Kategorie: Theorie & Debatte
Ein Park für Rosa Luxemburg in Zürich
Gerhard Oberkofler. Die Revolutionärin Rosa Luxemburg ist eine der bedeutendsten Frauen der internationalen Arbeiter:innen- und Friedensbewegung. Sie war mit der mit der Stadt Zürich eng verbunden – nicht nur, weil sie dort ihre Zeit als Studentin verbrachte. Endlich wird sie von der Stadt gebührend geehrt.
Rosa Luxemburg (1871–1919) ist eine zentrale Figur der europäischen Bewegung der Arbeitenden, des Antimilitarismus, des Marxismus und des proletarischen Internationalismus. Neun Jahre lang, von 1889 bis 1898, lebte Rosa Luxemburg in Zürich, bevor sie in Berlin zur Anführerin der deutschen Bewegung der Arbeitenden wurde. In Zürich studierte Rosa Luxemburg an verschiedenen Fakultäten, bevor sie ihr Studium der Volkswirtschaftslehre abschloss und eine Dissertation zum Thema «Die industrielle Entwicklung Polens» schrieb. Während ihrer Jahre in der Schweiz war Rosa Luxemburg politisch aktiv. Sie publizierte zusammen mit ihrem Lebenspartner Leo Jogiches (1867–1919)], den sie in Zürich kennenlernte, Schriften gegen Imperialismus und Militarismus und gab die polnische marxistische Zeitschrift «Sprawa Robotnicza» (Sache der Arbeiter) heraus. Im August 1893 sprach sie auf dem III. Internationalen Kongress der Arbeitenden in Zürich vor einem grossen Publikum und begeisterte die Massen mit ihrem Redetalent mit einer Rede, in welcher sie für das Recht ihrer eigenen Zulassung am Kongress plädierte. Emotional blieb Rosa Luxemburg der Stadt Zürich verbunden. Auch nach ihrer Auswanderung nach Berlin sprach sie über die schönen Jahre, die sie im «heiteren, Gott begnadeten Zürich» verbracht hatte.
Bier, Brathähnchen, Billionen-Blase
dom. Getrieben vom Hype um KI schwillt an den Börsen eine Blase an: Gigantische Erwartungen treffen auf magere Produktivitätsgewinne, während billiges Geld im Kreis weniger Tech-Konzernen rotiert – und die Weltwirtschaft in eine Katastrophe mit Ansage treibt.
Ende Oktober wurde Nvidia-Chef Jensen Huang mit dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden von Samsung Electronics und dem CEO der Hyundai Motor Company bei Bier und Brathähnchen im Restaurant «Kkanbu Chicken» in Seoul gesichtet – in den folgenden Tagen schoss der Aktienkurs von südkoreanischen Brathähnchen-Restaurants und Zulieferern bis zu 20 Prozent in die Höhe. Eine Anekdote, die zeigt, was längst alle wissen: Anleger:innen werfen ihr Geld in alles, wo KI draufsteht – und in alles, was irgendwie im Zusammenhang mit dem KI-Hype steht.
Und dann Kollaps
flo. In der letzten Printausgabe warfen wir einen Blick darauf, wie die ersten Imperien entstanden, wie Krieg als organisierte Mobilisierung riesiger Kräfte die Weltbühne betrat. Ein Jahrtausend später folgt eine Umbruchperiode – der spätbronzezeitliche Kollaps.
Mit den Reichen von Akkad, des alten Ägypten, denen der Hethiter und später der Babylonier waren über die rund tausend Jahre zwischen Beginn des 3. und des 2.Jahrtausends riesige Flächenstaaten entstanden, die zuvor nicht denkbare Massen an Menschen organisierten. Um 3000 v. u. Z. hatten in der Ägäis die meisten Menschen in kleinen Weilern gelebt, ein Bruchteil der Bevölkerung hatte sich in grösseren Zentren konzentriert. Doch auch dort übertraf die Bevölkerungszahl selten einige wenige Tausende. Und auch in den grössten Siedlungen unterstanden die Menschen nicht der Macht einer zentralen Gewalt, sondern allenfalls den Ratsstrukturen ihrer Clans oder denen eines Stammes.
Mit Butter zu Kanonen
Gaudenz Pfister. In der ersten Sessionswoche hat der Nationalrat beschlossen, die 13. Monatsrente der AHV über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu finanzieren. Letzte Woche hat der Ständerat über die Mehrausgaben bei der Rüstung debattiert. Bei beiden Geschäften geht es darum, wer für Ausgaben bezahlen muss, die unausweichlich sind.
Vor hundert Jahren brauchte es noch den Hurra-Patriotismus, um die Kosten für die militärische Aufrüstung zu verteilen. Der Slogan «Kanonen statt Butter» im deutschen Kaiserreich sollte die Bevölkerung ermutigen, die Armut zugunsten der Aufrüstung zu ertragen. H
Aus der Welle werden Fluten
flo. Die Entstehung der ersten überlebensfähigen Staaten und staatsähnlicher politischer Einheiten stiess einen Effekt los, der letztlich in einer weiteren Premiere der Menschheitsgeschichte münden sollte: Die Entstehung der ersten Imperien. Damit dies geschehen konnte, war eine weitere «Innovation» nötig gewesen: Krieg, der bis zur völligen Vernichtung des Gegners geführt wurde.
«Die lichte Zeit, von einem Schatten ausgelöscht – an diesem Bluttag wurden Münder zerschlagen, Köpfe zertrümmert. Wie eine Hacke kam der Sturm von oben. Die Stadt war getroffen, wie von einem Huf.» Diese Worte stammen aus einem der fünf sumerischen Stadtklagen. Solche Klagelieder entstanden um 2000 v.u.Z. als Reaktion auf damalige militärische Kampagnen.
Ein Kontinent voller blinder Flecken
flo. Der fruchtbare Halbmond, das Niltal und später der weitere Mittelmeerraum galten lange Zeit als Hauptfokus der Archäologie – Europa war wenig erforscht. Mittlerweile hat sich das grundlegend geändert: Erkenntnisse neuerer Forschung stellen unser Bild der prähistorischen Terrae incognitae auf den Kopf.
Als Jugendlicher im Geschichtsunterricht hat der Autor das schon komisch gefunden: Da schlägt man einen historischen Atlas auf, und auf den ersten Seiten ist gerade mal das vergleichsweise winzige Gebiet um den Nil, Euphrat und Tigris, die Levante und Kleinasien
verschieden eingefärbt. Der Rest der Weltkarte – bis auf die Ozeane – bleibt weiss.
Doch hier, in diesen restlichen 99 Prozent der Landfläche auf der Erde, lebten Menschen, wie praktisch überall, wo sie Wege fanden, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Zimmerwalder Konferenz 1915 – Lehren für heute
Peter Nowak. Vor 110 Jahren versammelten sich Kriegsgegner:innen in Zimmerwald, um sich gegen den imperialistischen Krieg zu stellen. Die damals formulierten Positionen des revolutionären Defätismus und der Ablehnung von Vaterlandsverteidigung zeigen auch heute, wie Arbeiter:innen gegen Krieg und Militarismus mobilisiert werden können.
Seit über drei Jahren führt die Armee des kapitalistischen Russlands gegen die kapitalistische Ukraine Krieg. Es geht auf beiden Seiten um die kapitalistischen Interessen zweier bürgerlicher Staaten. Auf beiden Seiten sterben überwiegend Proletarier:innen und arme Menschen, so wie in allen Kriegen, die die herrschenden Kapitalist:innen führen. Wenn man die Debatten in der gesellschaftlichen Linken in Deutschland, aber auch in anderen Ländern verfolgt, hat man den Eindruck, die Diskussionen des linken Flügels der Arbeiter:innenbewegung seien völlig vergessen.
Die ersten Städte – die ersten Staaten
flo. Wir bewegen uns langsam von der Vorgeschichte zur Geschichte vor – etwa vor 6000 Jahren begannen im Nahen und Mittleren Osten aus Dörfern Städte und später komplexe, stratifizierte Gesellschaften zu entstehen. Vieles, was wir mit dem Begriff «Zivilisation» assoziieren, fand seinen Ursprung in dieser Zeit.
Die Frage nach der Entstehung dessen, was wir heute gemeinhin als «Staat» bezeichnen, dürfte zu den politisch am meisten aufgeladenen Fragestellungen der Sozialwissenschaften gehören. In seinem Text «Class Conflict and the State in the New World» schrieb der US-Amerikanische Archäologe Jonathan Haas gar: «Eine der liebsten Zeitbeschäftigungen von Gesellschaftswissenschaftlern während des letzten Jahrhunderts war es Theorien über die Entstehung der grossen Weltzivilisationen aufzustellen.»
Unsere erste Revolution

Werkzeuge und Paddel der Calusa, ausgestellt im Florida Museum of Natural History. Diese Artefakte zeugen von der komplexen und sesshaften Kultur des Calusa-Stamms in den Everglades Floridas.
Bild: Wikimedia
flo. Im zweiten Teil der Reihe «Aufbrüche» betrachten wir den ersten grossen Umbruch in der Vorgeschichte des anatomisch modernen Menschen. Und diese Umwälzung – die Sesshaftwerdung der meisten menschlichen Gesellschaften – ist heute noch im Gange.
Wie in der letzten Ausgabe besprochen, lebte der moderne Mensch während der überwältigenden Mehrheit seiner Existenz in kleinen Gruppen, die nomadisch durch die Lande zogen. Sie spezialisierten sich zwar unterschiedlich, teilten aber eines: Sie reproduzierten ihre unmittelbaren Bedürfnisse durch Jagd und Sammeln. Nach Hunderten von Jahrtausenden dieser Lebensweise hatten diese frühen menschlichen Gesellschaften – die in den letzten Jahrtausenden selbst die entlegensten Winkel der Erde für sich eroberten – herausgefunden, aus welchen Steinen sich das beste Werkzeug herstellen liess, welche Strategie bei der Jagd Erfolg versprach, welche Pflanzen essbar waren, wann und wo die Eier welcher Vögel zu holen waren, welche Zeichen am Himmel auf welches Wetter oder welche Jahreszeit schliessen liessen.
Bis heute noch: «Berg frei!»
flo. Der Landesverband feiert seinen 100.Geburtstag, einzelne Ortsverbände gibt es gar noch länger: Ein Blick auf die Naturfreunde Schweiz.
«Berg frei» – das war eine bewusste Abgrenzung. In anderen Alpinist:innenverbänden grüsste man sich damals gerne mit «Berg heil», und teils tut man das noch heute. Die Naturfreund:innen in den deutschsprachigen Alpenländern, wo ab Ende des 19.Jahrhunderts erste Ortsgruppen entstanden, wollten sich davon bewusst unterscheiden. Ihr eigener Gruss sollte ein Zeichen setzen – nicht nur gegen den konservativen Ton der anderen Verbände, sondern auch gegen die starken Rechte der Grundeigentümer:innen, die vor allem in Österreich und Deutschland den Zugang zur Natur einschränkten.
Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund
Timeo Antognini. Die Zeitung Weltwoche und die SVP tun so, als würden sie sich für den Frieden einsetzen. In Wahrheit wollen sie Aufrüsten und Verhandeln, um ihre geschäftlichen Interessen zu schützen – das ist keine friedenspolitische Alternative.
Ende April erschien im vorwärts ein Artikel von mir, in dem ich die kriegstreiberische Wende einiger linker Parteien und Medien in der Schweiz (insbesondere der SP, der Grünen und der WOZ) kritisierte.
Her mit dem schönen Leben!
flo. Im Kanton Zürich sägt die Bevölkerung eine bürgerliche Steuervorlage recht deutlich ab. Für den Finanzdirektor ist klar: Man muss den Leuten beim nächsten Mal halt einfach mehr «Goodies» dazugeben – sein Zweckoptimismus ist Realitätsverweigerung.
Das hatte man sich im Zürcher Regierungsrat wohl anders vorgestellt. Anstatt der Senkung der kantonalen Gewinnsteuern am 18.Mai 2025 zuzustimmen, lehnten die Stimmberechtigten die Vorlage mit rund 55 Prozent ab. In der Stadt Zürich sagten 62 Prozent Nein, in Winterthur waren es zwei Drittel.
«Wildheit» und Urkommunismus
flo. In der Reihe «Aufbrüche – die Geschichte unserer Anfänge» zeichnen wir mit der Methode des historischen Materialismus nach, wie aus unserer Vorgeschichte unsere Geschichte wurde – wie sich aus nomadisierenden Gruppen erst Dörfer, dann Staaten und später ganze Reiche entwickelten. Teil 1.
Das wohl am schwierigsten zu überwindende Hindernis bei der Erforschung des Lebens längst vergangener Generationen dürften die Gehirne der Lebenden sein.
Der «Weckruf» des Kapitals: Alles für den Standort
dom. Der Handelskrieg erschüttert auch die Schweizer Politik und Wirtschaft. Während Bundesräte den Freihandel verteidigen, verlangt die Schweizer Wirtschaft mit ihrem «Weckruf» ein Spar- und Deregulierungsprogramm zugunsten des Kapitals – zulasten der Lohnabhängigen.
Verzweifelt versuchen Regierungsvertreter:innen aller Welt, den vermeintlich heilsbringenden Freihandel zu retten, den Trump mit seinen Zöllen bedroht. So zum Beispiel an der Frühlingstagung von IWF und Weltbank Ende April. Mit Karin Keller-Sutter und Guy Parmelin reiste auch eine Schweizer Delegation nach Washington – mit Pralinen und Uhren im Gepäck und einer stark geteilten öffentlichen Meinung im Rücken.
Neue faschistische Gefahr in Italien?
Maurizio Coppola. Die Regierung von Giorgia Meloni scheint eine politische Stabilität erlangt zu haben, wie es schon lange nicht mehr der Fall war in Italien. Handelt es sich dabei um die Festigung eines neuen faschistischen Regimes?
Nach nur knapp der Hälfte ihres Mandates gehört die Regierung von Giorgia Meloni schon zu den fünf langlebigsten Regierungen der italienischen Nachkriegsgeschichte. Es gibt bisher auch keinen Hinweis darauf, dass sie ihr Mandat nicht zu Ende bringen und sogar bei den nächsten Wahlen im Jahr 2027 nochmals gewinnen und eine zweite Legislaturperiode einleiten wird. » Weiterlesen
Sie kämpften gegen den Faschismus und für den Frieden – ein Leben lang
flo / sit. Walter Graber kämpfte in Spanien, Louise Stebler nahm an Sabotageaktionen gegen Nazi-Deutschland teil, Marieli Jäggin überbrachte Kochrezepte mit darin versteckten Botschaften und Ernst Bärtschi verhalf mit seinem Boot Flüchtlingen in die Schweiz. Und erinnert sei auch an die Toten von Genf im Jahr 1932. Um niemals zu vergessen!
Walter (Wadi) Graber
Walter Graber, Wadi, wie man ihn auch nannte, hatte gute Voraussetzungen, um ein Linker zu werden. Sein Vater, ein Sozialist, hatte im Landesstreik den Militärdienst verweigert, um nicht auf Genoss:innen schiessen zu müssen. Er trug Wadi schon früh auf dem Arm mit sich am 1.Mai in Winterthur. Mit 14 gründete der Knabe mit einigen Kollegen eine Jugendriege des Schweizerischen Arbeiter?, Turn? und Sportverbands. In der Schule wurde er dafür vom Lehrer als «Roter» abgekanzelt. » Weiterlesen
World of War Games
Gaudenz Pfister. Lenins Schrift zum Imperialismus ist ein Meisterwerk der angewandten Dialektik, weil sie aus dem Wust der Informationen die grundsätzlichen Tendenzen herauszieht. Einzelne Aussagen sind überholt, aber wir können von ihrer Methodik und ihren politischen Schlussfolgerungen profitieren.
Ungläubig, konsterniert, wütend – alles passt, wenn wir zuschauen müssen, wie Donald Trump und seine Milliardärskumpel in der Weltpolitik herumfuhrwerken. Aber verstehen? Die Personen und ihre Psychen können nicht den Ausschlag geben, wir müssen verstehen, welche Kräfte sie an die Schalthebel gebracht haben. Zum Glück können wir auf Lenins Schrift «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus» zurückgreifen, die er in einer ähnlich konfusen und kontroversen Zeit geschrieben hat. Lenin argumentiert von den ökonomischen Grundlagen her. Er trägt sehr viel Material zusammen, aber seine grosse Leistung besteht darin, wie er dieses Material ordnet, um «den Zusammenhang und das Wechselverhältnis» der wesentlichen Faktoren «in aller Kürze und in möglichst gemeinverständlicher Form darzustellen.» Mit seinem Gerüst können wir weiterarbeiten. » Weiterlesen

