Polepole – oder: Im Schatten globaler Ungleichheit

lmt. Teil zwei der Reportage erzählt vom Alltag in einem Spital in Tansania und von der Konfrontation mit einem Gesundheitssystem, das unter massivem Druck funktioniert. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie westliche Perspektiven auf Hilfe, Feminismus und Fürsorge an ihre Grenzen stossen.

Zur Erinnerung: Seit Ende April arbeite ich in einem Freiwilligeneinsatz als Hebamme in Arusha in Tansania. Das Lebensmotto hier ist polepole. Swahili für: langsam. Im ersten Teil der Reportage ging es um Strassen voller Schlaglöcher, überfüllte Daladalas und ein Gesundheitssystem, in dem Warten oft über Leben und Tod entscheidet. Nirgendwo verdichtet sich diese Ungleichheit stärker als in der Geburtshilfe. Dort, wo neues Leben beginnt, werden globale Machtverhältnisse, Armut und koloniale Kontinuitäten greifbar.

Geburt unter Knappheit
Die Frauen gebären meist still. Wenig Schreien, wenig Klagen. Wenn die Wehen stärker werden, begin-nen sie zu beten oder rufen nach ihrer Mutter. Eine Geburt findet ohne Begleitung des Partners oder von Angehörigen statt, sondern allein. Nach der Geburt bedanken sie sich – bei Gott, bei uns Hebammen, bei beiden. Aber ich sehe keine Euphorie, keine Tränen der Freude. Auch das irritierte mich zunächst. In meinem Kopf ist Geburt verbunden mit Emotionen, mit Erleichterung, mit einem Moment des Feierns. Hier wirkt es anders: kontrollierter, ruhiger, fast sachlich. Gleichzeitig sind die Bedingungen alles andere als ruhig.
Die Geburt selbst wird vom Staat übernommen, aber vieles drumherum nicht. Die Frauen bringen ein sogenanntes Geburtsset mit: eine Rolle Watte als Binde, eine Klemme für die Nabelschnur, eine Klinge, eine Spritze, Handschuhe und Nahtmaterial. Alles Weitere – Medikamente, Infusionen, zusätzliche Materialien – muss von den Familien bezahlt werden. Viele können das nicht. Das hat direkte Konsequenzen. Wenn ein Blasenkatheter oder eine Infusion nötig wären, wird oft darauf verzichtet. Nicht aus Unwissen, sondern aus finanzieller Not. Auch das Personal wägt ab, spart und improvisiert.
Armut bedeutet hier nicht einfach «wenig Geld». Armut bedeutet, nicht zu wissen, wie man die nächste Mahlzeit bezahlen soll. Sie bedeutet, dass ein Spitalbesuch eine Familie finanziell ruinieren kann. Sie bedeutet, zwischen Essen und Medikamenten entscheiden zu müssen. Viele Frauen kommen aus ländlichen Regionen und reisen stundenlang mit überfüllten Minibussen oder Motorrädern an. Manche kommen erst sehr spät ins Spital, weil das Geld für den Transport fehlt. Oder weil zuerst Angehörige organisiert werden müssen, die das nötige Geld leihen können.

Arbeiten im Ausnahmezustand
Hygiene wird eingehalten, so gut es geht. Instrumente werden in eine Chlorlösung gelegt und wiederverwendet. Sie zu sterilisieren wäre nicht nur zu teuer, sondern in kleineren Spitälern technisch kaum möglich. Es gibt drei Gebärbetten, wobei «Bett» übertrieben ist – ein rostiges Gestell trifft es eher. Zwei stehen im selben Raum, getrennt durch Vorhänge, die kaum Privatsphäre bieten. Ein einziges altes Gerät misst die Herztöne der Kinder. Daneben gibt es genau ein Hörrohr und ein kleines Ultraschallgerät. Wenn mehrere Frauen gleichzeitig gebären, reicht das nicht.
Nach der Geburt wird genäht, oft ohne sterile Bedingungen. Dann müssen die Frauen aufstehen und werden in den Wochenbettbereich gebracht. Zwei Frauen, zwei Neugeborene, ein Bett. Im selben Raum warten andere noch auf die Geburt. Eine kontinuierliche Betreuung ist kaum möglich. Nicht, weil niemand will – sondern weil es zu wenig Personal gibt.
Viele Mitarbeitende arbeiten bis zu zwölf Stunden täglich, oft sieben Tage die Woche. Manche schlafen nur wenige Stunden, bevor sie erneut Schicht haben. Der Lohn reicht häufig kaum aus, um die eigene Familie zu versorgen. Viele unterstützen zusätzlich Eltern, Geschwister oder Kinder. Manche haben gleichzeitig zwei Jobs, um überleben zu können. Gleichzeitig arbeiten sie täglich unter enormem Druck. Zu wenig Material, zu wenig Medikamete, zu viele Patientinnen. Und immer wieder Situationen, in denen sie genau wissen, was medizinisch notwendig wäre – es aber schlicht nicht umsetzen können.

Feministische Perspektiven – und ihre Grenzen
Viele Freiwillige – auch ich – kommen mit einem bestimmten Verständnis von Fürsorge, von Selbstbestimmung, von «guter» Geburtshilfe. Dieses Verständnis ist stark geprägt von westlichen Blickwinkeln und – je nach Thema – auch von feministischen Bewegungen. Von
Vorstellungen über Wahlfreiheit, reproduktive Rechte, emotionale Begleitung und individuelle Selbstbestimmung. Doch dieser Blick ist begrenzt. Er setzt oft stillschweigend voraus, dass alle Frauen ähnliche Voraussetzungen haben. Westlicher Feminismus entstand vor allem aus den Erfahrungen weisser Mittelklassefrauen in Europa und Nordamerika. Die Kämpfe drehten sich um Wahlrecht, Zugang zum Arbeitsmarkt oder Gleichstellung innerhalb bestehender Systeme. Viele dieser Forderungen sind wichtig. Aber sie greifen zu kurz, wenn sie einfach auf andere Kontexte übertragen werden.
Denn Frauen erleben Unterdrückung nicht alle gleich. Die Juristin Kimberlé Crenshaw prägte dafür den Begriff der Intersektionalität. Er beschreibt, dass Geschlecht nie isoliert wirkt, sondern immer mit anderen Faktoren zusammenhängt: Armut, Herkunft, Ethnizität, Bildung, sozialer Status oder koloniale Geschichte. In einem tansanischen Kontext bedeutet das: Die Realität einer Frau in einer wohlhabenderen Stadtfamilie unterscheidet sich massiv von jener einer Frau auf dem Land ohne Zugang zu medizinischer Versorgung oder Bildung. Schwangerschaft und Geburt sind hier nicht nur Fragen individueller Entscheidung oder Selbstverwirklichung. Sie sind eingebettet in ökonomische Zwänge, familiäre Verpflichtungen und strukturelle Ungleichheiten.
Empowerment bedeutet deshalb nicht automatisch dasselbe wie in westlichen Diskursen. Für viele Frauen bedeutet Selbstbestimmung zunächst Zugang zu medizinischer Versorgung, genug Essen, finanzielle Sicherheit oder die Möglichkeit, überhaupt sicher gebären zu können. Intersektionaler Feminismus zwingt dazu, genauer hinzusehen, zu fragen, wessen Stimmen gehört werden und wessen Bedürfnisse in internationalen Projekten überhaupt mitgedacht werden. Denn auch gut gemeinte Hilfe kann Machtverhältnisse reproduzieren.

Im Schatten der Geschichte
Auch meine eigene Rolle hier ist Teil bestehender Strukturen. Freiwilligeneinsätze in afrikanischen Ländern haben eine lange Geschichte, die eng mit Mission und Kolonialismus verbunden ist. Die Idee, dass Menschen aus dem globalen Norden kommen, um zu
«helfen», ist tief verankert. Afrika erscheint dabei oft als homogener Ort der Armut und Bedürftigkeit – als Kontinent, der auf Rettung wartet. Dieses Bild hält sich bis heute erstaunlich hartnäckig. Dabei wird ausgeblendet, dass afrikanische Länder weder kulturell noch wirtschaftlich homogen sind. Es blendet lokale Expertise aus und reduziert Menschen zu Empfänger:innen von Hilfe.
Gerade im Gesundheitsbereich wird dieses Machtgefälle sichtbar. Junge Menschen aus Europa oder Nordamerika sammeln Erfahrungen in Spitälern, während lokale Fachkräfte unter prekären Bedingungen arbeiten. Teilweise erhalten Freiwillige schneller Zugang zu bestimmten Tätigkeiten als lokale Studierende. Allein das zeigt bereits, wie ungleich diese Systeme funktionieren. Dekolonisierung bedeutet deshalb nicht einfach «sensibler» zu reisen. Es bedeutet, die eigenen Machtpositionen zu hinterfragen. Zu verstehen, dass Freiwilligenarbeit nicht ausserhalb globaler Ungleichheiten existiert,
sondern Teil davon ist. Es bedeutet auch, wegzukommen vom Narrativ des Rettens. Nicht zu kommen, um Lösungen zu bringen, sondern um zuzuhören, zu lernen und lokale Strukturen zu unterstützen, statt sie zu verdrängen. Denn die Menschen hier brauchen keine westlichen Retter:innen – sie brauchen gerechtere globale Strukturen.

Anders reicht nicht mehr
Ich werde weiterhin oft gefragt: Wie ist es dort in Tansania? Und immer noch antworte ich: Es ist anders, alles ist hier anders. Aber dieses Wort fühlt sich zunehmend falsch an. Denn was ich sehe, ist nicht einfach Unterschied. Es ist Ungleichheit. In der Verteilung von Ressourcen, von medizinischer Versorgung, von Sicherheit, von Lebenserwartung. Polepole ist nicht einfach ein kulturelles Prinzip. Es ist auch eine Anpassung an ein System, in dem Schnelligkeit oft gar nicht möglich ist. Und ich stehe mittendrin – mit meinem Blick, meinen Erwartungen und meinen Privilegien. Die eigenen Privilegien lernt man wohl erst wirklich kennen und verstehen, wenn man direkt mit ihnen konfrontiert wird. Und genau das ist vermutlich die grösste Lehre, die mir dieser Einsatz als Freiwillige, diese Reise, mitgegeben hat.

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