Der Erste in vielem …

Von Sevin Satan. Jährlich erhalten die Mitglieder der PdAS einen Mitgliederausweis, der jeweils einer/einem Genoss:in gewidmet ist – dieses Jahr dem Genossen Albert Béguin (1904–1978). In der Ausstellung «Kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz», die wir bei einem Mitgliederausflug der PdA-Zürich besuchten, war Genosse Albert ebenfalls porträtiert. Seine Lebensgeschichte hat mich fasziniert. Da Albert zwar eine grosse Persönlichkeit, aber nicht berühmt ist, liegt es mir am Herzen, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Obwohl wenig über ihn bekannt ist, lässt sich ein eindrückliches Bild von ihm zeichnen, der ab 1907 als dunkelhäutige Person in der Schweiz aufwuchs. Dabei darf nicht vergessen werden, dass bis 1930 Menschen aus Afrika in vielen Schweizer Städten auf Märkten, in Zoos und im Zirkus ausgestellt wurden! So wurden etwa in Zoos ein sogenanntes «Negerdorf» aufgebaut, in dem dunkelhäutige Menschen gezwungen wurden, sich zur Schau zu stellen.
Albert Béguin kam 1904 im Kongo-Freistaat, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, zur Welt. Seine Mutter hiess N’geli und war Kongolesin, sein Vater war Frédéric Achille Béguin aus Neuenburg. Er arbeitete als Beamter in der belgischen Kolonie von König Leopold II. Dabei lernte er N’geli kennen. Zwei Jahre später wurde Albert Béguin geboren. Im Alter von drei Jahren kam Albert Béguin mit seinem Vater, jedoch ohne seine Mutter, in die Schweiz. Die Mutter verzichtete mit einem offiziellen Dokument auf die Rechte an ihrem Kind. Ob dieser Verzicht unter Druck geschah oder ob sie ihren Sohn freiwillig weggab, wissen wir nicht. Der Vater bemühte sich um die Einbürgerung. Aus Briefen geht hervor, dass er sich grosse Sorgen um das Gelingen der Einbürgerung machte. Nach einem mehrjährigen Prozess erhielt Albert die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sein Vater kehrte anschliessend zu seiner Arbeit in den Kongo-Freistaat zurück und verstarb wenige Jahre später in der Kolonie.
In der Schweiz kümmerte sich Jacques Béguin, ein Cousin des Vaters, um Albert und dessen Ausbildung. Er wuchs somit bereits als kleiner Junge ohne seine leiblichen Eltern in einer fremden Umgebung auf. Später studierte er am Technikum in Le Locle. Er wurde ein talentierter Mechaniker. Mit 21 Jahren absolvierte er die Rekrutenschule und war der erste dunkelhäutige Rekrut der Schweizer Armee. Danach zog er für viele Jahre nach Paris, wo er als Jazzmusiker seinen Lebensunterhalt verdiente. Er war ein hervorragender Schlagzeuger, Kontrabassist und Sänger. 1938 kehrte er endgültig in die Schweiz zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als Musiker abkommandiert, um in einem Militärorchester vor Soldaten aufzutreten.
Anschliessend arbeitete er wieder als Mechaniker, aber auch als Kraftfahrer und Typograf. Nach der Gründung der Partei der Arbeit 1946 trat er der Partei in La Chaux-de-Fonds bei und war somit auch das erste dunkelhäutige PdA-Mitglied. Er heiratete Jacqueline Schaffter. Wenige Jahre nach der Geburt seines Sohnes trennte sich das Ehepaar.
In seiner Freizeit engagierte sich Albert als Mitglied der Militärkapelle, als aktives Mitglied der PdA sowie im Vorstand des Sportvereins LA’Olympic. Seine Vereins- und Parteifreunde schätzten ihn für seine humorvolle, fröhliche und freundliche Art. Bekannt war aber auch, dass der Genosse aufgrund seiner Hautfarbe Rassismus und Diskriminierung erlebte. Wie er wohl Tag für Tag damit umging? Albert Béguin starb im Sommer 1978 im Alter von 74 Jahren in La Chaux-de-Fonds.

Sevin Satan, Politische Sekretärin der Partei der Arbeit Zürich

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