Haltung zu den EU-Verträgen den beiden Strömungen in der Grossbourgeoisie zuordnen, die sich seit Jahrzehnten mehr oder weniger offen bekämpfen. Aymo Brunetti, Unterstützer des Abkommens mit der EU, war lange Direktor des Seco. Dieses Bundesamt für Wirtschaft ist die zentrale Schaltstelle in der staatlichen Verwaltung, die die Interessen des grossen Kapitals bündelt, austariert und in Handelsabkommen und innerstaatlichen Regelungen umsetzt. Christoph Schaltegger, der Direktor des neuen Think Tanks «Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik», das von den beiden Grossindustriellen Alfred Schindler und Michael Piper getragen wird, vertritt den politisch angriffigen und gegen die EU eingestellten Teil des Grossbürgertums. Der ehemalige FdP-Nationalrat Jacques Bourgeois war lange Jahre Direktor des Bauernverbandes, steht also für die Bäuer:innen, deren parlamentarische Vertretung in den drei Parteien FdP, SVP und Mitte zu finden ist. Eine Klasse ist in diesem Reigen abwesend: das konservative Kleinbürgertum, das vor allem im Gewerbeverband und im Hauseigentümerverband organisiert ist.

Das Rollback der Ausgeschlossenen
Vieles im Sparpaket der Expert:innengruppe Gaillard ist ein Verschieben in die Zukunft (grosse Verkehrsprojekte) oder ein Verlagern des Spardrucks an die Kantone, vor allem dort, wo es die unteren Klassen trifft. Weg mit den 800 Millionen Franken Zuschuss an Kitas. 500 Millionen Franken weniger für die Integration von Migrant:innen. Fast 200 Millionen Franken weniger an die ETH und die Universitäten, das sollen die Student:innen über höhere Studiengebühren bezahlen.
Doch auch das konservative Kleinbürgertum würde getroffen. Klimasubventionen fliessen an Hausbesitzer:innen und an das Gewerbe, das Solaranlagen, Wärmepumpen und Fassadenisolationen montiert. Am meisten Aufschrei verursachte aber die Abschaffung der steuerlichen Begünstigung der 2. und 3. Säule. Wer etwas Geld übrig hat und damit nicht in Aktien spekulieren will, kann die Einlagen in die Pensionskasse nutzen, um Steuern zu sparen.
Gegenüber den radikalen Einschnitten der Gruppe Gaillard krebste schon der Bundesrat zurück. Wenn Grossbourgeoisie und fortschrittliches Kleinbürgertum starke Stellungen in der staatlichen Verwaltung haben, so ist das Parlament die Bastion der Bauern und der konservativen Kleinbürger:innen. Und diese nahmen das Paket noch einmal radikal auseinander. Ganz, halb oder gar nicht, so handelten die Ständerät:innen die Liste der Massnahmen ab. Ganz weg mit allem, was gegen die konservativen Kleinbürger:innen und Bauern geht: Die Möglichkeit für legale Steuerhinterziehung bei den Pensionskassen bleibt bestehen, Subventionen an die Landwirtschaft werden weitergeführt. Die Streichungen bei Klimasubventionen und Zuschüssen an die Universitäten wurden halbiert.
Damit entsteht aber ein Dilemma: Wenn sich das Grossbürgertum und die Bauern und Kleinbürger:innen versprochen haben, dass mehr Geld in die Rüstung geht, ohne dass jemand mehr einzahlen muss, wem das abknöpfen? Am einfachsten geht das, wenn man die Mehrheit der unteren Klassen belastet, ohne dass sie es merken: Mit der Mehrwertsteuer. Das war schon bei der Finanzierung der 13.AHV-Rente die «Lösung» und soll es jetzt auch bei den Rüstungsausgaben sein.

Wenn Ungleichheit regiert

lmt. Ökonomische Ungleichheit ist längst mehr als ein soziales Problem – sie verschiebt politische Macht systematisch zugunsten der Reichsten. Während Milliardär:innen Politik, Medien und öffentliche Debatten prägen, verlieren arme und marginalisierte Menschen zunehmend ihr politisches Mitspracherecht.

Ökonomische Ungleichheit ist kein Nebeneffekt moderner Gesellschaften, sie ist zu einer treibenden politischen Kraft geworden. Wo Reichtum sich konzentriert, konzentriert sich politische Kontrolle. Wo Armut wächst, schrumpfen demokratische Rechte. Nicht zufällig geraten weltweit Grundrechte unter Druck, während politische Entscheidungen zunehmend die Interessen weniger privilegieren.

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Superreiche sind kein Unfall

lmt. Der neue Oxfam-Bericht zeigt, wie sowohl Reichtum als auch Armut explodieren. Milliardär:innen prägen die Regeln eines Systems, das Armut, Hunger und Unsicherheit reproduziert. Diese Entwicklung ist keine Naturgewalt, sie ist politisch gewollt und kann politisch gestoppt werden.

Jedes Jahr veröffentlicht die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam ihren Ungleichheitsbericht – zeitlich abgestimmt auf den Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos. Und jedes Jahr zeichnet sich darin dasselbe Bild ab: Während Regierungen von Sparzwängen sprechen und breite Teile der Bevölkerung unter steigenden Lebenshaltungskosten ächzen, beschleunigt sich die Konzentration von Reichtum weiter. Die Zahlen sind nicht nur alarmierend, sie sind ein politisches Zeugnis. Denn extreme Ungleichheit ist kein Naturgesetz, sondern das Resultat systematischer Entscheidungen.

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Ein Park für Rosa Luxemburg in Zürich

Gerhard Oberkofler. Die Revolutionärin Rosa Luxemburg ist eine der bedeutendsten Frauen der internationalen Arbeiter:innen- und Friedensbewegung. Sie war mit der mit der Stadt Zürich eng verbunden – nicht nur, weil sie dort ihre Zeit als Studentin verbrachte. Endlich wird sie von der Stadt gebührend geehrt.

Rosa Luxemburg (1871–1919) ist eine zentrale Figur der europäischen Bewegung der Arbeitenden, des Antimilitarismus, des Marxismus und des proletarischen Internationalismus. Neun Jahre lang, von 1889 bis 1898, lebte Rosa Luxemburg in Zürich, bevor sie in Berlin zur Anführerin der deutschen Bewegung der Arbeitenden wurde. In Zürich studierte Rosa Luxemburg an verschiedenen Fakultäten, bevor sie ihr Studium der Volkswirtschaftslehre abschloss und eine Dissertation zum Thema «Die industrielle Entwicklung Polens» schrieb. Während ihrer Jahre in der Schweiz war Rosa Luxemburg politisch aktiv. Sie publizierte zusammen mit ihrem Lebenspartner Leo Jogiches (1867–1919)], den sie in Zürich kennenlernte, Schriften gegen Imperialismus und Militarismus und gab die polnische marxistische Zeitschrift «Sprawa Robotnicza» (Sache der Arbeiter) heraus. Im August 1893 sprach sie auf dem III. Internationalen Kongress der Arbeitenden in Zürich vor einem grossen Publikum und begeisterte die Massen mit ihrem Redetalent mit einer Rede, in welcher sie für das Recht ihrer eigenen Zulassung am Kongress plädierte. Emotional blieb Rosa Luxemburg der Stadt Zürich verbunden. Auch nach ihrer Auswanderung nach Berlin sprach sie über die schönen Jahre, die sie im «heiteren, Gott begnadeten Zürich» verbracht hatte.

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Bier, Brathähnchen, Billionen-Blase

dom. Getrieben vom Hype um KI schwillt an den Börsen eine Blase an: Gigantische Erwartungen treffen auf magere Produktivitätsgewinne, während billiges Geld im Kreis weniger Tech-Konzernen rotiert – und die Weltwirtschaft in eine Katastrophe mit Ansage treibt.

Ende Oktober wurde Nvidia-Chef Jensen Huang mit dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden von Samsung Electronics und dem CEO der Hyundai Motor Company bei Bier und Brathähnchen im Restaurant «Kkanbu Chicken» in Seoul gesichtet – in den folgenden Tagen schoss der Aktienkurs von südkoreanischen Brathähnchen-Restaurants und Zulieferern bis zu 20 Prozent in die Höhe. Eine Anekdote, die zeigt, was längst alle wissen: Anleger:innen werfen ihr Geld in alles, wo KI draufsteht – und in alles, was irgendwie im Zusammenhang mit dem KI-Hype steht.

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Und dann Kollaps

flo. In der letzten Printausgabe warfen wir einen Blick darauf, wie die ersten Imperien entstanden, wie Krieg als organisierte Mobilisierung riesiger Kräfte die Weltbühne betrat. Ein Jahrtausend später folgt eine Umbruchperiode – der spätbronzezeitliche Kollaps.

Mit den Reichen von Akkad, des alten Ägypten, denen der Hethiter und später der Babylonier waren über die rund tausend Jahre zwischen Beginn des 3. und des 2.Jahrtausends riesige Flächenstaaten entstanden, die zuvor nicht denkbare Massen an Menschen organisierten. Um 3000 v. u. Z. hatten in der Ägäis die meisten Menschen in kleinen Weilern gelebt, ein Bruchteil der Bevölkerung hatte sich in grösseren Zentren konzentriert. Doch auch dort übertraf die Bevölkerungszahl selten einige wenige Tausende. Und auch in den grössten Siedlungen unterstanden die Menschen nicht der Macht einer zentralen Gewalt, sondern allenfalls den Ratsstrukturen ihrer Clans oder denen eines Stammes.

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Mit Butter zu Kanonen

Gaudenz Pfister. In der ersten Sessionswoche hat der Nationalrat beschlossen, die 13. Monatsrente der AHV über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu finanzieren. Letzte Woche hat der Ständerat über die Mehrausgaben bei der Rüstung debattiert. Bei beiden Geschäften geht es darum, wer für Ausgaben bezahlen muss, die unausweichlich sind.

Vor hundert Jahren brauchte es noch den Hurra-Patriotismus, um die Kosten für die militärische Aufrüstung zu verteilen. Der Slogan «Kanonen statt Butter» im deutschen Kaiserreich sollte die Bevölkerung ermutigen, die Armut zugunsten der Aufrüstung zu ertragen. H

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Aus der Welle werden Fluten

flo. Die Entstehung der ersten überlebensfähigen Staaten und staatsähnlicher politischer Einheiten stiess einen Effekt los, der letztlich in einer weiteren Premiere der Menschheitsgeschichte münden sollte: Die Entstehung der ersten Imperien. Damit dies geschehen konnte, war eine weitere «Innovation» nötig gewesen: Krieg, der bis zur völligen Vernichtung des Gegners geführt wurde.

«Die lichte Zeit, von einem Schatten ausgelöscht – an diesem Bluttag wurden Münder zerschlagen, Köpfe zertrümmert. Wie eine Hacke kam der Sturm von oben. Die Stadt war getroffen, wie von einem Huf.» Diese Worte stammen aus einem der fünf sumerischen Stadtklagen. Solche Klagelieder entstanden um 2000 v.u.Z. als Reaktion auf damalige militärische Kampagnen.

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Ein Kontinent voller blinder Flecken

flo. Der fruchtbare Halbmond, das Niltal und später der weitere Mittelmeerraum galten lange Zeit als Hauptfokus der Archäologie – Europa war wenig erforscht. Mittlerweile hat sich das grundlegend geändert: Erkenntnisse neuerer Forschung stellen unser Bild der prähistorischen Terrae incognitae auf den Kopf.

Als Jugendlicher im Geschichtsunterricht hat der Autor das schon komisch gefunden: Da schlägt man einen historischen Atlas auf, und auf den ersten Seiten ist gerade mal das vergleichsweise winzige Gebiet um den Nil, Euphrat und Tigris, die Levante und Kleinasien
verschieden eingefärbt. Der Rest der Weltkarte – bis auf die Ozeane – bleibt weiss.
Doch hier, in diesen restlichen 99 Prozent der Landfläche auf der Erde, lebten Menschen, wie praktisch überall, wo sie Wege fanden, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

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Zimmerwalder Konferenz 1915 – Lehren für heute

Peter Nowak. Vor 110 Jahren versammelten sich Kriegsgegner:innen in Zimmerwald, um sich gegen den imperialistischen Krieg zu stellen. Die damals formulierten Positionen des revolutionären Defätismus und der Ablehnung von Vaterlandsverteidigung zeigen auch heute, wie Arbeiter:innen gegen Krieg und Militarismus mobilisiert werden können.

Seit über drei Jahren führt die Armee des kapitalistischen Russlands gegen die kapitalistische Ukraine Krieg. Es geht auf beiden Seiten um die kapitalistischen Interessen zweier bürgerlicher Staaten. Auf beiden Seiten sterben überwiegend Proletarier:innen und arme Menschen, so wie in allen Kriegen, die die herrschenden Kapitalist:innen führen. Wenn man die Debatten in der gesellschaftlichen Linken in Deutschland, aber auch in anderen Ländern verfolgt, hat man den Eindruck, die Diskussionen des linken Flügels der Arbeiter:innenbewegung seien völlig vergessen.

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Die ersten Städte – die ersten Staaten

Friedrich Engels

Friedrich Engels

flo. Wir bewegen uns langsam von der Vorgeschichte zur Geschichte vor – etwa vor 6000 Jahren begannen im Nahen und Mittleren Osten aus Dörfern Städte und später komplexe, stratifizierte Gesellschaften zu entstehen. Vieles, was wir mit dem Begriff «Zivilisation» assoziieren, fand seinen Ursprung in dieser Zeit.

Die Frage nach der Entstehung dessen, was wir heute gemeinhin als «Staat» bezeichnen, dürfte zu den politisch am meisten aufgeladenen Fragestellungen der Sozialwissenschaften gehören. In seinem Text «Class Conflict and the State in the New World» schrieb der US-Amerikanische Archäologe Jonathan Haas gar: «Eine der liebsten Zeitbeschäftigungen von Gesellschaftswissenschaftlern während des letzten Jahrhunderts war es Theorien über die Entstehung der grossen Weltzivilisationen aufzustellen.»

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Unsere erste Revolution

Werkzeuge und Paddel der Calusa, ausgestellt im Florida Museum of Natural History. Diese Artefakte zeugen von der komplexen und sesshaften Kultur des Calusa-Stamms in den Everglades Floridas.
Bild: Wikimedia

flo. Im zweiten Teil der Reihe «Aufbrüche» betrachten wir den ersten grossen Umbruch in der Vorgeschichte des anatomisch modernen Menschen. Und diese Umwälzung – die Sesshaftwerdung der meisten menschlichen Gesellschaften – ist heute noch im Gange.

Wie in der letzten Ausgabe besprochen, lebte der moderne Mensch während der überwältigenden Mehrheit seiner Existenz in kleinen Gruppen, die nomadisch durch die Lande zogen. Sie spezialisierten sich zwar unterschiedlich, teilten aber eines: Sie reproduzierten ihre unmittelbaren Bedürfnisse durch Jagd und Sammeln. Nach Hunderten von Jahrtausenden dieser Lebensweise hatten diese frühen menschlichen Gesellschaften – die in den letzten Jahrtausenden selbst die entlegensten Winkel der Erde für sich eroberten – herausgefunden, aus welchen Steinen sich das beste Werkzeug herstellen liess, welche Strategie bei der Jagd Erfolg versprach, welche Pflanzen essbar waren, wann und wo die Eier welcher Vögel zu holen waren, welche Zeichen am Himmel auf welches Wetter oder welche Jahreszeit schliessen liessen.

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Bis heute noch: «Berg frei!»

flo. Der Landesverband feiert seinen 100.Geburtstag, einzelne Ortsverbände gibt es gar noch länger: Ein Blick auf die Naturfreunde Schweiz.

«Berg frei» – das war eine bewusste Abgrenzung. In anderen Alpinist:innenverbänden grüsste man sich damals gerne mit «Berg heil», und teils tut man das noch heute. Die Naturfreund:innen in den deutschsprachigen Alpenländern, wo ab Ende des 19.Jahrhunderts erste Ortsgruppen entstanden, wollten sich davon bewusst unterscheiden. Ihr eigener Gruss sollte ein Zeichen setzen – nicht nur gegen den konservativen Ton der anderen Verbände, sondern auch gegen die starken Rechte der Grundeigentümer:innen, die vor allem in Österreich und Deutschland den Zugang zur Natur einschränkten.

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